|
X-Links •
Strukturen
dramatischer Texte ▪
Quickie für Eilige: So analysiert man eine dramatische Szene ▪
Überblick ▪
Strukturbegriffe der Dramenanalyse •
Überblick
•
Alles auf einen Blick:
›Sprungbrett‹•
ABC der schulischen
Dramenanalyse
▪
Dramenhandlung ▪
Analytisches Drama•
Eine dramatische Szene analysieren und
interpretieren
▪
Überblick
▪
Allgemeiner
Fragenkatalog zur Szenenanalyse ▪
Leitfragen für die
systematische Szenenanalyse
▪
Eine Interpretation schreiben
▪
Gestaltende Szenenanalyse und
-interpretation
▪
Szenenanalyse im schrittweise kooperativen Schreiben
▪
Methodenrepertoire zur
szenischen Erarbeitung von Dramentexten
•
Arbeitstechniken und Schreibaufgaben (Surfbrett)
•
Vergleich der
Langfassung (Variant) und der Fassung der Buchausgabe (1811) •
teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater •
teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
•
Gemini-Quiz (35 Fragen)
Das Happy End für • Eve und •
Ruprecht in •
Heinrich von Kleist (1777-1811)
• Komödie •
Der zerbrochne Krug nach einer
schweren Belastung ihrer Beziehung durch die Eifersucht und
herabsetzenden Vorwürfe •
Ruprechts sowie der Tatsache, dass sie •
Adam mit in ihre Kammer
genommen und das, was sich dort ereignet hat, nicht wirklich zur
Sprache gekommen ist, ist, zumindest für heutige
Rezipientinnen und Rezipienten eigentlich alles andere als
selbstverständlich.
Die beiden jungen Leute, Eve ist
etwa 16 Jahre alt.
Ruprecht dürfte auch noch •
jünger als Mitte Zwanzig sein und damit noch unter der
Vormundschaft seines Vaters, des Kleinbauern •
Veit Tümpel stehen. Die beiden
sind zum Zeitpunkt des Krug-Prozesses schon mehrere Monate
miteinander verlobt und planen die Hochzeit an Pfingsten, als eine
Konskription •
Ruprecht abverlangt
(12. Kapitel Variant,
V 1972ff.),
einen einjährigen Militärdienst in Utrecht
(12. Kapitel Variant,
V 2391)
anzutreten.
Die •
Beziehung des zukünftigen Brautpaares
ist keine romantische
Liebesgeschichte, zumal Eheschließungen meist •
arrangiert wurden,
auch wenn sie, insbesondere auf dem Land, gewöhnlich nicht gegen den
Willen der Beteiligten zustande kamen. Es ist also nicht angebracht,
die Beziehung der beiden in den •
Kategorien der bürgerlichen romantischen Liebe späterer Jahrhunderte
verstehen zu wollen.
Aus •
Ruprechts Perspektive gesehen,
liest sich seine Entscheidung, • Eve
um ihre Hand zu bitten, wie eine überwiegend zweckrationale
Entscheidung. Er sucht vor allem eine
sittlich tadellose,
tatkräftige und gesundheitlich möglichst robuste Ehefrau, die ihm
den Haushalt führt, auf dem Hof hilft und zugleich als Mutter ihrer
künftigen Kinder für den Nachwuchs sorgt. (7.
Auftritt, V 876f.)
Als er ihr mit den zwei Worten "Willst du?" den Antrag macht,
nachdem er sie bei der gemeinsamen Heuernte arbeiten gesehen hat,
zögert sie ein bisschen, stimmt aber, indem sie ihm die Hände
reicht, mit einem einfachen "Ja" kurz und bündig zu. (
(9. Auftritt,
V 1166) Die Verlobung der beiden Minderjährigen wird daraufhin von ihren
Vormündern (•
Veit Tümpel und • Marthe Rull)
abgesegnet und mit dem Austausch von Verlobungsgeschenken besiegelt.
(9. Auftritt,
V 1385ff.)
Das •
Eheversprechen, das diesem Akt zugrunde liegt, hatte in der
Frühen Neuzeit eine hohe soziale Verbindlichkeit. Seine zukünftige
Braut gegen Nebenbuhler zu verteidigen, ist für • Ruprecht daher auch selbstverständlich. Aus diesem Grunde sollte seine
Forderung an •
Eve, seinem vermeintlichen Nebenbuhler, dem Flickschuster
Lebrecht, einen klaren Korb zu geben und seine Bereitschaft, ihm andernfalls auch mit gewaltsamen Mitteln seine Grenzen
aufzuzeigen, von dem er selbst berichtet (7.
