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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Heinrich von Kleist (1777-1811) geriet um 1801 in eine
besondere Krisensituation, die sein Weltbild, seine
Lebensorientierung und sein literarisches Schaffen in ganz
besonderer Art und Weise beeinflusst hat. Sie wird oft als • "Kant-Krise"
bezeichnet, weil ihn in dieser Zeit die Lehren des »Königsberger
Philosophen »Immanuel
Kant (1724-1804), die dieser in seinem Werk »"Kritik
der Urteilskraft" aus dem Jahr 1790 entwickelte, nachhaltig
beeinflussten und wohl zum "Auslöser" für seine in dieser Zeit
vollzogene "Abkehr von der Wissenschaft als Lebensorientierung und
seine Hinwendung zur Kunst" (Greiner
2013a, S. 206, Kindle Edition) wurden.
Kleist lehnt allerdings •
Kants Begriff der Schönheit
mit seinem Konzept des "interesselosen Wohlgefallens"
ebenso ab wie das Schönheitsideal der • Weimarer Klassik
(1786-1805).
Während die Klassiker, allen voran ▪
Friedrich Schiller (1759-1805) in seinen zahlreichen Schriften
über das Schöne und Erhabene, Schönheit als Harmonie von Geist und Körper
idealisierten, zeigt
•
Kleist in seiner • Komödie • "Der
zerbrochne Krug" (1808) auf eine sehr ironische und
zugleich entlarvende Weise, dass
ästhetische Kategorien in einer korrupten Welt oft nur als Fassade
dienen oder missbraucht werden.
In einer • korrupten Welt wie der des Dorfrichters •
Adam
wird Ästhetik zur bloßen Fassade: Der Krug ist zerbrochen und damit
ist die Schönheit des Krugs für immer dahin, die
Perücke (als Symbol der Richterwürde) geht verloren, und die ▪
eingeschränkte bzw. gebrochene "schöne Seele" •
Eve wird zum •
Opfer sexualisierter Gewalt.
In der Welt des • Zerbrochnen
Krugs ist Schönheit kein Symbol des Sittlich-Guten mehr, sondern ein Instrument
von
Manipulation und Erpressung. Anders als in den • Trauerspielen bzw. Tragödien
Kleists, wo die Schönheit oft ein zerbrechliches Ideal ist,
dient sie im • Zerbrochnen Krug
dazu, gesellschaftliche Doppelmoral und Manipulation aufzudecken.
Das
"Schöne" in dieser Komödie ist ganz gleich. ob es im
Zusammenhang mit Figuren oder Objekten gesehen wird, zur Fassade
geworden.
Zwischen den Erkenntnissen über die subjektgebundenen Sichtweisen
auf die Welt, die niemals die eine Wahrheit repräsentieren kann, die
Kleist in seiner Orientierungs- und Erkenntniskrise im Frühjahr 1801
im Zusammenhang mit der Rezeption der zeitgenössischen Philosophie,
vor allem »Immanuel
Kants (1724-1804), gewinnt und dem •
Zerbrochnen Krug lassen sich eine ganze Reihe von Beziehungen
aufzeigen. Sie verdeutlichen, wie Kleist seine grundlegend neuen
Erkenntnisse, mit denen er "sein jugendlich-aufklärerisches Ideal
von Perfektibiliät und ›Wahrheit‹"
(Schulz
2007/2011, S.208) ebenso begräbt wie seinen darauf aufbauenden
• "Lebensplan", durch Anschluss an zeitgenössische Diskurse und
thematische Kontexte in Story und plot und in die Charakterisierung der
Figuren dieser Komödie eingeschrieben hat.
Sprache und Wahrheit
Eine zentrale Rolle
bei der Frage, wie sich die so genannte ▪
Kant-Krise im ▪
Jahre 1801
auf die Gestaltung seiner • Komödie • "Der
zerbrochne Krug" (1808) ausgewirkt hat, spielt das
darin dargestellte Verhältnis von Sprache und Wahrheit.
Hintergrund von Kleists Verhältnis und seinen Umgang mit Sprache
im Allgemeinen ist seine •
skeptische Grundhaltung, die ihn seit der ▪
Kant-Krise im ▪
Jahre 1801
prägt. Sie führt auch dazu, dass er der menschlichen Sprache und
"dem Wort, das zwischen den Menschen unterwegs ist" (Willems
2013, S.148), misstraut. Im Dialog seiner Dramen, und dies
betrifft in besonderem Maße den •
Zerbrochnen Krug tritt diese
Sprachskepsis deutlich hervor.
