"Wir alle sind
auf der Suche. Du und ich und die gesamte Menschheit", betont
Bestseller-Autorin Bahar Yilmaz im Vorwort ihrem Buch "Empower
Yourself: Werde zum glücklichsten Menschen, den du kennst"
(2017). "Egal, an welchem Punkt du stehst, egal, welche
Aufgaben. Geschenke, Schwierigkeiten dir das Leben bereits
offenbart hat, du bist auf deiner ganz persönlichen Suche.
Vielleicht ist es die Suche nach absoluter Freiheit oder die
Suche nach Glück, die dich antreibt. Vielleicht möchtest du mehr
Freude und Leichtigkeit in deinem Leben entwickeln oder einfach
mehr zu dir und deiner Lebensweise stehen können.
»Empowerment,
so verstanden, ist das Mantra eines Konzeptes zur
Selbstentfaltung, das dabei helfen soll zu erkennen, "dass du
der wichtigste Mensch in deinem Leben bist", der, wenn er gut
für sich sorgt, "sein Potenzial zum Blühen bringt."
"Lifestyle-Check" ist angesagt, und damit die Aufgabe, das
eigene Leben "in all den Details, die du selbst, bewusst oder
unbewusst, formst", unter die Lupe zu nehmen, damit diese Ziele
erreichbar werden. Ob solche Verheißungen und die dafür
entwickelten Strategien ihre Versprechen einlösen können, soll
hier nicht erörtert werden. Hier geht es um etwas anderes, das
die Ursachen beleuchtet, die dazu geführt haben und heute noch
dazu führen, dass viele Menschen offenbar Probleme damit haben,
jenes selbstverantwortliche und selbstbestimmte Leben, das ihnen
in der modernen Zeit ermöglicht wird, so zu gestalten, dass sie
in einem Prozess der Selbstbemächtigung, ihre Selbstkompetenz
stärken wollen, um ihre individuellen Gestaltungsräume zu nutzen
und damit ggf. auch Gefühle von Orientierungs-, Macht- und
Einflusslosigkeit darauf und Entwicklungen in der Gesellschaft
zu überwinden.
Früher wurden
die Menschen, ganz allgemein gesprochen, in eine bestehende
Gemeinschaft hineingeboren,
"deren Mitgliederzahl", so Claudia
Szczesny-Friedmann
(1991, S.10ff.),
überschaubar war und der er ein Leben lang angehörte; neben den
Freunden existierten nur die Fremden als seine Feinde. Die
Beziehungen der Menschen untereinander waren in den
fundamentalen Institutionen von Blutsverwandtschaft und Religion
fest verwurzelt und damit auch verbindlich geregelt. Jeder
wusste, was er von jedem anderen zu erwarten hatte und was er
jedem anderen schuldete. Das engmaschige Netz an gegenseitigen
Verpflichtungen, auf das sich traditionelle Gemeinschaften
gründeten, ließ dem Einzelnen zwar wenig Raum für jene
Entscheidungsfreiheit und individualisierte Lebensführung, die
wir heute als Grundrechte in Anspruch nehmen; der Zusammenhalt
der Gruppe hatte unbedingten Vorrang vor den persönlichen Zielen
und Wünschen ihrer Mitglieder. Dafür genoss der Einzelne jedoch
den vorbehaltlosen Schutz der Gemeinschaft, ohne die er nicht
hätte überleben können."
Natürlich ist
dieses Bild der Vergangenheit sehr allgemein und die
Wirklichkeit war sicherlich weitaus komplexer. Und doch kann es
als Folie für die Betrachtung der veränderten Rahmenbedingungen
dienen, das die Formel Empower Yourself so pointiert
beschreibt.
Die Menschen,
die heute in modernen Gesellschaften leben, könnten im Vergleich
zu früher, so
Szczesny-Friedmann
(1991, S.10ff.) weiter, könnten mit Ausnahme der
Eltern-Kind-Beziehung kaum noch auf soziale Beziehungen als
quasi-natürliche Gegebenheiten ihrer Existenz zurückgreifen.
Stattdessen müsse jede/r einzelne ihre/seine persönliche soziale
Welt selbst erschaffen, und das notfalls immer wieder neu. Daran
könne auch die Tatsache nichts ändern, dass viele Menschen immer
noch daran glaubten, dass bestimmte, traditionelle soziale
Beziehungen ein Leben lang halten und und sich nicht ändern.
Dabei haben aber, wie der Soziologe »Ulrich
Beck (1944-2015)
betont, die alten "Regie- und politischen Rezeptbücher" (Beck
1986, S.14) für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und mithin das Leben
der Menschen und ihrer individuellen Lebensentwürfe und
-verläufe ausgedient. Die Welt- und Menschenbilder, auf die sie sich einstmals bezogen, sind mehr als nur
brüchig geworden. Religiöse Orientierungen und Sinngebungen haben im Alltag
vieler Menschen ebenso abgedankt wie Traditionen, die lange als eine Art
sozialer Kitt für die Gesellschaft im Großen wie im Kleinen fungierten.
