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Aspekte der Erzähltextanalyse: Bobrowski, Brief aus Amerika

Eine doppelte Lossagung

Interpretation

 
FAChbereich Deutsch
Center-Map Glossar Literatur Autorinnen und Autoren Johannes Bobrowski Brief aus Amerika [Aspekte der ErzähltextanalyseTexterfassung als Parallelkonspekt
Thema Inhaltsangabe Erzähltechnische und sprachliche Mittel Figurengestaltung Strukturbild/Textgrafik als Interpretationsskizze Interpretation  ] Bausteine ... Schreibformen ● Operatoren im Fach Deutsch

 

Das Geschehen, in das sich der Leser zu Beginn in Johannes Bobrowskis »Brief aus Amerika« durch die personale Erzählhaltung und den unvermittelten Beginn distanzlos mitten hinein gestellt sieht, trägt von Anfang an groteske, ja trotz der Helligkeit des gleißenden Sonnenlichts schaurig-gespenstische Züge. Eine alte Frau tanzt am helllichten Tag um ein Apfelbäumchen im Garten ihres Bauernhofes und fordert mit ihrem refrainartig vorgetragenen Gesang die Sonne auf, ihre weißen Arme zu "verbrennen". Ihr Verhalten, das - sieht man von dem Inhalt ihres Gesanges ab - eher einem Kind, als einer alten Frau ansteht, steigert sich durch weitere Handlungen (Fortschleudern der Holzpantinen und Erhöhung der Geschwindigkeit des Drehens beim Tanzen), ohne aber den Eindruck von einer ausgelassenen Fröhlichkeit zu hinterlassen.

Das Verhalten der alten Frau wirkt grotesk und ihr Verhalten gewinnt den Charakter eines seltsamen Rituals, das durch die refrainartige Wiederholung der Aufforderung: "Brenn mich, brenn mich, brenn mich" zu Beginn und am Ende des ersten Abschnitts  wie der gestische Vollzug eines Zauberspruches erscheinen muss, bei dem die "liebe Sonne" als personifizierter Adressat ihrer verbalen Äußerungen fungiert.

In narratorialer Perspektive, der Ortwechsel, der dabei vollzogen wird, durchbricht die personale Perspektive des Beginns, wird im nächsten Abschnitt von einem Brief erzählt, den der Sohn namens Jons seiner alten Mutter geschrieben hat. Mit drei kurzen Hauptsätzen, darunter eine Ellipse ("Aus Amerika"), wird durch den Doppelpunkt hinter dem Satz "Da steht zu lesen" der Brief vom Erzähler als eine Art Redebericht in einem längeren Auszug ("Der Brief ist noch länger.") zitiert. In dem Brief teilt der Sohn seiner Mutter mit, dass er mit seiner Frau Alice nicht zu Besuch kommen werde. Zugleich versucht er, ihr seine Beweggründe für diese Entscheidung zu vermitteln.

Der Beginn des Briefes wirkt trotz der intimen und emotionalen Anrede ("Mein liebe Mutter") zunächst geschäftsmäßig und nimmt ohne Umschweife vorweg, worum es geht. Die Entscheidung ist gefallen, daran, so spürt man als Leser sofort heraus, ist nicht mehr zu rütteln. Jons spricht nicht um den Brei herum, wie man redensartlich sagt, sondern kommt direkt zur Sache. Und doch zeigen seine nächsten Sätze, mit denen er die Diskussionen mit seiner Frau Alice über die Absage des Besuches wiedergibt, dass ihm die Entscheidung offenbar nicht leicht gefallen ist. Ihr gegenüber hat er geltend gemacht, dass es bei der Reise ja nur um ein paar Tage gehe. Er will damit offenbar den im Text aber nicht explizit ausgeführten Einwand seiner Frau abwehren, sie könnten das gerade jetzt so florierende Geschäft, das ihnen ihr Vater wohl unlängst überschrieben hat, wegen der Reise nicht längere Zeit schließen. Ebenso verhallen auch seine mit der Sentenz "Ehre Vater und Mutter" ausgedrückten Gewissensbisse, die er sich wohl auch deshalb macht, weil er seinen Vater vor dessen Tod nicht mehr zu Gesicht bekommen hat ("und wenn der Vater auch gestorben ist, das Grab ist da"). Um so mehr sieht er sich, soweit man den Brief überhaupt als authentische und "ehrliche" Selbstkundgabe lesen darf, in der moralischen Pflicht, dies bei seiner alten Mutter, die "weil alle von uns weg sind" allein zurückgeblieben ist, nicht auch noch zu versäumen. Ihm ist klar, dass sie seine Mutter entweder jetzt oder nie mehr besuchen werden. Die Rechtfertigung, die er für seine Besuchsabsage liefert, stützt sich auf das, was angeblich seine Frau Alice in diesem Zusammenhang zu ihm gesagt hat und deren Ausführungen er letzten Endes explizit zustimmt.

