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Aspekte der Analyse und Interpretation

Das Happy-End für Eve und Ruprecht

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Fachbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
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Das Happy End für • Eve und • Ruprecht in • Heinrich von Kleist (1777-1811)KomödieDer zerbrochne Krug nach einer schweren Belastung ihrer Beziehung durch die Eifersucht und herabsetzenden Vorwürfe • Ruprechts sowie der Tatsache, dass sie • Adam mit in ihre Kammer genommen und das, was sich dort ereignet hat, nicht wirklich zur Sprache  gekommen ist, ist, zumindest für heutige Rezipientinnen und Rezipienten eigentlich alles andere als selbstverständlich.

Der Weg zur Verlobung und die Verlobungszeit

Die beiden jungen Leute, Eve ist etwa 16 Jahre alt. Ruprecht dürfte auch noch • jünger als Mitte Zwanzig sein und damit noch unter der Vormundschaft seines Vaters, des Kleinbauern • Veit Tümpel stehen. Die beiden sind zum Zeitpunkt des Krug-Prozesses schon mehrere Monate miteinander verlobt und planen die Hochzeit an Pfingsten, als eine Konskription • Ruprecht abverlangt (12. Kapitel Variant, V 1972ff.), einen einjährigen Militärdienst in Utrecht (12. Kapitel Variant, V 2391) anzutreten.

Die • Beziehung des zukünftigen Brautpaares ist keine romantische Liebesgeschichte, zumal Eheschließungen meist • arrangiert wurden, auch wenn sie, insbesondere auf dem Land, gewöhnlich nicht gegen den Willen der Beteiligten zustande kamen. Es ist also nicht angebracht, die Beziehung der beiden in den • Kategorien der bürgerlichen romantischen Liebe späterer Jahrhunderte verstehen zu wollen.

Aus • Ruprechts Perspektive gesehen, liest sich seine Entscheidung, • Eve um ihre Hand zu bitten, wie eine überwiegend zweckrationale Entscheidung. Er sucht vor allem eine sittlich tadellose, tatkräftige und gesundheitlich möglichst robuste Ehefrau, die ihm den Haushalt führt, auf dem Hof hilft und zugleich als Mutter ihrer künftigen Kinder für den Nachwuchs sorgt. (7. Auftritt, V 876f.) Als er ihr mit den zwei Worten "Willst du?" den Antrag macht, nachdem er sie bei der gemeinsamen Heuernte arbeiten gesehen hat, zögert sie ein bisschen, stimmt aber, indem sie ihm die Hände reicht, mit einem einfachen "Ja" kurz und bündig zu. ( (9. Auftritt, V 1166) Die Verlobung der beiden Minderjährigen wird daraufhin von ihren Vormündern (• Veit Tümpel und • Marthe Rull) abgesegnet und mit dem Austausch von Verlobungsgeschenken besiegelt. (9. Auftritt, V 1385ff.)

Das • Eheversprechen, das diesem Akt zugrunde liegt, hatte in der Frühen Neuzeit eine hohe soziale Verbindlichkeit. Seine zukünftige Braut gegen Nebenbuhler zu verteidigen, ist für • Ruprecht daher auch selbstverständlich. Aus diesem Grunde sollte seine Forderung an • Eve, seinem vermeintlichen Nebenbuhler, dem Flickschuster Lebrecht, einen klaren Korb zu geben und seine Bereitschaft, ihm andernfalls auch mit gewaltsamen Mitteln seine Grenzen aufzuzeigen, von dem er selbst berichtet (7. Auftritt, V 924 - V 933), nicht in erster Linie als Ausdruck einer eifersüchtigen "Liebe" gelesen werden, sondern eher als legitime Verteidigung des gegebenen • Eheversprechens.

