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Bausteine: Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede

Rekonstruktion der Satzzeichen

Literatur ohne Anführungszeichen

 
 FAChbereich Deutsch
Center-Map Glossar Literatur Linguistik (Sprachwissenschaft)
Rechtschreibung Grammatik / SyntaxWortgrammatik Satzgrammatik Rede- bzw. Textwiedergabe Überblick Formen der Rede- und Textwiedergabe Direkte Wiedergabe / Wörtliche Rede Überblick [ Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede Überblick Wörtliche Rede in einem erweiterten Gesamtsatz Verzicht auf Markierung als modisches Stilmittel? Bausteine ] Zitieren   Formen der indirekten Wiedergabe Semantik Pragmatik Soziolinguistik Textlinguistik Gesprächsanalyse Schreibformen Rhetorik Filmanalyse Operatoren im Fach Deutsch

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Die "Aussetzung" der korrekten Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede

In ▪ epischen Texten wird im Rahmen der ▪ Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede (direkten Rede) von der Markierung durch ▪ Anführungszeichen als Wiedergabeindizes sehr häufig Gebrauch gemacht.

Damit wird die direkte Rede von anderen ▪ Darbietungsformen wie dem ▪ Erzählerbericht, der ▪ indirekten Rede, der ▪ erlebten Rede, dem ▪ inneren Monolog oder dem ▪ Bewusstseinsstrom deutlich abgehoben.

Aber es kommt in Erzähltexten auch vor, dass auf die ▪ Anführungszeichen verzichtet wird. Dann kommen aber meistens andere Wiedergabeindizes zum Einsatz.

1) Einrückungen und Markierung mit Spiegelstrichen

Oft werden die Äußerungen samt ihrer übergeordneten Sätzen eingerückt und die Sprecherwechsel mt Spiegelstrichen signalisiert.

Beispiel 1:

Jens Ludwig verfährt in seiner Kurzgeschichte "Vor dem Finale" in dieser Weise (Auszug):

- Es ist nichts, nein, nichts. Dieser Blick.
Sie nahm ihn mit, als sie von der Diele in die Küche wechselte. Jetzt gab es kein Zurück. Wie immer eine kurze Pause, dann ging er ihr hinterher.
- Nein, ehrlich, was soll denn sein?
- Ach, nichts.
- Also doch.
- Also was?
Das Geschirr schepperte in den Geschirrspüler. Er griff nach einem Topf, bugsierte ihn an ihr vorbei in die Spüle. So.
- Ich sage doch, es ist nichts.
- So? [...]

2) Sprecherangabe ohne weitere syntaktische Einbettung vor der Äußerung

Ebenso kommt es vor, dass - wie in dramatischen Texten - einfach der Sprecher ohne weitere syntaktische Einbettung vor die Äußerung gesetzt wird.

Beispiel 2:
In ihrer Erzählung »Trinidad« (1994) lässt »Doris Dörrie (* 26. Mai 1955 in Hannover) den Erzähler in einer ▪ szenischen Darstellung den nachfolgenden Dialog erzählen:

[...]

Sie: Meinst du, ich weiß nicht, warum du dauernd diese Musik hörst, warum du von Trinidad schwärmst, als sei es das Paradies auf Erden?

Er: Es ist das Paradies auf Erden.

Sie: Ach, Scheiße. Und fass mich nicht an.

Er: Heißt das, du verlangst von mir ...

Sie: Genau.

Er: Du bist doch verrückt.

Sie: Ach ja?

Er: Woher nimmst du das?

Sie: Ich sehe es dir an.

Er: Gut. Ich war glücklich da. Ja.

Sie: Ohne uns.

Er: Ja.

Sie: Warum?

Er: Die Menschen sind anders.

Sie: Die Frauen, meinst du.

Er: Auch die Frauen.

Sie: Wie?

Er: Das willst du doch gar nicht wissen.

Sie: Doch.

Er: Wenn ich es dir sage, drehst du durch, das weiß ich doch.

Sie: Tue ich nicht.

Er: Tust du doch.

Sie: Sag es mir.

Er: Was?

Sie: Was so toll ist an den Frauen in Trinidad.

Er: O Gott.

Sie: Was?

Er: Sie führen keine Gespräche wie dieses.

[...]

 

(aus: Doris Dörrie, Trinidad, in: diess., Bin ich schön? Erzählungen, Zürich: Diogenes Verlag 1995, S.36f.)

3) Sprecherangabe und Sprecherwechsel durch einen jeweils neuen Absatz

Oft wird in modernen literarischen Texten auf jegliche Markierung ▪ wörtlicher Rede mit Satzzeichen oder sonstigen Zeichen- und Absatzattributen (z. B. ▪ Schriftschnitt) selbst verzichtet. Stattdessen wird der Sprecher, um Missverständnisse zu vermeiden, immer wieder im Erzählerbericht angegeben und nur bei einer eindeutigen Wechselrede wird auch darauf verzichtet. In solchen Fällen wird der Sprecherwechsel allerdings meistens durch einen jeweils neuen Absatz signalisiert.