Alice, die offenbar ihre Schwiegermutter noch nie zu Gesicht bekommen hat, da sie nur von ihrem Ehemann, den sie selbst John nennt, gehört hat, dass es "dort" schön sei, hält dem Wunsch ihres Mannes, seine Mutter zu besuchen, verschiedene Argumente entgegen, die im Brief in Form einer längeren Abfolge von Haupt- und Nebensätzen, die jeweils mit Komma getrennt und mit der Konjunktion "und" asyndetisch aneinandergereiht werden, dargeboten werden. Jons zitiert in seinem Brief angeblich wörtlich, was sie zu ihm gesagt hat, leitet die direkte Redewiedergabe mit einem verbum dicendi und einem Doppelpunkt ein, benutzt aber keine Anführungszeichen, sondern markiert deren Ende mit dem rückverweisenden Hauptsatz "Das sagt meine Frau." Wie ernst es seiner Frau mit dem, was sie offenbar zu sagen hatte, war, zeigt, dass Jons ihre intensivierende Aufforderung, er solle ihr mal zuhören, unmittelbar wiedergibt. Zugleich entlastet er damit sich selbst.

Das erste Argument, das Alice vorbringt, beinhaltet im Wesentlichen, dass sie Jons romantisierende Vorstellungen von seinem früheren Leben vorhält, das er durch seine Auswanderung und den Aufbau einer neuen Existenz in Amerika eigentlich hinter sich gelassen habe. Im Hier und Jetzt ihres gemeinsamen Lebens ist kein Platz mehr für das Dort und Früher. Amerika und vor allem das Geschäft, das beide von dem Vater von Alice überschrieben bekommen haben und das offenbar im Moment gut floriert, ist nicht nur die alles bestimmende Gegenwart ihres Handelns, sondern auch ihr ethisch-moralischer Horizont. Apodiktisch stellt sie als zweites Argument in den Raum, der Mensch sei jung oder alt und daher könnten junge und alte Menschen ihre jeweilige Lebenssituation nicht verstehen: "der junge Mensch weiß nicht, wie es sein wird, wenn er alt ist, und der alte Mensch weiß nicht, wie es in der Jugend war." Indem sie einen unüberbrückbaren Gegensatz von Jung und Alt postuliert, der sich rational über die im Spruch "ehre Vater und Mutter" zugrundeliegende traditionelle Moral stellt und das Geschäft an die erste Stelle setzt, zeigt sie auch die Aushöhlung moralischer Wertorientierungen in der auf den eigenen Profit ausgerichteten amerikanischen Gesellschaft.

