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Bausteine zu Friedrich Schiller: Maria Stuart - 1. Akt: Szene I,1

I,1: Textanalyse - Exposition in I,1


FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren Friedrich Schiller Biographie
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Methodenrepertoire zur szenischen Erarbeitung von Dramentexten
Expositionsanalyse als produktive Textarbeit

Exposition im Drama der geschlossenen Form
Allgemeine Expositionsanalyse
Arbeitsschritte
Überblick
Aspektorientierte Expositionsanalyse
Feedbackformular zur schriftlichen Expositionsanalyse

Analyse der Exposition in I,1

Die erste Szene in Schillers Drama »Maria Stuart« erfüllt wichtige Aufgaben bei der ▪ Exposition des Dramas. Im Rahmen der Exposition werden dem Zuschauer die nötigen Informationen über Vorgeschichte, Gegenwart und Zukunft der dramatischen Handlung gegeben  Ohne diese Informationen ist es kaum möglich, eine unmittelbar präsentierte Dramenhandlung zu verstehen.

Text

Bemerkungen zur Exposition

Erster Auftritt

Hanna KENNEDY, Amme der Königin von Schottland, in heftigem Streit mit Paulet, der im Begriff ist, einen Schrank zu öffnen. Drugeon Drury, sein Gehilfe, mit Brecheisen.

KENNEDY.

Was macht Ihr , Sir? Welch neue Dreistigkeit!

Zurück von diesem Schrank!

PAULET.                                    Wo kam der Schmuck her?

Vom obern Stock ward er herabgeworfen,

Der Gärtner hat bestochen werden sollen

Mit diesem Schmuck - Fluch über Weiberlist!

Trotz meiner Aufsicht, meinem scharfen Suchen

Noch Kostbarkeiten, noch geheime Schätze!

(Sich über den Schrank machend.)

Wo das gesteckt hat, liegt noch mehr!

KENNEDY.                                        Zurück, Verwegener!

Hier liegen die Geheimnisse der Lady.

PAULET. 

Die eben such ich. (Schriften hervorziehend.)

KENNEDY.             Unbedeutende                                      10

Papiere, bloße Übungen der Feder,

Des Kerkers traur´ge Weile zu verkürzen.

PAULET.

In müß´ger Weile schafft der böse Geist.

KENNEDY.

Es sind französische Schriften.

PAULET.                                      Desto schlimmer!

Die Sprache redet Englands Feind.

KENNEDY.                                         Konzepte

Von Briefen an die Königin von England.

PAULET.

Die überlief'r ich - Sieh! Was schimmert hier?

(Er hat einen geheimen Ressort geöffnet und zieht aus
 einem verborgenen Fach Geschmeide hervor.)

Ein königliches Stirnband, reich an Steinen,

Durchzogen mit den Lilien von Frankreich!

( Er gibt es seinem Begleiter.)

Verwahrt`s, Drury. Legt`s zu dem Übrigen!                   20

                            (Drury geht ab.)

KENNEDY. O schimpfliche Gewalt, die wir erleiden!

PAULET.

Solang sie noch besitzt, kann sie noch schaden,

Denn alles wird Gewehr in ihrer Hand.

KENNEDY.

Seid gütig, Sir. Nehmt nicht den letzten Schmuck

Aus unserem Leben weg! Die jammervolle

Erfreut der Anblick alter Herrlichkeit,

Denn alles andere habt Ihr uns entrissen.

PAULET. Es liegt in guter Hand. Gewissenhaft

Wird es zu seiner Zeit zurückgegeben!

KENNEDY. Wer sieht es diesen kahlen Wänden an,      30

Dass eine Königin hier wohnt? Wo ist

Die Himmeldecke über ihrem Sitz?

Muss sie den zärtlich weichgewöhnten Fuß

Nicht auf gemeinen rauen Boden setzen?

Mit groben Zinn - die schlechtste Edelfrau

Würd` es verschmähn - bedient man ihre Tafel.

PAULET. So speiste sie zu Sterlyn ihren Gatten,

Da sie aus Gold mit ihrem Buhlen trank.                        40

KENNEDY.

Sogar des Spiegels kleine Notdurft mangelt.

PAULET. Solang sie noch ihr eitles Bild beschaut,

Hört sie nicht auf, zu hoffen und zu wagen.

KENNEDY.

An Büchern fehlt`s, den Geist zu unterhalten.

PAULET. Die Bibel ließ man ihr, das Herz zu bessern.

KENNEDY. Selbst ihre Laute ward ihr weggenommen.

PAULET. Weil sie verbuhlte Lieder drauf gespielt.

KENNEDY.

Ist das ein Schicksal für die Weicherzogne,

Die in der Wiege Königin schon war,

Am üpp'gen Hof der Mediceerin

In jeder Freuden Fülle aufgewachsen!

Es sei genug, dass man die Macht ihr nahm,                50

Muss man die armen Flitter ihr missgönnen?

In großes Unglück lehrt ein edles Herz

Sich endlich finden, aber wehe tut`s,

Des Lebens kleine Zierden zu entbehren.

PAULET. Sie wenden nur das Herz dem Eiteln zu,

Das in sich gehen und bereuen soll.

Ein üppig lastervolles Leben büßt sich

in Mangel und Erniedrigung allein.

KENNEDY. Wenn ihre zarte Jugend sich verging,

Mag sie`s mit Gott abtun und ihrem Herzen -                60

In England ist kein Richter über sie.

