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Interpretationsansätze

Kleists "Kant-Krise" und der ›Zerbrochne Krug‹

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse [ Interpretationsansätze Überblick Kleists Komisierung des dramatischen Geschehens Staatsgründung, Subjekt- und Objektwerdung der NiederländerSatire auf die Autoritäten und die Autoritätsgläubigkeit der Menschen Der Krugprozess und die geschichtliche Entwicklung zunehmender Korruption in den Niederlanden Das Schöne als Fassade einer korrupten Welt Eine Komödie um Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt Kleists "Kant-krise" und der ›Zerbrochne Krug‹ Das Stück in dekonstruktivistischer Lesart ] Rezeptionsgeschichte Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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Heinrich von Kleist (1777-1811) geriet um 1801 in eine besondere Krisensituation, die sein Weltbild, seine Lebensorientierung und sein literarisches Schaffen in ganz besonderer Art und Weise beeinflusst hat. Sie wird oft als • "Kant-Krise" bezeichnet,  weil ihn in dieser Zeit die Lehren des »Königsberger Philosophen »Immanuel Kant (1724-1804), die dieser in seinem Werk »"Kritik der Urteilskraft" aus dem Jahr 1790 entwickelte, nachhaltig beeinflussten und wohl zum "Auslöser" für seine in dieser Zeit vollzogene "Abkehr von der Wissenschaft als Lebensorientierung und seine Hinwendung zur Kunst" (Greiner 2013a, S. 206, Kindle Edition) wurden.

Kleist lehnt allerdings • Kants Begriff der Schönheit mit seinem Konzept des "interesselosen Wohlgefallens" ebenso ab wie das Schönheitsideal der • Weimarer Klassik (1786-1805). Während die Klassiker, allen voran ▪ Friedrich Schiller (1759-1805) in seinen zahlreichen Schriften über das Schöne und Erhabene, Schönheit als Harmonie von Geist und Körper idealisierten, zeigt • Kleist in seiner • Komödie • "Der zerbrochne Krug" (1808) auf eine sehr ironische und zugleich entlarvende Weise, dass ästhetische Kategorien in einer korrupten Welt oft nur als Fassade dienen oder missbraucht werden.

In einer • korrupten Welt wie der des Dorfrichters • Adam wird Ästhetik zur bloßen Fassade: Der Krug ist zerbrochen und damit ist die Schönheit des Krugs für immer dahin, die Perücke (als Symbol der Richterwürde) geht verloren, und die ▪ eingeschränkte bzw. gebrochene "schöne Seele" Eve wird zum • Opfer sexualisierter Gewalt.

In der Welt des • Zerbrochnen Krugs ist Schönheit kein Symbol des Sittlich-Guten mehr, sondern ein Instrument von Manipulation und Erpressung. Anders als in den • Trauerspielen bzw. Tragödien Kleists, wo die Schönheit oft ein zerbrechliches Ideal ist, dient sie im • Zerbrochnen Krug dazu, gesellschaftliche Doppelmoral und Manipulation aufzudecken. Das "Schöne" in dieser Komödie ist ganz gleich. ob es im Zusammenhang mit Figuren oder Objekten gesehen wird, zur Fassade geworden.

Zwischen den Erkenntnissen über die subjektgebundenen Sichtweisen auf die Welt, die niemals die eine Wahrheit repräsentieren kann, die Kleist in seiner Orientierungs- und Erkenntniskrise im Frühjahr 1801 im Zusammenhang mit der Rezeption der zeitgenössischen Philosophie, vor allem »Immanuel Kants (1724-1804), gewinnt und dem • Zerbrochnen Krug lassen sich eine ganze Reihe von Beziehungen aufzeigen. Sie verdeutlichen, wie Kleist seine grundlegend neuen Erkenntnisse, mit denen er "sein jugendlich-aufklärerisches Ideal von Perfektibiliät und ›Wahrheit‹" (Schulz 2007/2011, S.208) ebenso begräbt wie seinen darauf aufbauenden • "Lebensplan", durch Anschluss an zeitgenössische Diskurse und thematische Kontexte in Story und plot und in die Charakterisierung der Figuren dieser Komödie eingeschrieben hat.