Die sozialen Bedingungen und Beziehungen, selbst die innerhalb der Familie, vor allem aber die zwischen den Generationen, werden zum Hindernis des eigenen Lebens bzw. der Vorstellungen, die man sich vom eigenen Lebensglück macht. So wischt auch Jons seine zuvor noch ins Spiel gebrachten Einwände mit dem knappen Satz "Sie hat Recht" vom Tisch, dessen Prämissen weder abgewogen noch sonstwie reflektiert werden. Es ist der gleiche geschäftsmäßige Ton, der daraus spricht, wie in dem ersten Satz seines Briefes. Zugleich weist er aber auch darauf hin, dass auch Alice ihn ermuntert habe, seine Mutter "herkommen" zu lassen. Was das Angebot, das sie offenbar in einem vorangegangen Brief seiner Mutter gemacht haben, umfasst, erwähnt der Brief nicht. Ob es beinhaltete, dass Jons alte Mutter, die zu Hause offensichtlich niemanden mehr hat, den Rest ihres Lebens bei ihrem Sohn und ihrer Schwiegermutter in Amerika verbringen könne, lässt sich aber plausibel ahnen, wenn man die Antwort der Mutter, auf die Jons in seinem Brief Bezug nimmt, mit einbezieht. Sie hat ihm nämlich offensichtlich erklärt, dass wenigstens sie "dort bleiben muss, weil alle von uns weg sind." Was seine Mutter "dort" hält, ob es einfach ihre Heimatverbundenheit, die Tatsache, dass "dort" ihr Mann begraben und sie selbst nach ihrem Tode bestattet werden will, alles das bleibt der Spekulation des Lesers überlassen, der aber stets berücksichtigen muss, dass der Brief, soweit er als zitierte Figurenrede gelesen werden kann, eine Art Binnenerzählung des Sohnes darstellt, in dem er seine Sicht der Dinge darstellt und das, was seine Frau gesagt hat und seine Mutter ihm geantwortet hat, aus seiner eigenen Perspektive wiedergibt. Auch wenn der Sohn den Brief, über dessen weiteren Inhalt der Leser nichts erfährt, am Ende mit Jons unterschreibt, ist "John", wie er in Amerika von seiner Frau genannt wird, der darin und daraus spricht. Mit dieser Namensfassade maskiert, verschanzt er sich geradezu vor Anwürfen des eigenen Gewissens und weist zugleich seiner im Brief nüchtern und irgendwie gefühllos wirkenden Frau die Hauptverantwortung für eine vorgeschürzt alternativlose Entscheidung zu. Was sie sagt, gilt, denn sie bzw. ihr Vater haben dafür dafür gesorgt, dass er "hier etwas geworden" ist.

Die Erzählung fährt nach der Darstellung der Auszüge aus dem Brief des Sohnes zunächst mit der Beschreibung der raum-zeitlichen Koordinaten fort, in denen sich das Tanzen der alten Frau in ihrem Garten ereignet. Die Fortsetzung des linearen Geschehens, das durch die in den Ereignisablauf hineinmontierte Wiedergabe des Briefes,unterbrochen worden ist, wird damit wieder aufgenommen und der Blick wieder auf das Handeln der Frau gerichtet. Es liest sich wie eine Shot-List schnell hintereinander folgender Kameraeinstellungen, die hart gegeneinander geschnitten, einen blitzlichtartigen Eindruck über den Ort und die Zeit des Geschehens vermitteln sollen, ehe die Kamera wieder die tanzende Frau unter dem Apfelbäumchen fokussiert. Dabei wirken die Raumelemente wie herbeierzählte Kulissen für die insgesamt groteske Szenerie.

Ein weiteres Mal, insgesamt wird der Satz in der Geschichte, drei Mal wiederholt, wird vom Erzähler betont, dass es "heller Mittag" sei. Die Sonne steht offenbar hoch am Himmel und hat damit auch die Strahlkraft, um die Haut der alten Frau zu (ver-)brennen, sofern sie sich den Strahlen über längere Zeit ungeschützt aussetzt. Das grotesk wirkende Treiben der Frau findet draußen in der Öffentlichkeit statt, könnte damit von jedermann beobachtet werden. Allerdings liegt das nächste Gehöft ein Stück weit entfernt. Beobachter des Geschehens gibt es damit wohl bestenfalls aus der Ferne, um die alte Frau herum scheint niemand zu sein. So tanzt sie für sich allein. Was der Erzähler über den Raum mitteilt, ist nüchtern und wirkt extrem distanziert. In zunächst ein paar wenigen parataktisch aneinandergereihten knappen Hauptsätzen werden das Haus, in dem die alte Frau lebt, der Stall und der Garten erwähnt, die Gebäude ohne jede Nuancierung allein mit der Angabe, dass sie "weiß" gestrichen seien, beschrieben. Dass der Erzähler ebenso nüchtern zwei Mal davon spricht, dass das Wetter "schön" sei, steht dabei in eindeutigem Kontrast zu dem Geschehen, von dem der Leser erfährt. Alles zusammen schafft damit den Eindruck einer ebenso grotesken Szenerie. Ein langer Kameraschwenk, um im Bild der oben dargestellten Kameratechnik beim Erzählen zu bleiben, sprachlich in Form einer längeren asyndetischen mit der Konjunktion "und" verbundenen Reihung gestaltet, situiert das Geschehen weiter, in dem es die ländliche Umgebung des Hauses dem Leser quasi vor Augen führt. Ihren Abschluss findet diese Beschreibung durch die Wiederholung der Aussagen "Es ist schön. Und es ist heller Mittag.", die in ihrer Reihenfolge aber umgedreht sind und damit fast wörtlich zu der Formulierung zurückkehren, die schon im ersten Absatz verwendet worden ist.

