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Salbader-Salbe gegen Weltwundheit?

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Salbader-Salbe gegen Weltwundheit?

In der Internetwelt um die Jahrhundertwende tauchte erstmals auf, was man zunächst Audioblogging nannte: Podcasts. Das neue Medienformat war eine Serie von Audio-, manchmal auch Videodateien, die abonniert werden und mit bestimmten Podcatcher-Apps abgerufen werden konnten. Der Ausdruck selbst ist ein Kofferwort, zusammengestellt aus pod von iPod und cast von broadcast (Ausstrahlung).

Nach und nach wurden themenorientierte Sendungen produziert, die sich zunächst mit Musik befassten, dann wurden auf diese Weise Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften verbreitet. Schließlich kamen mehr und mehr privat finanzierte und professionell gemachte Podcasts hinzu, die Special-Interest-Nachrichten anboten oder sonstige Lifestyle-Bedürfnisse aufgriffen. Heute gibt es eine große Zahl unterschiedlicher Podcast-Genres und täglich werden es mehr.

Der Podcast als Trend. Das mit Abstand beliebteste Podcast-Genre ist Stand 2023 True Crime. Besonders beliebt sind ebenfalls "Laber-Podcasts“, News-Formate etwa im Sport-, Ernährungs- und Gaming-Bereich.

Das entspricht der Podcast-Umfrage, die von der OMR-Tochterfirma Podstars Anfang 2022 durchgeführt wurde. Dabei gaben 91,4 % der Teilnehmer an, Podcasts zur Unterhaltung zu hören, 63,5 % hören regelmäßig Podcasts, um News zu konsumieren.

Für 2024 hat man statistisch ermittelt, dass "44 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren schon Podcasts genutzt haben und ein gutes Viertel der Bevölkerung mittlerweile zu den regelmäßigen Nutzerinnen und Nutzern gehört." (Max Scharnigg in der SZ v. 18./19.10.2025)

Die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest aus dem Jahr 2024 hat festgestellt, dass zwischen 2023 und 2024 die Podcast-Nutzung Jugendlicher zwischen 12 und 19 Jahren von 22 Prozent (2023) auf 27 Prozent (2024) gestiegen ist. Das ist verglichen mit den 85 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen, die Videos auf Internet-Plattformen wie YouTube regelmäßig ansehen, zwar ein deutlich geringerer Anteil, aber dennoch ist der Trend auch hier festzustellen: Mehr Jugendliche hören regelmäßig Podcasts. Und: Mädchen sind dabei eindeutig in der Überzahl (30 % gegenüber Jungen: 24 %).

Der Podcast unterm Brennglas. Was Max Scharnigg in der Süddeutschen Zeitung vom 18./19.10.2025 plakativ und provokativ "Salbader-Salbe gegen Weltwundheit" nennt, trifft viele, die sich dem Trend Podcasts zu hören verschrieben haben ins Mark. Plötzlich wird da ein unverdächtiges, in der Öffentlichkeit eher positiv, denn negativ besetztes Verhalten, sich über Gott und die Welt zu informieren, Neues zu erfahren und oder Altbekanntes bestätigt zu bekommen, unter ein Brennglas gelegt, das alles mit ein paar hundert sengenden Worten verbrennt und verkohlen lässt.

Podcasts, so lässt Scharnigg wissen, seien "eine Form der Ersatzbefriedigung für die Singlegesellschaft, die Beziehungsgestörten, die Verkrochenen", "eine Linderung für all die Arten von individueller Einsamkeit, die unsere Zeit geschaffen hat". Dabei schlügen die Podcasts ihre Rezipient*innen nicht mehr wie früher bei RTL im Fernsehen mit der Faustformel der Aufmerksamkeit "Tote, Tiere, Titten" in den Bann, sondern böten ihrer "eingebaute, mentale Massagefunktion" mit dem Dreier "Crime, Comedy, Cringe" an. Insbesondere das Peinliche, wofür "Cringe" stehe, thematisiere dabei sehr plakativ Tabus, Lebensbeichten und Achtsamkeiten aller Art.

