Home
Nach oben

 

 

Ilse Aichinger, Das Fenster-Theater

Literaturverfilmung

BRD, 1992


Die mit dem Friedrich-Wilhelm-Murnau-Filmpreis im Jahr 1994 ausgezeichnete Literaturverfilmung der Kurzgeschichte "Das Fenster-Theater" von Ilse Aichinger ist ein Kurzspielfilm (Dauer: 3:30 min) des Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Johannes Fluhr. (ausleihbar bei den verschiedenen Medienzentren)

Inhalt:

Nach dem Titelvorspann zeigt die Kamera einen Wohnzimmerschrank mit zwei eingebauten Regalen. Während die Kamera langsam von rechts nach links fährt, sind auf den Regalen zahlreiche Fotografien unterschiedlicher Größe sowie verschiedene Dekorationsstücke zu sehen. Gleichzeitig ist das Pfeifen eines Vogels, sowie, überlaut, das Ticken einer Uhr zu hören. Eine Art Klatschen kommt dazu und kurz darauf bekommt man von links zwei Hände zu sehen. Diese halten eine kleine Tischuhr, um sie im nächsten Moment auf ein kleines Beistelltischchen vor dem Wohnzimmerschrank zu stellen. Danach erscheint eine etwa sechzig Jahre alte Frau, die zum geöffneten Fenster hinübergeht und einen prüfenden Blick nach oben wirft. In dem Augenblick, in dem sie sich abwenden will, erregt offenbar irgend etwas ihre Aufmerksamkeit, so dass sie innehält und geradeaus hinausschaut. Im Fensterglas spiegelt sich die ganze Zeit über die Fassade des gegenüberliegenden Wohnblocks. Danach erfolgt ein Schnitt
Zu sehen ist nun (ganz offensichtlich weiterhin aus der Perspektive des Wohnzimmerfensters der Frau) der gegenüberliegende Wohnblock mit vier Stockwerken. An einem der Fenster werden die Vorhänge beiseitegeschoben und das Fenster geöffnet.
Schnitt: Zu sehen ist die Frau. Sie schließt das Fenster, tritt ein wenig zurück, bleibt aber so stehen, dass sie weiterhin das andere Fenster im Blickfeld hat. An diesem Fenster erscheint nun ein ebenfalls älterer Mann, der ihr freundlich zulächelt. Zunächst scheint der Frau dies zu gefallen. Jedenfalls lächelt sie zaghaft, streicht sich mit der linken Hand übers Haar, als wollte sie es "zurechtrücken".
Schnitt: Der Mann trägt nun über seinem Hemd einen hellen Morgenmantel sowie einen locker über die Schultern geschwungenen Schal und einen Hut. Wie wenn er sie grüßen wollte, nimmt er seinen Hut ab und setzt ihn wieder auf. Dann zieht er aus der Manteltasche ein weißes Tuch und schwenkt damit auf und ab. 
Schnitt: Auch diese Form des Grußes scheint der Frau durchaus nicht unangenehm zu sein. Plötzlich aber geht sie etwas näher an das Fenster heran und ihr Blick wird mehr und mehr misstrauisch, weil das Verhalten des Mannes offenbar merkwürdig wird. Der hat nämlich inzwischen das weiße Tuch abgelegt und schwingt stattdessen seinen Schal durch die Luft. Doch sein Verhalten wird noch seltsamer. Nach einem kurzen Zwischenschnitt auf die nun recht unsicher blickende Frau sieht man, wie der Mann seinen Schal wie einen Turban auf den Kopf bindet und sich danach mit verschränkten Armen verbeugt. Damit nicht genug. Zwischenschnitt auf die Frau: Man sieht lediglich noch die Beine des Mannes in die Höhe gestreckt. Nur ein paar wenige Sekunden, dann kippen sie langsam nach hinten weg. Danach ist zu sehen, wie die Frau einen Telefonhörer auflegt. Gleich darauf zeigt die Kamera - nach einem kurzen Blick auf das weiterhin leere Fenster des Mannes - von oben, wie ein Polizeistreifenwagen auf den Innenhof fährt. 
Schnitt: Die Frau und zwei Polizisten stehen vor einer Wohnungstür (an der das Schild "Kehrwoche" hängt). Sie klingeln, doch niemand öffnet. Da schließt einer der beiden Beamten die Tür mit einem Schlüssel auf (woher er diesen hat, bleibt unbekannt). 
Schnitt: Die Kamera zeigt die Rückenansicht des Mannes mit Blick zum Fenster hinaus. Hinter dem Rücken trägt er ein Tuch und so schwingt er mit dem Oberkörper hin und her. Jetzt erst ist zu sehen, dass auf der gegenüberliegenden Seite ein Junge am Fenster steht, der dasselbe macht, nur mit einem Kissen auf dem Rücken. Und erst jetzt wird klar, dass die Frau das Verhalten des Mannes irrtümlicherweise auf sich ausgerichtet verstand, während es tatsächlich dem Kind in ihrer Nachbarschaft galt. Hier folgt nun der Abspann. Nachdem dieser vorüber ist, zeigt das Schlussbild nochmals das lachende Kind.
(aus dem Beiheft zum Video, verfasst von Klaus Schuker, leicht verändert und gekürzt)

Gestaltung:

Der Kurzspielfilm kommt ohne Worte aus und konzentriert die Aufmerksamkeit des Zuschauers ganz auf das mimisch-gestische Verhalten der Protagonisten und die Handlung.
Die Wohnblocksiedlung, in der die Geschichte spielt, wirkt trotz ihrer grauen Fassade nicht gänzlich trostlos. Dies liegt vor allem an der Sonne, die das Ganze in ein mildes Licht taucht.
Der Zuschauer übernimmt von Anfang an die Perspektive der Frau. Diese lebt ganz offensichtlich in einer Welt der Erinnerungen, die durch die mit Fotografien übersäten Regale des Wohnzimmerschranks symbolisiert wird. Am Ende des langsamen Kameraschwenks steht die Uhr, die von der Frau gehalten wird, und als Symbol für die Lebensuhr, die Lebenszeit, verstanden werden kann. Während der Mann als Kommunikationspartner mit dem Kind handelt und damit aktiv ist, verharrt die Frau in ihrer Vergangenheit und wird nur in dem Augenblick aktiv, als die die Polizei verständigt. 
Besonders auffällig bei dieser Literaturverfilmung ist der Verzicht auf die in der Kurzgeschichte von Ilse Aichinger erwähnten anderen Personen (Passanten, Hausbewohner und sonstige Schaulustige). Damit fokussiert der Film die Thematik der Geschichte eindeutig auf das Problem gesellschaftlicher Isolation und Einsamkeit, während die allgemein vorhandene Sensationsgier keine Rolle mehr zu spielen scheint.

      
  Bausteine ] AV-Medien ]  
     

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de