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Simplicissimus Teutsch (1668) - 1. Buch, 4. Kapitel

Simplicius' Residenz wird ausgeplündert, Niemand ist, der die Soldaten verhindert.

Jakob Christoph (Christoffel) von Grimmelshausen (1622-1676)


FAChbereich Deutsch
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 ▪ Dreißigjähriger Krieg (1618-1648)
Überblick
Bevölkerungsverluste
Alltag zwischen Krieg und Frieden
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Ein Kriegsbericht, 1638
Klagen der Pommerschen Gesandten
Tod und Überleben im Krieg: Bericht eines Pfarrers,  1636
Die Lage nach dem Krieg

Streng genommen ist »Jakob Christoph (Christoffel) von Grimmelshausens (1622-1676) Roman ▪Simpicissismus Teutsch (1669) keine Autobiografie, besitzt aber, darüber ist man sich einig, zahlreiche autobiografische Züge.
Die erzählte Lebensgeschichte der Titelfigur ist angereichert mit frei erfundenen Passagen und der Ausgestaltung zahlreicher literarischer Motive. Außerdem sind zahlreiche Märchen, Mythen und Schwänke in die Romanhandlung eingegangen. Was ihn aber darüber in besonderem Maße auszeichnet ist die überaus realistische Darstellung der Lebensverhältnisse im frühen 17. Jahrhundert und der Gräuel des ▪ Dreißigjährigen Krieges (1618-1648).

Das vierte Kapitel
Simplicius' Residenz1 wird ausgeplündert,
Niemand ist, der die Soldaten verhindert.

Wiewohl ich nicht bin gesinnet gewesen, den friedliebenden Leser mit dieser leichtfertigen Reuter-Bursch2 in meines Knäns3 Haus und Hof zu führen, weil es schlimm genug darin hergehen wird, so erfodert jedoch die Folge meiner Histori4, daß ich der lieben Posterität5 hinterlasse, was vor abscheuliche und ganz unerhörte Grausamkeiten in diesem unserm teutschen Krieg6 hin und wieder verübet worden, zumalen mit meinem eigenen Exempel7 zu bezeugen, daß alle solche Übel von der Güte des Allerhöchsten zu unserm Nutz oft notwendig haben verhängt werden müssen. Dann, lieber Leser! wer hätte mir gesagt, daß ein Gott im Himmel wäre, wann keine Krieger meines Knäns Haus zernichtet und mich durch solche Fahung8 unter die Leute gezwungen hätten, von denen ich genugsamen Bericht empfangen? Kurz zuvor konnte ich nichts anders wissen noch mir einbilden, als daß mein Knän, Meuder9, Ursele10, ich und das übrige Hausgesind allein auf Erden sei, weil mir sonst kein Mensch, noch einzige andre menschliche Wohnung bekannt war als meines Knäns zuvor beschriebner adeliger Sitz, darin ich täglich aus und ein gieng.

Aber bald hernach erfuhr ich die Herkunft der Menschen in diese Welt, und daß sie keine bleibende Wohnung hätten, sondern oftermals, ehe sie sichs versähen, wieder daraus müßten; ich war nur mit der Gestalt ein Mensch und mit dem Namen ein Christenkind, im übrigen aber nur eine Bestia11! Aber der Allerhöchste sahe meine Unschuld mit barmherzigen Augen an und wollte mich beides, zu seiner und meiner Erkanntnus12 bringen. Und wiewohl er tausenderlei Wege hierzu hatte, wollte er sich doch ohn Zweifel nur desjenigen bedienen, in welchem mein Knän und Meuder, andern zum Exempel, wegen ihrer liederlichen Auferziehung gestraft würden.13

Das erste, das diese Reuter täten und in den schwarz gemalten Zimmern meines Knäns anfiengen, war, daß sie ihre Pferde einställeten; hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zu verrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte. Dann obzwar etliche anfiengen zu metzgen14, zu sieden15 und zu braten, daß es sahe, als sollte ein lustig Bankett16 gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben; ja das heimliche Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gölden Fell von Kolchis17 darin verborgen. Andere machten von Tuch, Kleidungen und allerlei Hausrat große Päck zusammen, als ob sie irgends einen Krempelmarkt18 anrichten wollten; was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen und zugrunde gerichtet; etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, als ob sie nicht Schaf und Schweine genug zu stechen gehabt hätten; etliche schütteten die Federn aus den Betten und fülleten hingegen Speck, andere Dürrfleisch19 und sonst Gerät hinein, als ob alsdann besser darauf zu schlafen wäre. Andere schlugen Ofen und Fenster ein, gleichsam als hätten sie einen ewigen Sommer zu verkündigen; Kupfer und Zinngeschirr schlugen sie zusammen und packten die gebogene und verderbte Stücken ein; Bettladen20, Tische, Stühle und Bänke verbrannten sie, da doch viel Klafter21 dürr Holz im Hof lag. Häfen und Schüsseln mußte endlich alles entzwei, entweder weil sie lieber Gebraten aßen oder weil sie bedacht waren, nur eine einzige Mahlzeit allda zu halten.

