Friedrich Hebbel (1813-1863)
Die Kuh
In seiner Wohnstube, die sehr niedrig und auch etwas räucherig war,
weil es dem Hause nach dem herkömmlichen Brauch des Dorfs am Schornstein
fehlte, saß der Bauer Andreas an dem noch vom Großvater herstammenden
alten eichenen Tisch und überzählte vielleicht zum neunten Male ein
kleines Häuflein Taler-Scheine. Er hatte die Pfeife im Munde, und daran
konnte man sehen, dass es Sonntag sei, da er sich die mit dem Rauchen
verbundene kleine Zeit- und Geldverschwendung bei seiner knappen,
ängstlich-genauen Natur an keinem anderen Tage erlaubt haben würde; sie
brannte aber nicht und war auch noch gar nicht angezündet gewesen,
obgleich das Talglicht1, wobei es hatte geschehen sollen, schon lange
geflackert haben musste. Um ihn herum, bald zum Vater auf die Bank kletternd und ihm ernsthaft
zuschauend, bald den durch die offenstehende Tür aus- und einwandernden
gravitätischen Haushahn jagend und neckend, spielte sein Kind, ein
munteres, braunes Knäblein von zweieinhalb bis drei Jahren. »Den da« – murmelte Andreas und hielt einen der Scheine mit
sichtlichem Behagen in die Höhe – »bekam ich für die Fuhre Sand, die ich
dem Maurermeister Niclas in die Stadt lieferte, als es, wie mit Mulden2,
vom Himmel goss; ich kenne ihn an dem Riss. Ein braver Mann; ich hatte ihm
einen Groschen wieder herauszugeben, aber er ließ mir den wegen meiner
durchnässten Haut. Freilich, einen Schnaps habe ich nicht dafür
getrunken, wie er wollte!« »Diesen hier« – fuhr er fort – »habe ich am sauersten verdient, es
ist der mit dem großen Tintenfleck! Wer dem Apotheker einen ganzen
Futtertrog voll Kamillen bringen will, der muss sich oft bücken, und das
ist nach dem Feierabend nicht bloß für die Faulen mühsam!« »Der zerfetzte und wieder zusammengeklebte« – begann er nach einer
Pause von neuem – »ärgert mich jedes Mal, wenn ich ihn ansehe, ich werde
den Verdruss nicht los. Anderthalb hätten's sein sollen, wenn sie auch
gerade nicht ausdrücklich zum voraus bedungen waren. Drei Klafter3 Holz!
Ins Bein hieb ich mich obendrein vor übergroßem Eifer, weil ich's den
Leuten gern, ehe der Regenguss kam, in den Keller schaffen wollte! Und
ein solcher Abzug! Dabei trägt die Frau goldene Ohrringe, und das Kind
weiß nicht, ob es eine Semmel ohne Butter essen will oder nicht!« »Brüllt's nicht schon?« Er sprang auf und eilte ans Fenster. »Nichts da« – sagte er zurückkehrend – »das kam aus dem Stall des
Nachbars! Nun, morgen wird aus dem meinigen geantwortet werden! Na,
Junge« – hierbei klopfte er sein Knäblein auf die Wange und reichte ihm
eine dem Hahn entfallene bunte Feder »noch heute erhalten unsere beiden
Esel Gesellschaft. Dein Vater hat's endlich soweit gebracht, die Kuh ist
schon unterwegs! Du musst das Pferd schaffen, wenn du groß wirst! Hörst
du?« Das Kind nickte, als ob es verstände, was es doch noch nicht
verstehen konnte. Andreas setzte sich wieder an den Tisch. »Freilich, freilich« – begann er abermals, indem er einen
Zehn-Taler-Schein ergriff – »es würde noch eine gute Weile gedauert
haben, wenn das Glück mich nicht begünstigt hätte! Ha, Ha! Das war ein
Fischfang, der sich der Mühe verlohnte, obgleich der Fisch nicht zu den
essbaren gehörte. Ei, dass ich doch immer, wie jenen Abend, von ungefähr
darauf zukäme, wenn sich einer ersäufen will, und die Rettungsprämie
erwischte! Ich bringe jeden ans Ufer, ärger kann sich keiner
sträuben, als der Leinweber sich sträubte, er hätte mich fast in den
Grund des Teichs mit hinabgerissen! Noch fühl' ich seine Klauen in
meinem linken Arm, und ernstlich hat er's gemeint, denn drei Tage
nachher schnitt er sich den Hals ab! Doch was gelingt unsereinem nicht,
wenn man weiß, dass einem eine Belohnung von zehn Talern gewiss ist! Lange
währt's aber, es wird ja schon Nacht! Dass der Müller meiner Geesche4 Bier
und Brot vorgesetzt hat, kann ich mir nicht denken! Dann müsste sein
Profit größer sein, als ich glaubte, und er hätte mich trotz aller
Vorsicht angeführt! Ich will einmal vor die Tür gehen!«. Andreas stand
auf und tat jetzt den ersten Zug aus der Pfeife. »Ja so« – rief er aus – »du brennst noch nicht, und ich meine, schon