In der Verlobungszeit lernen sich • Eve und • Ruprecht unter Wahrung der erforderlichen Anstandsregeln, die in Huisum gelten, kennen. Die • Annäherung der Geschlechter erfolgt auch hier unter der sozialen Kontrolle der Dorfgemeinschaft. In der Komödie wird dies vor allem durch die Ermahnung • Veit Tümpels an seinen Sohn deutlich, der ihm zwar erlaubt, zu später Stunde zwar noch ein wenig mit • Eve am Fenster zu sprechen, aber auch das Versprechen abnimmt, dass er nicht mit ihr in ihre Kammer gehe und um elf Uhr nachts wieder zu Hause sei  (7. Auftritt, V 886). Auch das Zusammenlaufen der Nachbarschaft (12. Kapitel Variant, V 2259ff.) im Tumult des • "Kammergeschehens" und die von den Nachbarn erhobenen Vorwürfe gegen • Ruprecht  zeigen, ebenso wie die Neugierde von • Frau Brigitte, wie diese soziale Kontrolle ausgeübt wird.

In der Verlobungszeit entwickelt sich eine Zuneigung des Paares füreinander, wobei sich diese in den rollentypischen Bahnen der patriarchalischen Gesellschaft und ihrer sozialen Regeln entfaltet.

Dabei ist es allein • Eve, die die emotionale Basis der Beziehung betont. Für sie gipfelt ihre Zuneigung und Liebe, die sie für • Ruprecht empfindet, in ihrer Bereitschaft, für das Leben • Ruprechts die eigene • Ehre und soziale Existenz zu opfern. Von • Ruprecht erwartet sie, auch in der schwierigen Lage und dem Verdacht, der auf sie wegen des Geschehens der Vornacht gefallen ist, unbedingtes Vertrauen. (9. Auftritt, V 1162ff.) Doch • Ruprecht, der sich von ihr betrogen wähnt, folgt seiner gekränkten männlichen Eitelkeit mit seinen wiederholt herabsetzenden Beschimpfungen als "Metze" (6. Auftritt, V 444). Erst nachdem er, nach der Entlarvung und der Flucht • Adams, seinen Irrtum erkennt, findet er wieder zu einer Sprache, die einem Verliebten ansteht (• "Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!" 12. Kapitel Variant, V 1912), auch wenn er damit natürlich auch "gut Wetter" machen will.

Aufhebung der Verlobung vor Prozessbeginn

Nach den Ereignissen in der Vornacht des dramatischen Geschehens kündigt • Ruprecht, auf der Grundlage seines Wissens, seiner Erlebnisse und Mutmaßungen über das, was sich in der Vornacht im Garten und in der Kammer • Eves  abgespielt hat, mit Rückdeckung seines Vaters • Veit Tümpel das Verlöbnis mit • Eve,  das förmlich • offiziell aufzulösen erklärtes Ziel seines Vaters vor Gericht ist, um die Verlobungsgeschenke (• Silberkettlein, • Schaupfennig) von • Eve und ihrer Mutter • Marthe Rull zurückzufordern (9. Auftritt, V 1383 - V 1388).

Für • Ruprecht ist die Sache klar: Seine Verlobte hat ihn wie eine Hure ("Metze", 6. Auftritt, V 440, 7. Auftritt, V 819) mit seinem Nebenbuhler, dem Flickschuster Lebrecht betrogen (vgl. • 7.AuftrittV 947f.) und damit ihre • "Ehre", ihr wichtiges »SozialkapitalPierre Bourdieu) und aus männlicher Sicht Grundlage des gegebenen • Eheversprechens in der patriarchalischen Gesellschaft der Zeit, in der die Dramenhandlung spielt, verspielt. Nicht nur das: Er befürwortet in seiner Wut und Enttäuschung, wenn • Eve für ihre • unzüchtige Handlungen öffentlich an den Pranger gestellt (9. Auftritt, V 1186) und nicht nur ihre, sondern auch die • soziale Existenz ihrer MutterMarthe Rull in der Huisumer Dorfgesellschaft ruiniert wird.

Ruprecht und Eve während des Prozesses

Als der Prozess beginnt und die Konfliktparteien im Dorfgericht erscheinen, sind die Fronten schon verhärtet. Ruprecht hat seit den Geschehnissen in der Vornacht offenbar kein Wort mehr mit • Eve gesprochen und wehrt ihren Versuch, vor dem Prozess noch einmal mit ihm zu sprechen, brüsk ab. (6. Auftritt, V 453 - V 456) Indem er • Eve damit jede Möglichkeit raubt, sich ihm allein zu erklären, nimmt der Prozess seinen Lauf.

