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Theorie des autoritären Charakters

Autoritäre Gesellschaftsformen

 
 
 

Sozialpsychologogisch betrachtet, gibt es natürlich Gesellschaftsformen, die auf dem autoritären Charakter als Sozialcharakter beruhen bzw. diesen immer wieder neu reproduzieren.. Solche "autoritären Gesellschaftsformen" befriedigen sowohl die sadistischen als auch die masochistischen Strebungen des autoritären Charakters. Denn in solchen autoritären Gesellschaften "ist jeder in ein System von Abhängigkeiten nach oben und nach unten eingegliedert. Je tiefer ein Individuum in dieser Hierarchie steht, desto größer ist die Zahl und die Qualität seiner Abhängigkeit von höheren Instanzen. Er muss den Befehlen seines unmittelbaren Vorgesetzten gehorchen, aber dessen Weisungen kommen selbst von der Spitze der Pyramide, d.h. dem Monarchen, dem Führer oder einem Gott." (Fromm 1936/1980, S. 141-187)

Wer in einer autoritären Gesellschaft seinen sadistischen Impulsen nachgehen will, findet dazu reichlich Gelegenheit, auch wenn er in der Gesellschaftshierarchie nicht gerade oben steht und über Untergebene verfügt. Selbst "der einfache Mann hat noch Objekte zur Verfügung, die schwächer sind als er und die zu Objekten seines Sadismus werden. Frauen, Kinder und Tiere spielen in dieser Hinsicht eine äußerst wichtige sozialpsychologische Rolle. Wenn sie sich als nicht ausreichend erweisen, werden Objekte des Sadismus gleichsam artifiziell geschaffen, sei es dadurch, dass man Sklaven oder gefangene Feinde, sei es, dass man Klassen oder rassenmäßige Minoritäten in die Arena wirft. Die sadistischen Circenses mussten immer eine umso größere Rolle spielen, je knapper das Brot war und je mehr die reale Hilflosigkeit der Menschen zu einer Verstärkung der sado‑masochistischen Charakterstruktur führte. In der autoritären Gesellschaft wird die sado‑masoschistische Charakterstruktur durch die ökonomische Struktur erzeugt, welche die autoritäre Hierarchie notwendig macht." (ebd.)

Autorität in der autoritaristischen Gesellschaft

"Aber die Autorität muss nicht nur mächtig und angsterregend, auf Grund göttlicher und natürlicher Bestimmung notwendig und absolut überlegen sein, sie muss auch ein moralisches Vorbild für die ihr Unterworfenen bilden. Wenn sie von diesen »Selbstvergessenheit«, Verzicht auf eigenes Glück, Pflichterfüllung bis zum äußersten, unermüdliche Arbeit usw. verlangt, dann muss sie selber diese moralischen Züge aufweisen, um die Über‑Ich‑Bildung zu ermöglichen und um der Angst vor ihr jenen oben diskutierten Doppelcharakter zu verleihen, der erst dadurch entsteht, dass in der Autorität nicht nur die Gewalt gefürchtet, sondern dass sie auch als vorbildhaft, edel und wertvoll geliebt wird. Der einfache Mann muss glauben, dass sein Oberhaupt nichts für sich will, sondern alles für den andern, dass es von morgens früh bis abends spät ununterbrochen arbeitet und sich kaum einen Genuss gönnt. Der Herrscher ist streng, aber gerecht. Durch Geschichtsunterricht, Presse, Photographien und nicht zuletzt auch, indem unter Aktivierung der Pietätsgefühle, die verstorbenen Autoritäten zur Personifizierung aller Tugenden gestempelt werden, wird die Autorität in diesem moralischen Licht gezeigt. Schon in der Familie wird die Empfänglichkeit für dieses Bild angelegt. Das Kind soll glauben, die Eltern lögen nie und erfüllten tatsächlich alle die moralischen Forderungen, die sie dem Kind auferlegen. Es soll glauben, dass alles, was die Eltern tun, zu seinem Besten sei und nichts ihnen ferner liege, als in der Erziehung egoistische Ziele verfolgen. Gerade in diesem Stück der Familienerziehung zu den moralischen Qualitäten, die das Kind von Anfang an mit der Autorität verknüpft sehen lernt, liegt eine der wichtigsten Funktionen bei der Erzeugung des autoritären Charakters. Es gehört gewiss zu den schwersten Erschütterungen im kindlichen Leben, wenn es allmählich sieht, dass die Eltern in Wirklichkeit den eigenen Anforderungen nur wenig entsprechen. Aber indem es durch die Schule und später durch die Presse usw. neue Autoritäten an die Stelle der alten setzt, und zwar solche, die es nicht durchschaut, bleibt die ursprünglich erzeugte Illusion von der Moralität der Autorität bestehen. Dieser Glaube an die moralische Qualität der Autorität wird wirkungsvoll durch die ständige Erziehung zum Gefühl der eigenen Sündhaftigkeit und moralischen Unwürdigkeit ergänzt. Je stärker das Schuldgefühl und die Überzeugung eigener Nichtigkeit ist, desto heller strahlt die Tugend der Oberen. Der Religion und der strengen Sexualmoral kommt die Hauptrolle bei der für das Autoritätsverhältnis so wichtigen Schuldgefühle zu." (ebd.)

Worterklärungen:

Über-Ich: nach Sigmund Freud ein Bestandteil der Seele / Psyche des Menschen. Er besitzt die Aufgabe der Gewissensbildung und der Selbstbeobachtung; es wird gebildet durch die Verinnerlichung elterliche/gesellschaftlicher Normen als eine Art „verinnerlichter Autorität“

Pietätsgefühle: Gefühle, die Respekt vor den sittlichen und religiösen Wertvorstellungen anderer ausdrücken

Personifizierung: persönliche Verkörperung

 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

 
     
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