Gerade hier wird der
dramatische Dialog seiner Figuren nämlich immer wieder "zu
einer
Quelle von Missverständnis und Täuschung [...] Ausgangspunkt des
Scheiterns und [...] Keimzelle der Katastrophe." (ebd.)
Dadurch machen auch die Leser*innen
und das Publikum des Stückes die Erfahrung, dass "das
Wort (...) die Menschen mehr voneinander (trennt), als es sie
verbindet." (ebd.)
Im • Zerbrochnen Krug" ist nämlich der Dialog, mit den Worten von »Gottffried
Willems (1947-2020) gesprochen, "ein
Ort der bewussten Täuschung, von Hinterlist und Verrat, [...]
des unfreiwilligen Missverstehens, der Täuschung über die
Absichten der anderen [...] und über die eigenen Absichten."
(ebd.)
Keine der Figuren,
die die Wahrheit der sexuellen Erpressung und sexualisierten Gewalt
nicht kennen, hat, um es ganz salopp zu sagen, den "Durchblick", um
falsche Annahmen, Verschwörungstheorien und Aberglauben und alle
anderen subjektiv motivierten Fehldeutungen des Geschehens so zu
dekonstruieren, damit die "objektive" Wahrheit ans Licht gelangen
kann. Die Betroffenen, •
Eve und •
Adam, verschweigen aus
unterschiedlichen Gründen ihr Wissen über das Geschehen. Da es
keine nachprüfbaren Beweise gibt, sondern allenfalls Indizien wie die
Wunden, die Amtsperücke und die Spuren im Schnee zu •
Adams Haus gibt,
hängt zunächst alles davon ab, was die vermutete "Wahrheit"
der Indizien zur
Aufklärung des Falles beitragen kann.
Es geht unter diesen Umständen
also stets um die Frage, welche "Wahrheit" die Deutungshoheit
gewinnt. Diese beansprucht lange Zeit •
Adam, der, selbst mit
wechselnden "Geschichten", z. B. über das Verschwinden seiner
Perücke, Narrative präsentieren kann, denen gegenüber sich andere
Vorstellungen und Vermutungen wie z. B. die des Schreibers •
Licht und des Gerichtsrats •
Walter ohne
handfeste Beweise nicht behaupten können.
Was die Figuren •
Ruprecht, •
Marthe Rull, • Veit
Tümpel, •
Frau Brigitte und •
Licht aus eigener Anschauung,
Fantasie oder Aberglauben sprachlich als Wahrheit präsentieren ist
stets und dies besonders deutlich an ihre Perspektiven gebunden. In komischer Verzerrung zeigt sich
darin der "erkenntnistheoretische Perspektivismus" (Greiner
2013a, S. 208, Kindle Edition), der den • "Krisenbriefen"
•
Kleists Anfang des Jahres 1801 zugrunde liegt. Dieser
mündet in dem grundsätzlichen Skeptizismus gegenüber Gott und der
Welt, der Kleist nach seiner Kant-Krise prägt. Insbesondere sei ihm,
so Greiner
(2013a),
klar geworden, dass "moralische Handlungen [...] in dieser Welt nie sicher zu erkennen
(sind)". (ebd.)
Die prinzipielle Beschränktheit der Perspektiven der Figuren im •
Zerbrochnen Krug bringt damit zum
Ausdruck, was Kleist in seinem berühmt gewordenen
Vergleich der • "grünen Gläser", den er in
dem • Brief an Wilhelmine Zenge vom 22. März 1801
anstellt, meint, wenn er das sagt:
Wenn
alle Menschen durch grüne Gläser sehen würden, würden sie glauben,
die Welt selbst sei grün. Kleists (vielleicht etwas
einseitige) Erkenntnis aus seiner Kant-Lektüre zeigt sich damit auch
im • Zerbrochnen Krug: Der Mensch kann die Wahrheit nicht erkennen, da
seine Vorstellung darüber stets nur Ergebnis subjektiver Wahrnehmung
("grüne Brille" ) ist. Anders ausgedrückt: "Der Zirkel, in
dem menschliches Erkennenwollen verfangen ist, scheint nicht
durchbrechbar: das Wirkliche, nach welchem sprachliche Äußerungen
beurteilt werden sollen, ist seinerseits nur in sprachlicher
Wiedergabe präsent.“ (Michelsen
1977, S.282)
Die Sprache als Mittel der Lüge
Dass das, was die
Menschen über etwas sagen, stets von der von ihnen eingenommenen
Perspektive abhängt, wird in Kleists Komödie schon frühzeitig klar.