Unsre Magd ward im Stall dermaßen traktiert22, daß sie nich mehr daraus gehen konnte, welches zwar eine Schande ist zu melden. Den Knecht legten sie gebunden auf die Erde, steckten ihm ein Sperrholz ins Maul und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser23 in Leib: das nannten sie einen schwedischen Trunk24, der ihm aber gar nicht schmeckte, sondern in seinem Gesicht sehr wunderliche Mienen verursachte, wodurch sie ihn zwungen, eine Partei anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und in unsern Hof brachten, unter welchen mein Knän, meine Meuder und unsre Ursele auch waren.

Da fieng man erst an, die Steine von den Pistolen und hingegen anstatt deren der Bauren Daumen aufzuschrauben25 und die arme Schelmen26 so zu foltern, als wann man hätte Hexen brennen wollen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Backofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er noch nichts bekannt hatte27. Einem andern machten sie ein Seil um den Kopf und raitelten28 es mit einem Bengel29 zusammen, daß ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren heraussprang. In Summa30, es hatte jeder seine eigne Invention31, die Bauren zu peinigen, und also auch jeder Baur seine sonderbare Marter. Allein mein Knän war meinem damaligen Bedünken32 nach der glücklichste, weil er mit lachendem Munde bekannte, was andere mit Schmerzen und jämmerlicher Weheklage sagen mußten, und solche Ehre widerfuhr ihm ohn Zweifel darum, weil er der Hausvatter war; dann sie satzten33 ihn zu einem Feur, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, und rieben seine Fußsohlen mit angefeuchtem Salz, welches ihm unsre alte Geiß wieder ablecken und dadurch also kützeln34 mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten mögen. Das kam so artlich35 und mir so anmutig vor (weil ich meinen Knän nie mals ein solches langwieriges Gelächter verführen gehöret und gesehen), daß ich Gesellschaft halber, oder weil ichs nicht besser verstund, von Herzen mitlachen mußte. In solchem Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit und öffnete den verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Kleinodien viel reicher war, als man hinter den Bauren hätte suchen mögen. Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern weiß ich sonderlich nichts zu sagen, weil mich die Krieger nicht zusehen ließen, wie sie mit ihnen umgiengen. Das weiß ich noch wohl, daß man teils hin und wieder in den Winkeln erbärmlich schreien hörte; schätze wohl, es sei meiner Meuder und unserm Ursele nit besser gangen als den andern. Mitten in diesem Elend wandte ich Braten36 und war umb nichts bekümmert, weil ich noch nit recht verstunde, wie dieses alles gemeinet wäre; ich half auch Nachmittag die Pferde tränken, durch welches Mittel ich zu unsrer Magd in Stall kam, welche wunderwerklich zerstrobelt37 aussahe; ich kannte sie nicht, sie aber sprach zu mir mit kränklicher Stimme: »O Bub! lauf weg, sonst werden dich die Reuter mitnehmen! guck, daß du davonkommst, du siehest wohl, wie es so übel –!« Mehrers konnte sie nicht sagen.

Nach dem Erstdruck von 1668, samt der ›Continuatio‹ von 1669 in: Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 16-19.
(Quelle: http://www.zeno.org/nid/20004911849, gemeinfrei)

Worterklärungen

1 Residenz: gemeint ist das Bauernhaus seines Vaters, das Simplicius im ersten Kapitel als dessen Palast beschreibt

2 Reuter-Bursch: Reiter

3 Knän: Vater

4 Histori: lat. historia = Geschichte

5 Posterität: lat., h: Nachwelt

6 teutschen Krieg: gemeint sind die Kriegshandlungen im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648)