Nur ein einziges Mal während des Prozessverlaufs kommt es im Rahmen eines Mehrpersonengepräches zu einem kurzen Wortwechsel zwischen • Ruprecht und ▪ Eve, bevor • Eve ihr Schweigen bricht und erklärt, dass • Ruprecht den Krug in der Vornacht nicht zerschlagen habe (9. Auftritt, V 1195) Als dieser scheinheilig erklärt, er habe Mitleid mit ihr (• "Sie jammert mich." 9. Auftritt, V 1159) und erneut (erstmals tut er dies schon vor dem Prozessbeginn, 6. Auftritt, V 439 - V 444) auf den zerbrochenen Krug als • sexuelles Symbol der verlorenen Unschuld (Virginität) anspielt, den er selbst gerne "entzweigeschlagen" hätte, platzt ▪ Eve der Kragen. Sie macht ihm wegen seines Misstrauens in ihre "Tat" (9. Auftritt, V 1165) heftige Vorwürfe. Dabei beruhen ihre Vorwürfe darauf, dass sie von ihrem Verlobten unbedingtes Vertrauen erwartet könne, selbst wenn sich erst im Jenseits die ganzen Hintergründe ihrer an sich ruhmvollen Tat aufklärten. (9. Auftritt, V 1471ff.). Im Grunde hält sie ihm damit vor, dass er nicht gelogen, sondern stets bestritten habe, dass er den Krug zerbrochen und der einzige Besucher in ihrer Kammer gewesen sei. Sie ist sich dabei offenbar durchaus bewusst, dass die Folgen eines solchen Verstoßes gegen "Zucht und Ordnung" einschließlich des im Raum stehenden, in der Frühen Neuzeit ▪ sanktionierten vorehelichen Geschlechtsverkehrs, sicher geringer ausfallen würde, wenn das Paar verlobt war.

Doch der Angesprochene will davon nichts hören und lässt den emotionalen Appell nicht an sich heran. Stattdessen hält er weiter unbeirrt daran fest, dass • Eve mit ihrer Falschaussage sich nur vor der • "Fiedel" (9. Auftritt. V 1161), der öffentlichen Schandstrafe, wegen begangener • "Unzucht" retten will. Für einen Moment sieht es so aus, als würde • Eve die Kontrolle verlieren, als sie ihn wütend beschimpft (• "O du Abscheulicher! Du Undankbarer!", 9. Auftritt, V 1187) und andeutet, es bedürfe nur eines Wortes von ihr, um ihre in Frage gestellte "Ehre" reinzuwaschen und ihn "in ewiges Verderben" (9. Auftritt, V 1190) zu stürzen. Dass • Ruprecht nicht verstehen kann, was sie damit meint, kann ihm nicht angelastet werden, denn er weiß ja nichts von den näheren Umständen der • sexuellen Erpressung seiner Verlobten durch den Dorfrichter • Adam und kennt dementsprechend auch nicht das • Dilemma, mit dem • Eve zurechtkommen muss. Dass er aber nicht hellhörig wird, sondern weiter stur an seiner Version der "Wahrheit" festhält, zeigt, wie wenig er zu einer vernünftigen Reflexion fähig ist und seine ▪ "Scheuklappen" nicht beiseite legen kann.

Dass er aber, nachdem sich der ganze Verdacht gegen Lebrecht als falsch erweist (11.Auftritt, V 1665f.), außer • Adam  der einzige ist, der die Teufelsgeschichte seiner abergläubischen Tante, • Frau Brigitte (11.Auftritt, V 1687ff.), zu eigen macht, besitzt eine andere Qualität. Denn sollte wahr sein, dass sich • Eve mit dem Teufel eingelassen hat, dürften die Folgen für sie ungleich härter gewesen sein. Erst als • Adam den Versuch macht, seine zuletzt vertretene Vermutung, • Ruprecht habe sich zur Täuschung unter Umständen auch als Teufel verkappt, weiter verfolgt, wacht dieser wieder auf (• "Was! Ich!", 11.Auftritt, V 1728ff.), wird aber, ehe er wohl weiter protestieren kann, scharf von • Licht zurechtgewiesen und zum Schweigen gebracht. (11.Auftritt, V 1729)

Adams Skandalurteil gegen • Ruprecht, das • Adam mit Billigung von Gerichtsrat • Walter rechtskräftig fällt (11. Auftritt, V 1872 - V 1884) und das den  Bauernsohn in der Krugsache schuldig und wegen seines ungebührlichen Verhaltens vor Gericht für zunächst unbestimmte Zeit ins Gefängnis schickt, macht ihn und ▪ Eve so fassungslos, dass sie kaum Worte finden, um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen.

