Leitsätze über kommunistische Grundsätze und Taktik (20. - 24.
Oktober 1919)
angenommen vom II. Parteitag
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Die Revolution, geboren aus der wirtschaftlichen Ausbeutung des
Proletariats durch den Kapitalismus und aus der politischen
Unterdrückung durch die Bourgeoisie zum Zwecke der Aufrechterhaltung des
Ausbeutungsverhältnisses, hat eine zweifache Aufgabe: Beseitigung der
politischen Unterdrückung und Aufhebung des kapitalistischen
Ausbeutungsverhältnisses.
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Die Ersetzung des kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisses durch
die sozialistische Produktionsordnung hat zur Voraussetzung die
Beseitigung der politischen Macht der Bourgeoisie und deren Ersetzung
durch die Diktatur des Proletariats.
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In allen Stadien der Revolution, die der
Machtergreifung des Proletariats vorangehen, ist die Revolution ein
politischer Kampf der Proletariermassen um die politische Macht.
Dieser Kampf wird mit allen
politischen und wirtschaftlichen Mitteln geführt.
Die KPD ist sich bewusst,
dass dieser Kampf nur mit den größten politischen Mitteln (Massenstreik,
Massendemonstrationen, Aufstand) zum siegreichen Ende gebracht werden
kann.
Dabei aber kann die KPD auf
kein politisches Mittel grundsätzlich verzichten, das der Vorbereitung
dieser großen Kämpfe dient. Als solches Mittel kommt auch die
Beteiligung an Wahlen in Betracht, sei es zu Parlamenten, sei es zu
Gemeindevertretungen, sei es zu gesetzlich anerkannten Betriebsräten
usw.
Da aber diese Wahlen als nur
vorbereitende Mittel dem revolutionären Kampf unterzuordnen sind, kann
auf die Anwendung dieser Mittel in ganz besonderen politischen
Situationen verzichtet werden, nämlich wenn im Gange befindliche und auf
die Entscheidung gehende revolutionäre Aktionen die Anwendung
parlamentarischer Mittel vorübergehend oder dauernd überflüssig machen.
Die KPD lehnt daher einerseits die syndikalistische Auffassung von der
Überflüssigkeit oder Schädlichkeit politischer Mittel, andererseits die
Auffassung der USP ab, dass revolutionäre Errungenschaften auch im Wege
parlamentarischer Beschlüsse oder Verhandlungen mit der Bourgeoisie
herbeigeführt werden konnten. Die Beteiligung oder Nichtbeteiligung an
den Wahlen sind von der Reichskonferenz oder vom Parteitag einheitlich
für das ganze Reich zu bestimmen.
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Schon vor Eroberung der Macht
ist auf den Ausbau bestehender und die Schaffung neuer
Räteorganisationen das größte Gewicht zu legen.
Dabei ist zunächst freilich im Auge zu behalten, dass Räte und
Räteorganisationen nicht durch Statuten, Wahlreglements usw. geschaffen
werden können und dass sie nicht durch Statuten, Wahlreglements usw.
gehalten werden können.
Sie verdanken ihre Existenz vielmehr allein dem revolutionären Wollen
und der revolutionären Aktion der Massen und sind der ideologische und
organisatorische Ausdruck des Willens zur Macht für das Proletariat
geradeso, wie das Parlament dieser Ausdruck für die Bourgeoisie ist.
Aus diesem Grunde sind die Arbeiterräte auch die gegebenen Träger der
revolutionären Aktionen des Proletariats. Innerhalb dieser Arbeiterräte
haben sich die Mitglieder der KPD fraktionsmäßig zusammenzuschließen und
zu versuchen, durch geeignete Parolen die Arbeiterräte auf die Hohe
ihrer revolutionären Aufgabe zu erheben und die Führung der Arbeiterräte
und der Arbeitermassen zu gewinnen.
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Die Revolution, die kein einmaliges Schlagen, sondern das lange zähe
Ringen einer seit Jahrtausenden unterdrückten und daher ihrer Aufgabe
und ihrer Kraft nicht von vornherein voll bewussten Klasse ist, ist dem
Auf- und Abstieg, der Flut und Ebbe ausgesetzt. Sie ändert ihre Mittel
je nach der Lage, sie greift den Kapitalismus bald von der politischen,
bald von der wirtschaftlichen, bald von beiden Seiten an. Die KPD
bekämpft die Anschauung, als löste eine wirtschaftliche Revolution eine
politische ab.
Die wirtschaftlichen Kampfmittel sind von besonderer Bedeutung, weil sie
dem Proletariat über die eigentlichen Ursachen seines wirtschaftlichen
und politischen Elends in ganz besonderem Maße die Augen öffnen. Der
Wert dieser Kampfmittel steigt um so mehr, als in dem Proletariat die
Einsicht wächst, dass auch diese wirtschaftlichen Kampfmittel dem
politischen Ziel der Revolution dienen.
Aufgabe der politischen Partei ist es, dem Proletariat den
ungehinderten, auch von keiner konterrevolutionären
Gewerkschaftsbürokratie gehemmten Gebrauch dieser wirtschaftlichen
Mittel zu sichern, wo nötig, selbst um den Preis der Zerstörung der Form
der Gewerkschaft und Schaffung neuer Organisationsformen.
Die Anschauung, als könne man vermöge einer besonderen Organisationsform
Massenbewegungen erzeugen, dass die Revolution also eine Frage der
Organisationsreform sei, wird als Rückfall in kleinbürgerliche Utopie
abgelehnt.
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Die wirtschaftliche Organisation ist die, in der die breiten Massen
sich sammeln. Hier steht ein wichtiger, wenn auch nicht der einzige Teil
der Masse, die den revolutionären Kampf durchführt.
Die politische Partei ist demgegenüber zur Führung des revolutionären
Massenkampfes berufen. In der KPD sammeln sich die fortgeschrittensten
und zielklarsten Elemente des Proletariats, die dazu berufen sind, in
den revolutionären Kämpfen voranzugehen.
Im Interesse der Einheitlichkeit, geistigen Schulung und Übereinstimmung
dieser Führerschicht müssen sie in der politischen Partei vereinigt
sein.
Die syndikalistische Meinung, dass diese Vereinigung der zielklarsten
Proletarier in einer Partei nicht notwendig sei, dass vielmehr die
Partei gegenüber den wirtschaftlichen Organisationen des Proletariats zu
verschwinden habe oder in ihnen aufgehen müsse, oder dass die Partei
ihre Führung in revolutionären Aktionen zugunsten von
Betriebsorganisationen usw. aufgeben und sich auf Propaganda beschränken
müsse, ist Gegenrevolution, weil sie die klare Einsicht der Vorhut der
Arbeiterklasse durch den chaotischen Trieb der in Gärung geratenen Masse
ersetzen will.
Die Partei kann aber dieser Aufgabe nur gerecht werden, wenn sie in
revolutionären Epochen in straffster Zentralisation vereinigt ist.
Föderalismus in solchen Zeiten ist nur die versteckte Form für die
Verneinung und Auflösung der Partei, weil Föderalismus in Wirklichkeit
die Partei lähmt. Ebenso wie für die politische ist für die
wirtschaftliche Organisation straffste Zentralisation erforderlich. Der
Föderalismus in wirtschaftlichen Organisationen macht einheitliche
Aktionen der Arbeiter unmöglich. Die KPD verwirft den Föderalismus.
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Mitglieder der KPD, die diese Anschauungen über Wesen, Organisation
und Aktion der Partei nicht teilen, haben aus der Partei auszuscheiden.
(aus:
Weber 1967, S. 49-51)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
22.09.2023
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