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Ibsen: Nora - Textauswahl

Bedenklicher als die krassesten Ehebruchsdramen

Paul Lindau (1881)

 
Fachbereich Deutsch
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Bedenklicher als die krassesten Ehebruchsdramen
Paul Lindau (1881)

Man ist gewöhnt, nur solche Stücke als unsittliche zu bezeichnen, in welchen geschlechtliche Verhältnisse in einer Weise behandelt werden, die dem öffentlichen Schamgefühl zuwider ist. In diesem Sinne lässt sich gegen das Ibsen'sche Drama natürlich gar nichts sagen. Gleichwohl muß ich dasselbe als ein sittlicher Beziehung sehr bedenkliches bezeichnen, ja, es erscheint mir viel bedenklicher als die krassesten Ehebruchsdramen der französischen Schule. Hier werden mit großem dichterischen Talente und großer Beredsamkeit Gefühle und Gesinnungen ausgesprochen, die durchaus ungesund, und die, wie ich fürchte, wie dazu gemacht sind, in das Fleisch und Blut ungesunder weiblicher Organismen überzugehen und das Arsenal der »Verkannten« um Prachtstücke ersten Ranges zu bereichern. Das Begriffsvermögen der beschränktesten Person reicht gerade so weit, um die reizvolle Rolle der Unverstandenen und Verkannten zu verstehen. Zu einer Nora bringt jede phrasenhafte und oberflächliche Frau das nöthige Zeug mit. Daß Helmer, der ja sonst so klug ist, auf die lächerliche Verirrung Noras nichts zu erwidern hat, daß sie mit ihren kindischen, thörichten, ungesunden Ideen den Sieg davonträgt und das Schlachtfeld verläßt, nachdem sie den stärkeren Gegner zu Boden geworfen hat, daß der Unsinn siegt und die Vernunft untergeht, - das ist es, was ich nicht anders denn als unsittlich bezeichnen kann.

(aus: Paul Lindau: Nora, in: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben, Berlin: Stilke, Bd. 18, Nr. 48 (27.11.1880), S.348f.)

Abb.: Uraufführung Kopenhagen 1879:
Peter Jerndorff (Doktor Rank), Betty Hennings (Nora), Agnes Dehn (Christine Linde), Emil Poulsen (Torvard Helmer)

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Dieses Werk ([Aufführungskritik zu Ibsens "Nora" ] (1881), von Paul Lindau), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 30.08.2026

 
  
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