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Gruppenunterricht

Überblick


Gruppenunterricht ist ein Begriff, der eine Vielzahl von Elementen der Kleingruppenarbeit und der Teamarbeit aufnimmt. Genaugenommen handelt es sich um die angepasste schulische, d.h. unterrichtliche Anwendung von Prinzipien aus diesen beiden Bereichen.

Was genau unter Gruppenunterricht zu verstehen ist, zeigen die nachfolgenden Definitionen auf:

  • Terhart (1989, S.22f.):
    "Von Gruppenunterricht kann erst dort gesprochen werden, wo der Klassenverband auf Zeit in Kleingruppen aufgelöst wird und diese bei definierter Aufgabenstellung jeweils eigenständige Lösungen erarbeiten, die ggf. wieder in ein Gesamtergebnis eingebracht werden.“
  • Gudjons (1993)
    "Wir verstehen unter (Klein-)Gruppenunterricht im engeren Sinn einen Unterricht:
    • in Kleingruppen (meist 3 - 6 Schüler) einer Klasse

    • beim selben Lehrer, zur selben Zeit, meist auch im selben Raum und

    • mit Aufgabenstellungen, die in einem unterrichtlichen Zusammenhang stehen und auf die Entwicklung von Kooperationsfähigkeit, auf fortschreitend-entdeckendes Verhalten und gemeinsame Problemlösungen zielen."

Der Gruppenunterricht besitzt im Vergleich zum herkömmlichen Frontalunterricht eine ganze Reihe von Vorteilen, besitzt aber auch Grenzen, die man nicht außer Acht lassen darf. Trotzdem, das zeigen auch die von Reinhard Fuhr (1992, S.46f.) geschilderten Erfahrungen, kann Gruppenunterricht in der Schule gut funktionieren:

"Wir haben uns in der Gruppe zu einer Aufgabe zusammengefunden, die keiner von uns allein bewältigen könnte. Unsere Gruppe besteht aus drei bis fünf Teilnehmern. Die Teilnahme jedes einzelnen in dieser Gruppe ist sowohl im Hinblick auf die Aufgabe als auch auf die Personen, die sich zusammenfinden, freiwillig, wenn auch die Sympathien untereinander keineswegs gleichmäßig verteilt sind. Ein wichtiges (wenn auch nicht das einzige) Motiv unserer Zusammenarbeit ist, dass wir gemeinsam etwas gestalten wollen, etwas, das Wirkung auf uns selbst und auf andere ausübt. Und wir wollen etwas Wichtiges für uns erfahren und lernen.
Wir nehmen uns die Zeit, uns kennen zu lernen, unsere Kompetenzen und Arbeitsstile einschließlich einiger nicht zu übersehender "Macken“ gegenseitig einzuschätzen. Wir erkunden auch unsere jeweiligen Interessen aneinander und an den Aufgaben, die durchaus unterschiedlich sind und sich in mancher Hinsicht sogar widersprechen.
Wir organisieren unsere Arbeit: wir entwerfen einen Gesamtplan für unsere Arbeit und überlegen uns die ersten Schritte. Wenn sich nach einiger Zeit herausstellt, dass unser Plan nicht zu verwirklichen ist, verändern wir ihn. Wir treffen Absprachen über Teilaufgaben, die Einzelne im Rahmen der Gesamtaufgabe übernehmen können, je nach deren speziellen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Jeder bringt seine Ausarbeitungen dann wieder in die Gruppe ein; dabei üben wir untereinander ein gewisses Maß an sozialer Kontrolle aus, damit die Arbeitsbelastungen in etwa gleichmäßig verteilt sind und Absprachen eingehalten werden.
Konflikte, die bei der Planung und der Diskussion der Ergebnisse entstehen, sprechen wir, so weit uns es uns möglich ist, offen an. Dabei haben sachliche Argumente keine größere Bedeutung als persönliche Empfindungen und Gefühle. Meistens finden wir eine Lösung, die alle mittragen können, manchmal arbeiten wir auch zusammen weiter in dem Bewusstsein, dass es den einen oder anderen Konflikt in der Gruppe gibt, der nicht zu lösen ist.
Wir unterstützen und kritisieren uns gegenseitig bei der Arbeit und wir bestätigen uns gegenseitig für die Ideen und Arbeitsleistung, die jeder einbringt. In den Gesprächen hören wir einander zu und versuchen, die Gedanken des anderen zu verstehen, bevor wir sie kritisieren und abschätzen. In der Leitung der Gespräche wechseln wir uns ab. Vielleicht ist einer von uns der Chef, weil er sich am meisten für die Erledigung der Aufgabe verantwortlich fühlt, aber im Gespräch sind wir weitgehend gleichberechtigt. Lockerheit und Strenge, Spaß und Ernsthaftigkeit, Intensität und Leichtigkeit wechseln sich in der Arbeit ab.
Wenn wir ein Produkt ausgearbeitet haben, freuen wir uns gemeinsam darüber und sind auch ein wenig stolz, etwas geschafft zu haben. Und wir brennen darauf, anderen davon in einer Weise mitzuteilen, dass sie von uns angeregt werden; jedenfalls sollen sie nicht gleichgültig bleiben, wenn wir unser Arbeitsergebnis präsentieren."