Sprache und Wahrheit

Eine zentrale Rolle bei der Frage, wie sich die so genannte ▪ Kant-Krise im ▪ Jahre 1801 auf die Gestaltung seiner • Komödie • "Der zerbrochne Krug" (1808) ausgewirkt hat, spielt das darin dargestellte Verhältnis von Sprache und Wahrheit.

Hintergrund von Kleists Verhältnis und seinen Umgang mit Sprache im Allgemeinen ist seine • skeptische Grundhaltung, die ihn seit der ▪ Kant-Krise im ▪ Jahre 1801 prägt. Sie führt auch dazu, dass er der menschlichen Sprache und "dem Wort, das zwischen den Menschen unterwegs ist" (Willems 2013, S.148), misstraut. Im Dialog seiner Dramen, und dies betrifft in besonderem Maße den • Zerbrochnen Krug tritt diese Sprachskepsis deutlich hervor. Gerade hier wird der dramatische Dialog seiner Figuren nämlich immer wieder "zu einer Quelle von Missverständnis und Täuschung [...] Ausgangspunkt des Scheiterns und [...] Keimzelle der Katastrophe." (ebd.)

Dadurch machen auch die Leser*innen und das Publikum des Stückes die Erfahrung, dass "das Wort (...) die Menschen mehr voneinander (trennt), als es sie verbindet." (ebd.)  Im •  Zerbrochnen Krug" ist nämlich der Dialog, mit den Worten von »Gottffried Willems (1947-2020) gesprochen, "ein Ort der bewussten Täuschung, von Hinterlist und Verrat, [...] des unfreiwilligen Missverstehens, der Täuschung über die Absichten der anderen [...] und über die eigenen Absichten." (ebd.)

Keine der Figuren, die die Wahrheit der sexuellen Erpressung und sexualisierten Gewalt nicht kennen, hat, um es ganz salopp zu sagen, den "Durchblick", um falsche Annahmen, Verschwörungstheorien und Aberglauben und alle anderen subjektiv motivierten Fehldeutungen des Geschehens so zu dekonstruieren, damit die "objektive" Wahrheit ans Licht gelangen kann. Die Betroffenen, • Eve und • Adam, verschweigen aus unterschiedlichen Gründen ihr Wissen über das Geschehen. Da es keine nachprüfbaren Beweise gibt, sondern allenfalls Indizien wie die Wunden, die Amtsperücke und die Spuren im Schnee zu • Adams Haus gibt, hängt zunächst alles davon ab, was die vermutete "Wahrheit" der Indizien zur Aufklärung des Falles beitragen kann.

Es geht unter diesen Umständen also stets um die Frage, welche "Wahrheit" die Deutungshoheit gewinnt. Diese beansprucht lange Zeit • Adam, der, selbst mit wechselnden "Geschichten", z. B. über das Verschwinden seiner Perücke, Narrative präsentieren kann, denen gegenüber sich andere Vorstellungen und Vermutungen wie z. B. die des Schreibers • Licht und des Gerichtsrats • Walter ohne handfeste Beweise nicht behaupten können.

Was die Figuren • Ruprecht, • Marthe Rull, • Veit Tümpel, • Frau Brigitte und • Licht aus eigener Anschauung, Fantasie oder Aberglauben sprachlich als Wahrheit präsentieren ist stets und dies besonders deutlich an ihre Perspektiven gebunden. In komischer Verzerrung zeigt sich darin der "erkenntnistheoretische Perspektivismus" (Greiner 2013a, S. 208, Kindle Edition), der den • "Krisenbriefen" • Kleists Anfang des Jahres 1801 zugrunde liegt. Dieser mündet in dem grundsätzlichen Skeptizismus gegenüber Gott und der Welt, der Kleist nach seiner Kant-Krise prägt. Insbesondere sei ihm, so Greiner (2013a), klar geworden, dass "moralische Handlungen [...] in dieser Welt nie sicher zu erkennen (sind)". (ebd.)  

