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Gruppenpädagogik

Überblick


Was Gruppenpädagogik bedeutet, ist wissenschaftlich nicht eindeutig bestimmt. Nach Kamps (1996, S.1) lässt sich gruppenpädagogisches Handeln von dem Ziel leiten, Menschen in einer Gruppe zu befähigen, ihre gemeinsamen Bedürfnisse zu erkennen, gemeinsame Interessen aufzugreifen und zu verfolgen. Die gemeinsamen Handlungsziele und das kooperative Arbeiten an ihrer Umsetzung stärken die Fähigkeiten und Kompetenzen jedes einzelnen und zwar in verschiedenen Kompetenzbereichen wie Selbstkompetenz, Sozialkompetenz und Sachkompetenz. Gruppenpädagogisches Handeln bezieht dabei seine theoretischen Konzepte aus verschiedenen wissenschaftlichen Teilsdisziplinen wie der Pädagogik, Psychologie, Anthropologie und Soziologie. Gleichwohl weisen gruppenpädagogische Konzepte eine lange Geschichte auf, deren Wurzeln in heimerzieherischen Praktiken liegen, mit der sich Pädagogen wie der Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) schon im 18. Jahrhundert einen Namen machten und später, im 19. Jahrhundert in modifizierter Weise in den Reformpädagogik Einzug gehalten haben. (vgl. Hartwig/Kugler/Schone 2009, S.15ff.)
Im schulischen Bereich befassen sich gruppenpädagogische Konzepte und Praktiken oft mit Peer-Group-Problemen, Außenseitern, Geschlechtsrollen, Gewalt als Gruppenphänomen (z. B. auch Cybermobbing), gehen aber auch auf verschiedene Art und Weise in die Didaktik und Methodik des Gruppenunterrichts ein. In diesem Kontext stehen auch die nachfolgenden Ausführungen, die den Anschluss an den Diskurs um »Schlüsselqualifikationen sucht, zu deren wesentlichen Elementen die auch die schulische Förderung von Teamarbeit gehört. (→Arbeitstechnik Teamarbeit)

Folgt man dem, was selbst der Nobelpreisträger »Gerd Binnig (geb. 1947) im Hinblick auf die Förderung von mehr Kreativität und Teamarbeit an Schule und Uni schon 1996 gefordert hat, wundert es allenthalben, dass eine gruppenpädagogisch fundierte Methodik und Didaktik trotz erheblicher Fortschritte auch heute noch im deutschen Bildungssystem alles andere als selbstverständlich ist.
So wies Binnig darauf hin, dass neben dem Mangel an individueller Kreativität, insbesondere auch die Förderung von "Kreativität in der Gruppe, die konstruktive Kritik in der Gemeinschaft" zu wünschen lasse. Diese sei jedoch umso wichtiger, als alle, die heute in der Industrie arbeiteten, in Teams zu arbeiten hätten. "Denn die Aufgaben", so der Physiker, "sind zu komplex, als dass einer allein sie lösen könnte." Wer dies nicht könne, müsse es eben lernen, auch wenn es dabei oft große Anlaufschwierigkeiten gebe. Denn gewöhnlich dauere es sehr lange, bis man im Team arbeiten könne, "und manche", so stellte Binnig nach jahrelangen Erfahrungen mit Studenten und Doktoranden nüchtern fest, "lernen es nie". So steht für den Hochschullehrer außer Frage, dass Teamarbeit schon in der Schule gefördert werden müsse. Und was für die Schule gilt, mündet bei ihm auch in einem Ratschlag an den einzelnen: "Ich kann jedem Schüler und Studenten nur empfehlen, private Aktivitäten zu suchen, die Teamgeist und Kreativität erfordern." (Quelle: DIE WOCHE, 31. Mai 1996)

In der Wirtschaft wurde im Zeitalter der Globalisierung unter Qualifikation schon länger mehr als nur "die Gesamtheit der Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Werthaltungen verstanden, über die eine Person verfügt oder als Voraussetzung für die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit verfügen muss." (Klein 1995, S.9) Sie hatte, noch ehe die Bildungssysteme nachzogen, "Qualifikation sehr viel weiter definiert ‑ nämlich als Voraussetzung für eine ausreichende Breite in der beruflichen Einsetzbarkeit" und vollzog damit eine deutliche Akzentverschiebung in Richtung Flexibilität. In dem Katalog von Elementen, die man in der Wirtschaft zu den Schlüsselqualifikationen zählte, gehören neben anderen denn auch Verhaltensqualifikationen mit einzelpersönlicher und gesellschaftlicher Betonung, die auf die Ausbildung von Teamarbeitsfähigkeiten zielen.

Der reformpädagogische Erziehungswissenschaftler und Publizist »Hartmut von Hentig (geb. 1925), der wie Binnig im Jahr 1996 in einem Interview der mit der Badischen Zeitung unterstrich, dass die Wirtschaft längst nicht nur Leistung, sondern Teamfähigkeit und soziale Kompetenz fordere, führte das Festhalten der schulischen Bildung an messbarer Wissensleistung trotz gegenläufiger reformpädagogischer Forderungen auch darauf zurück, dass dies für die Schulen einfach bequemer gewesen sein. Der Computer hat sich, so von Hentigs Ausführungen sinngemäß weitergeführt, als Totengräber des "Enzyklopädismus in der Bildung" erwiesen. Noch ehe das Informationszeitalter mit dem Internet die Welt erobert hatte, forderte er daher, dass die Schule sich den neuen Entwicklungen anpassen müsse. Die Diskussion um »Schlüsselqualifikationen hatte, auch wenn der Begriff schon 1970 von dem Bildungsforscher »Dieter Mertens (1931-1989) in die Diskussion eingebracht worden war, hatte gerade an Touren gewonnen. Und doch war der Weg, ganz wie es Hartmut von Hentig gesagt hatte, noch lang, ehe die Förderung sozialer Kompetenzen in der Schule den heutigen hohen Stellenwert - zumindest auf dem Papier von Bildungsplänen - zugeschrieben bekam.

Heute gehört die Förderung sozialer Kompetenzen zu den wesentlichen Säulen eines kompetenzorientierten Unterrichts.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

 
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