Der Eintönigkeit der Sprache entspricht das weiter fortgesetzte Tanzen der alten Frau um das Apfelbäumchen, die  ihre nackten Arme in der Sonne schwenkt und sie Sonne geradezu weiter anfleht: "Liebe Sonne, brenn mich, brenn mich". Über die Zeitdauer, über das sich dieses Tun erstreckt, lässt der Erzähler den Leser im Unklaren, ebenso wie darüber, ob die Sonnenstrahlen bewirken, was die alte Frau herbeibeschwört. Aber auch über die erzählte Zeit der Geschichte gibt der Text wenige Auskünfte. "Es ist heller Mittag", als die Frau um das Bäumchen tanzt. Die Aussparung, die zwischen dem Tanz draußen und ihrem weiteren Handeln in der Stube liegt ist nicht zeitlich markiert. Trotz allem vermittelt der lediglich durch die Darbietung des Briefes lineare Zeitablauf den Eindruck, dass es sich um ein Geschehen handelt, das höchstens eine Stunde umfassen kann.

Der Leser, der nach dem Lesen des ersten Absatzes dieses Verhalten zunächst nicht plausibel deuten kann, kann aber bei seiner im Laufe der Lektüre fortschreitenden Suchbewegung, diesem  "verrückt" erscheinenden Verhalten der alten Frau einen Sinn zu geben, hat dadurch dass, sich seine epistemologische Position durch die zumindest teilweise Kenntnis des Briefes verändert und kann seinen weiteren Leseprozess mit der Hypothese strukturieren, dass das seltsames Tun der alten Frau in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Brief des Sohnes steht. Dabei stützt er seine Vermutung auf das vom Erzähler präsentierte gestische Verhalten der Frau im Garten. Diese Erzähltechnik, man hat sie auch als gestisches Erzählen (vgl. Durzak 2002a, S.241) bezeichnet, die an dieser Stelle der Geschichte bewusst auf Innensicht verzichtet, und dem Leser überlässt, wie er das Geschehen deutet, ist Teil der vom Autor in den Text "verbauten" impliziten Lesers, dessen Suche nach dem Sinn des Geschehens und damit dessen Zutun angeregt wird.

Schnitt. Nach einer zeitlichen Aussparung fährt der Erzähler damit fort, was die alte Frau, die inzwischen wieder ins Haus zurückgegangen ist, drinnen im Haus, in der "kühlen" Stube mit dem von der Decke baumelnden Beifußbusch von der Decke und den Fliegen im Zimmer tut, in dem auf dem Tisch der Brief von Jons liegt. Im Gegensatz zu draußen, wo die Sonne in ihrem Zenit steht, ist es hier im Haus "kühl". Was die alte Frau darin tut, wirkt wieder ganz "normal" und es scheint, als habe sie mit dem Verlassen des Gartens und dem Beenden ihres Tanzes, wieder in die "Normalität" und in einen Zustand der Selbstkontrolle zurückgefunden. Was sie drinnen tut, tut sie mit "kühlem" Kopf. Es ist das Ergebnis einer seit dem Eintreffen des Briefs herangereiften und womöglich mit dem Tanz rituell vollzogenen Entscheidung: Sich loszusagen von ihrem eigenen Sohn, der sich mit seinem Brief, der Verteidigung seiner neuen Identität als "John", de facto auch von ihr losgesagt hat.

Der personale Erzähler dieses Abschnittes verringert die Distanz zum erzählten Geschehen, das nun wieder eindeutig aus der Perspektive der alten Frau präsentiert wird. Dies wird durch verschiedene sprachliche Merkmale deutlich, wie z. B. die Verwendung des bestimmten Artikels "der Spiegel" statt "ein Spiegel" oder die Verwendung des Temporaladverbs "damals" statt "vor langer Zeit" oder des Lokaldaverbs "hier" statt "an diesem Ort" . Letztere Formulierungen wären Ausdruck einer narratorialen Perspektive.

In der Stube faltet die alte Frau den Brief und bringt ihn zum Herd in der Küche. Danach holt sie auch eine Fotografie, die ihren Sohn und seine Frau in Amerika zeigt und die ihr bisher so wichtig gewesen ist, dass sie das Bild bei jedem Blick in den Spiegel, an dessen Rand es zwischen Rahmen und Glas fixiert war,  sehen wollte. Sie schreibt auf deren Rückseite die beiden Sätze, das sei ihr Sohn Jons und das sei ihre Tochter Alice. Darunter setzt sie noch ihren Vornamen, Namen und Geburtsnamen "Erdmuthe Gauptate geborene Atalle".