Die prinzipielle Beschränktheit der Perspektiven der Figuren im • Zerbrochnen Krug bringt damit zum Ausdruck, was Kleist in seinem berühmt gewordenen Vergleich der • "grünen Gläser", den er in dem • Brief an Wilhelmine Zenge vom 22. März 1801 anstellt, meint, wenn er das sagt: Wenn alle Menschen durch grüne Gläser sehen würden, würden sie glauben, die Welt selbst sei grün.  Kleists (vielleicht etwas einseitige) Erkenntnis aus seiner Kant-Lektüre zeigt sich damit auch im • Zerbrochnen Krug: Der Mensch kann die Wahrheit nicht erkennen, da seine Vorstellung darüber stets nur Ergebnis subjektiver Wahrnehmung ("grüne Brille" ) ist. Anders ausgedrückt: "Der Zirkel, in dem menschliches Erkennenwollen verfangen ist, scheint nicht durchbrechbar: das Wirkliche, nach welchem sprachliche Äußerungen beurteilt werden sollen, ist seinerseits nur in sprachlicher Wiedergabe präsent.“ (Michelsen 1977, S.282)

Die Sprache als Mittel der Lüge

Dass das, was die Menschen über etwas sagen, stets von der von ihnen eingenommenen Perspektive abhängt, wird in Kleists Komödie schon frühzeitig klar.

Schon im • 1. und • 2. Auftritt  des Stücks, als Adam und sein Schreiber • Licht angesichts des desolaten Zustandes des Dorfrichters über deren Ursachen und das baldige Eintreffen des Gerichtsrats • Walter in Huisum sprechen, entpuppt sich der Dialog der beiden als ein Gespräch, das der bewussten Irreführung, Täuschung und Vertuschung ebenso dient wie der absichtlichen Täuschung des anderen über die eigenen Absichten. (vgl. Willems 2013, S.148)

Dabei ist es nicht allein Adam, der wegen seiner Schrammen an Nase, Wangen und Bein von • Licht nach den Ursachen dafür befragt, ausweichende und widersprüchliche Erklärungen abgibt und versucht, das Thema herunterzuspielen, sondern auch die • gegenseitige Loyalitätsversicherung angesichts des bevorstehenden Besuchs von • Walter erscheint überaus fragwürdig. Auch die Anspielung • Lichts auf den • biblischen Südenfall, die aber nicht klar benennt, worauf sie sich genau bezieht, zeigt, dass die Sprache ihre Eindeutigkeit verloren hat. Und letztlich ist es auch das Komische bei der Gestaltung der Szenen mit ihren sprachkomische Effekten (z. B. mit der absurd-grotesk wirkenden •"Katzengeschichte" (2. Auftritt, V 242 - V 259) und der • Situationskomik mit ihren • slapstickartig inszenierten Verwirrungen und Missverständnisse, das von Anfang an zeigt, dass die Sprache und das worüber gesprochen wird, • zu der dargestellten Situation ebenso wenig passen, wie, je nach Inszenierung und Bühnenbild, der tatsächliche Handlungsort und eine Gerichtsstube.

Auch die "Perlhuhn-Geschichte", die • Adam Walter auftischt, als dieser ihn zu Beginn des Prozesses danach fragt, was ihm fehle, da er so sonderbar zerstreut wirke (7. Auftritt, V 558 - V 563), kommt zunächst einmal daher, als sei sie eine frei erfundene Ausrede und ein Ablenkungsmanöver Dorfrichters, mit der er dem Gerichtsrat erklären will, weshalb er mit • Eve vor Beginn der Verhandlung gesprochen hat, entpuppt sich später als durchaus wahrheitsgemäß (10. Auftritt, V 1590 -V 1593), als sie von • Marthe Rull bestätigt wird. Der ganzen "Perlhuhn-Geschichte" ist, wie Michelsen (1977,S.275) betont, "strukturell" nicht zu entnehmen, ob sie den Tatsachen entspricht oder nicht.

Auch die • "Katzengeschichte" (2. Auftritt, V 242 - V 259), wonach die Katze in seine Perücke gejungt habe, reichert • Adam im Gespräch mit • Licht und seinen Mägden so mit kleinsten Details, um seine Version des Perückenverlusts zu beglaubigen. Allerdings macht die Detailfülle der Geschichte diese um keinen Deut wahrer. Allerdings entsteht durch die Geschichte eine "Anschaulichkeit, die durch ihre sinnliche Prägnanz sich im Vorstellungsnachvollzug gerade als ein Konkretes, Wirkliches einzuprägen vermag;“ (Michelsen 1977, S.275). Ob dies allerdings wie von Adam auch wirklich passiert, dürfte gangesichts der Reaktion Lichts und der Magd Margarete eher zweifelhaft sein und auch die Leser*innen und das Publikum werden dieser Version Adams und schon ganz zu Beginn der Komödie nicht auf den Leim gehen.