Auftritt, V 924 -
V 933), nicht in
erster Linie als Ausdruck einer eifersüchtigen "Liebe" gelesen
werden, sondern eher als legitime Verteidigung des gegebenen •
Eheversprechens.
In der Verlobungszeit lernen sich •
Eve und •
Ruprecht unter Wahrung der
erforderlichen Anstandsregeln, die in Huisum gelten, kennen. Die
• Annäherung der
Geschlechter erfolgt auch hier unter der
sozialen
Kontrolle der Dorfgemeinschaft. In der Komödie wird dies vor allem
durch die Ermahnung •
Veit Tümpels an seinen Sohn deutlich, der ihm
zwar erlaubt, zu später Stunde zwar noch ein wenig mit •
Eve am Fenster zu sprechen, aber auch das Versprechen abnimmt,
dass er nicht mit ihr in ihre Kammer gehe und um elf Uhr nachts wieder zu
Hause sei (7.
Auftritt, V 886).
Auch das Zusammenlaufen der Nachbarschaft
(12. Kapitel Variant,
V 2259ff.)
im Tumult des • "Kammergeschehens"
und die von den Nachbarn erhobenen Vorwürfe gegen •
Ruprecht zeigen, ebenso
wie die Neugierde von •
Frau Brigitte, wie diese
soziale Kontrolle ausgeübt wird.
In der Verlobungszeit
entwickelt sich eine Zuneigung des Paares füreinander, wobei
sich diese in den rollentypischen Bahnen der patriarchalischen
Gesellschaft und ihrer sozialen Regeln entfaltet.
Dabei ist es allein •
Eve, die die emotionale Basis der Beziehung betont. Für sie gipfelt
ihre Zuneigung und Liebe, die sie für •
Ruprecht empfindet, in ihrer Bereitschaft, für das Leben •
Ruprechts die eigene •
Ehre und soziale Existenz zu opfern. Von •
Ruprecht erwartet sie, auch in
der schwierigen Lage und dem Verdacht, der auf sie wegen des
Geschehens der Vornacht gefallen ist,
unbedingtes Vertrauen.
(9. Auftritt,
V 1162ff.) Doch •
Ruprecht, der sich von ihr
betrogen wähnt, folgt seiner
gekränkten männlichen Eitelkeit mit
seinen wiederholt herabsetzenden Beschimpfungen als "Metze"
(6. Auftritt, V 444).
Erst nachdem er, nach der Entlarvung und der Flucht •
Adams, seinen
Irrtum erkennt, findet er wieder zu einer
Sprache, die einem
Verliebten ansteht (• "Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!"
12. Kapitel Variant,
V 1912),
auch wenn er damit natürlich auch "gut Wetter" machen will.
Nach den
Ereignissen in der Vornacht des dramatischen Geschehens kündigt •
Ruprecht,
auf der Grundlage seines
Wissens, seiner Erlebnisse und Mutmaßungen über das, was sich in
der Vornacht im Garten und in der Kammer
• Eves
abgespielt hat, mit Rückdeckung seines Vaters • Veit Tümpel
das Verlöbnis mit
• Eve,
das förmlich •
offiziell aufzulösen
erklärtes Ziel seines Vaters vor Gericht ist, um die
Verlobungsgeschenke (•
Silberkettlein,
• Schaupfennig) von •
Eve und ihrer Mutter •
Marthe Rull zurückzufordern
(9. Auftritt,
V 1383 -
V 1388).
Für •
Ruprecht ist die Sache klar: Seine
Verlobte hat ihn wie eine Hure ("Metze",
6. Auftritt,
V 440,
7. Auftritt,
V
819) mit seinem Nebenbuhler, dem Flickschuster Lebrecht betrogen
(vgl. •
7.Auftritt,
V 947f.) und damit
ihre • "Ehre", ihr
wichtiges »Sozialkapital (»Pierre
Bourdieu) und aus männlicher Sicht Grundlage des gegebenen •
Eheversprechens in der patriarchalischen Gesellschaft der Zeit,
in der die Dramenhandlung spielt, verspielt. Nicht nur das: Er
befürwortet in seiner Wut und Enttäuschung, wenn • Eve
für ihre •
unzüchtige Handlungen
öffentlich an den Pranger gestellt (9. Auftritt,
V 1186) und nicht nur
ihre, sondern auch die • soziale
Existenz ihrer Mutter •
Marthe Rull in der Huisumer
Dorfgesellschaft ruiniert wird.
