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Geschichte des Lesens

Lesen im Römischen Reich und in der Spätantike

 
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Glossar
Was sind teachSam-Projekte? Lesen Fragen zur eigenen Lesebiographie und zum eigenen Leseverhalten Überblick [ Geschichte des Lesens Überblick Lesen in der Antike  bis zum Hellenismus Lesen im Römischen Reich und in der SpätantikeLesen im Mittelalter Lesen in der frühen Neuzeit (16./17. Jh.) Lesen im 18. Jahrhundert Von der Tontafel zum E-Book-Reader ] ▪ Lesen und Textverstehen (CI-Modell) Grundantriebe des Lesens und Lesertypologie Aktive und passive Lesearten Lesen und individuelle Entwicklung Lesen in digitalen Welten Stilles Lesen Verbotenes LesenWeibliches LesenOhne Lesen leben (Analphabetismus)  ▪ Lesen und gesellschaftliche Entwicklung Bausteine Links ins Internet Lesekompetenz Arbeitstechnik Lesen Verständlichkeit  

arbeitstechnik lesen
Eine Schreibe ist keine Rede
Schrift sind nicht nur Buchstaben

Lesen war in allen antiken Kulturen im Wesentlichen eine elitäre Kulturtechnik, die nur eine Minderheit von Spezialisten, Privilegierten und Interessierten beherrschte. In solchen oralen Kulturen, in denen sich das alltägliche Leben ganz überwiegend in mündlicher Kommunikation abspielte, war Lesen  "in wechselnder Intensität vornehmlich in bestimmten Situationen und für ausgewählte Funktionen" (Hartmann 2015, S.704) vor. Zugleich war es aber auch "eine sinnstiftende Kulturpraxis" (ebd.)

Lesen als Lebensstil der römischen Oberschicht

Im »antiken Rom war das Lesen seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. eine in der römischen Oberschicht (Aristokratie) vergleichsweise weit verbreitete Kulturtechnik, die fast schone eine Art "Alltagskompetenz" (Schön 2001, S.6) war. Allerdings konnten nach vorsichtigen Schätzungen höchstens 15% der Gesamtbevölkerung überhaupt lesen (vgl. Hartmann 2015, S.714) und daher blieb im »Römischen Reich wie eigentlich überall vor seiner Zeit die literale und die literarische Kultur eine "Elitekultur" (ebd., S.716)

Zunächst waren es ▪ hellenistische Einflüsse, welche die Lesekultur in Rom geprägt haben. Dabei interessierte sich das städtische aristokratische "Bildungsbürgertum" (Schön 2001, S.6), zu dem in der überwiegenden Mehrzahl Männer, aber durchaus auch einige Frauen und sogar wenige Sklaven gehörten, vor allem für die griechische Literatur.

Diese Lesepublikum, das nie ein Massenpublikum war, konnte sich im Römischen Reich zwischen dem 4. Jahrhundert v.  Chr. bis in die »Römische Kaiserzeit (27 v. Chr. bis ca. 284/285) hinein dabei auf eine sich mehr und mehr entwickelnde Lese- und Buchkultur stützen, die von ausgeklügelten Vertriebswegen, von Verlagen, die Autoren sogar zum Bücherschreiben beauftragten, von öffentlichen Bibliotheken und zahlreichen "Kopieranstalten" von Schreibern, die Texte in der Regel in Großbuchstaben (»Majuskeln) und ohne Abstand zwischen den Wörtern (»scriptio continua) in Kolumnen auf »Papyrus niederschrieben, geprägt war. Es gab aber auch geweißelte Holztafeln und sogar, einer etruskischen Tradition, folgend Bücher aus Leinen, mit denen Priester ihre religiösen Texte konservierten (vgl. Hartmann 2015, S.712)

Die literarische Kulturpraxis hatte für die Aristokratie dabei eine außerordentlich große Bedeutung. Die Beschäftigung mit Literatur gehörte zum guten ton der Oberschicht, mehr noch, sie war Bestandteil ihres üblichen Tagesablaufs und damit ein wichtiger Teil ihres gesellschaftlichen Lebens, das sie mit ihrer elitären sozialen Lese- und Buchkultur von den der mündlichen Alltagskultur der Unterschichten abgrenzte. Diese kam mit etlichen literarischen Stoffen aber durchaus in Berührung, wenn sie die Theateraufführungen besuchten.

Die räumliche Ausdehnung des Römischen Reiches
von 510 v. Chr. bis 530 n. Chr.

Roman Republic Empire map
Roke (d) / CC BY-SA ( http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Römische Leser konnten laut oder leise lesen, wenn ihnen danach war, gemeinsam mit anderen (vorlesen) oder für sich allein, draußen oder drinnen, wo immer ihnen danach war, wenn sie Lust auf Lesen hatten. (vgl. ebd., S.712f.)