Auch die beschwichtigenden Worte • Walters (• "Spart eure Sorgen, Kinder.", 11. Auftritt, V 1882), die mit einer väterlichen Geste daherkommen, und sein Rat, beim übergeordneten Gericht in Utrecht die Sache neu verhandeln zu lassen, kann die beiden nicht beruhigen. Mit Recht: denn • Walter will im Hier und Jetzt nicht anderes mehr hören. Als ▪ Eve dennoch nicht zur Ruhe kommt und ihr bisheriges Schweigen bricht, indem sie • Adam als den Schuldigen benennt (11. Auftritt, V 1890), reagiert • Walter sehr ungehalten: • "Du hörst's, zum Teufel! Schweig! / Ihm bis dahin krümmt sich kein Haar –" (11. Auftritt, V 1891f.)

Entweder verstehen • Ruprecht und ▪ EveWalters Botschaft nicht, die ihnen, ohne es zu sagen und trotz des gefällten Urteils recht gibt, oder sie setzen sich einfach darüber hinweg, da sie nach dem Urteil jeden Glauben an das von der Obrigkeit vertretene Recht verloren haben, die sich die "Wahrheit" so hinbiegt, wie sie es braucht.

Doch ▪ Eve lässt sich weder das Wort verbieten noch mit der Zusage • Walters, • Ruprecht bleibe bis zur Wiederaufnahme des Prozesses in Utrecht unbehelligt und in Freiheit, beruhigen, sondern treibt ihren Verlobten an, sich den Dorfrichter vorzuknöpfen, den sie noch einmal dezidiert beschuldigt, in der Vornacht bei ihr in der Kammer gewesen zu sein. (11. Auftritt, V 1892). Laut spornt sie • Ruprecht in einem Akt berechtigter Rebellion an,  den skrupellosen Dorfrichter vom Tribunal herunterzuschmeißen. (▪ "Auf Ruprecht! / Er war bei deiner Eve gestern! Auf! Fass ihn! Schmeiß ihn jetzo, wie du willst." (11. Auftritt, V 1894ff.) Damit signalisiert sie ihm, dass sie durchaus willens ist, ihm zu vergeben, ohne dies aber explizit auszudrücken.

Versöhnung nach der Flucht Adams

Ruprecht, der offenkundig davon ausgeht, dass • Adam als nächtlicher Besucher kein wirklicher "Nebenbuhler" ist und seine Eifersucht und Verunglimpfungen • Eve ebenso fehl am Platz waren wie die Aufkündigung der Verlobung, hat, das weiß er, bei • Eve einiges gutzumachen und setzt daher immer wieder zu Entschuldigungen an (12. Kapitel Variant, V 1898 - V 1923), um • Eve wieder freundlich zu stimmen.

So wendet sich • Ruprecht, der • Adam offenbar nicht zutraut, dass er • Eve irgendwie nahe gekommen ist – sonst stünde der • Vorwurf der "Unzucht" ja noch immer im Raum – seiner Verlobten mit Worten zu, die einem Verliebten vordergründig gut anstehen (• "Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!" 12. Kapitel Variant, V 1912). Sein lächerlich wirkendes, zu Verständnis bzw. Verzeihung auforderndes viermaliges "Ei", das seine eher kindlich, denn verliebt wirkende Ansprache (• "Dein Pätschchen, hol’s der Henker, nimm’s und ball’s, / Und schlage tüchtig eins mir hinters Ohr", 12. Kapitel Variant, V 1916) • Eves einrahmt, findet jedenfalls zunächst bei der jungen Frau kein Gehör, auch wenn er sich selbst als • "verfluchte(n) Schlingel", • "Tölpel" und •"Schafsgesicht" (12. Kapitel Variant, V 1913ff.) bezeichnet.

