▪
Kognitionspsychologie
▪
Überblick
▪
Hauptbereiche
▪
Wissensrepräsentation
▪
Gedächtnis
▪
Überblick
▪
Alltagstheorien
▪
Arten des Gedächtnisses
(strukturorientierte Betrachtung)
▪
Mnemonische Prozesse im
Gedächtnis
▪
Besondere
Gedächtnisleistungen
▪
Bausteine
Erstmals
populär machte den Begriff des «kollektiven Gedächtnisses» der
französische Soziologe und Philosoph »Maurice
Halbwachs (1877-1945, ermordet im
KZ
Buchenwald). Seine "zentrale These", die er "in all seinen
Werken durchgehalten hat, ist die von der sozialen Bedingtheit
des Gedächtnisses. Er sieht vollkommen ab von der körperlichen,
d. h. neuronalen und hirnphysiologischen Basis des Gedächtnisses
und stellt statt dessen die sozialen Bezugsrahmen heraus, ohne
die kein individuelles Gedächtnis sich konstituieren und
erhalten könnte." (Jan
Assmann 1992/82018, S.35) Inhalte des
Gedächtnisses sind danach also stets gesellschaftlich gerahmt
bzw. in einem bestimmten sozialen Kontext verankert. Dadurch
wird auch jede Erinnerung zu einem kollektiven Phänomen und Teil
des kollektiven Gedächtnisses als Repertoire von Erinnerungen
über die Vergangenheit, das von verschiedenen sozialen Gruppen
geteilt wird und dieser den Bedürfnissen der jeweiligen
"sozialen Gruppe nach Konstruktion einer sinn- und
identitätsstiftenden Vergangenheit" (Martinez
1996/82008, S.445) dient.
Auch wenn Kollektive, abgesehen von einem metaphorischen
Gebrauch des Begriffs, natürlich kein Gedächtnis besitzen bzw.
"haben" können – ein Gedächtnis haben wird nur als einzelne
Personen (individuelles Gedächtnis) – bestimmen die Kollektive
eben doch unsere Gedächtnisinhalte entscheidend mit. So betont
Jan
Assmann (1992/82018, S.36) weiter, dass
Erinnerungen auch persönlichster Art (...) nur durch
Kommunikation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen
(entstehen). Wir erinnern nicht nur, was wir von anderen
erfahren, sondern auch, was uns andere erzählen und was uns von
anderen als bedeutsam bestätigt und zurückgespiegelt wird. Vor
allem erleben wir bereits im Hinblick auf andere, im Kontext
sozial vorgegebener Rahmen der Bedeutsamkeit. Denn 'es gibt
keine Erinnerung ohne Wahrnehmung' (Halbwachs
1925/1985, S. 364)." (Jan
Assmann 1992/82018, S.36)
Als kulturelles Gedächtnis
bezeichnen die deutschen Kulturwissenschaftler »Aleida
Assmann (geb. 1947) und »Jan
Assmann (1938-2024) "die Tradition in uns, die über Generationen, in
jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten
Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewußtsein, unser
Selbst- und Weltbild prägen." (Jan
Assmann 2006,S.70) Unsere Erinnerungen sind demnach eben auch "kulturell
»eingebettet«" (ebd.,
S.69)
Im Gegensatz zu den
neurobiologischen, wahrnehmungs- und kognitionspyschologischen Konzepten des
• Gedächtnisses richtet sich der kulturwissenschaftliche Blick auf die
"technischen und kulturellen Medien des Gedächtnisses" (Aleida
Assman 32006, S.19)
Das kulturelle Gedächtnis,
betont Aleida Assman weiter, setze sich nicht einfach fort, sondern müsse
immer wieder neu ausgehandelt, etabliert, vermittelt und angeeignet werden.
Dabei müsse dieses "generationen- und epochenübergreifende Gedächtnis" mit
unterschiedlichen kulturellen Praktiken aufgebaut
werden. Dies bedeute aber
auch, "daß sich mit dem wandelnden Entwicklungsstand dieser Medien auch die
Verfaßtheit des Gedächtnisses notwendigerweise mitverändert." (ebd.)
