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Soldatenleben im preußischen Militärstaat des 18.
Jahrhunderts
Als Betroffener schilderte der
Schriftsteller »Johann
Gottfried Seume (1763-1810),
der
1781 auf dem Weg nach Paris von
hessischen »Soldatenwerbern ergriffen,
zum Dienst in der Armee gezwungen und vom «Landgrafen
von Hessen-Kassel an
England für den Kampf
gegen
die aufständischen englischen Kolonien in Amerika vermietet wurde, seine
Erlebnisse in der 1813 erschienenen Autobiographie »Mein
Leben.
Johann
Gottfried Seume
(1763-1810)
In den Fängen der Soldatenwerber aus Hessen-Kassel
in: Mein Leben (1811)
"Meine Lage war sehr prekär und hing von der zufälligen
Überzeugung anderer ab. [...]Ich wollte der Katastrophe
zuvorkommen, zog mich in mich selbst zurück und faßte
den Entschluß, auf allen Fall meine eigene Kraft zu
versuchen. Das konnte in Leipzig und überhaupt im
Vaterlande nicht geschehen. Nach vielen Kämpfen, die mir
allerdings wohl das Ansehen eines Melancholischen geben
mochten, ging ich auf und davon, ohne einen fest
bestimmten Vorsatz, wohin und [S.109] wozu. Ich nahm
mein Monatsgeld, verkaufte einige Bücher, die etwas Wert
hatten, und nach Abzahlung meiner kleinen Schulden, die
ich notwendig haben mußte, blieben mir ungefähr neun
Taler. Mit diesen dachte ich schon nach Paris zu kommen
und mich umzusehen, was da für mich zu tun sei. Von dort
aus – wer sieht nicht gern zuvor Paris? – dachte ich
nach Metz in die Artillerieschule, da ich eben damals
angefangen hatte, etwas ernsthaft Französisch und
Mathematik zu treiben. Das übrige überließ ich billig
dem Schicksal.
[...] Ich ging also nach Berichtigung meiner
Schulden fort, ohne irgend jemand eine Silbe gesagt zu
haben. Den Degen an der Seite, einige Hemden auf dem
Leibe und im Reisesack und einige Klassiker in der
Tasche, marschierte ich zwar ganz rüstig und leicht,
aber nichts weniger als ruhig durch die Dörfer nach
Dürrenberg, setzte dort über die Saale ging über das
Schlachtfeld bei Roßbach und blieb die erste Nacht in
einem kleinen Dorf bei Freiburg, das glaube ich,
Zeugefeld hieß. Hier schrieb ich in meiner Verlassenheit
und mit schwerem Gefühl abends eine gar rührende Elegie
über meinen Zustand. [...] [S.110] Den zweiten
Abend blieb ich in einem Dorfe vor Erfurt, wo man mich
mit vieler Teilnahme sehr gut, sehr wohlfeil bewirtete
und mich schonend merken ließ, ich hätte wohl jemand mit
dem Instrumente da, man wies auf den Degen, etwas übel
behandelt und müsse das Weite suchen. Ich widersprach
zwar, aber man schien doch so etwas zu glauben. [...]
Den dritten Abend übernachtete ich in Bach, und hier
übernahm trotz allem Protest der Landgraf von Kassel,
der damalige große Menschenmakler, durch seine Werber
die Besorgung meiner ferneren Nachtquartiere nach
Ziegenhain, Kassel und weiter nach der neuen Welt. [...]
Ich erfuhr nachher, daß meine Entfernung in Leipzig
einiges Aufsehen gemacht hatte, ob ich gleich fast immer
für mich und eingezogen wie ein Klosterbruder gelebt
hatte. [...] Man erfuhr nichts von einem Duell, konnte
sonst nichts Ungebührliches gegen mich aufbringen; meine
kleinen Schulden waren, und zwar den Tag vorher,[S-111]
alle bezahlt. Es war natürlich, an eine
Mädchengeschichte zu denken, und man nannte die Tochter
eines ehrsamen Handwerkers, mit welcher ich in
Vertraulichkeit sollte gelebt haben. [...] .
Man brachte mich als Halbarrestanten nach der
Festung [S.112] Ziegenhain, wo der Jammergefährten aus
allen Gegenden schon viele lagen, um mit dem nächsten
Frühjahr nach Fawcets Besichtigung nach Amerika zu
gehen. Ich ergab mich in mein Schicksal und suchte das
Beste daraus zu machen, so schlecht es auch war. Wir
lagen lange in Ziegenhain, ehe die gehörige Anzahl der
Rekruten vom Pfluge und dem Heerwege und aus den
Werbestädten zusammengebracht wurde. Die Geschichte und
Periode ist bekannt genug:
niemand war damals vor den
Handlangern des Seelenverkäufers sicher; Überredung,
List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach
den Mitteln zu dem verdammlichen Zwecke. Fremde aller
Art wurden angehalten, eingesteckt, fortgeschickt.