eine halbe Stunde zu schmauchen! Nun, umsonst will ich dich nicht
gestopft haben.« Er nahm ein altes brüchiges Zeitungsblatt vom Tisch, in
das die Scheine eingewickelt gewesen waren. »Jetzt brauche ich's nicht mehr« – sprach er, indem er es beim Licht
anzündete – »noch heute geht das Geld aus dem Hause, denn der Müller
kommt gewiss mit, ich tät's an seiner Stelle auch!« Er steckte die Pfeife
in den Brand und warf das Blatt an die Erde. Das Kind hatte dem
plötzlichen Aufflammen desselben mit leuchtenden Augen zugesehen, es
rief jetzt: »Ah!« und hob das Blatt wieder au£ »Brenn' dich nicht!«
sagte Andreas und ging hinaus. Es war völlig finster geworden, und der
qualmige Nebel, der den Tag über die Sonne verhüllt hatte, verhallte
jetzt die Sterne. »Wo sie nur bleibt!« – murrte Andreas, sich mit dem Rücken
verdrießlich an den Türpfosten lehnend – »nun werd' ich bald ungeduldig!
Ob sie aufs neue zu dingen5 angefangen hat? Glück zu, aber vor dem will
ich den Hut abziehen, der da noch einen Groschen abzwackt, wo ich den
Handel schloss! Ich könnte ihr entgegengehen, doch sie hat den
Pflügerjungen ja bei sich, und dann ist hier auch das Kind. Zwar, das
könnte ich zu Bett bringen!« Andreas ging wieder hinein. »Satan!« rief er aus und blieb einen Moment mit weit aufgerissenem
Munde und fast aus den Höhlen tretenden Augen auf der Schwelle der Stube
stehen. Der Knabe kniete auf der Bank, die er erklettert hatte, und
verbrannte beim Licht eben mit Frohlocken den letzten Kassenschein; das
Flackern des Zeitungsblatts hatte ihm eine unendliche Freude gemacht,
aber die Freude hatte nicht lange genug gedauert und, um sie zu
erneuern, tat er alles nach, was er vorher seinen Vater, aufmerksam und
neugierig zu ihm emporschauend, hatte tun sehen. »Au!« schrie das Kind
nach einer Weile, denn das als letztes zu lange festgehaltene Papier
brannte es auf die Finger; »mehr!« setzte es hinzu, als es, das Auge
nach der Tür wendend, den fast versteinerten Andreas erblickte. Dies Wörtchen weckte diesen aus seiner Erstarrung; »mehr, Du
Teufelsbrut?« rief er aus, stürzte auf sein Söhnchen zu, fasste es,
seiner selbst nicht mehr mächtig, bei den Haaren und schleuderte es
ingrimmig gegen die Wand, als ob es eine giftige Schlange wäre, deren
Stich er eben gefühlt hätte. »Mehr!« sagte er dann, »noch mehr, viel mehr«, und riss den am
Ofengestell hängenden neuen Strick herunter, mit dem er die Kuh hatte
anbinden wollen, denn ein schneller, scheuer Blick zur Wand hinüber
hatte ihm gezeigt, dass das Kind laut- und leblos mit geborstenem Schädel
und mit verspritztem Gehirn am Boden lag. Er tat einen Schritt vorwärts, aber die Beine wollten unter ihm
brechen, und er griff um sich herum in die Luft, wie nach einem
Gegenstand, an dem er sich halten könne; da ließ sich in geringer
Entfernung von seinem Hause klar und deutlich das so lange ersehnte
Gebrüll vernehmen. Dies schien ihm die Kraft zu einem plötzlichen
Entschluss zu geben; er rief: »Gute Nacht, Andreas!« und stürzte mit dem
Strick auf die Hausflur hinaus. Hier stand eine Leiter, die auf den
Boden führte, von dem er schon am Mittag einen Haufen Stroh zum Streuen
für die Kuh vorsorglich herabgeworfen hatte; diese Leiter eilte er so
schnell hinauf, dass ihm sein Hut, den er nach Bauernsitte im Hause, wie
auf dem Felde trug, darüber entfiel. Nun verschwand er in der Luke und
bald darauf knackte der Dachstuhl. Fast in demselben Augenblick wurde es laut vor der Tür. »Nun,
Andreas, bist du eingeschlafen?« – rief eine weibliche Stimme – »das
pflegst du doch sonst nicht zu tun, eh' du deine Grütze6 im Leibe hast!« »Spring hinein, Hans, und weck' ihn!«. Hans, ein nach Art der
Mistgewächse lang aufgeschossener, aber spindeldürrer Junge, tat, wie
ihm geheißen wurde, während Geesche die Kuh festhielt. Gleich darauf kam er wieder heraus und stotterte: »Aber Frau, aber
Frau!« ohne mehr hervorbringen zu können. »Was ist's? Was gibt's?« rief Geesche, von seiner Leichenblässe und
seinem Zähngeklapper erschreckt, und stürzte hinein. Hans griff nach dem
Licht und sagte: »Der Bauer ist nicht da«, dann leuchtete er nach dem
Ort hin, wo das Kind lag. Mit einem jähen Schrei sank die Mutter um und blieb bewusstlos liegen.