Doch diese macht zunächst keine Anstalten, ihm mit klaren Worten oder Gesten zu verzeihen (12. Kapitel Variant, V 1913, V 1919 - V 1927), auch wenn sie schon, das oben erwähnte  Signal in dieser Richtung gesendet hat.

Das Eis zwischen beiden ist jedenfalls gebrochen, als • RuprechtEve gegen den Tadel • Walters in Schutz nimmt, sie habe mit ihrem Schweigen dazu beigetragen, dass dem Gericht Schande entstanden und ihre Ehre in Frage gestellt worden sei (12. Kapitel Variant, V 1924 - V 1927). Mit seinem Hinweis auf die Schamgefühle • Eves, die für ihr Schweigen verantwortlich gewesen seien, nimmt er sie gegen • Walter in Schutz.

Dabei dürfte sein Verhalten zweierlei Gründe haben. Zum einen will er • Eve, die ihn zuvor zweimal hat "abblitzen" lassen (12. Kapitel Variant, V 1913, V 1919) - V 1927), davon überzeugen, dass er doch noch zu dem von ihr während des Prozesses so schmerzlich vermissten unbedingten Vertrauen (9. Auftritt, V 1162 - V 1165) fähig ist und sie damit zurückgewinnen. Zum anderen will • Ruprecht gemeinsam mit • Eve möglichst schnell die Gerichtsstube verlassen (12. Kapitel Variant, V 1930), um ihr eine weitere beschämende Befragung durch den Gerichtsrat zu ersparen. So will er verhindern, dass u. U. doch noch kompromittierende Details ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, die seine Annahme, • Eve sei schuldlos, von der er in dieser Situation ohne Kenntnis der Fakten ausgeht (12. Kapitel Variant, V 1942), hätte in Frage stellen und die angestrebte Versöhnung der Brautleute erneut verhindern können. Wenn • Eve nämlich auch mit Adam, • ob gewaltsam oder nicht, ihre • "Ehre" verloren hätte, wäre für ihn eine Heirat selbstredend auch nicht in Frage gekommen.

Vordergründig empathisch, aber dennoch mit klarem Kalkül handelnd, gibt • RuprechtEve zu verstehen, dass er, wenn • Eve ihn trotz allem heiraten will, im Gegenzug bereit ist, auf weitere Details über das, was zwischen ihr und • Adam in der Kammer passiert ist, zu verzichten. Allerdings: nur zunächst einmal. So bietet er seiner Verlobten den "Deal" mit folgenden Worten an:

"Behalts für dich, was brauchen wir’s zu wissen./
Du wirst’s schon auf der Flieder-Bank mir eins,
Wenn von dem Turm die Vesper geht, erzählen.
Komm, sei nur gut. "
(12. Kapitel Variant,
V 1932 - V 1935)

Als • Ruprecht das sagt, weiß er allerdings nichts über die Vorgeschichte, hat keine Ahnung, weshalb • Adam in der Kammer seiner Braut gewesen und geflüchtet ist, als er die Kammertür eingetreten hat (7. Auftritt, V 962ff.)

Walter lässt allerdings nicht locker und • Ruprecht und • Eve auch nicht so einfach davonziehen. Er besteht darauf, dass • Eve vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und • Adam geschehen ist (V 1939). Daher ermuntert RuprechtEve, sich ein Herz zu fassen und zu sagen, was • Adam von ihr gewollt habe, auch wenn ihn dies gewiss wieder eifersüchtig werden lasse.  Dass • Ruprecht damit von • Adam als "Pferdefuß" spricht und die Formulierung wählt: "Sieh, hätt’ ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert, /Ich wär’ so eifersüchtig just, als jetzt." (12. Kapitel Variant, V 1944f.) dürfte nicht darauf hinweisen, dass • Ruprecht wirklich glaubt, dass seine Braut in der Kammer mit • Adam ihre Unschuld (Virginität) verloren und • unzüchtige Handlungen begangen hat. Zugleich deutet die nur vordergründig komisch wirkende Verwendung des Begriffs Pferd, das als Wortspiel im Anschluss an die Bezeichnung Pferdefuß für • Adam fungiert, dennoch auch auf eine gewisse Ambivalenz und Unsicherheit hin, die • Ruprecht damit überspielen will.