Sie fingen an, griechische und lateinische Bücher zu sammeln, die man sich auf unterschiedlichen Wegen beschaffen konnte und schon Anfang des 2. Jahrhunderts nahezu überall im weiten Rund des Reiches zu bekommen waren. In der römischen Kaiserzeit schließlich waren Bücher so sehr Statussymbole geworden und ihr "zum festen Bestandteil des gehobenen Lebensstils"  (vgl. ebd., S.713) einer sozial privilegierten Oberschicht geworden, dass vereinzelt sogar namhafte Stimmen laut wurden, die das bloße Haben, Besitzen und Ausstellen von Büchern durch Ungebildete scharf kritisierten.

Lesen blieb aber eine elitäre Angelegenheit und eine "Alltagskompetenz" der Oberschicht, die auch die im öffentlichen städtischen Raum sich in der Kaiserzeit mehr und mehr verbreitenden Inschriften auf Stein, Metall oder Holz lesen und verstehen konnte. (vgl. ebd., S.713)

Lesen in der Spätantike: Das Christentum und der spätantike Medienwandel von der Rolle zum Kodex

In der »Spätantike, die mit der Herrschaft »Diokletians (zwischen 236 und 245 bis 312), der ab 284 bis 305 n. Chr. als römischer Kaiser regierte, begann und die nach den Wirren der sogenannten »Völkerwanderung (375 bis 568), der »Teilung des Reiches (395), dem »Untergang des weströmischen Reiches (476/480) und der Transformation des oströmischen Reiches in das Byzantinische Reich (7. Jahrhundert). letztendlich fließend ins »Frühmittelalter übergegangen ist, erhielt die römische Buch- und Lesekultur neue Impulse, den man als den "spätantiken Medienwandel" (ebd., S.715, Hervorh. d. Verf.) bezeichnet hat.

Dieser hat technologische und soziale Aspekte und stand darüber hinaus in einem Zusammenhang mit der Entwicklung und Ausbreitung des »Christentums, das nach einer Zeit langer »Verfolgungen (zuletzt auch noch unter »Diokletian und Galerius (303–311) unter »Konstantin dem Großen (zwischen 270 und 288 - 337) nicht nur von der an ab 313 n. Chr. gewährten Religionsfreiheit im Römischen Reich (»Mailänder Vereinbarung) profitierte, sondern von ihm auch gegenüber den anderen Religionen privilegiert wurde (»konstantinische Wende). Er selbst bekannte sich etwa ein Jahrzehnt später klar und deutlich zum Christentum und ließ sich 337 noch auf seinem Sterbebett taufen. Die Gründe dafür, dass Konstantin das Christentum zu einer Art Staatsreligion machte, waren vielfältig. Zwei davon waren, dass ihm die kirchlichen Organisationsstrukturen bei der Verwaltung seines Riesenreiches nützten und die führenden Vertreter des Christentums hochgebildet waren und dem Kaiser zur Sicherung seiner Macht auch geeignete philosophisch-politische, rhetorische Legitimationsstrategien anbieten konnten, wie z. B. die Idee eines sakralen Kaisertums, das seine Nachfolger zum Konzept des »Gottesgnadentums weiterentwickelt haben.

Der technologische Wandel, der sich in der Spätantike im Bereich der Buch- und Lesekultur, war gekennzeichnet durch den seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. sich schon ganz allmählich vollziehende Verdrängung des Schriftträgers Papyros hin zu dem aus Tierhaut gefertigten Pergament. Im 4. und 5. Jahrhundert hat sich das neue Trägermedium, das nicht nur robuster, platzsparender (es war von Anfang an beidseitig beschreibbar) und so auch billiger, sondern auch handlicher und bedeutend leichter zu transportieren war, gegenüber dem Papyrus durchgesetzt.

Das neue Material setzte auch mit einem neuen Format, der Vorherrschaft der Papyrusrolle in der Lesepraxis ein Ende. Mit dem Pergament entstand nämlich ein dem heutigen Buch bis auf die Bindung sehr vergleichbares Buch, dessen Pergamentseiten zusammengeheftet waren. Die neue Buchform wird als Kodex bezeichnet. Zwar war Pergament als Trägermedium nicht wirklich neu, man experimentierte damit schon seit Jahrhunderten (Schön 2001, S.8), aber eigentlich wurde es erst durch die Christen regelrecht populär gemacht.