Mir zerriß man meine akademische Inskription als das einzige
Instrument meiner Legitimierung. Am Ende ärgerte ich
mich weiter nicht;
leben muß man überall; wo so viele
durchkommen, wirst du auch; über den Ozean zu schwimmen
war für einen jungen Kerl einladend genug, und zu sehen
gab es jenseits auch etwas. So dachte ich. Während
unseres Aufenthalts in Ziegenhain brauchte mich der alte
General Gore zum Schreiben und behandelte mich mit
vieler Freundlichkeit. Hier war denn ein wahres
Quodlibet von Menschenseelen zusammengeschichtet, gute
und schlechte und andere, die abwechselnd beides waren.
Meine Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus
Jena, ein bankrotter Kaufmann aus Wien, ein Posamentierer
aus Hannover, ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha,
ein Mönch aus Würzburg, ein Oberamtmann aus Meinungen,
ein preußischer Husarenwachtmeister, ein kassierter
hessischer Major von der Festung und andere von
ähnlichem Stempel. [...] [S.113] Da es den
meisten gegangen war wie mir, oder noch schlimmer,
entspann sich bald ein großes Komplott zu unser aller
Befreiung. Man hatte soviel gutes Zutrauen zu meinen
Einsichten und meinem Mut, daß man mir Leitung und
Kommando mit uneingeschränkter Vollmacht übertrug; und
ich ging bei mir zu Rate und war nicht übel willens,
den
Ehrenposten anzunehmen und fünfzehnhundert Mann auf die
Freiheit zu führen und sie dann in Ehren zu entlassen,
einen jeden seinen Weg. Außer dem glänzenden Antrag
kitzelte mich vorzüglich,
dem Ehrenmanne von Landgrafen
für seine Seelenschacherei einen Streich zu spielen, an
den er denken würde, weil er verteufelt viel kostete.
Als ich so ziemlich entschlossen war, kam ein alter
preußischer Feldwebel zu mir sehr vertraulich. »Junger
Mensch«, sagte er, »Sie eilen in Ihr Verderben
unvermeidlich, wenn Sie den Antrag annehmen. Selten geht
eine solche Unternehmung glücklich durch; der Zufälle,
sie scheitern zu machen, sind zu viele. Glauben Sie mir
altem Manne, ich bin leider bei dergleichen
Gelegenheiten schon mehr gewesen. Sie scheinen gut und
rechtschaffen, und ich liebe Sie wie ein Vater. Lassen
Sie meinen Rat etwas gelten! Wenn die Sache glücklich
durchgeht, werden wir nicht die letzten sein, davon
Vorteil zu ziehen.« Ich überlegte, was mir der alte
Kriegsmann gesagt hatte, und unterdrückte den kleinen
Ehrgeiz, entschuldigte mich mit meiner Jugend und
Unerfahrenheit und ließ die Sache vorwärts gehen.
Der
Kanonier-Feldwebel hatte recht; es wurde alles verraten:
ein Schneider aus Göttingen, der ein Stimmchen sang wie
eine Nachtigall, erkaufte sich durch die Schurkerei eine
Unteroffizierstelle bei der Garde, und da man ihn dort
gehörig würdigte und er des Lebens nicht mehr sicher
war, die Freiheit und eine Handvoll Dukaten. Ich
erinnere [S.114] mich der Sache noch recht lebhaft. Alle
Anstalten zum Ausbruch waren getroffen. Wir lagen in
verschiedenen Quartieren, in den Kasernen, dem Schlosse
und einem alten Rittersaale. Man wollte um Mitternacht
auf ein Zeichen ausziehen, der Wache stürmend die
Gewehre wegnehmen, was sich widersetzte, niederstechen,
das Zeughaus erbrechen, die Kanonen vernageln, das Gouvernementshaus verriegeln und zum Tore
hinausmarschieren. In drei Stünden wären wir in Freiheit
gewesen, Leute, die Weg wußten, waren genug dabei.
Als
wir aber den Tag vorher abteilungsweise auf den
Exerzierplatz kamen, fanden wir statt der gewöhnlichen
zwanzig Mann deren über hundert, Kanonen auf den Flügeln
mit Kanonieren, die brennende Lunten hatten, und
Kartätschen in der Ferne liegend. Jeder merkte, was die
Glocke geschlagen hatte. Der General kam und hielt eine
wahre Galgenpredigt. »Am Tore sind mehr Kanonen«, rief
er, »wollt Ihr nicht gehen?« Die Adjutanten kamen und
verlasen zum Arrest, Hans, Peter, Michel, Görge, Kunz.
Meine Personalität war eine der ersten: denn daß der
verlaufene Student nicht dabei sein sollte, kam den
Herren gar nicht wahrscheinlich vor. Da aber niemand
etwas auf mich bringen konnte, wurde ich, und vermutlich
noch mehr der Menge wegen, bald losgelassen.
Der Prozeß
ging an, zwei wurden zum Galgen verurteilt, worunter ich
unfehlbar gewesen sein würde hätte mich nicht der alte
preußische Feldwebel gerettet.
Die übrigen mußten in
großer Anzahl Gassenlaufen, von sechsunddreißig Malen
herab bis zu zwölfen.
Es war eine grelle Fleischerei.