Als der Prozess beginnt und die Konfliktparteien im Dorfgericht
erscheinen, sind die Fronten schon verhärtet.
Ruprecht hat seit den
Geschehnissen in der Vornacht offenbar kein Wort mehr mit • Eve
gesprochen und wehrt ihren Versuch, vor dem Prozess noch einmal mit
ihm zu sprechen, brüsk ab. (6. Auftritt,
V
453 - V 456) Indem
er • Eve damit jede Möglichkeit
raubt, sich ihm allein zu erklären, nimmt der Prozess seinen Lauf.
Nur ein einziges Mal während des Prozessverlaufs kommt es im Rahmen
eines Mehrpersonengepräches zu einem kurzen Wortwechsel zwischen •
Ruprecht und ▪
Eve, bevor • Eve
ihr Schweigen bricht und erklärt, dass •
Ruprecht den Krug in der Vornacht
nicht zerschlagen habe (9.
Auftritt, V 1195)
Als dieser scheinheilig erklärt, er habe Mitleid mit ihr (• "Sie
jammert mich." 9.
Auftritt, V 1159)
und erneut (erstmals tut er dies schon vor dem Prozessbeginn,
6.
Auftritt, V 439
- V 444) auf den
zerbrochenen Krug als • sexuelles
Symbol der verlorenen Unschuld (Virginität) anspielt, den er
selbst gerne "entzweigeschlagen" hätte, platzt ▪
Eve der Kragen. Sie macht ihm
wegen seines Misstrauens in ihre "Tat"
(9. Auftritt,
V 1165) heftige
Vorwürfe. Dabei beruhen ihre Vorwürfe darauf, dass sie von ihrem
Verlobten unbedingtes Vertrauen erwartet könne, selbst wenn sich
erst im Jenseits die ganzen Hintergründe ihrer an sich ruhmvollen
Tat aufklärten. (9. Auftritt,
V 1471ff.). Im Grunde
hält sie ihm damit vor, dass er nicht gelogen, sondern stets
bestritten habe, dass er den Krug zerbrochen und der einzige
Besucher in ihrer Kammer gewesen sei. Sie ist sich dabei offenbar
durchaus bewusst, dass die Folgen eines solchen Verstoßes gegen
"Zucht und Ordnung" einschließlich des im Raum stehenden, in der
Frühen Neuzeit ▪ sanktionierten
vorehelichen Geschlechtsverkehrs, sicher geringer ausfallen
würde, wenn das Paar verlobt war.
Doch der
Angesprochene will davon nichts hören und lässt den emotionalen
Appell nicht an sich heran. Stattdessen hält er weiter unbeirrt
daran fest, dass •
Eve mit ihrer Falschaussage
sich nur vor der • "Fiedel" (9. Auftritt.
V 1161), der
öffentlichen Schandstrafe, wegen begangener •
"Unzucht" retten will. Für einen Moment sieht es so aus, als
würde •
Eve die Kontrolle verlieren,
als sie ihn wütend beschimpft (• "O
du Abscheulicher! Du Undankbarer!",
9. Auftritt,
V 1187) und andeutet,
es bedürfe nur eines Wortes von ihr, um ihre in Frage gestellte "Ehre"
reinzuwaschen und ihn "in ewiges Verderben" (9. Auftritt,
V 1190) zu stürzen.
Dass •
Ruprecht nicht verstehen kann, was
sie damit meint, kann ihm nicht angelastet werden, denn er weiß ja
nichts von den näheren Umständen der •
sexuellen Erpressung seiner
Verlobten durch den Dorfrichter • Adam
und kennt dementsprechend auch nicht das •
Dilemma, mit dem •
Eve zurechtkommen muss. Dass
er aber nicht hellhörig wird, sondern weiter stur an seiner Version
der "Wahrheit" festhält, zeigt, wie wenig er zu einer
vernünftigen Reflexion fähig ist und seine ▪ "Scheuklappen"
nicht beiseite legen kann.
