|
Mit Hilfe von »Demokratie-Audits
soll "festgestellt werden, wie zufrieden oder unzufrieden die
Bürgerschaft mit ihren demokratischen Einfluss-, Gestaltungs- und
Kontrollmöglichkeiten ist, wo Defizite beklagt werden und der
Verbesserungsbedarf am größten ist." (Roth
2010, S.2)
»Auditing
ist dabei eine Methode des →Qualitätsmanagements,
das die Leistungsfähigkeit eines Systems oder Prozesses mit regelmäßigen
Anhörungen und Befragungen oder auch wiederholter systematischer
Erfassung von Beobachtungen (»Monitoring)
mit dem Ziel in einen bestimmten Prozess steuernd einzugreifen, wenn
dieser anders als erwartet oder erwünscht verläuft.
Beim Auditing, das ist eine besonders wichtige Voraussetzung, sollen die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei nicht an Befragungen teilnehmen,
deren Maßstäbe von bestimmten sozialwissenschaftlichen
Forschungsansätzen vorgegeben sind, sondern selbst an der
Zielformulierung und an der Gestaltung des Audit-Prozesses mitgestalten.
Indem die Bürgerinnen und Bürger in einem solchen auf Bürgerbeteiligung
setzenden Konzept mitberaten, sind sie Teil eines »deliberativen
Konsultationsprozesses. Da die Audit-Aktiven zudem nicht passiv
bleiben, spricht man in diesem Zusammenhang auch von einer
aktivierenden Befragung. (vgl.
ebd., S.1) Damit
das Konzept der Demokratie-Audits halten kann, was es verspricht, müssen
zunächst einmal genügend Menschen bereit und befähigt sein, daran
teilzunehmen. Und ebenso muss unter den Repräsentanten des politischen
Systems, bei Regierungen, Abgeordneten und Parteien auch die
Bereitschaft vorhanden sein, die Ergebnisse solcher Demokratie-Audits
ernst zu nehmen und in politische Reformen umzusetzen. Andernfalls kann
das in Demokratie-Audits sich äußernde bürgerschaftliche Engagement und
die Bereitschaft dazu, sehr geschädigt werden. Wer nämlich an so einem
Prozess teilgenommen hat, wird, sofern sein Engagement folgenlos bleibt,
mit hoher Wahrscheinlichkeit die Motivation zu weiterer politischer
Partizipation - sowohl in konventioneller und nicht konventioneller Form
- verlieren.
In Deutschland wird, im Gegensatz zu Großbritannien, den Niederlanden
oder Österreich, das demokratiepolitische Potential von
Demokratie-Audits bisher kaum genutzt. Dafür kommen verschiedene Gründe
in Betracht. Sicher liegt es auch "an einer notorisch überheblichen
Selbstzufriedenheit im politischen Betrieb" und so könnte es zu einem
Mehr an demokratischen Audits "vermutlich nur kommen, wenn das Unbehagen
sich in Gestalt von 'Wutbürgern' verstärkt und eine Ausweitung
demokratischer Mitsprache und Mitentscheidung demonstrativ eingefordert
wird. " (ebd.,
S.9) In Baden-Württemberg hat sich die grün-rote Landesregierung im Juli
2012, nicht zuletzt nach den Erfahrungen mit Stuttgart 21 entschlossen,
als erste Landesregierung entschlossen, den Landesbehörden bestimmte
Regeln für die Bürgerbeteiligung vorzuschreiben. Nach Auskunft der
Staatsrätin für Bürgerbeteiligung, Gisela Erler (Grüne) in einem »dpa-Interview,
sei darin festgelegt, welche Bürgerinnen und Bürger wann und wie
in die Verfahren einbezogen werden sollen. Auf diese Weise soll der
Austausch zwischen Bürgern und Politik verbessert und zugleich
regelmäßig die Demokratiezufriedenheit und die Zufriedenheit der
Bürgerbeteiligung ermittelte werden. Dass dieses Vorhaben auch eine
andere Art der Information und ein höheres Maß an Transparenz erfordert,
ist der Politikerin dabei klar: verständlicher müsse sie werden, dass
auch Laien verstünden, worum es geht. Ein Mittel, um die
Bürgerbeteiligung und die Demokratie- und Partizipationszufriedenheit zu
erhöhen, sieht sie in der Durchführung von Demokratie-Audits.Auch für
die Schulentwicklung kann die Audit-Methode hilfreich sein. Dabei
soll sich eine Schule in erster Linie selbst helfen, "ihre
demokratiepädagogische Qualitätsentwicklung zu reflektieren und zu
steuern." (»Deutsche
Gesellschaft für Demokratiepädagogik: Audit) Auch hier hebt sich das
Auditing von den heute üblichen Evaluationspozessen mit vorgegebenen
Regel- und Maximalstandards ab. Stattdessen "(wird) anhand eines
spezifischen Kriterienkatalogs (...) hier eine interne Selbstbewertung
der eigenen Schule vorgenommen, deren Ergebnisse wiederum die Grundlage
für die Formulierung von Entwicklungszielen bilden, die sich die Schule
selbst setzt. Ein Kriterienkatalog zur demokratischen Schulqualität ist
dabei als eine Reflexionsfläche und als Anlass zur Diskussion über die
eigene Schulqualität zu verstehen, der auch durch die Einzelschule
selbst modifiziert, ausdifferenziert oder erweitert werden kann." (ebd.)
Beispiele:
- Wie ein Audit organisiert werden kann, hat die »Stiftung
"Ein Quadratkilometer Bildung" aus Berlin-Neukölln mit ihrem
Audit Förderqualität, in dem Akteure aus den Bildungseinrichtungen
des Stadtteils in jedem Jahr in sieben Qualitätsfeldern "die
Entwicklungsdimensionen in einer Bildungsinstitution: ihre
Förderqualität, Lernkultur, die Kultur der Einrichtung insgesamt,
die Partnerschaft mit Eltern, die Kooperationsbeziehungen, die
Professionalität des Personals und die systematische
Qualitätsentwicklung" analysieren und weiterentwickeln. Dabei wird
stets aufs Neue der Ist-Zustand ermittelt und zugleich weitere
Schritte geplant. Die Stiftung hat dazu ihr Auditing mit einem
umfangreichen Material
"Audit Förderqualität Einführung und Kriterienkatalog
Arbeitsmaterial für Auditgruppen" (2009), das kostenlos im
Download verfügbar ist, dokumentiert.
- Mit seinen "Audits
für Wertschätzung und Beteiligung", die im Rahmen aus des »Projekts
"Berliner Oberstufenzentren (OSZ) für Demokratie und Vielfalt"
von des "osz-gegen-rechts - OSZ für Demokratie und Vielfalt", hinter
dem der Verein DEVI e.V. (=Verein für Demokratie und Vielfalt in
Schule und beruflicher Bildung) angeboten werden, soll das
Schulklima und die Beteiligung von Schüler/innen an der Gestaltung
des schulischen Alltags, sowie eine Kultur der Wertschätzung
gefördert werden. (pdf-Download:
Audit am OSZ - Möglichkeiten der Partizipation) )
Gert Egle, zuletzt
bearbeitet am:
21.12.2014 |
|