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Alberto Manguel (1999)

Verbotenes Lesen

Strukturbild

 
 
Karl II. von England erließ 1660 ein Dekret, dem zufolge die Eingeborenen, Diener und Sklaven der britischen Kolonien im Christentum unterwiesen werden sollten. [...] Doch die britischen Sklavenhalter in den Kolonien teilten diese Ansicht nicht. Schon der Gedanke an eine »gebildete schwarze Bevölkerung« weckte in ihnen die Furcht, dass ihre Untertanen auf umstürzlerische Ideen kommen konnten. Auch dem Argument, dass die Lektüre der Bibel den sozialen Zusammenhalt stärken würde, misstrauten sie, denn wenn die Sklaven die Bibel lesen konnten, waren sie auch fähig, Pamphlete gegen die Sklaverei zu lesen, und sogar die Heilige Schrift selbst konnte das Verlangen nach Aufruhr und Befreiung schüren.
   Der Widerstand gegen Karls Dekret zeigte sich in den amerikanischen Kolonien am stärksten, und in South Carolina wurden hundert Jahre später zudem strenge Gesetze erlassen, die allen Schwarzen, ob versklavt oder frei, das Lesenlernen untersagten.
   Über Jahrhunderte  riskierten die afroamerikanischen Sklaven ihr Leben, wenn sie trotz aller Verbote und Schwierigkeiten die Kunst des Lesens erlernen wollten - in aller Heimlichkeit und manchmal in heroischer Anstrengung, wie man vielen Berichten aus dieser Zeit entnehmen kann. Die neunzigjährige Belle Myers Carothers erklärte in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts [...], dass sie lesen lernte, indem sie das mit Buchstabenklötzchen spielende Kind des Plantagenbesitzers beaufsichtigte. Als ihr Herr sie dabei ertappte, trat er sie mit Stiefeln. Doch Belle Myers gab nicht auf. Heimlich lernte sie weiter die Buchstaben auf dem Spielzeug des Kindes entziffern und dann auch die Wörter in einer alten Fibel, die sie irgendwo aufgetrieben hatte. Eines Tages, so berichtete sie, »fand ich ein Gesangbuch und entzifferte die Worte: >When I Can Read My Title Clear< .»Ich war so glücklich, als ich merkte, dass ich lesen konnte, dass ich gleich losrannte und es allen anderen Sklaven erzählte.«
   Der Sklave Leonard Black, ebenfalls beim Lesen ertappt, wurde von seinem Herrn so grausam ausgepeitscht, »dass er meinen Wissensdurst fürs erste zum Erliegen brachte, und ich versagte mir alle weiteren Versuche bis zu meiner Flucht«. [...]
   Nur auf Schleichwegen war es unter diesen Bedingungen den Sklaven möglich, das Lesen zu erlernen, entweder bei Mitsklaven, bei menschenfreundlichen Weißen oder unter Anwendung von Tricks, die das heimliche Lernen erlaubten. [...]
   Führte das Lesenlernen die Sklaven auch nicht direkt in die Freiheit, so eröffnete es ihnen doch den Zugang zu einem wichtigen Machtinstrument ihrer Unterdrücker - dem Buch. Die Sklavenhalter fürchteten (wie alle Potentaten, Diktatoren, Tyrannen, absolute Monarchen und andere Usurpatoren der Macht) in hohem Maße die Macht des geschriebenen Wortes. Sie wussten, weit besser als manche Leser: Lesen ist eine Kraft, wer nur ein paar Worte lesen lernt, der kann bald alle Worte lesen und, schlimmer noch, über diese Worte nachdenken und schließlich seine Gedanken in die Tat umsetzen. [...]
   Die Diktatoren aller Epochen wussten und wissen, dass eine analphabetische Masse am leichtesten zu lenken ist. Da die Fähigkeit des Lesens, einmal erlernt, nicht rückgängig gemacht werden kann, bleibt ihnen als zweitbeste Lösung die Eindämmung des Lesestoffs, Bücher werden von Diktatoren gefürchtet wie keine andere menschliche Erfindung. Die absolute Macht duldet nur eine offizielle Lesart; statt ganzer Bibliotheken widerstreitender Meinungen soll nur das Wort des Herrschers gelten. [...] Der Macht folgt daher, in welcher Gestalt auch immer, die Zensur auf dem Fuße, und die Geschichte des Lesens wird begleitet von der schier endlosen Geschichte der Bücherverbrennungen, von den ersten Papierrollen bis zu den Büchern unserer Zeit. [...] Die Bücherverbrenner erliegen der Illusion, dass sie mit ihrem Tun die Geschichte abschaffen und die Vergangenheit auslöschen können. [...] 
   Autoritäre Leser, die anderen das Lesenlernen verbieten; fanatisierte Leser, die darüber befinden, was man lesen darf und was nicht; stoische Leser, die sich die Lesefreude versagen und nur Tatsachendarstellungen dulden, die sie selbst für wahr halten - sie alle versuchen, die vielfältigen Potenzen, die das Lesen verleiht, einzudämmen und zu ersticken. Aber Zensoren können auch anders gegen die Literatur vorgehen, ohne Scheiterhaufen und ohne Gerichtsurteile. Sie können Bücher uminterpretieren und sie damit ihren eigenen Zwecken dienstbar machen. 

Abb.: Lesende Sklavin 1856 in Aiken, South Carolina, Ausschnitt aus "Aunt Betsy's cabin in Aiken, South Carolina, wahrscheinlich fotografiert von J.A.Palmer 1876, Collection of the New York Historical Society

(aus: Alberto Manguel, Eine Geschichte des Lesens, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1999, S.325ff., gekürzt und leicht verändert)

 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus:
    • Welche Bedeutung besitzt das Lesen in den Augen der englischen Sklavenhalter und in denen der Sklaven?
  2. Visualisieren Sie die wesentlichen Textaussagen in Form eines Strukturbilds.
  3. Erläutern Sie die Problematik von Bücherverbrennungen mit Beispielen aus Geschichte und Gegenwart.
  4. Erörtern Sie über den Text hinausgehend: Welchen Stellenwert besitzt das Lesen und der Erwerb der Lesefähigkeit in unserer modernen Informationsgesellschaft und unserer globalisierten Welt? Welche Bedeutung kommt der Alphabetisierung der Menschheit dabei zu?
  5. Verfassen Sie einen Kurzvortrag / eine Präsentation zum Thema Analphabetismus.
    (vgl. Analphabetismus - ein Überblick)

 

 

  

 
 

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