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Im Arbeitsbereich • Deutsche Geschichte werden unterschiedliche historische Entwicklungen in Deutschland seit dem Beginn der Modernisierung behandelt. Dabei wird versucht, diese Entwicklung nicht an die »Meisterzählung zur deutschen Geschichte zu binden, die einen "deutschen Sonderweg", d. h. "die Auffassung, dass sich die Brüche und falschen Weichenstellungen in der deutschen Geschichte zu einem verhängnisvollen Abweichen vom normalen (europäischen) Pfad addieren". (Schmidt 2009, S.13) Solche nationalgeschichtlichen Erzählperspektiven sind seit geraumer Zeit immer mehr ins Zentrum der Kritik gerückt. Wenn diese lang Zeit dominierende Meistererzählung zur deutschen Geschichte dekonstruiert werden soll, geht dies nicht, ohne ganze Themen und Probleme neu diskutiert werden und dies hat auch zur Folge, dass bestimmten Ereignissen und Phänomenen ein bescheidenerer Platz in einem größeren Ganzen zugewiesen werden muss. (vgl. Rexroth 2004, S.29)

Erzählen als formale Struktur historischer Erkenntnis

Die Geschichtswissenschaft arbeitet schon seit langem mit einem umfassenden, erweiterten Erzählbegriff, der auf der These gründet, dass historische Erkenntnis auf narrativen Strukturen beruht. Anfang der 1970er Jahre hat »Arthur Coleman Danto (1924-2013) (1974) erkannt, dass historisches Erklären stets narrativ erfolgt und "daß Erzählen selber eine Form des Erklärens ist, und zwar genau diejenige, die für die historische Erkenntnis spezifisch ist." (Rüsen 1982, S.133) Seine Auffassung, wonach "»Geschichten« oder Erzählungen Formen der Erklärung" darstellen, ist heute wohl weitgehend unbestritten und hat zu der Einschätzung geführt, dass "erst im Erzählen den vergangenen Ereignissen ein kohärenter Sinn verliehen werden kann" (Schrader 2013, S.40) und "»Erzählen« den Vorgang im Bewußtsein" darstellt, in dem sich die formale Struktur der historischen Erkenntnis bildet. (vgl. Rüsen 1982, S.133)

In seiner Auseinandersetzung mit den substantialistischen Geschichtsphilosophen betont »Arthur Coleman Danto (1924-2013) (1974), wodurch sich der Historiker vom Geschichtsphilosophen unterscheidet. Historiker versuchten im Unterschied zu diesen "wahre und zeit-abhängige Feststellungen über Ereignisse ihrer Zukunft (zu) treffen oder sie (zu) beschreiben. [...] So könnte man sagen, daß Historiker bestrebt sind, Ereignisse aus der Vergangenheit zu erklären. Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Ich sage lediglich, daß es zuvörderst notwendig sei, eine wahre Beschreibung des Ereignisses zu geben, das erklärt werden soll." (Danto 1974.,S.49)

Dabei ist es seiner Auffassung nach zwar "eine logisch folgerichtige, vollständige Darstellung der Geschichte" (ebd., S.37), dennoch sei es durchaus legitim nach der Bedeutung von Ereignissen zu fragen, solange sich die Zuschreibung von Bedeutsamkeit und Sinn der Kontexte bewusst ist, innerhalb derer diese Sinnzuschreibung erfolgt. So bestehe der "Kontext, innerhalb dessen ein Ereignis bedeutungsvoll ist, in einer begrenzten Reihe von Ereignissen, die zusammen ein Ganzes konstituieren mögen, in dem das in Frage stehende Ereignis ein Teil ist." (ebd.,S.30)

Dabei ist sich Danto (1974/1980) darüber im Klaren, dass das Erzählen einer Geschichte in besonderer Weise von ihren Erzählern, den Historikern und Historikerinnen, abhängig ist, denn "eine Geschichte zu erzählen ist (...) offenkundig gleichbedeutend damit einige Geschehnisse auszuschließen;" (ebd., S.28)

Die folgenden Ausführungen hat »Arthur Coleman Danto (1924-2013) (1974) Historikern und allen, die historische Erzählungen in allen möglichen medialen Formen rezipieren, geradezu ins Stammbuch geschrieben:

"Historische Aussagen werden werden von Historikern gemacht und Historiker haben ihre Motive, wenn sie historische Aussagen lieber über den einen Gegenstand als über einen anderen machen. Nicht allein dies, sondern Historiker haben auch gewisse Empfindungen den Dingen der Vergangenheit gegenüber, deren Beschreibung sie geben wollen. Manche dieser Empfindungen mögen persönlicher Art sein, manche wieder mögen von Mitgliedern der verschiedenen Gruppen geteilt werden, den ein Historiker zugehört. Derartige Einstellungen und Wertungen veranlassen Historiker dazu, auf einiges größeres Gewicht zu legen, gewisse Dinge zu übersehen, ja sie sogar zu entstellen. Wegen dieses Bündels von Einstelllungen und Voreingenommenheiten, die sie mitbringen, sind sie selbst nicht immer imstande, die Entstellungen zu entdecken, die ihnen unterlaufen. Jene aber, die vorgeben, Entstellungen aufgedeckt zu haben, bringen wiederum selbst eine besondere Reihe von Einstellungen mit und demgemäß ihre je eigenen Weise, zu gewichten, wegzulassen und zu entstellen. Überhaupt keine Einstellungen haben würde bedeuten, keine menschliches Wesen zu sei, doch Historiker sind nun einmal Menschen und können dementsprechend keine vollkommen objektiven Aussagen über die Vergangenheit machen. Jede historische Aussage ist, infolge untilgbarer persönlicher Faktoren, eine Entstellung und demzufolge nie ´ganz wahr. Es gelingt uns also nicht, Aussagen über die Vergangenheit zu machen, die unbedingt wahr sind." (ebd., S.58f.)

Wesen und Funktion von Meistererzählungen

Der Begriff der Meistererzählung bezeichnet in der Geschichtswissenschaft historische Großdeutungen, die für eine bestimmte Zeit dominieren oder die für eine bestimmte Perspektive stehen, mit der historische Ereignisse und Entwicklungen erzählt werden. 

Meisterzählungen sind wie »Frank Rexroth (geb. 1960) betont "Chiffren für Glaubenswahrheiten aller Art, die unbefragt hingenommen werden". (»Rexroth 2007a, S.4) Konrad Jarausch (geb.1941) und »Martin Sabrow (geb.1954) verstehen unter einer Meistererzählung eine "kohärente, mit einer eindeutigen Perspektive ausgestattete und in der Regel auf den Nationalstaat ausgerichtete Geschichtsdarstellung, deren Prägekraft nicht nur innerfachlich schulbildend wirkt, sondern öffentliche Dominanz erlangt“. (Jarausch/Sabrow 2002, S.16) So betrachtet ist eine Meisterzählung "die in einer kulturellen Gemeinschaft zu einer gegebenen Zeit dominante Erzählweise des Vergangenen" (ebd., S.17) Für »Jörn Rüsen (geb. 1938) geben Meistererzählungen Antworten auf die Frage nach der kulturellen Identität. (vgl. Rüsen 1998, S.23) (vgl. Wikipedia)

Die dominierende Meisterzählung des so genannten deutschen Sonderwegs "beginnt mit dem angeblichen Machtverlust von Kaiser und Reich, mit der von Luther ausgelösten kulturell-konfessionellen Spaltung oder mit dem Westfälischen Frieden, der die deutsche Zersplitterung und Machtlosigkeit besiegelt und den deutschen Nationalstaat verhindert habe. Um ihn dennoch «verspätet» zu realisieren, seien große Kraftanstrengungen nötig gewesen. Darunter habe die die Ausbildung liberaler und demokratischer Traditionen gelitten. Entstanden sei jedoch ein ganz besonderes Vertrauen der deutschen in die Obrigkeit, das sich als mangelnde Zivilität auf den 1871 angeblich «zu spät» gegründeten und deswegen umso aggressiveren deutschen Nationalstaat übertragen habe. Dieser suchte angeblich seinen eigenen Weg und hinkte der freiheitlich-demokratischen Entwicklung des Westens hinterher." (Schmidt 2009, S.13)

Diese Meisterzählung gilt es, wie schon eingangs betont, zu dekonstruieren und ihre essentiellen Themen und Probleme neu zu diskutieren werden und dies hat auch zur Folge, dass bestimmten Ereignissen und Phänomenen ein bescheidenerer Platz in einem größeren Ganzen zugewiesen werden muss. (vgl. Rexroth 2004, S.29)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 16.12.2024

 
 

 
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