Gerade deshalb
ist "die Moderne das Zeitalter des Individuums" geworden, betont Norbert
Hettlage (1992, S.80)
und fährt fort: "Nie zuvor in der Geschichte waren die Möglichkeiten größer,
sich aus den umgebenden Kollektiven herauszulösen und sich wirklich als ein
'Selbst' mit eigenen Lebens- und Profilierungschancen zu erleben. Individuelle
Freiheit, Autonomie und subjektive Rechte haben sogar eine Art sozialethischen
Status angenommen. Keiner darf mir das Recht streitig machen, mein Leben so frei
wie möglich zu planen."
Dabei ist nach
Beck (1995 S. 9) die Planung des • eigenen Lebens
in hochdifferenzierten Gesellschaften als
"Zwang und die Möglichkeit" für ein Leben zu verstehen, das es so erst in
der industriellen Postmoderne gibt. Es ist "angefüllt mit Unvereinbarkeiten, den Ruinen
der Traditionen, dem Gerümpel der Nebenfolgen" (ebd.).
Die Entwicklungsprozesse, die dahin führten und die Zukunft auf
unabsehbare Zeit mitbestimmen, werden mit dem Begriff der
Individualisierung bezeichnet.
Was damit gemeint ist, hat
mit dem, was viele Menschen damit in Verbindung bringen, wenn
sie den Begriff hören, wenig zu tun. Sie meinen oft, dass
Individualisierung etwas wie die persönliche Entwicklung eines
einzelnen Menschen darstellt, seine Einmaligkeit oder auch
Emanzipation von bestimmten althergebrachten gesellschaftlichen
Zwängen bedeutet. Mit dem oben genannten Empowerment hat
Individualisierung aber nicht viel gemeint.
Gemeinsam ist beidem aber
doch die Vorstellung, dass der moderne Mensch sein soziales
Leben selbst in die Hand nehmen muss. Ob er dies will oder
nicht, und das ist der entscheidende Unterschied, er muss dies
tun, um zu überleben. Dabei Individualisierung ist
nämlich unser "kollektives Schicksal" (Beck, in:
Süddeutsche Zeitung, 14./15.2.1993). Individualisierung beschreibt nämlich
einen anhaltenden Prozess gesellschaftlichen Strukturwandels,
und zwar "erstens die Auflösung, zweitens die Ablösung
industriegesellschaftlicher Lebensformen (Klasse, Schicht,
Geschlechterrolle, Familie) durch solche, in denen die
Individuen ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren,
zusammenschustern müssen. Die
Normalbiographie wird zur Wahlbiographie zur »Bastelbiographie« (Ronald Hitzler)"
(ebd.) Zusammengebastelt werden
muss dabei, das jeweils eigene Leben mit allen seinen
moralischen Leitplanken, sozialen und politischen Bindungen in
einem vorhandenen politischen und gesellschaftlichen System, das
ihm dabei mehr oder weniger klare normative Vorgaben dafür
macht. Allerdings ist auch die Geltung solcher und anderer
Normen nicht mehr "naturgegeben", denn "Gemeinsamkeit kann nicht länger von oben nach unten verordnet, sondern muss frei gefragt,
herbeigestritten werden im Durchgang durch das Individuelle, Biographische; muss
abgesprochen, ausgehandelt, begründet, erlebt, gegen die zentrifugale Kraft der
Biographien bewusst bewahrt werden." (ebd.)
Wer sein
eigenes Leben "bastelt, tut dies u. a. dadurch, dass er
- daran als seinem einzigen Leben ohne transzendentalen
Bezug (Diesseits-Bezug statt »eschatologischem
Daseinsbezug) "arbeitet"
-
mit dem
andauernden Wechsel zwischen verschiedenartigen, zum Teil
unvereinbaren Verhaltenslogiken selbständig zurechtkommen
muss
-
sich
bestimmten gesellschaftlichen Regeln und Vorgaben
unterwerfen muss, die seine Wahlmöglichkeiten einschränken,
ihm aber auch "Bausätze biographischer
Kombinationsmöglichkeiten" (Beck
1986, S.217) für
seine »Bastelbiographie«
(Gross, 1985) bzw. die Ausbildung einer "Patchwork-Identität"
(vgl. Keupp (1989,
S.63ff.)anbieten.
-
damit
klarkommen muss, dass auch gesellschaftliche Krisen und
Problemlagen auf das eigene Leben
bezogen werden und von ihm/ihr
als individuelle Krisen
und individuelles Versagen erfahren werden
Eine allgemein
verbindliche "Bastel-Anleitung" gibt es jedenfalls nicht und
auch diejenigen, die den Menschen mit einfachen Antworten auf
komplexe Probleme ein bestimmtes Weltbild "zurechtbasteln",
können Menschen, die solchen Botschaften folgen, auf die Dauer
von den Anforderungen, die die "Bastel-Biographie" an sie
stellt, nicht entlasten.
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Gert Egle. zuletzt bearbeitet am:
23.01.2025