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Bausteine: Bichsel, San Salvador

Eine Weitererzählung beurteilen

Kreatives Schreiben - Gestaltende Interpretation

 
FAChbereich Deutsch
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So interpretiert man eine Kurzgeschichte Operatoren im Fach Deutsch

Kreatives Schreiben
Produktive Textarbeit
Textproduktive Verfahren
Transformieren
Eine Fortsetzung zu einem Text schreiben: Weiterschreiben eines Textes
Gestaltende Interpretation
Kreatives Schreiben zu Peter Bichsels Kurzgeschichte

Die nachfolgende Musterlösung zum ▪ kreativen Schreiben im Zusammenhang von ▪ Peter BichselsKurzgeschichte ▪»San Salvador« stammt von Gregor Schröder, der sie teachSam freundlicherweise zur Verwendung in diesem Kontext zur Verfügung gestellt hat. Sie ist auf seiner Webseite unter der Adresse http://www.gregorschroeder.de/weiterfuehrender-schreibauftrag.html#1peterbichsel verfügbar.

Sie stellt ein Musterbeispiel für die ▪ gestaltende Interpretation der Kurzgeschichte auf der Grundlage des gestaltenden Erschließens des Textes dar.

Die gestaltende Interpretation als Schreibaufgabe

Die gestaltende Interpretation gehört zu den schulischen Schreibformen des Kreativen Schreibens, bei denen die literarästhetische Produktionskompetenz im Vordergrund steht.

Wer die Schreibaufgabe bewältigen will, muss über unterschiedliche Schreibkompetenzen verfügen, die die Grundlage der erforderlichen  Verstehens-, Argumentations- und Darstellungsleistungen bilden.

Dazu gehören vor allem:

  • differenzierte Erfassung der Textvorlage

  • Verdeutlichung des Textverständnisses

  • Erkennen der Gestaltungsmöglichkeiten der Vorlage

  • sensible Nutzung der Gestaltungsmöglichkeiten

  • überzeugende Strukturierung der eigenen Gestaltung

  • Erkennen und adäquate Anwendung literarischer Muster und poetischer Repertoires

  • Eigenständigkeit der Gestaltung

  • Einfallsreichtum bei der Gestaltung

  • Nuancenreiche Korrespondenzbezüge zu Stil und Strukturen der Vorlage

  • Entwicklung einer eigenständigen Argumentation

  • ggf. überzeugende Reflexion der eigenen Gestaltung

Leerstellen als mögliche Ausgangspunkte der textkompatiblen Gestaltung

Ausgangspunkte des gestaltenden Erschließens literarischer Texte sind meistens so genannte Leerstellen. Leerstellen sind nach Michael Titzmann (1977) Stellen in einem literarischen Text, die durch das "Fehlen von etwas" auf sich aufmerksam machen.

  • Der einzelne Leser ist bei der Rezeption des Textes aufgefordert, diese Leerstellen auszufüllen. Auf diese Weise gelingt es ihm, einem Text einen individuellen Sinn zu geben.

  • Leerstellen erzeugen, wenn man so will, eine Kombinationsnotwendigkeit, die bestimmte Textelemente aufeinander bezieht, deren Beziehung im Text zwar irgendwie angelegt, aber in Art und Beziehung weder offenkundig noch im Text ausformuliert sind.

Dabei gibt es verschiedene Leerstellentypen, wie z. B. grammatische Aussparungen, metrische Aussparungen, Aussparungen in der Handlungsdarstellung, »unformulierte Beziehungen« (Iser) und gezielte Verletzungen einer (literarischen) Norm. (→vgl. auch: Leitfragen zur Leerstelleninterpretation).

Aufgabe des Verfassers einer gestaltenden Interpretation ist es, in textkompatibler Weise, d. h. mit einem nachvollziehbaren auf den Inhalt, das Thema, Strukturen und sprachlich-stilistischer Gestaltung einen kreativen Spielraum zu nutzen, den ihm die Leerstellen des Textes anbieten.

Das wiederum bedeutet, dass die gestaltende Interpretation einem plausiblen Textverständnis zwar nicht zuwiderlaufen darf, aber doch auch unterschiedlichen Lesearten Raum geben kann, die damit als "risikofreudige Interpretation" auch "Neuland" erschließen kann. (vgl. Richter 1996, S.533). Reine Fantasieprodukte, die zwar irgendwie auch vom Text mit ausgelöst werden, aber es an dem nötigen Textbezug fehlen lassen, erfüllen die Aufgabenstellung beim gestaltenden Interpretieren nicht. Sie muss sich, das ist ein Muss, stets vom Text her legitimieren.