Mit den zahlreichen Detail, mit denen • Adam seine Katzengeschichte anreichert und ausschmückt und auch mit der äußerst offensiv vorgetragenen Geste, er könne eine der Katzen sogar • Licht schenken, wird das, was • Adam sagt, in keiner Weise "wahrer", soll seine Version des Perückenverlusts beglaubigen. Ob und wie dies bei der Rezeption auch wie gewünscht wirkt, ist hingegen angesichts der Reaktion • Lichts und der Magd auf die • "Katzengeschichte" eher zweifelhaft.

Mit der gleichen Strategie tischt Adam später dem Gerichtsrat • Walter eine • andere Version des Perückenverlusts auf (10. Auftritt, V 1489 - V 1498), wonach die Perücke beim Aktenstudium bei Nacht von einer Kerze entflammt und gänzlich verbrannt sei. Ob und inwieweit • Walter diese Lüge durchschaut, lässt sich allerdings nur vermuten.

Dass Adam seine Lügen immer nur von Fall zu Fall entwickelt und eine durchdachte Gesamtlügenstrategie vermissen lässt, wird nicht zuletzt an diesen beiden Versionen sichtbar. Er plant seine Lügen also nicht, sondern lügt quasi im Affekt, was sie auf der anderen Seite aber auch immer leicht durchschaubar macht (vgl. Michelsen 1977, S.278)

Ob • Adam allerdings mitunter, salopp gesagt, hin und wieder einfach die Wahrheit herausrutscht, er also mitunter unbewusst spricht, ist in der Wissenschaft umstritten. Für Michelsen (1977, S.278) macht sich • Adam mit solchen Äußerungen vielmehr aus einer überheblichen Position über die Adressaten seiner jeweiligen Rede lustig. Dass er dabei unfreiwillig auch das eine oder andere Mal zum Stichwortgeber für weitere Nachfragen wird, wie z. B. mit seiner Bemerkung gegenüber Licht, wonach jeder den Stein des Anstoßes in sich selbst trägt, die diesen und das Publikum erst auf die Idee bringt, dass die Blessuren Adams einen anderen Grund als den von ihm dargestellten haben könnten, zeige eben nur, dass Adam allem Anschein nach eben doch ein schlechter Lügner sei, dem die Kontrolle über sein fragiles und situations- und adressatenorientiertes jeweiliges Lügengebäude immer wieder entgleitet. Dadurch und wegen der sich immer weiter gegen ihn richtenden Indizienlage kann • Adam auch die Wahrheit nicht wirksam und dauerhaft verschleiern, auch wenn es, wie Michelsen (1977, S.281) bemerkt, unter diesem Blickwinkel besonders erstaunlich ist, dass es • Adam mit seinen improvisierten Lügengeschichten, seinem groben Lavieren und seinen Dreistigkeit gelinge, die anderen aber doch immer wieder an der Nase herumzuführen und deren Bemühungen um die Wahrheitsfindung zumindest zeitweise ins Leere laufen zu lassen oder sie zumindest von seiner Spur abzubringen. Letzten Endes werden damit aber wohl die "Scheuklappen" der anderen betont, die ihre eigenen Perspektiven auf den Lauf der Dinge nicht aufgeben können, sondern die Welt durch ihre jeweiligen • "grünen Gläser", sehen,

Die "grünen Gläser" Marthe Rulls:

Marthe Rull gehört zu den • Hauptfiguren der • Komödie • "Der zerbrochne Krug". Sie besitzt zwar eine große Bedeutung  im Handlungsverlauf.  hat aber, sieht man von der Beharrlichkeit ab, mit der sie ihres und ihrer Tochter Anliegen vor dem Dorfrichter vorbringt, keinen wesentlichen Anteil daran, dass der Dorfrichter • Adam am Ende als Lügner entlarvt wird. Im Gegenteil: Mit ihrer Krugerzählung aus • Krugbeschreibung (7. Auftritt, V 640 - V 674) und Darstellung der • Kruggeschichte (7. Auftritt, V 680 - V 729) verzögert sie zunächst einmal das Tempo der Dramenhandlung deutlich, da diese Ausführungen zur weiteren Aufklärung der ▪ Vorgeschichte keine Informationen beisteuern. Insgesamt macht sie bei ihrer Krugerzählung keinen Unterschied zwischen den Ebenen der Materialität des Kruges, der Abbildung(en), die darauf angebracht sind und der historischen Begebenheit. (vgl. Graham 1967, S.277) Und das zerstörte Bild in der Mitte des Kruges existiert eigentlich nur • in seiner sprachlichen Transformation durch • Marthe Rull. Die • "Wahrheit" des Bildes, die stets in seiner präsentativen, nur den Sinnen zugänglichen Bedeutung liegt, kann die Sprache mit ihrer als Ergebnis kognitiver Verarbeitung entstandenen Interpretation nicht wirklich erfassen. Allerdings kann sie, wie dies • Marthe Rull tut, das Bild mit wechselnden Bedeutungen anreichern, dass es einen Anspruch auf Wahrheit erheben kann. (vgl. Schmitz-Emans (2002, S.69)