Dass er aber, nachdem sich der ganze Verdacht gegen Lebrecht als
falsch erweist (11.Auftritt,
V 1665f.), außer •
Adam der einzige ist, der
die Teufelsgeschichte seiner abergläubischen Tante, • Frau Brigitte
(11.Auftritt,
V 1687ff.), zu eigen
macht, besitzt eine andere Qualität. Denn sollte wahr sein, dass
sich •
Eve mit dem Teufel eingelassen
hat, dürften die Folgen für sie ungleich härter gewesen sein. Erst als •
Adam
den Versuch macht, seine zuletzt vertretene Vermutung,
•
Ruprecht habe sich zur Täuschung unter Umständen auch als Teufel
verkappt, weiter verfolgt, wacht dieser wieder auf (• "Was!
Ich!", 11.Auftritt,
V 1728ff.), wird
aber, ehe er wohl weiter protestieren kann, scharf von •
Licht zurechtgewiesen und zum
Schweigen gebracht. (11.Auftritt,
V 1729)
Adams
Skandalurteil gegen • Ruprecht,
das • Adam mit Billigung von
Gerichtsrat •
Walter rechtskräftig fällt (11.
Auftritt, V
1872 - V 1884)
und das den Bauernsohn in der Krugsache schuldig und wegen
seines ungebührlichen Verhaltens vor Gericht für zunächst
unbestimmte Zeit ins Gefängnis schickt, macht ihn und ▪
Eve so fassungslos, dass sie kaum
Worte finden, um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen.
Auch die beschwichtigenden Worte •
Walters (• "Spart eure Sorgen, Kinder.",
11.
Auftritt, V 1882),
die mit einer väterlichen Geste daherkommen, und sein Rat, beim
übergeordneten Gericht in Utrecht die Sache neu verhandeln zu
lassen, kann die beiden nicht beruhigen. Mit Recht: denn •
Walter will im Hier und Jetzt nicht anderes mehr hören. Als ▪
Eve
dennoch nicht zur Ruhe kommt und ihr bisheriges Schweigen bricht,
indem sie •
Adam als den Schuldigen benennt (11.
Auftritt, V 1890),
reagiert • Walter sehr ungehalten: • "Du
hörst's, zum Teufel! Schweig! /
Ihm bis dahin krümmt sich kein Haar –"
(11.
Auftritt, V 1891f.)
Entweder verstehen
• Ruprecht und ▪
Eve •
Walters Botschaft nicht, die ihnen, ohne es zu sagen und trotz
des gefällten Urteils recht gibt, oder sie setzen sich einfach
darüber hinweg, da sie nach dem Urteil jeden Glauben an das von der
Obrigkeit vertretene Recht verloren haben, die sich die "Wahrheit"
so hinbiegt, wie sie es braucht.
Doch ▪
Eve
lässt sich weder das Wort verbieten noch mit der Zusage •
Walters, •
Ruprecht bleibe bis zur Wiederaufnahme des Prozesses in Utrecht
unbehelligt und in Freiheit, beruhigen, sondern treibt ihren
Verlobten an, sich den Dorfrichter vorzuknöpfen, den sie noch einmal
dezidiert beschuldigt, in der Vornacht bei ihr in der Kammer gewesen
zu sein. (11.
Auftritt, V 1892).
Laut spornt sie • Ruprecht in
einem Akt berechtigter Rebellion an, den skrupellosen
Dorfrichter vom Tribunal herunterzuschmeißen. (▪ "Auf
Ruprecht! / Er war bei deiner Eve gestern! Auf! Fass ihn! Schmeiß
ihn jetzo, wie du willst." (11.
Auftritt, V
1894ff.) Damit
signalisiert sie ihm, dass sie durchaus willens ist, ihm zu
vergeben, ohne dies aber explizit auszudrücken.
Ruprecht, der offenkundig davon
ausgeht, dass • Adam als
nächtlicher Besucher kein wirklicher "Nebenbuhler" ist und seine
Eifersucht und Verunglimpfungen • Eve
ebenso fehl am Platz waren wie die Aufkündigung der Verlobung, hat,
das weiß er, bei • Eve
einiges gutzumachen und setzt daher immer wieder zu Entschuldigungen
an
(12. Kapitel Variant,
V 1898 -
V 1923),
um • Eve wieder freundlich zu
stimmen.
