Die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen
in Europa lebte auf dem Lande und die Gesellschaft als Ganzes war eine Agrargesellschaft,
in der Schätzungen zufolge der Anteil derer, die von landwirtschaftlicher Tätigkeit und vom ländlichen
Kleingewerbe lebten, ca. 90 Prozent ausmacht. (vgl.
Rübberdt 1972,
ebd.). Noch 1780 waren
in Deutschland von den 10 Millionen Beschäftigten insgesamt mehr
als 3/5 aller Beschäftigten(65%) im Agrarsektor (Primärsektor) tätig (vgl. Henning, 1973,
S.20). Und im Zuge des allgemeinen Bevölkerungswachstums stieg die Zahl
der Beschäftigten in der Landwirtschaft in den nächsten 135 Jahren
sogar noch um 65% an. Allerdings konnte dieses Wachstum nicht mit
dem Schritt halten, welches der Industriesektor (Sekundärsektor) und
der Dienstleistungssektor (Tertiärsektor) im gleichen Zeitraum
verzeichneten. Gemessen an der Gesamtzahl der Beschäftigten ging der
Anteil der Menschen, die von der Landwirtschaft lebten, im
Industriezeitalter aber immer mehr zurück (ökonomischer Wandel).
Erst am Ende und ganz allmählich setzte Ende des 18. Jahrhunderts
die
Entwicklung Deutschlands vom Agrar- zum Industriestaat ein, die dann erst
Mitte des 19. Jahrhunderts so richtig Fahrt aufnahm.
Die Bauern auf dem Lande wirtschafteten so wie es seit Generationen
üblich war. Die Landwirtschaft war extensiv und wurde mit meist
hölzernen Geräten verrichtet, die man schon seit jeher dafür verwendete.
Eiserne Gerätschaften gab es noch vergleichsweise wenige und, wenn
überhaupt, waren sie für einen normalen Bauern kaum erschwinglich. In
vielen Gebieten Europas gab es auch noch keinen Kartoffelanbau und die
letzte Hungersnot erlebte ganz Europa im Jahr 1816/17, der noch eine
Typhus- Cholera-Epidemie auf dem Fuß folgte. (vgl.
Sieder/Langthaler 2010, S.768)
Zu alledem wurde in vorindustrieller Zeit noch viel weniger Ackerfläche
bewirtschaftet. Überall gab es noch Öd- und Brachland, große Moore,
Heide und dichte Wälder. In vielen Dörfern gab es noch gemeinsam
genutzte Weiden, die noch nicht in Flurstücke für die einzelnen Bauern
aufgeteilt waren. Und von Stacheldrahteinfriedungen war weit und breit
noch nichts zu sehen. (vgl.
Rübberdt 1972,
ebd.)
Auf dem Lande lebten drei, manchmal sogar vier
Generationen unter einem Dach (Mehrgenerationenfamilie,
Große
Haushaltsfamilie) zusammen. Jeder, der einem solchen Haushalt angehörte,
ob zur bäuerlichen Familie gehörig oder, je nach Wohlstand, zum weiteren
Gesinde (Knechte, Mägde, Tagelöhner), musste nach Kräften anpacken und
so zum Lebensunterhalt aller beitragen.
Die Kinder der Bauern, mehr als
sechs waren eher die Regel als die Ausnahme, konnten mancherorts die
ein- oder zweiklassigen, nach Konfessionen getrennten
Dorfschulen
besuchen, die als Elementarschulen im 18. Jahrhundert – und das beileibe
nicht in allen Gegenden Deutschlands – allmählich entstanden.
(vgl. Wehler
1987, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1, S.476) ) Oft
mussten diese aber vom Staat gegen den Widerstand von Bauern und
bäuerlichen Gutsherren durchgesetzt werden, da diese meinten, dass
Bauernkinder nichts zu lernen bräuchten und die allerorts verbreitete
Kinderarbeit darunter leiden würde. (vgl.
Konrad 2007,
S.65) Selbst die Bildungsreformen in
Preußen Anfang des 19. Jahrhunderts zielten mit ihrem humanistischen
Bildungsideal und dem Vorrang der Allgemeinbildung vor beruflicher
Bildung vor allem auf die Gymnasien und die Universitäten in den
Städten. Auf dem weiten Lande, wo die Mehrheit der Menschen lebte, tat
sich im Schulwesen vorerst noch nichts. (vgl.