Abgesehen von ihren Bebachtungen als Augenzeugin des • "Tumults" in • Eves Kammer in der Vornacht (7.Auftritt, V 743 - V 780) ist sie auf Vermutungen angewiesen. Für sie steht lange einfach fest, dass ▪ Ruprecht ihren Krug zerbrochen und den Verlust der • "Ehre" ihrer Tochter • Eve zu verantworten hat. An dieser Version hält sie solange fest, bis • Adam, noch bevor ihn • Walter sein Urteil über • Ruprecht verhängen lässt, entlarvt ist und ihr der eigene Irrtum wie Schuppen von den Augen zu fallen scheint ("Ei, solch ein blitz-verfluchter Richter, das!", 11. Auftritt, V 1864).

Die "grünen Gläser" Ruprechts: Eifersucht und männlicher Stolz

Ruprecht, der von sich behauptet, dass er das, was er mit Händen greifen könne, gerne glaube (9. Auftritt, V 1176), erhebt damit den Anspruch, dass sein Wahrheitsbegriff eine empirische, sinnlich erfahrbare Basis besitzt. Soweit dies die Tatsache betrifft, dass er neben • Eve und • Adam die einzige Person ist, die von dem Aufenthalt eines ihm zwar nicht bekannten, aber von ihm auf dessen Flucht mit einem Schlag verletzten Dritten in • Eves Kammer weiß, trifft dies zu.

Aber wie alle anderen konstruiert er daraus eine weitere "Wahrheit". Er fühlt sich von • Eve mit seinem vermeintlichen Nebenbuhler, dem Flickschuster Lebrecht, betrogen und kann und will sich etwas zunächst anderes nicht vorstellen. Er hält auch dann noch an der Untreue seiner Verlobten fest, nachdem der zwischenzeitlich auf Lebrecht gefallenen Verdacht (9. Auftritt, V 1222ff.) von ihm selbst • entkräftet wird und damit Eves Aussage bestätigt, die zuvor schon erklärt hat, dass Lebrecht in der fraglichen Nacht gar nicht in Huisum gewesen sein kann. (9. Auftritt, V 1215ff.). Zuvor hat Eve schon erklärt hat, dass • Ruprecht den Krug nicht zertrümmert hat (9. Auftritt, V 1195). So muss es in den Augen • Ruprechts eben ein unbekannter Dritter gewesen sein, der von Eve in ihrer Kammer empfangen worden ist. Dass er spätestens jetzt keine folgerichtigen Schlüsse aus den Blessuren ▪ Adams an Kopf, Wangen und Bein ziehen kann, zeigt einmal mehr, wie seine Voreingenommenheit seine Wahrnehmungsperspektive und seine Suche nach der Wahrheit im Sinne des figurentypischen • erkenntnistheoretischen Perspektivismus in diesem Stück prägt. Seine "grünen Gläser", die seine Wahrheit subjektiv eintrüben, sind seine Eifersucht (7. Auftritt, V 924ff.) und die vor den Augen der Dorföffentlichkeit ihm aufgesetzten "Hörner" ("Hirschgeweihe", 7. Auftritt, V 942), die er als Mann nicht auf sich sitzen lassen will.

Die grünen Gläser Frau Brigittes: Aberglaube und Neugier

Frau Brigitte, die Schwester • Veit Tümpels, ist eine weitere Figur, deren "grüne Gläser" von Kleist in besonders eindrücklicher Weise dargestellt werden.

 

 • Marthe Rull, , •

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 14.05.2026

    
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