Ein Beispiel zur gestaltenden Interpretation von Peter Bichsels Kurzgeschichte

Peter Bichsels Kurzgeschichten und Kurzprosa, darauf hat schon Marcel Reich-Ranicki (1964) in seiner Rezension hingewiesen, bietet dem Leser nicht eine zusammenhängende und fortlaufende Darstellung, sondern lediglich Anhaltspunkte und Hinweise: spärliche Beobachtungen, wenige Auskünfte, knappe Bemerkungen.
Was die Sachverhalte herbeigeführt, die Situationen ausgelöst, die Zustände bedingt hat – wir wissen es nicht. Was sich zwischen den Vorgängen ereignet hat – der Autor erwähnt es nicht. Was die Stimmungen hervorgerufen und die Reaktionen verursacht hat – wird uns nicht gesagt. Bichsel deutet etwas an, er führt es jedoch nie aus. Er steuert auf einen bestimmten Vorfall zu, er nähert sich ihm – und weicht wieder zurück.
So strotzen seine Geschichten von Aussparungen, von Hohlräumen. Das Wichtigste verschweigt er. Geheimnistuerei? Nein, Zurückhaltung, Diskretion, Scheu. Und eben dieser Zurückhaltung hat die Imagination des Lesers manches Geschenk zu verdanken. Denn sowenig Peter Bichsel uns mitzuteilen bereit ist, soviel lässt er uns doch ahnen."

Auch andere Interpreten haben immer wieder betont, dass Bichsels "ganz spezielle sprachliche Form, die ihn ihrer Verknappung lediglich andeutet und mehr verschweigt als ausspricht, gerade dadurch die Leser zu intensiver Mitarbeit bei der Lektüre ermutigt. Die wenigen Anhaltspunkte müssen zu einem Ganzen vervollständigt werden. Während dies einerseits den »Möglichkeitssinn« der Leser schärft , besteht natürlich auch die Gefahr der Überinterpretation." (Jucker 2004, S.269)

Die Schreibaufgabe

Schreiben Sie einen lösungsorientierten Dialog per Telefon zwischen Hildegard (H) und ihrer Mutter (M), die Pauls Abschiedsbrief findet und mit ihr darüber spricht - und besonders über ihre Beziehung zu Paul.

Der Dialog als Musterlösung

H: "Hallo, Mama. Entschuldige, dass ich nach 21.30 Uhr noch anrufe, aber ich muss dir unbedingt etwas sagen! Ich bin gerade von der Chorprobe nach Hause gekommen, aber Paul war nicht da. Stattdessen habe ich auf dem Küchentisch ein Blatt Papier gefunden. Auf das hat Paul geschrieben: ‘Mir ist es hier zu kalt. Ich gehe nach Südamerika. Paul’. Auch ein neuer Füller und ein Blatt mit der Adresse seiner Eltern lag daneben. Ich weiß gar nicht mehr, was ich mit Paul anfangen soll! Vorsichtshalber habe ich gleich seine Hemden im Schrank gezählt. Aber die waren natürlich alle noch da. Er wollte mich wohl nur erschrecken, bevor er wieder in ein Lokal geht. Da sein Stammlokal der ‘Löwen’ heute geschlossen hat, wird er wohl in die Kneipe gegenüber gegangen sein."

M: "Hilde, das ist ja furchtbar! Warum erzählst du mir das erst jetzt? Geht das schon länger so mit ihm? Ich war damals bei eurer Hochzeit so glücklich, dass du so einen liebevollen Mann bekommen hast, der eine großartige Karriere vor sich hatte."

H: "Er ist ja sehr gebildet und hätte alle beruflichen Aufstiegschancen gehabt. Sogar Chefdolmetscher hätte er werden können, da er so gut Englisch, Französisch und Spanisch spricht. Aber seit seiner Kündigung hat er sich so verändert! Er sitzt die ganze Zeit in der Küche, liest Zeitungen und raucht ständig wie ein Schlot, obwohl ich ihm das verboten habe. Er ist überhaupt so unordentlich! Ständig muss ich hinter ihm her räumen und ihn kontrollieren. Abends ist er oft weg. Er geht allein ins Kino und betrinkt sich immer öfter im ‘Löwen’. Ich bin schon froh, dass er wenigstens noch auf die Kinder aufpasst, wenn ich z.B. Chorprobe habe. Ich muss mich langsam richtig schämen für ihn! Wenn andere mich nach ihm fragen, muss ich irgendwelche Ausreden erfinden oder sogar lügen. Deshalb habe ich ein schlechtes Gewissen, da man doch immer die Wahrheit sagen muss!"

M: "Warst du mal beim Nervenarzt mit ihm? Vielleicht ist mit Paul etwas nicht in Ordnung."

H: "Der schickt Paul doch nur in die Nervenheilanstalt. Und was habe ich dann davon? Ich bin ja so froh, dass wir nicht zur Miete wohnen und ihr uns finanziell so großzügig unterstützt, sonst wäre ich total hilflos! Ich habe schon bei der letzten Beichte mit unserem Pfarrer gesprochen. Aber er hat mir nur gesagt, dass ich das als christliche Frau eben ertragen muss, da nur der Tod uns scheiden kann."