In jedem Fall ist die Äußerung aber eine Wiederaufnahme der Andeutungen, die Kleist, für den der Krug als • sexuelles Symbol  fungiert, dem Publikum und den Leser*innen als Rezeptionshinweise gibt, um die Leerstelle jener ominösen zwei Minuten zu füllen, über die sich • Eve in ihrem späteren Bericht über das • "Kammergeschehen" als • traumatisiertes Opfer sexualisierter Gewalt in verschleiernder Art und Weise äußert. (12. Kapitel Variant, V 2201 - V 2216)

Eves Kampf um die Zukunft ihrer Liebe zu Ruprecht unter dem Endruck der Konskriptionslüge Adams

Zu einem Happy End in den Augen Eves taugt ihre Lage nach dem Willkürurteil gegen  • Ruprecht und der Entlarvung und der Flucht • Adams indessen nicht, denn damit sind die wesentlichen, vermeintlichen "Fakten", auf der die Erpressung durch den Dorfrichter und die ihre angetane sexuellle Gewalt beruhen, schließlich nicht aus der Welt. Daher glaubt sie auch, dass die Frage, ob sie schuldig oder unschuldig ist, letzten Endes nichts an den vermeintlich düsteren Zukunftsaussichten verändert, die durch • Ruprechts Einberufung zum Militärdienst entstanden sind (12. Kapitel Variant, V 1946). Sie weiß, dass ihr Versuch, mit dem gefälschten Attest, • Ruprecht vom Militärdienst befreien zu lassen (12. Kapitel Variant, V 2090f.), nach der Flucht • Adams (11. Auftritt, V 1900) nicht mehr gelingen kann, da • Adam ihr dieses nicht mehr übergeben kann.

Den Kampf um ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Liebe zu • Ruprecht gibt sie allerdings deshalb nicht auf. Wie sie sich dies vorstellt, zeigt sie, als sie sich, sehr zum Erstaunen • Ruprechts ("Ewiger Gott", 12. Kapitel Variant, V 1951), • Walter zu Füßen wirft. Gerahmt von dieser "großen" Geste der Unterwerfung bittet sie den Gerichtsrat, • Ruprecht und ihr zu helfen, da sie ansonsten verloren und für immer unglücklich seien. Walter ist trotz seines zuvor ausgesprochenen Tadels von vornherein von der Unschuld • Eves überzeugt. Als sie vor ihm auf dem Boden liegt, spricht er sie als • "mein liebenswertes Kind" (12. Kapitel Variant, V 1955) an und zeigt sich von dieser Geste der jungen Frau offenbar so berührt, dass er sich ihrem Anliegen väterlich anzunehmen verspricht.

Mit ihrer höchst emotionalen Schilderung der Ereignisse des Vortages und der Vornacht die • Eve, teilweise unter Tränen (12. Kapitel Variant, V 1998) vorbringt, hält sie die Rührung • Walters aufrecht, der sie in kurzen Einwürfen lobt (12. Kapitel Variant, V 2026) und seine Abscheu gegenüber • Adam zum Ausdruck bringt (12. Kapitel Variant, V 2042).

Eve glaubt Walter zunächst nicht, als er selbst unter Berufung auf seine "Pflicht" verneint, dass die ausgehobenen Truppen nach Batavia verschickt werden. Dennoch bleibt Eve in all ihrer Verzweiflung vergleichsweise zurückhaltend angesichts der in ihren Augen auch von Walter ihr ins Gesicht gesagten Lüge. So hält sie ihm vor, dass sie sehr wohl wisse, dass er als Vertreter der Staatsmacht die Wahrheit über die Konskription verheimlichen müsse. (12. Kapitel Variant, V 2063.f)