Unter welchen Umständen sollte die Lehrkraft in den Gruppenarbeitsprozess eingreifen? (Lehrerrolle im Gruppenunterricht)

Eine wichtige und immer wieder gestellte Frage im Zusammenhang mit offenen Unterrichtsformen im Allgemeinen und dem Gruppenunterricht im Besonderen dreht sich um das Problem, unter welchen Umständen die Lehrkraft in die Gruppenarbeit der Lernenden eingreifen soll. Unter gruppenpsychologischen und gruppendynamischen Aspekten geben Gage/Berliner (1986, S. 513f.), die sich dafür aussprechen, "die Beteiligung des Lehrers möglichst gering zu halten", eine Reihe von "nützliche(n) Regeln", die einer zu dominierenden Lehrrolle ebenso wie einer zu geringen Lehreraktivität entgegenwirken sollen:

  1. "Stelle fest, ob eine Abschweifung zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Wenn mehrere aufeinanderfolgende Beiträge zu weit auseinander liegen, sollte der Lehrer kurz an das Thema erinnern und daran, welcher Teil des Themas gerade diskutiert wird. Hier kann es für die Steuerung der Diskussion von Nutzen sein, wenn ihr Ziel genauer formuliert wird und nicht bloß das "Thema".
  2. Stelle fest, ob die Pausen zwischen den einzelnen Beiträgen zu lang werden. Dieses Sich-Hinziehen von Pausen kann bedeuten, dass die Diskussionsteilnehmer die zunehmende Verwirrung bemerken und zu sprechen zögern, entweder weil sie selbst verwirrt sind oder weil sie das Gefühl haben, dass es keinen Sinn hat, sich verständlich zu machen. Wenn die Pausen zu lang werden, sollte der Lehrer eingreifen, um herauszufinden, weshalb sie zu lang werden.
  3. Stelle fest, ob offensichtlich sachliche Irrtümer akzeptiert werden. Wenn dem so ist und wenn der Irrtum schwerwiegende Auswirkungen auf die inhaltliche Gültigkeit der Diskussion hat, sollte der Lehrer eingreifen, um den Irrtum zu korrigieren. Natürlich wäre es besser, wenn ein Schüler den Irrtum aufklären würde. Der Lehrer sollte jedoch nicht zulassen, dass der Irrtum zu viel Schaden anrichtet, bevor er der Diskussion wieder zu einer sachlichen Basis verhilft. Der Irrtum sollte insbesondere dann korrigiert werden, wenn er offensichtlich nicht selbst zu einer Korrektur führt, d.h., wenn das Verfolgen seiner logischen Konsequenzen den Irrtum nicht offenkundig macht. Der Lehrer sollte nicht zulassen, dass Irrtümer akzeptiert werden, bloß um den Schülern die Vorteile zu verschaffen, die mit einer selbstgesteuerten Diskussion verbunden sind. [...]
  4. Stelle fest, ob schwerwiegende logische Fehlschlüsse unentdeckt bleiben. Solche Fehlschlüsse können subtiler Art sein, es kann schwierig sein, sie zu entdecken und sie können auch in Gruppen mit äußerst kompetenten Mitgliedern die inhaltliche Gültigkeit der Diskussion beeinträchtigen. Piaget hat darauf hingewiesen, dass man bei jungen Schülern davon ausgehen kann, dass sie nur mäßig logisch denken. Der Lehrer kann den Schülern jedoch häufig einen großen Dienst erweisen, der anhaltende und weitreichende Auswirkungen hat, indem er darauf hinweist, wenn die Art von logischen Fehlern vorkommt, die den Philosophen seit vielen Jahrhunderten bekannt ist."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

      
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