Nipperdey 1983/1987, S.116)
Was man in Landschulen den
Kindern meist nur während der Wintermonate beibrachte, waren ganz
elementare Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen. Vor allem aber
sollten die Kinder später einmal ihrer Obrigkeit gegenüber treue
Untertanen werden. So war der vordringlichste Auftrag für die meist kaum
für ihren Beruf qualifizierten Dorfschullehrer, die Kinder mit Bibel und
Katechismus zu einem Weltverständnis zu führen, das an der vermeintlich
von Gott so eingerichteten Ordnung keine Zweifel aufkommen lassen
sollte. Und auch die Väter, welche die Geschicke der bäuerlichen
Familie patriarchalisch-autoritär bestimmten, sorgten dafür, dass sich
die Erziehung der Kinder neben der Erziehung zum rechten Glauben darauf
ausrichtete, möglichst früh auf dem Hof mitzuarbeiten. Eine Kindheit,
wie wir sie heute als besonders geschützte Lebensphase kennen, gab es
nicht.
Dementsprechend waren die meisten Menschen - und das beileibe
nicht nur auf dem Land - Analphabeten, die weder rechnen, noch schreiben
konnten. Was die Religionen lehrten, wurde angenommen und der Platz, an
den man sich hingestellt sah, um sein Leben zu leben, wurde als gottgegeben hingenommen.
Die •
Versorgung der Alten wurde auf den Bauernhöfen durch das so genannte
Altenteil geregelt, mit dem sie sich bestimmte Leistungen von ihrem
Nachfolger auf dem Hof ausgedungen hatten. Alte genossen ein hohes
Ansehen und man zollte ihnen, als den Personen, welche die Traditionen
und die (mündliche) Geschichte überlieferten, Respekt. Aber: Auch auf
dem Land zeigten sich erste Tendenzen zur Konzentration auf die
Kernfamilie, nicht selten bedingt wegen der Realteilung der Höfe im
Erbfall. Damit einher gingen natürlich auch Änderungen im sozialen
Gefüge des "Ganzen Hauses", z. B. die Trennung von Herr und Gesinde bei
den größeren Bauern. (vgl.
ebd.)
In einer Zeit, in der die Sozialversicherung für Alter, Krankheit und
Arbeitslosigkeit noch in weiter Ferne lag, mussten die bäuerliche
Großfamilie und die Dorfgemeinschaft dafür sorgen, dass man nicht unter
die Räder geriet. Aus diesem Grunde "hatte auch der geistesschwache
Krüppel, der kranke und alte Mensch seinen selbstverständlichen Platz,
bis er eines Tages die Augen schloss.“ (Rübberdt
1972, ebd.)
Das Leben auf dem Land war
geprägt von schwerer körperlicher Arbeit. Im Grunde wurde fast alles,
was man zum Leben benötigte auf den Bauernhöfen hergestellt: "Es wurde
nicht nur gebacken und geschlachtet, geräuchert und gepökelt, gebuttert
und geschneidert, sondern auch getischlert und gezimmert; es wurden
Lichter gezogen und wurde Seife gekocht.“ (ebd.) So verstand man sich oft auf
ganz verschiedene hauswirtschaftliche, bäuerliche und handwerkliche
Tätigkeiten, so dass es jedenfalls keine Monotonie beim Arbeiten gab.
Dabei hatte sich an der Art und Weise, wie das geschah, gegenüber
früheren Jahrhunderten noch wenig geändert. Man folgte einem
Arbeitsrhythmus, der noch vom natürlichen Tages- und Jahresablauf
bestimmt war. Die Arbeitszeit richtete sich nach den Aufgaben, welche zu
einer bestimmten Tages- oder Jahreszeit zu verrichten waren und Phasen
einer hohen Arbeitsbeanspruchung wechselten mit Zeiten der Muße. Ein
Leben im Müßiggang war undenkbar und Urlaub noch nicht einmal angedacht.
Im Grunde blieb man sein Leben lang da, wo man geboren und aufgewachsen
war, und kam demzufolge, ohne damit zu hadern, auch nicht über diesen
engen Lebenskreis hinaus.
Neben der geografischen Mobilität, z. B. durch Wegzug oder ▪
Reisen, war auch die soziale Mobilität sehr
eingeschränkt. So wie man in aller Regel sein Leben in seinem Geburtsort
lebte, so lebte man es auch, mehr oder weniger klaglos, in der sozialen
Stellung und dem sozialen Umfeld, in das man hineingeboren worden war.
Ein gesellschaftlicher Aufstieg aufgrund von Leistung war so gut wie
ausgeschlossen. Dafür sorgte auch die Familie selbst, denn im
Allgemeinen lernte der Sohn den Beruf des Vaters.
Die
gesellschaftliche Hierarchie
wurde
als
gottgewollt und gottgegeben hingenommen und die
soziale Stellung der adeligen, großbürgerlichen oder religiösen
Machteliten, von vereinzelten kleineren oder größeren (Hunger-)Revolten
in Mangelkrisen abgesehen, im Grunde nicht in Frage gestellt.
Auf dem
Lande stellte das Dorf den "Brennpunkt bäuerlicher Existenz"
(Wehler 1987,
Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1, S.159) dar.
