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Lesen

Kritik der traditionellen Lesertypologie


Ob man überhaupt liest, wie und was man liest, ändert sich im Laufe eines menschlichen Lebens. Dabei ist die Altersentwicklung natürlich nur ein Aspekt des Ganzen. Hinzu kommen natürlich noch eine Vielzahl anderer Gesichtspunkte, die nur indirekt in einem Zusammenhang mit dem Lesen stehen, wie Bildung, soziale Schichtzugehörigkeit usw. Ferner beruhen viele andere Kulturtechniken, wie z. B. der Umgang mit Informationen aus dem Internet, letztlich auch auf der Fähigkeit zu lesen, auch wenn dort wie anderswo Bilder immer mehr dominieren. (vgl. Lux, Claudia: Auch Internet bedeutet Lesen (1999))

Die wissenschaftliche Untersuchung des Lesens befasst sich heute daher auch stärker als früher mit der individuellen Lesebiographie und Lesesozialisation. Lesen wird damit zunächst einmal aus dem wertenden Blickfeld eines mit normativem Anspruch auftretenden Lektürekanons genommen.

Dabei scheint der heute im Buchhandel und anderswo feststellbare Trend zur "Kanonisierung" von Bildung und damit auch bestimmter Lesestoffe, dieser Auffassung des Lesens geradezu zuwiderzulaufen. Bestimmte Verlagsprojekte mit mehr oder weniger klar geäußertem Kanonanspruch sind äußerst erfolgreich, wie das Beispiel der Süddeutschen Zeitung zeigt. Sie brachte in vergleichsweise kurzer Zeit, Buchreihen mit den angeblich wichtigsten Titeln der Romangeschichte heraus, zeigte dann, was der gebildete Kinobesucher gesehen haben sollte, und bot die entsprechende DVD an.

Und doch wirken Buchreihen, die vorgeben, das zu repräsentieren, was der mehr oder weniger "Belesene" im Regal stehen und vielleicht auch gelesen haben sollte, weniger normativ, als dies auf den ersten Blick den Anschein hat. So war und ist auch der redliche Versuch von »»Marcel Reich-Ranicki (geb. 1920), einem der führenden Literaturkritiker im deutschsprachigen Raum, vergeblich, auf diesem Wege Gegenständen bürgerlicher Bildung neues Leben einzuhauchen zu verhelfen. Marcel Reich-Ranicki legte im Spiegel 2001 einen Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke vor, dessen Buchausgabe unter dem Titel "Der Kanon" verkauft wird.
Sicher gibt es Leser und daher auch einen Lesertyp, der, da er den hinter der Werkauswahl stehenden Bildungsbegriff teilt, überprüft, ob sein häusliches Bücherregal wenigstens dem Standard des Kanon entspricht.  Wenn nicht, wird er u. U. die fehlenden Titel, sobald als möglich, lesen.

Grundlage für den Trend zur Renaissance der Kanonisierung von Lesestoffen, ist aber heutzutage nicht das Bemühen, Bildung und kulturelles Erbe zu bewahren, sondern die Marketing-Strategie der Buchverlage und des Buchhandels.
Genau genommen handelt es sich um ihre Marketing-Antwort auf die in unzähligen Fernsehformaten produzierten Ranking-Shows, bei denen es mal um die "100 wichtigsten Deutschen", dann um die "100 bekanntesten Schlager" und schließlich um die "100 wichtigsten Superstars" usw. geht.
Der Publikumszuspruch, den solche "Mitmach-Shows" bieten ist außerordentlich hoch. So gesehen gleicht die Kanonisierung der Literatur, wie wir sie heute erleben, mehr einem Spiel, das vom Publikum mitgespielt wird, und dessen Ergebnisse nur von untergeordneter Bedeutung sind. Sie bleiben genauso lange im Spiel,  bis sich die Mitspieler auf der Ranking-Liste eingeordnet haben, um sich dann wieder einem neuen und anderen Spiel zuzuwenden. Vermutlich würden sie auch das gleiche Spiel einfach noch einmal spielen. Von einem Literaturkanon, der irgendeine, auch noch so unbedeutende Verbindlichkeit für Leser beanspruchen könnte, sind derartige Ranking-Spiele im Dienste der Vermarktung von Kultur oder zur Bereitstellung von Werberaum allerdings weit entfernt.

Für die individuelle Leserbiographie und den ganzen Prozess der Lesesozialisation sind solche Entwicklungen allerdings von großer Bedeutung. Sie zeigen aber auch auf, dass die herkömmliche Lesertypologie an ihre Grenzen stößt. So betont Susanne Limmroth-Kranz (1997), dass sie sich die Lesertypologie mehr damit befassen solle, "wie Literatur rezipiert werden sollte". Ihre Aufgabe sei es zu analysieren, ,"wie die Leser die Literatur lesen und für sich einsetzen."  Und mit Werner Graf (1995) fährt sie fort, dass den Leseprozessen selbst mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse als den "Kategorisierungen von Gelesenem". Nicht zuletzt blieben durch die Orientierung der Lesertypologien am Kanon der Literatur, gerade alltägliche Gebrauchstexte weitgehend unberücksichtigt und außerhalb der Kategorienbildung."

So gesehen, erweist sich eine Lesertypologie, nach Ansicht von  Limmroth-Kranz (1997) wenig sinnvoll, wenn sie sich fast ausschließlich mit den Lesestoffen befasst.

"Bisherige Charakterisierungen und Definitionen der Lesertypen sind häufig an den den Entwürfen von Leserentwicklung orientiert. Diese ... rekurrieren auf Inhalte des Lesestoffes und nicht auf die Persönlichkeit und durchlebte Lesesozialisation der Leser, die sich ihre Lesestoffe im individuellen Textverarbeitungsprozess - dem Lesen - aneignen. Da aber ein und derselbe Inhalt bei unterschiedlichen Lesern eine Vielfalt von Wirkungen auslöst, sind Lesertypen anhand von Lesestoffen nur sehr unscharf zu definieren."

(vgl. auch Lesehaltungen)
 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 21.12.2013

 

 
   Arbeitsanregung
  1. Setzen Sie sich mit der These, kanonisierte Buchreihen seien Marketingstrategie und Spiel zugleich auseinander.

  2. Arbeiten Sie die Kritikpunkte der Verfasserin an der traditionellen Lesertypologie heraus.

 

 

  

 
 

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