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AIDS

"Hau ab, du Aids-Krüppel!"


  Kinder, die mit HIV indiziert sind, haben es nicht leicht. Und wenn das Ganze rauskommt, vergeht ihnen häufig das Lachen: Sie werden aus Kindergärten herausgeworfen, dürfen nicht mehr an der Theatergruppe teilnehmen oder nicht mehr in ihren Ballettunterricht gehen. Mitunter ist die Panik um sie herum so groß, dass sie nicht einmal mehr reiten dürfen, weil Leute Angst haben, das Pferd könnte sich anstecken. Und auch ihre Mitschüler kennen manchmal keine Gnade: Unauffällig werden Zettel am Platz des kranken Kindes platziert mit " Hau ab, du AIDS-Krüppel!"
Die Ausgrenzung erfolgt meistens brutal und direkt; aber nicht selten mit der abwegigen Bitte, die unbarmherzige Isolierung des Kindes nicht übel zu nehmen. "Ihre Tochter kann ab morgen nicht mehr in den Kindergarten kommen", sagte eine Berliner Erzieherin einer Mutter. Als Begründung gab sie an, sie hätte das Gerücht gehört, die kleine Yasmin habe Aids.
Die anderen Eltern, so erklärte sie, traktierten sie mit Telefonanrufen: Entweder Yasmin geht, oder wir melden unsere Kinder ab, lautet die Drohung. Und um Verständnis für das Anliegen werben sie darüber hinaus: "Ich hoffe, dass Sie Verständnis dafür haben, dass in diesem Fall Yasmin gehen muss, es sei denn, Sie bringen einen negativen Aids-Test bei.“ Dann sagte sie noch: "Ihre Tochter tut mir leid. Und der ganze Stress, der noch auf sie zukommt, das wird sicher furchtbar." Ein Wunder, dass Yasmins Mutter bei solchen Äußerungen die Fassung bewahren kann, während sie ganz ruhig entgegnet: "Was schlagen Sie vor? Soll ich sie einschläfern lassen?"
Wenn die Kinder Krebs hätten oder einen Gehirntumor, würden sie mit Kuchen, Blumen und Geschenken getröstet. Wer aber HIV-infiziert ist, gilt als drogenabhängig oder als Nutte - eine auf Kinder bezogen absurde Schlussfolgerung, doch diese schlichte Logik ist bei vielen Bürgern beliebt. Wer diese Krankheit hat, wird von den Biedermännern als haltlos ausgegrenzt. "Gib Aids keine Chance" - der Slogan, so scheint es wird gründlich missdeutet. Das "unmoralische" Virus lässt Ansteckungsphantasien der absurdesten Art blühen.[…]
Die Berliner Kinderärztin Mechtild Vocks-Hauck vom Kuratorium für Immunschwäche bei Kindern (KIS) wünscht sich ein Ende der Heimlichtuerei. Für sie besteht kein Grund für Kindergärten und Schulen HIV-infizierte Kinder nicht aufzunehmen. Denn eigentlich ist es sogar umgekehrt:  Die Immungeschwächten sind nämlich erheblich stärker gefährdet als ihre gesunden Spielkameraden. Sie sind es, die vor  unnötigen Ansteckungen geschützt werden müssen und denen bei grassierenden Kinderkrankheiten Medikamene verabreicht werden müssen, und vielleicht müssen sie wegen der anderen sogar ein paar Tage zu Hause bleiben. Aber das nehmen sie in Kauf - sie sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass etwas in ihrem Körper anders ist.

(nach: Der Spiegel, 40/1993, gekürzt und leicht verändert)

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Verfassen Sie eine Inhaltsangabe zum Text.
    • Der Artikel des SPIEGEL ist namentlich nicht gekennzeichnet. Arbeiten Sie diese Tatsache in den Aussagekern ein.
    • Beachten Sie ferner, dass man bei der Inhaltsangabe dem Textaufbau nicht immer einfach folgen kann.
  2. Nehmen Sie zu den dargestellten Vorgängen Stellung.
  3. Verfassen Sie eine Problemerörterung zum Thema:
    "Hau ab, du Aids-Krüppel!" bekommen manche HIV-infizierte Kinder in öffentlichen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen zu hören, wenn bekannt wird, dass sie an der Immunschwächekrankheit leiden.
    Zeigen Sie Ursachen für dieses Verhalten auf und stellen Sie dar, wie man Abhilfe schaffen könnte

  

 
        
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