Ruprecht ist von der von • Eve gemachten Aussage, dass er mit den Truppen nach Batavia abkommandiert werde, so heillos überrascht (12. Kapitel Variant, V 2062), dass er kein weiteres Wort hervorbringt. Was • Eve weiter über die Vorgeschichte und das Geschehen in der Nacht vorbringt, macht ihn fassungslos. Dass ausgerechnet • Adam, der Dorfrichter, in • Eves Kammer gewesen ist und von ihm in die Flucht geschlagen worden ist (7. Auftritt, V 962 - V 989) will nicht so recht in seinen Kopf. Und doch scheint ihm, wie bei seinem Eifersuchtsanfall in der Nacht zuvor "der Knopf am Brustlatz" (7. Auftritt, V 964) fast zu "springen", so sehr ringt er offenbar auch bei den Schilderungen • Eves wieder um Luft. Seine Ausrufe und Flüche unterbrechen • Eves Darstellung immer wieder (z. B. "Gotts Bitz!" V 2119), "Gotts Donnerwetter!" (V 2119), "Seht, den Halunken! (V 2122) "Ei, solch ein blitz-verfluchter Kerl!" (V 2187), "Die Bestie!" (V 2230), "Gotts Schlag und Wetter!" (V 2238), "Verflucht!" (V 2241) "Mein Evchen!" (V 2241), "Daß mir der Fuß erlahmte!" (V 2253),  "Verwünscht! Daß ich nicht schwieg! Ein anderer! Mein liebes Evchen!" (V 2268). Am Ende münden sie in • Ruprechts Ausruf "Vergib mir!" (V 2304).

Eigentlich horcht er nur auf, als • Eve auf das zu sprechen kommt, was zwischen • Adam und ihr ▪ in der Kammer geschehen ist. Insbesondere die "zwei abgemessne(n) Minuten " (12. Auftritt Variant, V 2217), in denen • Adam sie an den Händen gefasst, (bloß) "starr" angeschaut und rein gar nichts gesagt habe, lässt ihn ihm offenbar gewisse Zweifel, mit dem für Kleist typischen • Gedankenstrich unterstrichen, an ihrer Erzählung aufkommen, zumal er ihr ja zuvor schon attestiert hat, Scham zu empfinden. (12. Auftritt Variant, V 1931)

EVE.
Da wir jetzt in der Stube sind [...]
Läßt er am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder,
Und faßt mich so, bei beiden Händen, seht,
Und sieht mich an.

FRAU MARTHE.
Und sieht —?

RUPRECHT.
Und sieht dich an —?

EVE.
Zwei abgemessene Minuten starr mich an.

FRAU MARTHE.
Und spricht —?

RUPRECHT.
Spricht nichts —? [...]"
(12. Auftritt Variant, V 2201 - V 2218)

Was • Eve aussagt, muss auch • Walter nicht als Eingeständnis des Vollzugs • unzüchtiger Handlungen verstehen, was seiner Absicht gelegen kommt, die Justiz insgesamt aus einem Skandal herauszuhalten. Mit seinem • Münzgleichnis, (12. Auftritt Variant, V 2345 - V 2377) kann er seine Aussage, dass • Ruprecht als Soldat nicht, wie von ▪ Adam behauptet, nach Batavia kommandiert würde, so beglaubigen, dass • Eve ihr Misstrauen in den Staat und seine Institutionen aufgibt. Damit gibt er in den Augen • Eves ihrer Liebe zu • Ruprecht die Zukunft, die sich die junge Frau ersehnt. Am Ende der Komödie entsteht daraus ein fast väterliches Verhältnis zu • Eve, als der Gerichtsrat ihr mit Einwilligung ihres Verloben einen Kuss gibt und verspricht, sich für • Ruprechts Verwendung in der Kompanie seines Bruders zu verwenden. (12. Auftritt Variant, V 2378f.) und an der Hochzeit der beiden im kommenden Jahr teilzunehmen.

Ein Happy End mit Fragezeichen

Dass es am Ende allem Anschein nach zu einem Happy End für • Eve und • Ruprecht kommt, ist nicht das Verdienst des Bauernsohns, sondern seiner Verlobten, die • Walters väterliche Zuneigung erlangt und damit noch Vorteile für den Militärdienst erwirken kann, den • Ruprecht in Utrecht antreten wird. Dadurch findet die Geschichte von • Eve und • Ruprecht ein glückliches und mit dem Zutun • Walters ein überaus rührseliges Ende, wie es viele andere zeitgenössische Rührstücke aufweisen. Die Geschichte • Eves, die alles aufgeboten hat, was auch einen tragischen Ausgang hätte nehmen können, wird damit in einem versöhnlichen Komödienschluss abgerundet.