Was sie damit vollzieht, hat den Charakter eines rituellen Aktes und schließt an ihr seltsames Tanzen an, das rückblickend Teil an dieser Stelle des Textes als Teil des Gesamtrituals der Lossagung der Mutter vom eigenen Kind verstanden werden kann, auch wenn die einzelnen rituellen Akte, das "Sonnentanz-Ritual" auf der einen und das Verbrennungsritual des Briefes und der rückseitig beschrifteten Fotografie auf andere Objekte zielen.

Indem sie die Namen Jons und Alice und ihre familiäre Beziehung zu ihr als Sohn bzw. Tochter auf die Rückseite schreibt, vollzieht sie den quasi den zweiten Akt des Gesamtrituals und mit der Angabe ihres eigenen Namens und Geburtsnamens ergänzt sie, was auf dem Bild schließlich nicht zu sehen ist, nämlich sie selbst als Mutter in diesem familiären Dreieck. Zugleich wirkt ihr Namenszug wie eine Art Unterschrift, mit der sie den Vollzug des zweiten, aber im Text nicht mehr ausgeführten Teil des Rituals, das Verbrennen des Briefes und der Fotografie, vor dem eigenen Ich legitimiert.

Ehe sie daran geht, Holz zu holen -  mit diesem offenen Schluss endet die Geschichte -, streicht sie sich die Ärmel ihrer Bluse, dessen Stoff sie einmal von ihrem Sohn aus Amerika geschenkt bekommen hat, wieder herunter. Dabei nimmt sie noch einmal wahr, dass es ein schöner weißer Stoff ist, und für einen Moment scheint es, als ob sich ihr damit Erinnerungen aufdrängen könnten, die dem Ritual der Lossagung noch entgegenwirken könnten. Doch die alte Frau verfolgt weiterhin, was sie sich vorgenommen hat.

Während sie die beschriftete Fotografie durch die Luft schwenkt, gehen ihr verschiedene Gedanken durch den Kopf, die als zitierte Gedankenrede bzw. innerer Monolog den Erzähler hinter der Figur gänzlich zurücktreten lassen. Die asyndetische Reihung, mit "und" verbunden, verdeutlicht dabei die assoziativen Gedanken, die dem Leser ihr Motiv für das "Sonnentanz-Ritual" verdeutlichen. Für ihren verstorbenen Mann Annus seien die auffallend weißen Arme, die sie vor dreißig Jahren gehabt habe, das gewesen, was er zu der Zeit, als sie sich kennengelernt hätten, besonders attraktiv gefunden habe. Im Rückblick bekommt ihr grotesk-beschwörendes Anrufen der Sonne draußen bei ihrem Tanz um das Apfelbäumchen damit Sinn als symbolischer Akt der Selbstzerstörung, der das an ihr verbrennen soll, was einmal, selbst als rein äußerliches Zeichen, Teil ihres Selbst geworden war.

Indem sie aber nun die Blusenärmel herunterstreift und wieder glatt streicht, setzt sie zumindest einen vorläufigen Schlusspunkt unter die mit dem Brennritual vollzogene symbolische Selbstzerstörung. Stattdessen bietet sie, deren eigenes Selbstwertgefühl als Mutter und Mensch tief verletzt zu sein scheint, ihre ganze psychische Kraft gegen die Verursacher auf, ihren Sohn und seine Frau Alice, von denen sie sich mit ihrem Ritual für immer innerlich lossagen will.

Für einen Moment geht ihr noch einmal der von Alice stammende Gedanke "Der Mensch ist alt oder jung" durch den Kopf und führt sie zur rhetorischen, aber anklagend klingenden Frage, was der alte Mensch überhaupt noch brauche. Sie bringt damit zum Ausdruck, dass ihre Bedürfnisse und die alter Menschen überhaupt für niemanden, nicht einmal den eigenen Sohn, etwas zählen, zumal das Alter für alle die  gleiche unausweichliche Entwicklung nimmt, das Augenlicht werde schwächer, die Nächte kürzer und der Aktionsradius immer kleiner und am Ende gingen alle nur noch einen Weg, nämlich in den Tod.