So wendet sich •
Ruprecht, der •
Adam offenbar nicht zutraut, dass
er • Eve irgendwie nahe gekommen
ist – sonst stünde der •
Vorwurf
der "Unzucht" ja noch immer im Raum – seiner Verlobten
mit Worten zu, die einem Verliebten vordergründig gut anstehen (• "Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!"
12. Kapitel Variant,
V 1912).
Sein lächerlich wirkendes, zu Verständnis bzw. Verzeihung auforderndes
viermaliges "Ei", das seine eher kindlich, denn verliebt wirkende
Ansprache (• "Dein
Pätschchen, hol’s der Henker, nimm’s und ball’s, / Und schlage
tüchtig eins mir hinters Ohr",
12. Kapitel Variant,
V 1916) •
Eves einrahmt, findet jedenfalls zunächst bei der jungen Frau kein
Gehör, auch wenn er sich selbst als • "verfluchte(n)
Schlingel", • "Tölpel"
und •"Schafsgesicht"
(12. Kapitel Variant,
V 1913ff.)
bezeichnet.
Doch diese macht
zunächst keine Anstalten, ihm mit klaren Worten oder Gesten zu
verzeihen (12.
Kapitel Variant,
V 1913,
V 1919 -
V 1927),
auch wenn sie schon,
das
oben erwähnte Signal in dieser Richtung gesendet hat.
Das Eis zwischen
beiden ist jedenfalls gebrochen, als •
Ruprecht •
Eve gegen den Tadel •
Walters in Schutz
nimmt, sie habe mit ihrem Schweigen dazu beigetragen, dass dem
Gericht Schande entstanden und ihre Ehre in Frage gestellt worden
sei
(12. Kapitel Variant,
V 1924 -
V 1927). Mit
seinem Hinweis auf die Schamgefühle • Eves,
die für ihr Schweigen verantwortlich gewesen seien, nimmt er sie
gegen • Walter in Schutz.
Dabei dürfte sein
Verhalten zweierlei Gründe haben. Zum einen will er •
Eve, die ihn zuvor zweimal hat
"abblitzen" lassen (12.
Kapitel Variant,
V 1913,
V 1919) -
V 1927),
davon überzeugen, dass er doch noch zu dem von ihr während des
Prozesses so schmerzlich vermissten unbedingten Vertrauen (9.
Auftritt, V 1162
- V 1165) fähig ist
und sie damit zurückgewinnen. Zum anderen will •
Ruprecht gemeinsam mit •
Eve
möglichst schnell die Gerichtsstube verlassen (12.
Kapitel Variant,
V 1930),
um ihr eine weitere beschämende Befragung durch den Gerichtsrat zu
ersparen. So will er verhindern, dass u. U. doch noch
kompromittierende Details ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt
werden, die seine Annahme, • Eve sei schuldlos,
von der er in dieser Situation ohne Kenntnis der Fakten ausgeht (12.
Kapitel Variant,
V 1942),
hätte in Frage stellen und die angestrebte Versöhnung der Brautleute
erneut verhindern können. Wenn • Eve
nämlich auch mit ▪ Adam, •
ob gewaltsam oder nicht,
ihre •
"Ehre" verloren hätte,
wäre für ihn eine Heirat selbstredend auch nicht in Frage gekommen.
Vordergründig
empathisch, aber dennoch mit klarem Kalkül handelnd, gibt •
Ruprecht •
Eve zu verstehen, dass er, wenn •
Eve ihn
trotz allem heiraten will, im Gegenzug bereit ist, auf weitere Details
über das, was zwischen ihr und •
Adam in der Kammer passiert
ist, zu verzichten. Allerdings: nur zunächst einmal. So bietet er
seiner Verlobten den "Deal" mit folgenden Worten an:
"Behalts
für dich, was brauchen wir’s zu wissen./ Du wirst’s schon auf der Flieder-Bank mir eins, Wenn von dem Turm die
Vesper geht,
erzählen. Komm, sei nur gut. " (12. Kapitel Variant,
V 1932 -
V 1935)
Als •
Ruprecht das sagt, weiß er allerdings nichts über die Vorgeschichte,
hat keine Ahnung, weshalb • Adam in der Kammer seiner
Braut gewesen und geflüchtet ist, als er die Kammertür eingetreten
hat (7. Auftritt,
V 962ff.)