Dennoch besagt das Happy End für • Eve und • Ruprecht nicht, dass die ganze Komödienhandlung Kleists einen solchen glücklichen Ausgang nimmt. Mag dies für die ▪ Buchausgabe (1811) und die ▪ traditionelle Aufführungstradition des Stückes bis etwa 1970 in zutreffen, für die ▪ Langfassung (Variant) des • 12.Kapitels gilt dies jedenfalls nicht.

Denn: " Am Ende des Variant, in Kleists zweitem Komödienschluss, ist wirklich Schluss mit der Komödie. Am Ende einer Tragödie siegt nicht die Wahrheit, sondern die als brüchig dargestellte Ordnung noch einmal." (Blamberger 2011, S.267)

Kleist stimmt damit auch der "Wiederherstellung des Glaubens an Gott und die Obrigkeit [...] nur an der Oberfläche heiter-wohlwollend zu" (Wittkowski 1981, S.110ff.). Kleists ▪ ironisch verschleierte Satire auf die Autorität der Institutionen, Ideologien und ihrer Repräsentanten und die Autoritätsgläubigkeit" (Wittkowski  2012a, S.95) "verhüllt  [...] seine seine wahre Einstellung, die traurig lächelnde Kritik und Skepsis dem Menschen gegenüber; den Figuren und uns, dem Publikum, das vermutlich gutwillig ebenso wie die Figuren fühlt und in der Tat noch immer fühlt".  So verbinde sich das Ganze mit der Botschaft, dass "die Condition humaine also gesellschaftlich-geschichtlich eine hoffnungslose ist. " (Wittkowski 1981, S.110ff.)

Und: Wer die historischen Verhältnisse, die • Kolonialpolitik der Niederlande und die ▪ Praxis der Soldatenaushebung und des Soldatenverkaufs im Blick hat, sowie das gesamte ▪ korrupte System in den Niederlanden berücksichtigt, als dessen bürokratischer Vertreter • Walter mit seinem Einsatz seiner ganzen manipulativen Überredungskunst agiert, der wird dem "glücklichen" Ausgang des Ganzen mit gehörigem Misstrauen begegnen. Kein Wunder, das Blamberger (2011, S.267) plädiert: "In der Inszenierung des Stücks müsste man zu des armen Ruprecht leichtgläubigen Worten, dass er nicht nach Ostindien verschickt, sondern nach einem Jahr Schildwache in Utrecht seine Eve heiraten werde, trommeln, bis die Felle platzen. Das Happy End dieser Komödie ist ein Betrug, was sonst? " (ebd.)

Gemini-Quiz (35 Fragen)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

  
   Arbeitsanregungen:
  1. Warum fordert Ruprecht von Eve, dem Flickschuster Lebrecht einen „klaren Korb“ zu geben, obwohl ihre Beziehung nicht als romantische Liebesgeschichte dargestellt wird?
  2. Welche Erwartungen hat Eve an Ruprecht, während dieser ihr wegen der Ereignisse in der Kammer misstraut?
  3. Warum hält Ruprecht trotz Eves emotionaler Appelle weiterhin an seiner Version der Wahrheit fest, anstatt ihre Aussagen genauer zu hinterfragen?
  4. Welche Folgen hätte es für Eve und ihre Mutter gehabt, wenn die Vorwürfe der „Unzucht“ öffentlich bestätigt worden wären?
  5. Wie verändert sich Ruprechts Verhalten gegenüber Eve, nachdem Adam entlarvt und geflohen ist?
  6. Warum bittet Eve Gerichtsrat Walter um Hilfe, obwohl sie dem Staat und seinen Vertretern zunächst misstraut?
  7. Weshalb das Happy End der Komödie im Text als fragwürdig bezeichnet, obwohl Eve und Ruprecht sich am Ende versöhnen?
 

 
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