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Erster Weltkrieg 1914-18

Feldpostbrief

von Lothar Dietz (1889-1915, gefallen am 18.04.1915 bei Ypern)

 
 
 

[...]  Ihr in der Heimat könnt Euch nicht die Geringste Vorstellung davon machen, was es für uns bedeutet, wenn in der Zeitung schlicht und einfach zu lesen ist: "In Flandern fanden heute wieder nur Artilleriekämpfe statt!" Tausendmal lieber vorgehen in verwegenem Angriff, koste es, was es wolle, als das tagelange Ausharren im Granatfeuer, wo man immer nur wartet, ob denn die nicht kommt, die einen verstümmelt oder zerschmettert. Rechts von mir stöhnt seit drei Stunden im Unterstand ein Unteroffizier, dem eine Granate beide Beine und einen Arm zerschmetterte. Den steilen Abhang des Laufgrabens hinunter ist er in der Zeltbahn nicht zu transportieren, und der andere Verbindungsgraben nach rückwärts ist ersoffen. So ist guter Rat teuer. Wer schwer verwundet ist, geht auf dem Transport aus dieser Stellung meist zugrunde. Der Tag kostete uns vier Tote, zwei Schwerverletzte und drei Leichtverwundete. Auf 60 m liegen wir den Engländern gegenüber und sind sehr auf der Hut, da sie gar zu gern unsere Höhe wiederhaben möchten. Hier oben haben wir einen halbwegs passierbaren Graben, weil wir alles Wasser nach dem tiefergelegenen englischen Gräben ableiten. Aber unsere linken Nachbarn, die 143er, müssen Tag und Nacht zwei elektrische Pumpen in Betrieb halten, sonst können sie sich vor Nässe nicht retten.
600 m hinter unserer Stellung haben wir unsere Bereitschaftsstellung. Ein kleines Waldtal, in dem furchtbare Nahkämpfe getobt haben. Baum und Strauch sind von Granaten zerfetzt, mit Gewehrkugeln gespickt. Überall liegen in den Wasserlöchern noch die Leichen, von denen wir schon viele begraben haben. Zahllose Blindgänger von Granaten jeden Kalibers haben sich in den Waldboden eingewühlt. Französische Ausrüstungsstücke sind in Masse zu finden. In den einen Abhang der Schlucht haben wir unsere Unterstände eingebaut: Erdhöhlen, gedielt, mit Dachpappe überdeckt und kleinen Öfen versehen, die allerdings zum Erwärmen des Raumes nicht ausreichen, wohl aber zum Erwärmen von Speisen, ja auch zum Kochen nützlich sind. Da man sich naturgemäß in solcher Verwüstung der Natur nicht wohlfühlen kann, haben wir ein wenig nachgeholfen. Zunächst einen sauberen Knüppeldamm mit Geländer die Schlucht entlang gebaut, dann aus einem nahen Kiefernwalde, der auch von Granaten geknickt war, die schönsten Baumkronen herangeschleppt und einfach in der Schlucht neu gepflanzt, allerdings ohne Wurzeln. Aber auf einen längeren Aufenthalt als vier Wochen rechnen wir doch hier zunächst nicht, und solange bleiben sie sicher grün. Aus den Gärten der zerschossenen Schlösser Hollebeeke und Camp haben wir große Rhododendren, Buxbäume, Schneeglöckchen, Primeln geholt und nette Beetchen angepflanzt. Das Bächlein, das den Grund durchfließt, haben wir von allem Unrat gereinigt, geschickte Kameraden haben kleine Dämme gezogen und niedliche Wassermühlen eingebaut, so genannte Paroleuhren, die mit ihren Umdrehungen die Minuten zählen sollen, die der Krieg noch währt. Ganze Weidenbüsche und Haselnusssträucher mit hübschen Kätzchen und kleine Fichten haben wir mit Wurzeln angepflanzt, so dass aus der traurigen Einöde ein Waldidyll geworden ist. Jeder Unterstand trägt auf einem geschnitzten Brettchen einen Namen, der zur ganzen Stimmung passt, wie "Villa Waldfrieden", "Das Herz am Rhein", "Adlerhorst" usw. Zum Glück fehlen auch die Vöglein, besonders Drosseln, nicht, die sich nun an das Pfeifen der Geschosse und das Einschlagen der Granaten gewöhnt haben und uns morgens mit ihrem frohen Gezwitscher wecken.
(aus: Witkop, Erich (1933): Kriegsbriefe gefallener Studenten. München 1933, S. 47ff.., zit. n.: http://users.telenet.be/aok4/briefe/dietz.htm, 15.01.07)

 
      
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Von welchen Erlebnissen und Erfahrungen berichtet der Verfasser?

  2. Wie gehen die Soldaten mit ihrer Situation um?

  3. Wie beurteilen Sie das Verhalten der Soldaten?
     

 
     
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