Es ist ein trauriges Bild des Alters, das ihr vor Augen steht, ein freudloses Alter und in ihrem Fall durch die Auswanderung des Sohnes nach Amerika und seine Weigerung sie (noch einmal) zu besuchen, ein sozial isoliertes, einsames Alter mit einem einsamen Tod am Ende. Dieses Bild, das ihr durch den Brief aus Amerika zur Gewissheit wird, hat sie vor Augen, als sie die beschriftete Fotografie neben den zusammengefalteten Brief auf den Herd legt, die Streichhölzer richtet und dann mit den vor sich hingesprochenen Worten "werden wir die Milch aufkochen" nach draußen geht. Wie sie zur "Tagesordnung" übergeht, die Verbrennung von Brief und Fotografie als Mittel zum Anzünden des Feuers im Herd verwendet, spiegelt gestisch den geschäftsmäßigen Ton, den ihr Sohn bei seiner Lossagung von den Bindungen an seine Mutter benutzt hat.

Wie es weitergeht, lässt die Geschichte, wie es für Kurzgeschichten üblich ist, offen, und doch ist der Leser durch die Vorbereitungen, die die Frau trifft, irgendwie darauf festgelegt, dass die Frau Brief und Foto zum Anzünden des Feuers verwenden wird, das sie in ihrem Küchenherd zum Aufwärmen der Milch benötigt. Mit der Beschriftung auf der Rückseite des Bildes, die ja auch ihren Namen trägt, übergibt sie die familiäre Bindung, ihre mütterliche Beziehung zu ihrem Sohn den Flammen und vollzieht damit symbolisch ihre Lossagung. Dabei erscheint das vom Leser erwartete Verbrennen der Bilder aber kein isolierter oder irgendwie noch von emotionaler Unruhe und Aufregung gekennzeichneter Vorgang zu werden wie der eingangs erzählte Tanz um das Apfelbäumchen. Was geschieht, und nur das wird am Ende noch erzählt, verweist auf ein Leben danach: Mit dem Vorhaben, Milch aufzukochen, geht die alte Frau zur Tagesordnung über in einem Leben, das sie zwar wie schon zuvor seit dem Tod ihres Mannes allein bewältigen muss, nun aber unter den schwierigen psychischen Bedingungen ihrer nicht mehr zu überbückenden Entfremdung von ihrem Sohn in der Weise auf sich nehmen muss, wie sie es bei ihrer Reflexion über das Alter kommen sieht. Kann sein, dass sie aber trotz allem wieder ein Apfelbäumchen pflanzt.

Bobrowski zeichnet ein düsteres Bild der Beziehungen von Alt und Jung, das vor allem die Seite der Alten in den Blick rückt, die in einer Gesellschaft, in der die traditionellen Familienstrukturen sich unter dem Einfluss zusehends individualisierter Lebensformen auflösen, auf sich gestellt sind. Dabei ist, auch wenn die Sympathien des Lesers gewiss auf der Seite der alten Frau liegen, deren personale Perspektive den Text durchzieht, dieser gesellschaftliche Prozess und die Konflikte, die sich daraus ergeben, nicht mit Schuldzuweisungen an die jüngere Generation zu lösen, die sich nicht genügend um die Älteren kümmert. Gegenseitige Fürsorge zwischen den Generationen funktioniert nämlich auch dann nicht mehr, wenn die Alten zu sehr an ihren traditionellen Lebensformen festhalten, sich nicht auf die Jungen zubewegen, deren Leben unter anderen Vorzeichen und an anderen Orten gelebt wird, als die Alten es gewohnt sind. So liest sich die Geschichte letzten Endes auch nicht als Geschichte eines Verrats des Sohnes an seiner Mutter, sondern als Aufforderung an beide Generationen, ihre Erwartungen aneinander rechtzeitig zu artikulieren und miteinander Lösungen anzustreben, die berücksichtigen, was beide Generationen "brauchen". Sie bleiben grundsätzlich aufeinander angewiesen und auch die gegenseitige Lossagung, wie sie Bobrowskis Geschichte thematisiert, sollte nicht als Modell für eine unüberbrückbare Kluft von Alt und Jung gelesen werden, wohl aber als Warnung, welche persönlichen und gesellschaftlichen Folgen es hat, wenn Alt und Jung nicht verstehen, ihr Verhältnis unter den sich dauernd verändernden sozialen und ökonomischen Bedingungen immer neu auszuhandeln und neu zu justieren.

 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 04.06.2020

 

 
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