7 Exempel: lat. Beispiel

8 Fahung: Gefangennahme

9 Meuder: Mutter

10 Ursele: Name der Schwester von Simplicius

11 Bestia: lat. Tier, Vieh

12 Erkanntnus: Erkenntnis

13 Auferziehung: Erziehung

14 metzgen: schlachten

15 sieden: (im Wasser) kochen

16 Bankett: Festessen, Festgelage

17 gölden Fell von Kolchis: göden/gülden = golden; »Goldenes Vlies: nach der griechischen Mythologie das Fell des »Chrysomeles, eines goldenen Widders, der fliegen und sprechen konnte; Hintergrund des »Mythos ist, dass im goldreichen »Kolchis, einem im Westen des heutigen »Georgien  gelegenen Gebiet am »Kaukasus, Schaffelle verwendet wurden, um »Goldstaub aus den Flüssen zu waschen

18 Krempelmarkt: Trödelmarkt

19 Dürrfleisch: Dörrfleisch, getrocknetes Fleisch

20 Bettladen: Bettgestelle

21 Klafter: Raummaß für Holz, entspricht in etwa dem, was ein Erwachsener mit ausgebreiteten Armen greifen kann

22 traktiert: schlecht behandelt

23 Mistlachenwasser: Jauche, Urin der Tiere

24 schwedischer Trunk: auch: »Schwedentrunk, eine während des Dreißigjährigen Krieges häufig angewandte Foltermethode, bei der dem Opfer Jauche oder Wasser, oft auch vermischt mit Urin, Kot und Schmutzwasser, über einen Eimer oder Trichter direkt in den Mund eingeflößt wurde; neben dem dadurch erregten Ekel und Abscheu sowie der Möglichkeit bakterieller Infektionen verursachte der Schwedentrunk Erstickungsängste sowie starke Magen- und Bauchschmerzen. Auch verätzte die Jauche die Speiseröhre des Opfers; Qualen konnten dadurch verstärkt werden, dass der Bauch mit Brettern zusammengepresst wurde oder die Folterer auf dem Bauch des Opfers herumsprangen und -trampelten. vgl. auch »Waterboarding heute

25 Daumen aufzuschrauben: Die »Daumenschraube war ein Folterinstrument zur "Wahrheitsfindung“ der Rechtsprechung im Spätmittelalter (spätestens ab dem 14. Jahrhundert) und der frühen Neuzeit. Sie eingesetzt, um Geständnisse zu erzwingen; dabei werden der Daumen oder andere Finger in eine Zwinge gespannt, deren Backen sich schraubenförmig zusammenziehen lassen; diese Foltermethode war sehrschmerzhaft und endete oft mit Verstümmelungen der Finger bzw. der Hand; bis heute lebt diese Folterpraxis in unserer Sprache mit der Redewendung "die Daumenschrauben anziehen", was bedeutet "Druck ausüben" oder "zwingen".

26 Schelm: Witzbold, Spaßvogel

27 unangesehen er noch nichts bekannt hatte: solange er noch keine Schuld zugegeben hatte oder auch nicht verraten hatte, z. B. wo Geld versteckt war

28 raitelten: raiteln = mit Hilfe eines Raitels/Reitels (kurzer Stock) zusammenschnüren

29 Bengel: Holzprügel

30 In Summa: lat. h. etwa: alles in allem betrachtet

31 Invention: Idee, Einfall, Aufgabe

32 Bedünken: Eindrücken

33 satzten: setzten

34 kützeln: kitzeln

35 artlich: witzig, spaßhaft

36 Mitten in diesem Elend wandte ich Braten: Simplicius hilft beim Braten von Fleisch, der geschlachteten Tiere 

37 wunderwerklich zerstrobelt: zerstrubbelte Haare und auch sonst zerzaust und in ihrer Kleidung durcheinandergeraten

 ▪ Dreißigjähriger Krieg (1618-1648)
Überblick
Bevölkerungsverluste
Alltag zwischen Krieg und Frieden
Quellenauswahl
Ein Kriegsbericht, 1638
Klagen der Pommerschen Gesandten
Tod und Überleben im Krieg: Bericht eines Pfarrers, 1636
Die Lage nach dem Krieg

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 26.03.2022

     
    
   Arbeitsanregungen
  1. Fassen Sie den Inhalt des Textes in einer knappen Inhaltsangabe zusammen.
  2. Was erlebt der Bauernjunge und wie geht er mit dem Geschehen um?
  3. Was macht seine Sicht zu der eines einfältigen, naiven Bauernjungen?
  4. Können Sie sich sein Umgehen mit den traumatisierenden Ereignissen auch psychologisch erklären?
  5. Vergleichen Sie die Darstellung des Krieges im Simplicissismus mit der von ▪ Martin Opitz (1597-1639) in seinen  ▪ "Trostgedichten  in Widerwertigkeit Deß Kriegs" (1633) (Auszüge 1).
 
 
 

 
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