Hans verlor die Besinnung nun völlig. »Bauer, Bauer, wo ist er? wo
bleibt er?« rief er wohl hundert Mal hintereinander und rannte, das Licht
in der Hand, im ganzen Hause, wie toll, umher. Als er aus der Küche zurückkehrte, wo er ins Ofenloch
hineingeleuchtet hatte, stolperte er am Fuß der Leiter über Andreas'
Hut, der dort niedergefallen war. »Hat er sich oben versteckt, Bauer?« – rief Hans – »komm' er jetzt
nur herunter, wir sind da!« Da keine Antwort erfolgte, stieg er selbst empor. Als er den Kopf in
die Bodenluke steckte und, eine neue Leitersprosse ersteigend, Hals und
Schultern nachschob, stieß er auf Widerstand, der von etwas herrührte,
das ihn anfangs zurückzudrängen, sich dann zu spalten und
auseinanderzuteilen schien. Der Angstschweiß brach ihm aus, ihn fing zu
fiebern an, und ohne zu wissen, dass er's tat, stieg er noch höher. Jetzt
war es ihm, als ob sich ein sehr schwerer Mensch, wie zum Reiten, auf
seinen Nacken setzte, zwei steife Beine, in denen er an den breiten
Messingschnallen der Schuhe die seines Wirts erkannte, kamen, wie Zinken
einer Gabel, links und rechts auf seiner Brust zum Vorschein, und durch
das eine derselben wurde ihm das Licht aus der Hand gestoßen. Nun stieß
er noch einen unartikulierten Laut aus, dann überschlug er sich
rücklings, stürzte und brach das Genick. Das Licht war nicht verloschen, ohne vorher den Haufen losen Strohs
zu entzünden, und in wenigen Minuten stand das Haus in Flammen. Ob Geesche, als dies alles geschah, aus ihrer Bewusstlosigkeit noch nicht
wieder erwacht und willenlos in der aufs schnellste von Rauch und Qualm
gefüllten Stube erstickt war, oder ob sie aus Verzweiflung über das
fürchterliche Ende ihres Kindes verschmäht hatte, sich zu retten, hat
sich nicht ermitteln lassen. Soviel steht fest, dass von ihr, wie von
Andreas, Hans und dem Knäblein nur ein verschrumpftes Gerippe aus dem
Hause herausgekommen, und dass auch die Kuh, dem diesen armen Tieren
angeborenen unseligen Trieb folgend, ins Feuer hineingelaufen und mit
verbrannt ist.
(Erstdruck
in: Die Presse (Wien), 27.1.1849) - in: Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5,
Band 3, München 1963, S. 489-493)
Dieses Werk (Die
Kuh von
Friedrich
Hebbel), das durch
Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.
1 Talglicht: Lampe, bestehend aus einer Schale,
in der sich Talg mit einem Docht befindet; Talg ist ein festes gelbliches
Fett, das aus dem Fettgewebe von Rindern und Schafen gewonnenen wird
2 Mulde: großes längliches Gefäß, Trog
3 Klafter: Raummaß für Holz, das ungefähr einer Länge entspricht,
die ein Erwachsener mit ausgebreiteten Armen greifen kann
4 Geesche/Gesche: ist die Verkleinerungsform einer Kurz- oder
Koseform von Vornamen, die mit Ger- beginnen; vor allem im »Niederdeutschen
und im »Friesischen
verbreitet; meistens mit »Gertrud
in Verbindung gebracht, entweder als Nebenform von »Gesa,
einer Kurzform von Gertrud oder eine direkt von Gertrud abgeleitete Koseform
5 dingen: 1) gegen Lohn in Dienst stellen, einstellen; 2)
jemanden gegen Bezahlung für die Erledigung einer bestimmten Aufgabe
verpflichten, engagieren 3) (abwertend): jemanden mit Geld für die
Ausführung eines Verbrechens gewinnen (s. gedungener Mörder)
6 Grütze: Brei aus Grütze, die aus grob bis fein gemahlenen
Gereidekörnern (Grieß) besteht
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
02.09.2026