Schon im • 1. und •
2. Auftritt des
Stücks, als •
Adam und sein Schreiber •
Licht angesichts des desolaten
Zustandes des Dorfrichters über deren Ursachen und das baldige
Eintreffen des Gerichtsrats •
Walter in Huisum
sprechen, entpuppt sich der Dialog der beiden als ein Gespräch, das
der bewussten Irreführung, Täuschung und Vertuschung ebenso dient
wie der absichtlichen Täuschung des anderen über die eigenen
Absichten. (vgl.
Willems
2013, S.148)
Dabei ist es nicht
allein •
Adam, der wegen seiner
Schrammen an Nase, Wangen und Bein von •
Licht nach den Ursachen dafür
befragt, ausweichende und widersprüchliche Erklärungen abgibt und
versucht, das Thema herunterzuspielen, sondern auch die •
gegenseitige
Loyalitätsversicherung angesichts des bevorstehenden Besuchs von
•
Walter erscheint
überaus fragwürdig. Auch die Anspielung •
Lichts auf den •
biblischen Südenfall,
die aber nicht klar benennt, worauf sie sich genau bezieht, zeigt,
dass die Sprache ihre Eindeutigkeit verloren hat. Und letztlich ist
es auch das • Komische
bei der Gestaltung der Szenen mit ihren
sprachkomische Effekten (z. B. mit der
absurd-grotesk wirkenden •"Katzengeschichte"
(2. Auftritt, V 242 -
V 259) und der
•
Situationskomik
mit ihren •
slapstickartig
inszenierten Verwirrungen und Missverständnisse, das von Anfang an
zeigt, dass die Sprache und das worüber gesprochen wird, •
zu der dargestellten Situation ebenso wenig passen, wie, je nach
Inszenierung und Bühnenbild, der tatsächliche Handlungsort und eine
Gerichtsstube.
Auch die "Perlhuhn-Geschichte",
die •
Adam •
Walter auftischt,
als dieser ihn zu Beginn des Prozesses danach fragt, was ihm fehle,
da er so sonderbar zerstreut wirke (7.
Auftritt, V 558 -
V 563), kommt zunächst
einmal daher, als sei sie eine frei erfundene Ausrede und ein
Ablenkungsmanöver Dorfrichters, mit der er dem Gerichtsrat erklären
will, weshalb er mit •
Eve vor Beginn der Verhandlung
gesprochen hat, entpuppt sich später als durchaus wahrheitsgemäß (10.
Auftritt, V 1590
-V 1593), als sie
von •
Marthe Rull bestätigt wird.
Der ganzen "Perlhuhn-Geschichte" ist, wie
Michelsen (1977,S.275) betont, "strukturell" nicht zu entnehmen,
ob sie den Tatsachen entspricht oder nicht.
Auch die • "Katzengeschichte"
(2. Auftritt,
V 242 -
V 259), wonach die Katze
in seine Perücke gejungt habe, reichert •
Adam im Gespräch mit •
Licht und seinen Mägden so mit
kleinsten Details, um seine Version des Perückenverlusts zu
beglaubigen. Allerdings macht die Detailfülle der Geschichte diese
um keinen Deut wahrer. Allerdings entsteht durch die Geschichte eine
"Anschaulichkeit, die durch ihre sinnliche Prägnanz sich im
Vorstellungsnachvollzug gerade als ein Konkretes, Wirkliches
einzuprägen vermag;“
(Michelsen 1977, S.275). Ob dies allerdings wie von •
Adam auch wirklich passiert,
dürfte gangesichts der Reaktion Lichts und der Magd Margarete eher
zweifelhaft sein und auch die Leser*innen und das Publikum werden
dieser Version •
Adams und schon ganz zu Beginn
der Komödie nicht auf den Leim gehen.