Walter lässt allerdings nicht locker und •
Ruprecht und •
Eve
auch nicht so einfach davonziehen. Er besteht darauf, dass •
Eve
vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und •
Adam geschehen ist (V
1939). Daher ermuntert •
Ruprecht •
Eve,
sich ein Herz zu fassen und zu sagen, was •
Adam von ihr gewollt habe,
auch wenn ihn dies gewiss wieder eifersüchtig werden lasse. Dass
• Ruprecht damit von •
Adam als "Pferdefuß" spricht
und die Formulierung wählt: "Sieh, hätt’ ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert,
/Ich wär’ so eifersüchtig just, als jetzt." (12.
Kapitel Variant,
V 1944f.)
dürfte nicht darauf hinweisen, dass •
Ruprecht wirklich glaubt, dass seine Braut in der Kammer mit
•
Adam ihre Unschuld (Virginität) verloren und
•
unzüchtige Handlungen begangen hat. Zugleich deutet die nur vordergründig
komisch wirkende Verwendung des Begriffs Pferd, das als
Wortspiel im Anschluss an die Bezeichnung Pferdefuß für •
Adam fungiert, dennoch auch auf eine gewisse
Ambivalenz und Unsicherheit hin, die •
Ruprecht damit überspielen will.
In jedem Fall ist die
Äußerung aber eine Wiederaufnahme der Andeutungen, die Kleist,
für den der Krug als •
sexuelles Symbol fungiert, dem Publikum und den Leser*innen
als
Rezeptionshinweise gibt, um
die Leerstelle jener ominösen zwei Minuten zu füllen, über die
sich •
Eve
in ihrem späteren Bericht über das • "Kammergeschehen"
als • traumatisiertes Opfer sexualisierter Gewalt in
verschleiernder Art und Weise äußert. (12.
Kapitel Variant,
V 2201 -
V 2216)
Zu einem Happy End
in den Augen
•
Eves taugt ihre Lage nach dem
Willkürurteil gegen • Ruprecht
und der Entlarvung und der Flucht •
Adams indessen nicht, denn
damit sind die wesentlichen, vermeintlichen "Fakten", auf der die
Erpressung durch den Dorfrichter und die ihre angetane sexuellle
Gewalt beruhen, schließlich nicht aus der Welt. Daher glaubt sie
auch, dass die Frage, ob sie schuldig oder
unschuldig ist, letzten Endes nichts an den vermeintlich
düsteren Zukunftsaussichten verändert, die durch •
Ruprechts Einberufung zum Militärdienst entstanden sind (12.
Kapitel Variant,
V 1946).
Sie weiß, dass ihr Versuch, mit dem gefälschten Attest, •
Ruprecht vom Militärdienst befreien zu lassen (12.
Kapitel Variant,
V 2090f.),
nach der Flucht •
Adams (11.
Auftritt, V 1900)
nicht mehr gelingen kann, da •
Adam ihr dieses nicht mehr
übergeben kann.
Den Kampf um ihre Zukunft und die Zukunft ihrer
Liebe zu •
Ruprecht gibt sie allerdings deshalb nicht auf. Wie sie sich
dies vorstellt, zeigt sie, als sie sich, sehr zum Erstaunen •
Ruprechts ("Ewiger Gott",
12.
Kapitel Variant,
V 1951),
•
Walter zu Füßen
wirft. Gerahmt von dieser "großen" Geste der Unterwerfung bittet
sie den Gerichtsrat, • Ruprecht
und ihr zu helfen, da sie ansonsten verloren und für immer
unglücklich seien. Walter ist trotz seines
zuvor ausgesprochenen Tadels von
vornherein von der Unschuld •
Eves überzeugt. Als sie vor ihm auf dem
Boden liegt, spricht er sie als • "mein
liebenswertes Kind" (12.
Kapitel Variant,
V 1955)
an und zeigt sich von dieser Geste der jungen Frau offenbar so
berührt, dass er sich ihrem Anliegen väterlich anzunehmen
verspricht.
Mit ihrer höchst
emotionalen Schilderung der Ereignisse des Vortages und der Vornacht die
• Eve, teilweise unter Tränen (12.