M: "Hilde, du wirst doch nicht an Scheidung denken! Wie stehst du denn dann da vor den Leuten! Außerdem geht das doch ohne seine Einwilligung gar nicht. Du musst auch an die Kinder denken! Hast du mit Paul mal über seine Probleme und eure Beziehung gesprochen?"

H: "Was soll ich denn mit ihm reden? Wie oft habe ich ihm gesagt, dass er sich eine Arbeit suchen und sich bewerben muss! Er schaut mich dann aber nur traurig an und sagt nichts. Höchstens, dass er nicht mehr leben will. Daher habe ich es in letzter Zeit aufgegeben, überhaupt noch mit ihm zu reden. Er hat ja auch keine Freunde, mit denen er reden kann und die ihm weiterhelfen könnten. Auf mich hört er ja gar nicht mehr!"

M: "Hilde, vielleicht musst du einfach mehr auf Paul eingehen! Die Kündigung war sicher ein großer Schock für ihn, besonders weil er doch eigentlich so ehrgeizig ist. Ich habe fast den Eindruck, dass du ihn durch deine ständigen Anforderungen, deine übertriebene Kontroll- und Ordnungssucht völlig überforderst. Da ist es doch kein Wunder, dass er allen Problemen ausweicht, zu nichts mehr fähig ist und sich völlig wertlos fühlt. Du musst ihn gerade jetzt unterstützen, ihm zeigen, dass du ihn liebst und ihn wertschätzt."     

H: "Mama, woher habe ich denn das alles? Du hast mich doch so erzogen!!"

M: "Hilde, du hast ja recht. Vielleicht habe ich dich ein bisschen zu streng und nicht liebevoll genug erzogen. Aber damals war ja die Nazizeit und dann noch der Krieg. Heute ist das doch alles anders! Dein Vater ist auch nicht immer besonders ordentlich. Das ist bei Männern eben so. Du solltest einfach viel liebevoller mit Paul umgehen. Bei den Kindern kannst du das doch auch! Er ist doch schließlich ein so herzensguter Mensch! Ich habe mit Vater auch so manche Krise durchlebt. Aber wir haben immer zusammengehalten, auch in den schweren Kriegszeiten, wo wir fast nichts zu essen hatten. Vater hat doch viele Beziehungen zu den Ministerien in Bonn. Ich werde ihn gleich bitten, sich darum zu kümmern. Er kann Paul sicher helfen, ganz schnell wieder eine Stelle zu bekommen. Wir unterstützen euch doch in jeder Hinsicht, so dass ihr nicht am Hungertuch nagen müsst! Du musst aber mit Paul reden, ihn öfter in den Arm nehmen, ihm sagen, dass du ihn wirklich liebst, immer zu ihm hältst und ihm helfen wirst. Du musst ihn jetzt unbedingt aufbauen, damit er beim Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlässt und sie ihn auch nehmen."   

H: "Mama, du hast ja recht. Ich wäre ja so glücklich, wenn Paul wieder eine Arbeit hätte! Dann würde er es sicher schaffen, seine Selbstmordgedanken und sein apathisches Dasitzen zu überwinden. Ich glaube, ich habe Paul wirklich in der letzten Zeit gar nicht mehr beachtet. Ich schäme mich, dass ich in letzter Zeit so gefühllos zu Paul war. Aber ich habe selbst unter seinem Zustand so sehr gelitten! Das kannst du dir gar nicht vorstellen! Ich konnte ja mit niemandem darüber reden."

M: "Hilde, ich bin ja so froh, dass du mir jetzt alles erzählt hast! Hoffentlich kann Vater ihm in ein paar Tagen eine neue Stelle vermitteln. Dolmetscher werden doch überall dringend gebraucht!"

H: "Mama, sobald Paul zurückkommt, werde ich ihn in den Arm nehmen und mit ihm reden. Ich bin dir ja so dankbar für alles, was du für uns tust! Tschüss, Mama!"

M: "Tschüss, mein Kind! Ganz liebe Grüße auch an die Kinder. Ich bin sicher, dass Vater für Paul das Richtige findet."

(Autor: Gregor Schröder,  http://www.gregorschroeder.de/weiterfuehrender-schreibauftrag.html#1peterbichsel, 8.3.2020)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 04.06.2020

     
   
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie den Dialog zwischen Hildegard und ihrer Mutter unter dem Aspekt seiner Textkompatibilität.

  1. Zeigen Sie, inwiefern die oben genannten Kriterien erfüllt werden oder nicht.
  2. Von welcher/welchen Interpretationshypothesen geht der Verfasser bei seiner gestaltenden Interpretation aus?
 
   
 

 
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