Sie brachten das Pergament auch aus ideologischen Gründen gegen das Papyrus in Stellung, das noch immer  "Medium der Leitkultur" (Hartmann 2015, S.715) war. Der von den Christen von Anfang an bevorzugte Kodex wurde somit auch zu einem Symbol für ihre eigene elitäre Lese- und Buchkultur, die sich auch damit von der heidnischen Kultur mit ihrer Papyrusrolle abzugrenzen verstand. Ihre ▪ "heiligen Schriften" wurden so von an Anfang an in Kodexform verbreitet, "die Rolle (...) assoziiert mit der 'alten', der heidnischen Kultur. Der Kodex war das 'sozial Niedrigere', mit dem sich das Christentum als Gegenkultur identifizierte." (Schön 2001, S.8)

Der Wechsel von der Rolle zum Kodex revolutionierte auch die Lesepraxis. Die zusammengeklebten Papyrus-Rollen, deren gebräuchlichste Formate zwischen 19 und 25 cm waren und bei literarischen Texten ca. 5-6, aber durchaus auch einmal bis zu 10 m lang waren (ebd., S.7), mussten beim Lesen von rechts nach links abgewickelt werden. Dazu brauchte man immer beide Hände, wehe, wenn die Rolle sich beim Lesen auf den Knien dabei aus Versehen gänzlich entrollte, an den Rändern ausfranste oder sonst wie beschädigt wurde! Allerdings waren vor allem kurze, meist literarische Texte, die auch auf sehr kleinformatigen Papyrusröllchen geschrieben waren, oftmals sogar viel leichter zu handhaben als das bei der Pergamentnutzung übliche vergleichsweise große Buchformat. So konnte, wie Schön (2001, S.8) anschaulich beschreibt, "ein Pergamentröllchen, vielleicht mit einem Ovid-Text, (...) auch die elegante römische Dame leicht im weiten Ärmel verschwinden lassen, wenn das nicht jeder sehen sollte."

Statt mühseligem und höchst konzentriertem Hin- und Herrollen mit dem Papyrus war mit dem Pergamentkodex jetzt vergleichsweise leichtes Blättern im Buch angesagt. Andere bis dahin schon übliche Lesepraktiken, wie z. B. das individuelle Lesen und das Vorlesen in der Gemeinde, änderten sich aber in der christlichen Lese- und Buchkultur zunächst nicht. Allerdings waren die großformatigen, umfangreichen und deshalb sehr schweren christlichen Pergamentkodizes, auf denen sie ihre "Heiligen Schriften" aufbewahrten und in den Grenzen handschriftlicher Kopien vervielfältigen, eher dazu geeignet, stationär, z. B. wie z. B. im frühen Mittelalter als auf dem Altar thronende »Evangeliare, Messbücher (»Missale) oder als Bibeln, präsentiert und im Rahmen liturgischer Handlungen im Gottesdienst verwendet zu werden. (ebd., S.8)

Mit dem technologischen Wandel veränderten sich im nach und nach gänzlich christianisierten spätantiken römischen Reich im 4. Jahrhundert n. Chr. aber auch die Lesestoffe, die fortan überwiegend christlich geprägt waren und in dessen Gefolge auch das Leseverhalten.

Missale secundum ritum ecclesiae Bremense (1511)
(Bremer Dom-Museum)

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Jürgen Howaldt / CC BY-SA 2.0 DE (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)

Noch in der Blüte der römischen Kaiserzeit hatten die Lesestoffe aller Art zugenommen, man las extensiv, jetzt aber rückte die intensive Lektüre der christlichen Schriften in den Mittelpunkt. Sie aus dem Gedächtnis aufzusagen, bei der sich andauernd wiederholenden Lektüre derselben Bücher wurde ebenso wichtig, wie die »kontemplative, in tiefer geistiger Ausrichtung auf Gott eher intuitiv-spirituelle, denn diskursive Versenkung in die "heiligen Schriften", wie sie vor allem das seit dem 4. Jahrhundert entstehende »christliche Mönchtum in den Klöstern mit ihrem streng normierten Studium kanonischer Schriften (»Bibel, »Altes Testament, »Neues Testament, verschiedene Schriften frühchristlicher »Kirchenväter) (vgl. Hartmann 2015, S.715).

Die »Klosterbibliotheken aber auch Bibliotheken, die im Umfeld von Kirchen aufgebaut und  gepflegt wurden, prägten dabei in besonderer Weise diese Buchkultur. In den dort oft eigens eingerichteten »Skriptorien wurden Texte, darunter viele, die noch aus der Antike stammten, abgeschrieben und damit handschriftlich vervielfältigt. Allerdings betraf das sicher nur eine Auswahl von Schriften. Was durch das Raster des allgemeinen Bildungskanons fiel, ist wohl spätestens in dieser Zeit für immer verlorengegangen. Dementsprechend "(ist) die Geschichte der Bibliotheken dieser Epoche (...) damit primär eine Geschichte des Verlusts." (ebd.)

Der Zusammenbruch des Römischen Reiches und seine Aufteilung unter den germanischen Eroberern war ein tiefer Einschnitt in die sich seit der Antike entwickelnde Buch- und Lesekultur. Die Germanen, in deren Kultur Schriftlichkeit keine Rolle spielte, hatten dafür wenig übrig. Aus diesem Grund lag auch das Lesen außerhalb der Klostermauern am Boden. Das Lesepublikum war fast nur auf Mönche geschrumpft und war "somit wieder eine Domäne von Spezialisten geworden." (ebd., S.716)

arbeitstechnik lesen
Eine Schreibe ist keine Rede
Schrift sind nicht nur Buchstaben

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.08.2020

 
 

 
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