Mit den zahlreichen
Detail, mit denen •
Adam seine Katzengeschichte
anreichert und ausschmückt und auch mit der äußerst offensiv
vorgetragenen Geste, er könne eine der Katzen sogar •
Licht schenken, wird das, was •
Adam sagt, in keiner Weise
"wahrer", soll seine Version des Perückenverlusts beglaubigen. Ob
und wie dies bei der Rezeption auch wie gewünscht wirkt, ist
hingegen angesichts der Reaktion •
Lichts und der Magd auf die •
"Katzengeschichte"
eher zweifelhaft.
Mit der gleichen
Strategie tischt
•
Adam später dem Gerichtsrat •
Walter eine •
andere Version des Perückenverlusts auf (10.
Auftritt, V 1489
- V 1498), wonach
die Perücke beim Aktenstudium bei Nacht von einer Kerze entflammt
und gänzlich verbrannt sei. Ob und inwieweit •
Walter diese Lüge durchschaut, lässt sich allerdings nur
vermuten.
Dass Adam seine
Lügen immer nur von Fall zu Fall entwickelt und eine durchdachte
Gesamtlügenstrategie vermissen lässt, wird nicht zuletzt an diesen
beiden Versionen sichtbar. Er plant seine Lügen also nicht, sondern
lügt quasi im Affekt, was sie auf der anderen Seite aber auch immer
leicht durchschaubar macht (vgl.
Michelsen 1977, S.278)
Ob •
Adam allerdings mitunter,
salopp gesagt, hin und wieder einfach die Wahrheit herausrutscht, er
also mitunter unbewusst spricht, ist in der Wissenschaft umstritten.
Für
Michelsen (1977, S.278) macht sich •
Adam mit solchen Äußerungen
vielmehr aus einer überheblichen Position über die Adressaten seiner
jeweiligen Rede lustig. Dass er dabei unfreiwillig auch das eine
oder andere Mal zum Stichwortgeber für weitere Nachfragen wird, wie
z. B. mit seiner Bemerkung gegenüber Licht, wonach jeder den Stein
des Anstoßes in sich selbst trägt, die diesen und das Publikum erst
auf die Idee bringt, dass die Blessuren Adams einen anderen Grund
als den von ihm dargestellten haben könnten, zeige eben nur, dass
Adam allem Anschein nach eben doch ein schlechter Lügner sei, dem
die Kontrolle über sein fragiles und situations- und
adressatenorientiertes jeweiliges Lügengebäude immer wieder
entgleitet. Dadurch und wegen der sich immer weiter gegen ihn
richtenden Indizienlage kann •
Adam auch die Wahrheit nicht
wirksam und dauerhaft verschleiern, auch wenn es, wie
Michelsen (1977, S.281) bemerkt, unter diesem Blickwinkel
besonders erstaunlich ist, dass es •
Adam mit seinen improvisierten
Lügengeschichten, seinem groben Lavieren und seinen Dreistigkeit
gelinge, die anderen aber doch immer wieder an der Nase
herumzuführen und deren Bemühungen um die Wahrheitsfindung zumindest
zeitweise ins Leere laufen zu lassen oder sie zumindest von seiner
Spur abzubringen. Letzten Endes werden damit aber wohl die "Scheuklappen"
der anderen betont, die ihre eigenen Perspektiven auf den Lauf der
Dinge nicht aufgeben können, sondern die Welt durch ihre jeweiligen
• "grünen Gläser", sehen,
Die "grünen Gläser" Marthe Rulls:
Marthe Rull
gehört zu den •
Hauptfiguren der • Komödie • "Der
zerbrochne Krug". Sie besitzt zwar eine große • Bedeutung im Handlungsverlauf.
hat aber, sieht man von der Beharrlichkeit ab, mit der sie
ihres und ihrer Tochter Anliegen vor dem Dorfrichter vorbringt,
keinen wesentlichen Anteil daran, dass der Dorfrichter •
Adam am Ende als Lügner
entlarvt wird. Im Gegenteil: Mit ihrer
Krugerzählung aus •
Krugbeschreibung (7. Auftritt, V
640 - V 674)
und Darstellung der •
Kruggeschichte (7. Auftritt, V
680 - V 729)
verzögert sie zunächst einmal das Tempo der Dramenhandlung deutlich,
da diese Ausführungen zur weiteren Aufklärung der ▪
Vorgeschichte
keine Informationen beisteuern. Insgesamt macht sie bei ihrer
Krugerzählung keinen Unterschied zwischen den Ebenen der
Materialität des Kruges, der Abbildung(en), die darauf angebracht
sind und der historischen Begebenheit. (vgl.