PAULET. Sie wird gerichtet , wo sie frevelte.

KENNEDY.Zum Freveln fesseln sie zu enge Banden.

PAULET. Doch wusste sie aus diesen engen Banden

Den Arm zu recken in die Welt, die Fackel

Des Bürgerkrieges in das Reich zu schleudern

Und gegen unsere Königin, die Gott

Erhalte, Meuchelrotten zu bewaffnen.

Erregte sie aus diesen Mauern nicht

Den Bösewicht Parry und den Babington                     70

Zu der verfluchten Tat des Königsmords?

Hielt dieses Eisengitter sie zurück,

Das edle Herz des Norfolk zu umstricken?

Für sie geopfert fiel das beste Haupt

Auf dieser Insel unterm Henkerbeil -

Und schreckte dieses jammervolle Beispiel

Die Rasenden zurück, die sich wetteifernd

Um ihretwillen in den Abgrund stürzen?

Die Blutgerüste füllen sich für sie

Mit immer neuen Todesopfern an,                                 80

Und das wird nimmer enden, bis sie selbst,

Die Schuldigste, darauf geopfert ist.

- O Fluch dem Tag, da dieses Landes Küste

Gastfreundlich diese Helena empfing.

KENNEDY.

Gastfreundlich hätte England sie empfangen?

Die Unglückselige, die seit dem Tag,

Da sie den Fuß gesetzt in dieses Land,

Als eine Hilfeflehende, Vertriebne

Bei der Verwandten Schutz zu suchen kam,

Sich wider Völkerrecht und Königswürde                   90

Gefangen sieht, in enger Kerkerhaft

Der Jugend schöne Jahre muss vertrauern -

Die jetzt, nachdem sie alles hat erfahren,

Was das Gefängnis Bittres hat, gemeinen

Verbrechern gleich, vor des Gerichtes Schranken

Gefordert wird und schimpflich angeklagt

Auf Leib und Leben - eine Königin!

PAULET. Sie kam ins Land als eine Mörderin,

Verjagt von ihrem Volk, des Throns entsetzt,

Den sie mit schwerer Gräueltat geschändet.              100

Verschworen kam sie gegen Englands Glück,

Der spanischen Maria blut`ge Zeiten

Zurückzubringen, Engelland katholisch

Zu machen, an den Franzmann zu verraten.

Warum verschmähte sie`s, den Edinburgher

Vertrag zu unterschreiben, ihren Anspruch

An England aufzugeben und den Weg

Aus diesem Kerker schnell sich aufzutun

Mit einem Federstrich? Sie wollte lieber

Gefangen bleiben, sich misshandelt sehn,                  110

Als dieses Titels leerem Prunk entsagen.

Weswegen tat sie das? Weil sie den Ränken

Vertraut, den bösen Künsten der Verschwörung,

Und unheilspinnend diese ganze Insel

Aus ihrem Kerker zu erobern hofft.

KENNEDY. Ihr spottet, Sir - Zur Härte fügt Ihr noch

den bittern Hohn! Sie hegte solche Träume,

Die hier lebendig eingemauert lebt,

Zu der kein Schall des Trostes, keine Stimme

Der Freundschaft aus der lieben Heimat dringt,        120

Die längst kein Menschenangesicht mehr schaute

Als ihrer Kerkermeister finstre Stirn,

Die erst seit kurzem einen neuen Wächter

Erhielt in eurem rauen Anverwandten,

Von neuen Stäben sich umgittert sieht -

PAULET. Kein Eisengitter schützt vor ihrer List.

Weiß ich, ob diese Stäbe nicht durchfeilt,

Nicht dieses Zimmers Boden, diese Wände,

Von außen fest, nicht hohl von innen sind

Und den Verrat einlassen, wenn ich schlafe?           130

Fluchvolles Amt, das mir geworden ist,

Die unheilbrütend Listige zu hüten.

Vom Schlummer jagt die Furcht mich auf, ich gehe

Nachts um, wie ein gequälter Geist, erprobe

Des Schlosses Riegel und der Wächter Treu`

Und sehe zitternd jeden Morgen kommen,

Der meine Furcht wahr machen kann. Doch wohl mir!

Wohl! Es ist Hoffnung, dass es bald nun endet.

Denn lieber möcht` ich der Verdammten Schar

Wachstehend an der Höllenpforte hüten,                140

Als diese ränkevolle Königin.

KENNEDY.

Da kommt sie selbst!

PAULET. Den Christus in der Hand,

Die Hoffart und die Weltlust in dem Herzen.

 

 

 

point of attack, präsentisch

präterital (unmittelbare Vorgeschichte der Bühnenhandlung)

 

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Analyse der Exposition in I,1

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.05.2021

    
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie die Zeitbezüge der expositorischen Informationen in dieser Szene.

  1. Unterstreichen Sie dazu die präteritalen, präsentischen und futurischen Bezüge in den Aussagen von Paulet und Hanna Kennedy.

  2. Notieren Sie gegebenenfalls einige Bemerkungen zur Erläuterung.

  3. Schreiben Sie im Anschluss daran, einen Brief Hanna Kennedys an den ehemaligen Haushofmeister Maria Stuarts Melvil, in dem Sie ihm die in Szene I,1 gegebenen Informationen über Vorgeschichte, Gegenwart und Zukunft Maria Stuarts mitteilt. (Gestaltende Interpretation)

 
 
 

 
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