Kapitel Variant,
V 1998)
vorbringt, hält sie die Rührung •
Walters aufrecht,
der sie in kurzen Einwürfen lobt (12.
Kapitel Variant,
V 2026)
und seine Abscheu gegenüber •
Adam zum Ausdruck bringt (12.
Kapitel Variant,
V 2042).
Eve glaubt •
Walter zunächst
nicht, als er selbst unter Berufung auf seine "Pflicht" verneint, dass
die ausgehobenen Truppen nach Batavia verschickt werden. Dennoch bleibt
• Eve in all ihrer Verzweiflung
vergleichsweise zurückhaltend angesichts der in ihren Augen auch von •
Walter ihr ins Gesicht
gesagten Lüge. So hält sie ihm vor, dass sie
sehr wohl wisse, dass er als Vertreter der Staatsmacht die Wahrheit über
die Konskription verheimlichen müsse. (12.
Kapitel Variant,
V 2063.f)
Ruprecht ist von der von • Eve
gemachten Aussage, dass er mit den Truppen nach Batavia abkommandiert
werde, so heillos überrascht (12.
Kapitel Variant,
V 2062),
dass er kein weiteres Wort hervorbringt. Was •
Eve
weiter über die Vorgeschichte und das Geschehen in der Nacht vorbringt,
macht ihn fassungslos. Dass ausgerechnet •
Adam, der Dorfrichter, in •
Eves
Kammer gewesen ist und von ihm in die Flucht geschlagen worden ist (7.
Auftritt, V 962 -
V 989) will nicht so recht
in seinen Kopf. Und doch scheint ihm, wie bei seinem Eifersuchtsanfall
in der Nacht zuvor "der Knopf am Brustlatz" (7.
Auftritt, V 964) fast
zu "springen", so sehr ringt er offenbar auch bei den Schilderungen •
Eves
wieder um Luft. Seine Ausrufe und Flüche unterbrechen •
Eves
Darstellung immer wieder (z. B. "Gotts
Bitz!"
V 2119),
"Gotts
Donnerwetter!" (V
2119), "Seht,
den Halunken! (V
2122) "Ei,
solch ein blitz-verfluchter Kerl!" (V
2187), "Die
Bestie!" (V 2230),
"Gotts
Schlag und Wetter!" (V
2238), "Verflucht!"
(V 2241) "Mein
Evchen!" (V
2241), "Daß
mir der Fuß erlahmte!" (V
2253), "Verwünscht!
Daß ich nicht schwieg! Ein anderer! Mein liebes Evchen!" (V
2268). Am Ende münden sie in • Ruprechts Ausruf "Vergib
mir!" (V 2304).
Eigentlich horcht er nur auf, als •
Eve
auf das zu sprechen kommt, was zwischen •
Adam und ihr ▪
in der Kammer
geschehen ist. Insbesondere die "zwei abgemessne(n)
Minuten " (12.
Auftritt Variant,
V 2217), in denen •
Adam sie an den Händen
gefasst, (bloß) "starr" angeschaut und rein gar nichts gesagt habe,
lässt ihn ihm offenbar gewisse Zweifel, mit dem für Kleist typischen
• Gedankenstrich
unterstrichen, an ihrer Erzählung aufkommen,
zumal er ihr ja zuvor schon attestiert hat, Scham zu empfinden. (12.
Auftritt Variant,
V
1931)
EVE.
Da wir jetzt in der Stube
sind [...]
Läßt er
am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder,
Und faßt mich
so, bei beiden Händen, seht, Und
sieht mich an.
FRAU MARTHE.
Und sieht —?
RUPRECHT.
Und sieht dich an —?
EVE.
Zwei
abgemessene Minuten starr mich an.
FRAU MARTHE. Und
spricht —?
RUPRECHT.
Spricht nichts —? [...]" (12. Auftritt Variant,
V 2201 - V
2218)
Was •
Eve aussagt, muss auch •
Walter
nicht als Eingeständnis
des Vollzugs •
unzüchtiger Handlungen
verstehen, was seiner Absicht gelegen kommt,
die Justiz insgesamt aus einem Skandal herauszuhalten. Mit seinem •
Münzgleichnis, (12.