Der Podcast als Duftkerze. Wer heute Podcasts hört, besser gesagt, wer heute bestimmte Podcasts immer wieder hört, versteht sich gewöhnlich als Teil einer Community. Man sei als Hörer darin zwar Individuum, zugleich aber auch "Teil einer bundessweiten Fankurve", sagt Scharnigg, und damit quasi Anteilseigner eines Gemeinschaftsgefühls, das sich weniger auf die kommunizierten Inhalte als über ein diffuses Bauchgefühl definiere. So verwundert es auch nicht, dass die individuelle Podcastnutzung auch oft als Mittel eingesetzt wird, um soziale Unterschiede zu betonen. Was ganz früher, vielleicht noch die Bücherwand oder früher, wie Schargg erwähnt, kunstvoll hindrapierte französische Magazine und ein New Yorker-Abos, oder auch bestimmte Arte-Sendungen im Fernsehen waren, mit denen man die »feinen Unterschiede (Pierre Bourdieu,1930-2002) des eigenen sozialen Habitus als  "ästhetische Distanzierung" (Bourdieu 1987/2014, S.68) vom Geschmack des "Pöbels" nach außen kehrte, "sind es heute eben wohlgehütete Podcast-Schätze. die man seinen Kollegen dringend empfiehlt." (Scharnigg, ebd.) In diesem sozialen Habitus wird der angesagteste Podcast-Geheimtipp, den man an anderen nicht verschweigen kann, zu einer Art "schicke(n) Duftkerze" (ebd.), die den eigenen intellektuellen Anspruch und Lebensstil verströmen soll.

Der Podcast als Therapeut. Podcasts, von Audio-Podcasts, ist hier die Rede, sind ein besonderer medial inszenierter Gesprächsraum, der den Zuhörer*innen das Gefühl gibt, in einem geschützten und auf gegenseitigem Vertrauen von Zuhörer und Sprecher geprägten Setting zu agieren. Hier kann von den Sprechern alles gesagt werden uns von den Hörern alles vernommen werden, ohne dass Peinlichkeiten, Scham oder sonstige Hemmschwellen Ungesagtes von Gesagtem separieren. In dieser parasozialen Beziehung kann es daher, wie Scharnigg meint, mit etwas Fantasie schon einmal so weit kommen, dass "da tatsächlich ein Kumpel am Telefon tief in die Gefühlskiste" greift und ein Podcast, vor allem wenn immer der gleiche wie in einem Ritual, ja geradezu hörsüchtig konsumiert wird, "ein Surrogat für fehlende zwischenmenschliche Beziehungen und Lösungsmittel für Unaussprechliches" wird, wie Scharnigg konstatiert. Auf diese Weise entstehe zwischen Hörer und Podcaster "eine Beziehung, die sich anfühlt wie eine Mischung aus Schwärmen für eine Band oder eine Brieffreundschaft." (ebd.)

Der Podcast zur Entschleunigung. Das Tempo, mit dem mediale Informationen heutzutage durch den digitalen Orbit gejagt werden, der vielfach beklagte "information overload" mit Information und Desinformation ist heute ein Stressfaktor geworden und zwingt uns ein Stakkato immer kürzerer Aufmerksamkeitsspannen in der maximalen Länge eines durchschnittlichen Tiktok-Posts von 15 Sekunden auf. Dieses hält uns in der Endlosschleife eines emotionalen Wechselbads von Likes und Dislikes, Zustimmung und Empörung, lässt uns kaum herunterkommen und versperrt den Weg zu einer rationalen Auseinandersetzung mit unserer inneren und äußeren Welt. Insofern kann ein Podcast, der aus diesem Stakkato herausfällt, und mit dem man "Wellness- und Wissenserfahrungen" (Scharnigg) machen kann, auch eine wirksame Hilfe gegen die "große Ratlosigkeit und Unruhe der Digital Natives" (ebd.) sein, sofern er eben nicht nur als "Salbader-Salbe gegen Weltwundheit in die Ohren" (ebd.) geschmiert wird.

Der Podcast als Vergesellschaftungsmodus. Wenn es zutrifft, wie Scharnigg behauptet, dass Podacsts heute "nicht nur Amateur- und Nerd-Content bieten, sondern mittlerweile der maßgebliche Raum des Diskurses geworden sind", dann sollte man, bei aller Kritik, so Scharniggs mehr oder weniger versöhnliches Resümee, aber an das Gemeinschaftsgefühl anknüpfen, das Podcasts heute in vielfältiger und vielleicht zeitgemäßer Form entstehen lassen.

(Quellen: Max Scharnigg, Anplaudern gegen Weltwundheit. Mentale Massage, Mittel gegen Einsamkeit, oft auch Einschlafhilfe: Was der erstaunliche Podcast-Boom über den Zustand der Gesellschaft verrät, Süddeutsche Zeitung 18./19. Oktober 2025) - Das sind die Ergebnisse unserer Podcast-Umfrage 2022 | Podstars. In: Podstars – Das Podcast-Netzwerk. 23. Mai 2022, abgerufen am 8. Juli 2022.

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Gert Egle bearbeitet am: 19.10.2025

   
  Arbeitsanregungen zur Texterörterung
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  1. Geben Sie den Text in Form einer strukturierten Textwiedergabe wieder.

  2. Setzen Sie sich mit dem Text kritisch auseinander.

 

 
 
 

 
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