Zugleich eröffne jedes Medium einen spezifischen Zugang zum kulturellen
Gedächtnis. Die Schrift, die der Sprache folge, speichere anders und anderes
als die Bilder, die sprachunabhängige Eindrücke und Erfahrungen festhielten.
(vgl. ebd., S.20)
Was in den historischen
Wissenschaften, auch im Zuge ihrer Erzählungen (Narrationen) der Geschichte,
zum kulturellen Gedächtnis beigetragen wird, stelle dabei "ein Gedächtnis
zweiter Ordnung, ein Gedächtnis der Gedächtnisse" dar, das in sich
aufnehme, "was seinen vitalen Bezug zur Gegenwart verloren hat."
A. Assman
(32006,
S.19) bezeichnet dieses Gedächtnis als "Speichergedächtnis",
das sich vom "Funktionsgedächtnis",
dessen wichtigste Merkmale
Gruppenbezug, Selektivität, Wertbindung und
Zukunftsorientierung seien (vgl.
ebd., S.134)
unterscheiden lasse.
Als "Speichergedächtnis"
arbeitet es gegen "die permanente Abfuhr des Vergessens, das
unwiederbringliche Verlorengehen von bewertetem Wissen und vitalen
Erfahrungen". Es bewahre Relikte auf, an deren weiteren Speicherung
Individuen, Gruppen oder Institutionen das Interesse verloren haben. Es
sorgt aber auch dadurch, dass es diese Relikte immer wieder aufarbeite, auch
immer wieder für "neue Anschlußmöglichkeiten zum
Funktionsgedächtnis (ebd.,
S.408f.) Mit seiner "amorphen Masse" ungebrauchter, nicht-amalgamierter
Erinnerungen umgibt das Speichergedächtnis dabei das Funktionsgedächtnis, (ebd.,
S.136) Auch wenn einem die Inhalte des Speichergedächtnisses zum Teil auch
unbewusst sind, wirken sie doch im Hintergrund mit dem Funktionsgedächtnis
zusammen, selbst wenn sie in dessen Sinnkonfigurationen vordergründig nicht
passen.
Das
Funktionsgedächtnis speichert ohnehin
stets "nur einen Bruchteil möglichen Erinnerungsgehalts" und daher bleibt,
wie Assman konstatiert, im Verlauf der Zeit "notwendig vieles aus dem Vorrat
lebendiger Erfahrung außerhalb dieser Geschichten und wird niemals erzählt
oder ausgesprochen. Es bleibt amorph, ohne Ordnung und Gestalt." (ebd.,
S.135)
Während das
Funktionsgedächtnis "lebendigen Trägern mit parteiischen Perspektiven
(gehört)" und damit in einem klaren Subjektbezug steht, "«(gehört)» die
Geschichte dagegen «allen und niemandem»" und die Geschichte im
Speichergedächtnis ist in diesem Sinne verglichen mit dem
Funktionsgedächtnis "objektiv und damit identitätsneutral." (ebd.,
S.133) Objektiv heißt in diesem Zusammenhang aber nicht, dass die
Darstellung von Geschichte in der Geschichtsschreibung deshalb "objektiv"
ist, denn Geschichte und Gedächtnis stehen in keiner solchen Opposition
zueinander. Schließlich bestünde mittlerweile darüber Einigkeit, "daß es
keine Geschichtsschreibung gibt, die nicht zugleich auch Gedächtnisarbeit
wäre, also unhintergehbar verquickt ist mit den Bedingungen der Sinngebung,
Parteilichkeit und Identitätsstiftung." (ebd.,
S.133) Anders ausgedrückt und allgemein
reformuliert:
Geschichtsschreibung ist stets ein Konstrukt. Sie wird unter bestimmten
Perspektiven verfasst, mit unterschiedlichen Interessen verbunden, an
bestimmte gesellschaftliche Gruppen adressiert, denen sie ebenso wie
Individuen Identitätsangebote macht. Und natürlich spielen auch die
psychischen Dispositionen der Geschichtsschreiber hinein.
Wie die
•
kulturellen Erinnerungsräume,
die durch kulturelle Praktiken zustande kommen, aussehen und gestaltet
werden, hängt von politischen und sozialen Interessen ebenso ab wie vom
Wandel der technischen Medien.