Mikro- und
Makrostruktur des Textes stellen im ▪ Construction-Integration-Model
(CI-Modell) von Walter Kintsch und
»Teun van
Dijk die Textbasis dar, die das Ergebnis einer semantischen und
syntaktischen Analyse des Textes durch den Leser darstellt.
Allerdings bleibt das Textverstehen damit letztlich an der
Textoberfläche. Um einen Text zu verstehen, müssen neben diesen
textseitigen Merkmale eben auch leserseitige Merkmale, in der
Sprache des textlinguistischen Kohärenzmodells, die ▪
konzeptuelle
Basis, berücksichtigt werden, mit der "Textlöcher" (Linke
u. a. 1994, S.226) bzw. "Kohärenzlücken" (Christmann
2015, S.173) dann vergleichsweise leicht geschlossen werden können,
wenn ein Leser über dafür geeignetes Vorwissen verfügt.
Dabei kann die
Beteiligung dieses Vorwissens am Textverstehen gar nicht hoch genug
eingeschätzt werden. Solche im ▪
Gedächtnis gespeicherten
Informationen können nämlich, wenn sie z. B. als
Schemata bestimmte
Wahrnehmungs- und kognitiven Verarbeitungsprozesse steuern,
Textinhalte einfach "überschreiben" oder können ihnen neue Inhalte
zuschreiben, die im Text selbst überhaupt nicht nachzuweisen sind. (vgl. Philipp
2015b,
S.173). Kein Freifahrschein für "wilde Spekulationen" über einen Text,
aber zumindest auch eine Erklärung.

Um den Text zu
verstehen, muss der Leser im Construction-Integration Model
(CI-Modell) "die Textbasis anreichern." (ebd.)
Grundlage dieser Annahme ist, dass man beim Lesen die Texte nicht
nur symbolisch-sprachlich abspeichert, sondern dazu auch ein
analoges Modell aufbaut, das zu den Textinformationen passt. (vgl. Christmann
2015, S.177) Vereinfacht ausgedrückt: Wir machen uns z. B. eine
räumliche Vorstellung von dem Dargestellten, um uns den Text zu
"merken". Ob wir allerdings wirklich in der Lage sind, uns
quasi bildhafte Vorstellungen in Form eines perzeptuellen Eindrucks
speichern und bei ihrem Erinnern darauf zurückgreifen, ist in der
▪ Kognitionspsychologie sehr umstritten. (vgl.
Anderson 72013, S.102)
Wie die
Anreicherung der Textbasis "funktioniert", kann man schon an einem ganz einfachen Text
verdeutlichen:
"Peter hatte eine Reifenpanne. Nachdem er das Rad gewechselt
hatte, konnte er weiterfahren.“
Man kann diesen kurzen Text
wie folgt auf mit dem dafür üblichen ▪
Notationssystem in seine
einzelnen Propositionen zerlegen:
P1: HABEN(PETER,REIFENPANNE)
P2: NACHDEM(P3,P4)
P3: WECHSELN(PETER,RAD)
P4: KÖNNEN(PETER,P5)
P5: WEITERFAHREN(PETER)
Allerdings kann man ihn nur
verstehen, wenn man textexternes Wissen dazu heranzieht. Man muss
nämlich wissen, dass "Nicht Peter hat eine Reifenpanne,
sondern das Gefährt, in dem Peter sitzt.“ und: "Ein Gefährt kann
nicht mehr fahren, wenn es eine Reifenpanne hat.“ (vgl.
Wikipedia)
Erst mit Hilfe dieses
Wissen kann ein Leser die im Text explizit enthaltenen Informationen
organisieren und text- und vorwissenbasierte Schlussfolgerungen (Inferenzen)
ziehen.
Zugleich gelingt es ihm erst damit, "eine genaue Vorstellung
über die Textinhalte, die weit über das hinausgehen kann, was der
Text an konkreten Propositionen anbietet", zu entwickeln. (Philipp
2015b, S.218)
▪
Inferenzen sind, salopp gesagt,
das, was uns den eigentlichen "Durchblick" beim Lesen von Texten
verschafft. Sie fungieren als als "Motor der Sinnkonstruktion beim
Lesen" (Christmann
2015, S.172)
Was daraus entsteht,
wenn die im Text beschriebenen Sachverhalte oder Situationen in
Verbindung mit dem von den sprachlichen Strukturen weitgehend
losgelösten Vor- und
Weltwissen bei der kognitiven
Verarbeitung zusammenkommen, ist ein
mentales Modell des Textes, das
als Situationsmodell
bezeichnet wird (in der Textlinguistik spricht man hier vom
Textweltmodell).
Es basiert auf Inferenzen, die auf der Textbasis
gebildet werden und Inferenzen, die über diese Textbasis als
Verknüpfungen mit dem leserseitigen Wissen gebildet werden. Das
Situationsmodell reichert dabei das Verständnis des Textes auf der
lokalen Textebene (= ▪ propositionale Repräsentation des Textes),
welches die Bildung eines Situationsmodells überhaupt erst
aktiviert, nicht nur an, sondern verfeinert und modifiziert dieses
auch. (vgl. Christmann
2015, S.177)