Hier gab es
keine Privatsphäre, wie wir sie heute kennen, denn nach außen hin ist
die Bauernfamilie offen und dem Blick der Nachbarn und des Pfarrers
ausgesetzt, und in ein • Gefüge gegenseitiger sozialer Kontrolle
eingepasst. (vgl.
Nipperdey 1983/1987, S.116)
Das betraf in besonderer Weise Dinge, die mit Moral und Anstand
zusammenhingen, und dabei vor allem das Geschlechterverhältnis und den
Umgang mit Sexualität, allen voran die Sanktionierung von ▪
Ehebruch
und ▪
vorehelichem
und außerehelichem Geschlechtsverkehr.
Die •
Stadt- und
die Landbevölkerung zeigte im Umgang mit
•
vorehelichem
Geschlechtsverkehr und seinen möglichen Folgen deutliche
Unterschiede. In den Städten, dort vor allem unter den Bürgern, gewannen "Gedanken über religiöse Entsagung oder die Züchtigung von
Gelüsten und Konsum" (Muchembled
2008, S.39) viel leichter und schneller die Oberhand als auf dem
Land.
Auf dem Land geriet ein junger Mann "durch die rigiden Erb-
und Heiratsregeln, die ihm eine lange Zeitspanne zwischen
Geschlechtsreife und Heirat aufbürdeten und ihm durch den hohen
Ledigenanteil oft auch jede Chance auf die Verwirklichung seines
Sexualtriebs in einer Ehe nahmen, in einen Gegensatz zur kirchlichen
Sexualmoral und den entsprechenden staatlichen Mandaten. Die
Spannung zwischen Trieb und Moral schien in dieser Gesellschaft
besonders hoch zu sein." (Breit
1991, S.5)
Auf dem Dorf wurde
die •
Annäherung der Geschlechter
durch die Familie, die Peer Group und
die Dorfgemeinschaft überwacht und durch eine •
Vielzahl von Sitten und Gebräuchen geregelt, die je nach Alter der Beteiligten
von verbalen Annäherungen oder sogar zu einem
ersten Austausch von Zärtlichkeiten gehen konnten. (Eder 2002,
S.36f.) Die
Virginität (Jungfräulichkeit, Unschuld) und
damit die "Ehre" der jungen Frauen war auch auf dem Land eine ▪
Sittlichkeitsnorm und soziale
Zwangsstruktur. In jedem Falle stellte sie,
wie immer man heute dazu steht, in dieser Zeit ein hohes Gut dar,
das, insbesondere in der dörflichen Welt, "nicht bloß individuell,
sondern auch kollektiv zu verteidigen war" (Eder
2002, S.39).
Mit seinen engen nachbarschaftlichen und verwandtschaftlichen
Beziehungen – isoliert lebende Einzelhöfe waren eher die Ausnahme – und
trotz seiner vielfältigen Beziehungen zum adeligen Grund- und
Gutsbesitzer bildete das Dorf, wie "durch unsichtbare Wände" von diesem
getrennt, eine eigene Lebenssphäre mit ihrer eigenen sozialen
Ungleichheit. (vgl.
Wehler 1987,
ebd. S.159)
So zog sich auch durch das Dorf "die
dreifache
Scheidelinie zwischen den Bauern, den unterbäuerlichen Kleinbesitzern
und den landlosen Arbeitskräften" (ebd.), die auch auf dem Land in einer
Vielfalt konventioneller und nichtkonventioneller nichtehelicher
Lebensformen lebten, wie man sie sonst nur der Gegenwart zuschreibt.
(vgl.
Schneider 1995)
Und selbst die Bauern, die um 1800 herum sich in der Minderheit
gegenüber der Mehrheit von Landlosen und Landarmen befanden (vgl.
Wehler 1987,
ebd. S.335),
"unterschieden sich sowohl voneinander als auch in ihrem Verhältnis zur
adeligen und staatlichen Obrigkeit durch Größe und Qualität ihres
Landbesitzes, die Natur ihrer Besitzrechte und die Eigenart ihrer
persönlichen Rechtsstellung." (ebd.
S.159)
So war das soziale Leben auf dem Land
eben keine Idylle und die dörfliche Gemeinschaft als Ganzes zeigte
aufgrund der wachsenden sozialen Differenzierung erste Risse. (vgl.
ebd.
S.335) Und doch
scheint am Vorabend der industriellen Revolution trotz mancher
innerdörflicher Spannungen noch ein
"Zugehörigkeitsgefühl" zur
dörflichen Gemeinschaft als Ganzes geherrscht zu haben, das "die
Trennlinien der sozialen Schichtung (überspannte)." (vgl.
Nipperdey 1983/1987,
S.175)