Beispiel 3:
In ▪ Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte ▪ "Nachts schlafen die Ratten doch" wird in dieser Weise verfahren (Auszug):

[...]

Ja, antwortete Jürgen mutig und hielt den Stock fest.

Worauf passt du denn auf?

Das kann ich nicht sagen. Er hielt die Hände fest um den Stock.

Wohl auf Geld, was? Der Mann setzte den Korb ab und wischte das Messer an seinem Hosenboden hin und her.

Nein, auf Geld überhaupt nicht, sagte Jürgen verächtlich. Auf etwas ganz anderes.

Na, was denn?

Ich kann es nicht sagen. Was anderes eben.

Na, denn nicht. Dann sage ich dir natürlich auch nicht, was ich hier im Korb habe. Der Mann stieß mit dem Fuß an den Korb und klappte das Messer zu.

Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist, meinte Jürgen geringschätzig, Kaninchenfutter. [...]

4) Verzicht auf Wiedergabeindizes im Interesse eines nahtlosen Übergangs zwischen Gesprochenem und Gedachten im Rahmen der zugrunde gelegten Erzählperspektive

Oft wird in modernen literarischen Texten auf jegliche Markierung ▪ wörtlicher Rede mit Satzzeichen oder sonstigen Zeichen- und Absatzattributen (z. B. ▪ Schriftschnitt) selbst in erweiterten Gesamtsätzen verzichtet.

  • Damit wird die wörtliche Rede so in den Erzählerbericht eingebettet, dass der Verzicht auf Anführungszeichen auch wichtige Lesehilfen beseitigt.

  • Natürlich wird dadurch auch die Lesefreundlichkeit herabgesetzt, indem die mit Wiedergabeindizes ermöglichte Abgrenzung von wörtlichen Äußerungen gegenüber anderen Äußerungen erschwert wird.

Beispiel 4:
In seiner Kurzgeschichte ▪ "Neapel sehen" hat ▪ Kurt Marti die wörtliche Rede nicht durch die grammatisch geforderten Zeichen markiert. So verfährt er auch im folgenden Ausschnitt:

Er lag im Bett und blickte zum Fenster hinaus. Er sah sein Gärtchen. Er sah den Abschluss des Gärtchens, die Bretterwand. Weiter sah er nicht. Die Fabrik sah er nicht, nur den Frühling im Gärtchen und eine Wand aus gebeizten Brettern. Bald kannst du wieder hinaus, sagte die Frau, es steht alles in Blust*. Er glaubte ihr nicht. Geduld, nur Geduld, sagte der Arzt, das kommt schon wieder. Er glaubte ihm nicht. Es ist ein Elend, sagte er nach drei Wochen zu seiner Frau, ich sehe immer das Gärtchen, sonst nichts, nur das Gärtchen, das ist mir zu langweilig, immer dasselbe Gärtchen, nehmt doch einmal zwei Bretter aus der verdammten Wand, damit ich was anderes sehe. Die Frau erschrak. Sie lief zum Nachbarn. Der Nachbar kam und löste zwei Bretter aus der Wand. Der Kranke sah durch die Lücke hindurch, sah einen Teil der Fabrik. Nach einer Woche beklagte er sich, ich sehe immer das gleiche Stück Fabrik, das lenkt mich zu wenig ab. Der Nachbar kam und legte die Bretterwand zu Hälfte nieder. Zärtlich ruhte der Blick des Kranken auf seiner Fabrik, verfolgte das Spiel des Rauches über dem Schlot, das Ein und Aus der Autos im Hof, das Ein des Menschenstromes am Morgen, das Aus am Abend. Nach vierzehn Tagen befahl er, die stehengebliebene Hälfte der Wand zu entfernen. Ich sehe unsere Büros nie und auch die Kantine nicht, beklagte er sich.

Ein so gestalteter Text gewinnt u. U. auch mit seiner ▪Schriftgestaltung insgesamt einen anderen ▪ Schriftcharakter und u. U. auch eine andere Art der ▪ Anmutung, denn in jedem Falle wird der Fließtextcharakter des Textes damit betont. Erzähltechnisch ausgedrückt: die von direkter Rede ausgehende spürbare Unterbrechung des Erzählflusses (vgl. Vogt 1990, S.151), wird damit in gewisser Weise gemindert.

Beispiel 5:
In seinem Roman "Professor der Begierde" (1978, 1998), stellt der US-amerikanische Schriftsteller »Philip Roth (geb. 1933) dar, wie der Literaturprofessor David Kepesh, ein Enkel jüdischer Emigranten, als im Grunde einsamer Egomane von seiner sexuellen Begierde umgetrieben wird und erst zu sich selbst findet, als er nach seiner Scheidung von Helen Baird, mit der drei Jahre verheiratet gewesen ist, in der Lehrerin Claire Ovington eine verständnisvolle Lebensgefährtin findet. In einer Psychotherapie versucht er mit Hilfe von Dr. Frederick Klinger über seinen Schmerz nach der Trennung von Helen hinweg- und wieder mit sich ins Reine zu kommen. (vgl. Dieter Wunderlich 2005) Während eines Therapiegesprächs wird die szenische Darstellung, die nur einmal mit dem elliptischen "Das Telefon" als Erzählerbericht und den Sprechermarkierungen unterbrochen wird, mit Anführungszeichen strukturiert, die aber - nicht konsequent gesetzt - das jeweils vom Therapeuten im Raum Gesagte - zwischen Therapie- und Telefongespräch fast bruchlos ineinandergreifen lässt.