Auftritt Variant,
V 2345 -
V 2377) kann
er seine Aussage, dass • Ruprecht als Soldat nicht, wie von ▪
Adam behauptet, nach Batavia
kommandiert würde, so beglaubigen, dass •
Eve ihr Misstrauen in den Staat und seine Institutionen aufgibt.
Damit gibt er in den Augen • Eves ihrer Liebe zu •
Ruprecht die Zukunft, die sich die junge Frau ersehnt. Am Ende
der Komödie entsteht daraus ein fast väterliches Verhältnis zu •
Eve, als der Gerichtsrat ihr mit
Einwilligung ihres Verloben einen Kuss gibt und verspricht, sich für •
Ruprechts Verwendung
in der Kompanie seines Bruders zu verwenden. (12.
Auftritt Variant,
V 2378f.)
und an der Hochzeit der beiden im kommenden Jahr teilzunehmen.
Dass es am Ende
allem Anschein nach zu einem Happy End für
•
Eve und •
Ruprecht kommt, ist nicht das Verdienst des
Bauernsohns, sondern seiner Verlobten, die •
Walters ▪
väterliche Zuneigung erlangt
und damit noch Vorteile für den Militärdienst erwirken kann, den
•
Ruprecht in Utrecht antreten wird.
Dadurch findet die Geschichte von •
Eve und •
Ruprecht ein glückliches und mit
dem Zutun •
Walters ein überaus rührseliges
Ende, wie es viele andere zeitgenössische
Rührstücke
aufweisen. Die Geschichte •
Eves, die alles aufgeboten hat,
was auch einen tragischen Ausgang hätte nehmen können, wird damit in
einem versöhnlichen Komödienschluss abgerundet.
Dennoch besagt das Happy End für
•
Eve und •
Ruprecht nicht, dass die ganze
Komödienhandlung Kleists einen solchen glücklichen Ausgang nimmt.
Mag dies für die ▪
Buchausgabe
(1811) und die ▪
traditionelle Aufführungstradition des Stückes bis etwa 1970 in zutreffen, für die
▪ Langfassung (Variant) des •
12.Kapitels gilt dies
jedenfalls nicht.
Denn: " Am Ende des Variant, in Kleists zweitem
Komödienschluss, ist wirklich Schluss mit der Komödie. Am Ende einer
Tragödie siegt nicht die Wahrheit, sondern die als brüchig
dargestellte Ordnung noch einmal." (Blamberger
2011, S.267)
Kleist stimmt damit
auch der "Wiederherstellung des Glaubens an Gott und die Obrigkeit
[...] nur an der Oberfläche heiter-wohlwollend zu" (Wittkowski
1981, S.110ff.). Kleists ▪
ironisch verschleierte Satire auf die Autorität der
Institutionen, Ideologien und ihrer Repräsentanten und die
Autoritätsgläubigkeit" (Wittkowski 2012a,
S.95) "verhüllt [...] seine seine wahre Einstellung, die
traurig lächelnde Kritik und Skepsis dem Menschen gegenüber; den
Figuren und uns, dem Publikum, das vermutlich gutwillig ebenso wie
die Figuren fühlt und in der Tat noch immer fühlt". So
verbinde sich das Ganze mit der Botschaft, dass "die Condition
humaine also gesellschaftlich-geschichtlich eine hoffnungslose ist.
" (Wittkowski
1981, S.110ff.)
Und: Wer die historischen Verhältnisse, die
•
Kolonialpolitik der Niederlande
und die ▪ Praxis der Soldatenaushebung
und des Soldatenverkaufs im Blick hat, sowie das gesamte ▪
korrupte System in den Niederlanden
berücksichtigt, als
dessen bürokratischer Vertreter •
Walter mit seinem
Einsatz seiner ganzen manipulativen Überredungskunst agiert, der
wird
dem "glücklichen" Ausgang des Ganzen mit gehörigem Misstrauen
begegnen. Kein Wunder, das
Blamberger (2011, S.267) plädiert: "In der Inszenierung des Stücks müsste man zu des armen
Ruprecht
leichtgläubigen Worten, dass er nicht nach Ostindien verschickt, sondern
nach einem Jahr Schildwache in Utrecht seine Eve heiraten werde,
trommeln, bis die Felle platzen. Das Happy End dieser Komödie ist ein
Betrug, was sonst? " (ebd.)
•
Gemini-Quiz (35 Fragen)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026
|