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Bausteine: Michael Berg

Zwei Briefe Michael Bergs an Hanna Schmitz

Bernhard Schlink, Der Vorleser - Aspekte der Erzähltextanalyse - Figurengestaltung

 
FAChbereich Deutsch
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Michael Berg schreibt • Hanna, nachdem sie Schreiben und Lesen gelernt hat, aus der Haft kleinere Briefe, die er aber im Roman niemals beantwortet. Hier wird davon ausgegangen, dass er dies tut.

1.

Liebe Hanna,

was für eine Nachricht! Du hast Lesen und Schreiben gelernt! Das ist wirklich eine großartige Sache, und das nach so vielen, langen Jahren, in denen du dich, ohne dies zu können, durchs Leben gekämpft hast. Ja, darauf kannst du stolz sein und ich bin es deshalb auch auf dich.

Wenn ich das damals schon gewusst hätte, wäre uns so mancher Streit erspart geblieben. Erinnerst du dich noch an unsere Radtour an Ostern und die grässliche Auseinandersetzung in Amorbach, als ich dir einen Zettel geschrieben hatte, bevor ich loszog, um morgens Brötchen zu holen. Eigentlich war es doch die schönste Zeit, die wir miteinander hatten. Ich konnte ja nicht ahnen, was damals mit dir los war. Dass und wie du geweint hast, nachdem du mich zuvor mit dem Gürtel geschlagen hast, gab mir zwar schon zu denken, aber, wie so oft, hatte ich mehr Angst, dich zu verlieren, als der Sache auf den Grund zu gehen. Wenn wir uns dann wieder liebten und unser Ritual durchspielten, das uns immer so glücklich machte, war trotzdem alles nicht wieder vergessen. Ich habe schon gemerkt, dass ich, wann immer wir miteinander gestritten haben, alle Schuld auf mich genommen habe. Trotzdem war es irgendwie verrückt, dass wir uns ausgerechnet nach diesem Streit so nahe waren, wie nie zuvor. Plötzlich warst du nicht mehr nur die überlegene, starke Frau, die immer, wenn es darauf ankam, über mich triumphiert hat und ihre ganze Lebenserfahrung gegen mich ausspielte, wenn ich dir irgendwie zu nahe kam und einfach mehr über dich wissen wollte.

Es war für uns beide nicht einfach, in der Öffentlichkeit zueinander zu stehen. Ich weiß, dass das nicht nur für mich, sondern auch für dich gegolten hat. Dabei war der Altersunterschied gar nicht entscheidend. Wir haben einfach in anderen Welten gelebt. Trotzdem war ich die meiste Zeit glücklich mit dir wie niemals zuvor. Du hast mich zum Mann gemacht und damit tief in meine eigene Welt hineingewirkt. Ja, ich weiß, unsere letzte Begegnung im Schwimmbad fühlte sich für dich wohl wie ein Verrat an, und in gewisser Weise war es das wohl auch. Aber es ging alles eben auch sehr schnell, nicht wahr? Ich habe lange gebraucht, darüber wegzukommen, dass du von einem Tag auf den anderen für immer aus meiner Stadt verschwunden bist. Heute weiß ich, dass es eigentlich kaum vermeidbar war.

Alles andere zählte damals eben noch nicht. Was mich heute bedrückt, wenn ich an unsere Liebesbeziehung denke, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Liebe Grüße
Michael

2.

Liebe Hanna,

ich habe jetzt schon mehrere kleine Briefe, die du selbst geschrieben hast, erhalten, aber dir nie mit einem Brief geantwortet. Ich weiß auch heute nicht, ob das überhaupt eine gute Idee ist, ganz wohl ist mir jedenfalls bei der Sache nicht. Es ist einfach so viel passiert und unsere Leben sind heute einander fremder denn je. Ich habe alle deine kurzen Grüße aufgehoben. Als der erste kam und ich feststellen konnte, dass du, sicher unter großen Anstrengungen, Schreiben und Lesen gelernt hast, habe ich mich richtig gefreut und auch so etwas wie Stolz auf dich empfunden.

Jetzt aber, nachdem einige Zeit verstrichen ist, kommen mir immer wieder Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit in den Sinn, die sich im Nachhinein wenn auch nicht als "falsch", so doch als "verlogen" vorkommen. Wie konnte ich eine Frau lieben, die zu solchen Gräueltaten fähig gewesen ist?

Natürlich wusste ich das damals nicht, und du hast alles dafür getan, alles in Schweigen zu hüllen, aber ich werde bis heute nicht wirklich damit fertig. Aber lossagen kann ich mich von meinen damaligen Gefühlen für dich bis heute nicht. Irgendwie habe ich das Eindruck, dass wir über das Schicksal miteinander verbunden bleiben, ob es mir nun gefällt oder nicht.

Dass du also Lesen und Schreiben gelernt hast, ist wirklich großartig. Und manchmal streife ich den Gedanken, was wohl aus dir geworden wäre, wenn du es schon unter den Nazis gekonnt hättest und dir über das eigene Lesen jene Welt hättest erschließen können, die sich dir beim Vorlesen aller jener Bücher auftat, die ich dir bis heute vorlesen durfte.

Dass du auch das Gericht damals nicht in deinen Analphabetismus eingeweiht hast, war bestimmt ein Fehler, zeigt aber doch auch, welche Wunden die jahrelange Erfahrung damit in dir hinterlassen hat.

Ich werde dir keine weiteren Briefe schreiben, Hanna. Sie würden immer wieder aufwühlen, was ich ohnehin kaum im Zaum halten kann.

Machs gut

Michael

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 03.06.2024

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie aus den Briefen heraus, welche Gesichtspunkte ihren Autoren wichtig sind.
  2. Kommentieren Sie die Briefe in einem inneren Monolog/ oder als Erzählerkommentar aus der Sicht des 50-jährigen Ich-Erzählers Michael Berg.
 
 
 

 
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