»Warum erlauben Sie Helen«, fährt Klinger fort, »die sich in ihrem hektischen Bemühen, die Hohepriesterin des Eros zu sein, kaputtgemacht hat - und die beinahe auch Sie mit ihren Behauptungen und Andeutungen kaputtgemacht hat - warum erlauben Sie ausgerechnet Helen immer noch, mit ihrem Urteil Macht über Sie auszuüben? Wie lange wollen Sie ihr eigentlich noch gestatten, Sie dort zurückzuweisen, wo Sie sich am schwächsten fühlen? [...] Was war den ihr >mutiges< Suchen ...« Das Telefon. »Entschuldigen Sie«, sagt er. Ja, am Apparat. Ja, nur zu. Hallo ... ja ich kann Sie sehr gut verstehen. Wie ist Madrid? Was? Nun selbstverständlich ist er misstrauisch, was haben Sie denn erwartet? Sagen Sie ihm einfach, dass er sich töricht verhält, und dann vergessen Sie's. Nein, selbstverständlich wollen Sie keinen Streit vom Zaun brechen. Das verstehe ich. Sagen Sie's einfach, und dann versuchen Sie, allen Mut zusammenzunehmen. Sie können sich ihm widersetzen. Gehen Sie zurück auf ihr Zimmer und sagen Sie es ihm. Aber ich bitte Sie, Sie wissen doch genau, dass Sie das können. Schön. Viel Glück. Und amüsieren Sie sich gut. Wiedersehen. - »Was war denn ihre Sucherei anderes«, sagt er, »als ein Ausweichen? Eine kindische Flucht vor dem, was man im Leben wirklich schaffen kann?« - »Andererseits«, sage ich, »sind diese Vorhaben, die man tatsächlich verwirklichen kann, so etwas wie eine Flucht vor der Suche.« - »Bitte, Sie lesen gern und schreiben gern über Bücher. Das schafft Ihnen nach eigenen Aussagen enorme Befriedigung - oder hat es zumindest früher getan  und wird es auch wieder tun, das versichere ich Ihnen. Im Augenblick haben Sie nur alles bis obenhin satt.[...]«
(aus: Philip Roth, Professor der Begierde 1978, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, Neuausgabe 2004, S.123f.)

In der Literatur ist der Verzicht auf Äußerungszeichen nicht nur eine Mode

Hinter einem teilweisen oder vollständigen Verzicht auf "Äußerungszeichen" (Engel 1988/1996, S.833ff,) wie z.B. Punkt, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Komma, Doppelpunkt, Gedankenstrich, Klammern und Anführungszeichen) als Wiedergabeindizes verbirgt sich in der modernen Literatur also im Allgemeinen doch mehr als eine bloße "Mode", wie die eine oder andere kritische Stimme zum Lektorieren solcher Manuskripte vermutet (→Verzicht auf Markierung als modisches Stilmittel).

Insbesondere bei anspruchsvoller Literatur, bei der der Autor den Wechsel zwischen den verschiedenen ▪ Darbietungsformen des Erzählens bewusst ohne solche Wiedergabeindizes gestaltet, liegt dem häufig ein Erzählkonzept (Erzählweise) zugrunde, das die prinzipielle Gleichwertigkeit sprachlicher oder gedanklicher Äußerungen, den nahtlosen Übergang zwischen Gesprochenem und Gedachten im Rahmen der zugrunde gelegten Erzählperspektive signalisieren soll.

Daher wird auch der Übergang von der direkten Rede in den Redebericht oder inneren Monolog häufig fließend gestaltet. Häufig kommt es aber auch zu einem  ▪ Wechsel zwischen direkter und indirekter Rede beim Erzählen (Fluktuation)

Zugleich erfordert der Verzicht auf Äußerungszeichen einen kompetenten Leser, der durch Kenntnis und Erfahrung im Umgang mit verschiedenen Darbietungsformen des Erzählens der vom Autor konzipierten Erzählweise folgen und dabei auch nicht markierte wörtliche Rede als solche erkennen kann.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 28.06.2020

     
    
   Arbeitsanregung:
  1. Überlegen Sie, wie sich ein lektorierender Eingriff mit Berücksichtigung der korrekten Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede auf die unterschiedlichen Texte auswirken würde.
  2. Fügen Sie dazu die eigentlich erforderlichen Satzzeichen in den Beispielen 1, 3, 4 und 5 hinzu.
  3. Stellen Sie Ihr Ergebnis im Plenum vor und beurteilen Sie die Wirkung der Änderung auf den Text und ihr eigenes Textverständnis.

auch als Gruppenarbeit durchführbar

 
 
 

 
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