Die Galgenkandidaten erhielten zwar nach der Todesangst
unter dem Instrument Gnade, mußten aber
sechsunddreißigmal Gassen laufen und kamen auf Gnade des
Fürsten nach Kassel in die Eisen. Auf unbestimmte Zeit
und auf Gnade [S.115] in die Eisen, waren damals
gleichbedeutende Ausdrücke und hießen so viel, als ewig
ohne Erlösung. Wenigstens war die Gnade des Fürsten ein
Fall, von dem niemand etwas wissen wollte.
Mehr als
dreißig wurden auf diese Weise grausam gezüchtigt; und
viele, unter denen auch ich war, kamen bloß deswegen
durch, weil der Mitwisser eine zu große Menge hätten
bestraft werden müssen. Einige kamen bei dem Abmarsch
wieder los, aus Gründen, die sich leicht erraten lassen;
denn ein Kerl, der in Kassel in den Eisen geht, wird von
den Engländern nicht bezahlt.
Endlich ging es von Ziegenhain nach Kassel, wo uns der
alte Betelkauer in höchst eigenen Augenschein nahm,
keine Silbe sagte und uns über die Schiffbrücke der
Fulda, die steinerne war damals noch nicht gebaut, nach
Hannoversch-Minden spedierte.
Unser Zug glich so
ziemlich Gefangenen: denn wir waren unbewaffnet, und die
bewehrten Stiefletten-Dragoner und Gardisten und Jäger
hielten mit fertiger Ladung Reihe und Glied fein hübsch
in Ordnung. Ich genoß, trotz der allgemeinen Mißstimmung,
doch die schöne Gegend zwischen den Bergen am
Zusammenfluß der Werra und der Fulda, die dort die Weser
bilden, mit zunehmender Heiterkeit. Das Reisen macht
froher, und unsere Gesellschaft war so bunt, daß das
lebendige Quodlibet alle Augenblicke neue Unterhaltung
gab. So ging es denn auf sogenannten Bremer Böcken den
Strom hinab. Nicht weit von Hameln, glaube ich, machte
man eine Absonderung der Preußen, die man nicht durch
Preußisch-Minden bringen durfte, und ließ sie einen
Marsch zu Lande machen, um das Preußische zu vermeiden.
[...] [S.116] [...] Diese Rekrutenabteilung bestand
aus lauter [S.117] preußischen Landeskindern und
preußischen Deserteuren, die beständig vom Alten Fritz
und Seidlitz und Schwerin sprachen und sich nichts
Kleines dünkten. Aber weiß der Himmel, wie es war laut
geworden: der kommandierende Offizier requirierte
sogleich die ganze bewaffnete Bürgerschaft und die
Bauern aus der Gegend, machte echt militärisch Miene,
uns in der alten Kirche, wo wir lagen,
zusammenzuschießen; und es ging alles wieder ganz ruhig
bis an die Weser auf die Bremer Böcke. Hier half mir
meine stoische Genügsamkeit und meine Humanität einen
Streich machen, der mir in meiner Sphäre zu keiner
kleinen Ehre gereichte. Gewinnsucht und Leidenschaft
regiert, wie bekannt, die Welt. Damit wir nicht
verhungerten, hatte ein Entrepreneur, ein Marketender im
Großen, für keine kleine Summe sich anheischig gemacht,
uns zu beköstigen. Man weiß, wie es geht. Wir wollten
eben soviel als möglich essen, und er wollte so viel als
möglich gewinnen, welches sich zusammen nicht wohl
vertrug. Fast unsere ganze Löhnung ging auf die Menage;
und der Klagen liefen bei dem Obersten von Hatzfeld, der
den Transport kommandierte, viele ein. Der Mann hatte
ein Gefühl für Recht und tat, was er konnte, den
Speisewirt zur guten Behandlung zu nötigen. Da
Ermahnungen bei Gewinnsüchtigen gewöhnlich vergeblich
sind, wurden wechselweise von dem Transport nach den
Schiffen Deputierte gewählt, die auf dem Kochschiffe
nach dem Recht sehen sollten. Indes es ging mit den
Deputierten wie im englischen Parlament. Dort besticht
man mit Guineen, Stellen und Pensionen, hier bestach man
mit Wein, Schnaps und Kuchen; und so ging es denn, hier
wie dort, nicht viel besser als vorher. Als die Reihe
mein Schiff traf, wurde ich von der Rekrutenschaft
einstimmig zum Deputierten erwählt. Auf dem Kochschiffe
wollte man [S.118] mich, wie gewöhnlich, höflich mit dem
Weinglase empfangen und mit Konfekt in der Kajüte
halten. Ich habe gefrühstückt, war mein Bescheid, und
blieb bei den Kesseln stehen, um zu sehen, daß die
gehörige Quantität Fleisch und Gemüse hinein kam. Als
die Kähne kamen, um zu holen, drang ich darauf, daß die
Menagekessel voll gegeben wurden. Wir werden nicht
auskommen, sagte man. [...]"
(Quelle:
Johann Gottfried Seume: Prosaschriften. Köln 1962, S.
53-155.
Postum veröffentlichtes Fragment. Entstanden 1809/10,
Erstdruck: Leipzig 1811, S.109-118,
zeno.org)
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026