Graham 1967,
S.277) Und das zerstörte Bild in der Mitte des Kruges existiert
eigentlich nur •
in seiner
sprachlichen Transformation durch • Marthe Rull.
Die •
"Wahrheit" des Bildes, die stets in seiner präsentativen, nur den Sinnen zugänglichen
Bedeutung liegt, kann die Sprache mit ihrer als Ergebnis kognitiver
Verarbeitung entstandenen Interpretation nicht wirklich erfassen.
Allerdings kann sie, wie dies • Marthe Rull
tut, das Bild mit wechselnden Bedeutungen anreichern,
dass es einen Anspruch auf Wahrheit erheben kann. (vgl. Schmitz-Emans (2002, S.69)
Abgesehen von ihren
Bebachtungen als Augenzeugin des • "Tumults"
in •
Eves Kammer in der Vornacht (7.Auftritt,
V 743 -
V 780) ist sie auf
Vermutungen angewiesen. Für sie steht lange einfach fest, dass ▪
Ruprecht ihren Krug zerbrochen und
den Verlust der • "Ehre" ihrer
Tochter •
Eve zu verantworten hat.
An
dieser Version hält sie solange fest, bis •
Adam, noch bevor ihn •
Walter sein Urteil über •
Ruprecht verhängen lässt, entlarvt
ist und ihr der eigene Irrtum wie Schuppen von den Augen zu fallen
scheint ("Ei, solch ein blitz-verfluchter Richter, das!",
11. Auftritt,
V 1864).
Ruprecht, der von sich behauptet, dass er das, was er mit
Händen greifen könne, gerne glaube (9.
Auftritt, V 1176),
erhebt damit den Anspruch, dass sein
Wahrheitsbegriff eine
empirische, sinnlich erfahrbare Basis besitzt. Soweit dies die
Tatsache betrifft, dass er neben •
Eve und •
Adam die einzige Person ist,
die von dem Aufenthalt eines ihm zwar nicht bekannten, aber von ihm
auf dessen Flucht mit einem Schlag verletzten Dritten in •
Eves Kammer weiß, trifft dies zu.
Aber wie alle anderen
konstruiert er daraus eine weitere "Wahrheit". Er fühlt sich von •
Eve mit seinem vermeintlichen Nebenbuhler, dem Flickschuster
Lebrecht, betrogen und kann und will sich etwas zunächst anderes nicht
vorstellen.
Er hält auch dann noch an der Untreue seiner Verlobten fest,
nachdem der zwischenzeitlich auf Lebrecht gefallenen Verdacht
(9. Auftritt,
V 1222ff.) von ihm selbst
•
entkräftet
wird und damit •
Eves
Aussage bestätigt, die zuvor schon erklärt hat, dass Lebrecht in der fraglichen Nacht gar nicht in Huisum gewesen sein kann.
(9. Auftritt,
V 1215ff.). Zuvor hat •
Eve
schon erklärt hat, dass •
Ruprecht den Krug nicht zertrümmert hat (9.
Auftritt, V 1195).
So muss es in den Augen •
Ruprechts eben ein unbekannter Dritter gewesen sein, der von
Eve in ihrer Kammer empfangen worden ist. Dass er spätestens jetzt
keine folgerichtigen Schlüsse aus den Blessuren ▪
Adams an Kopf, Wangen und Bein
ziehen kann, zeigt einmal mehr, wie seine Voreingenommenheit seine
Wahrnehmungsperspektive und seine Suche nach der Wahrheit im Sinne
des figurentypischen •
erkenntnistheoretischen Perspektivismus in diesem Stück prägt.
Seine "grünen Gläser", die seine Wahrheit subjektiv
eintrüben, sind seine Eifersucht (7.
Auftritt, V 924ff.)
und die vor den Augen der Dorföffentlichkeit ihm aufgesetzten
"Hörner" ("Hirschgeweihe",
7. Auftritt,
V 942), die er als
Mann nicht auf sich sitzen lassen will.
Frau Brigitte, die Schwester • Veit
Tümpels, ist eine weitere Figur, deren "grüne
Gläser" von Kleist in besonders eindrücklicher Weise dargestellt
werden.

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Marthe Rull, , •
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
14.05.2026
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