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Heinrich von Kleist (1777-1811)Dramatische TexteDer zerbrochne Krug

 
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Dirk Grathoff (1983) und Michael Mandelartz (2008/09) haben die Darstellung der niederländischen Geschichte, die • Heinrich von Kleists (1777-1811)Komödie • ›Der zerbrochne Krug sehr kontrovers interpretiert.

Darstellung des geschichtlichen Prozesses in den Niederlanden vom Status des Subjekts zum gesellschaftlichen Objekt des modernen Staates

Dirk Grathoff (1983) hat sich bei seiner Interpretation von • Kleists (1777-1811mit dem "historischen Gehalt" des Stückes befasst und ist dabei zu den nachfolgenden Ergebnissen gelangt:

"Zusammenfassend können wir folgendes Ergebnis festhalten: der Anbeginn der Geschichte ist dadurch gekennzeichnet, daß die Niederländer - im Status der Freiheit - zum gesellschaftlichen Subjekt ihres Staates geworden sind, der Krug und seine Inbesitznahme stehen dafür ein. Und er hat weiterhin dafür eingestanden, daß der Zustand des geschichtlichen Anbeginns bis zu dem nächtlichen Ereignis fortdauerte. Wie Frau Marthe im anschließenden Bericht über die weitere Geschichte des Kruges schildert, hat er in den unwahrscheinlichsten Situationen die Anfechtungen durch äußere Mächte überstanden, sei es durch eine fremde Nation (›als die Franzosen plünderten‹ Vs.700), sei es durch eine Naturkatastrophe, ›der Feuersbrunst von sechsundsechzig‹ (Vs. 706). Bei diesen Ereignissen hätte er, der Logik natürlicher Gesetze zufolge, eigentlich zerbrechen müssen, womit keineswegs eine übernatürliche, ›religiöse Bedeutsamkeit‹ angezeigt werden soll, sondern lediglich der Überlegenheit eines Prinzips geschichtlicher Wahrheit selbst vor dem Prinzip der Naturgesetzlichkeit Ausdruck gegeben wird. Nun aber ist der Krug zerbrochen, so daß der nächtliche Vorfall eine andere Qualität als die bisherigen Anfechtungen durch äußere Mächte haben dürfte. Hier handelt es sich denn auch um eine Anfechtung von innen: der Krug wurde von einem niederländischen Staatsdiener, dem Dorfrichter Adam, zerbrochen. [...]

Die Distanz zu den romantischen Geschichtstheorien kann kaum größer sein als in diesem Lustspiel von Kleist. Mit dem Krug zerbricht vielmehr das, wofür er einstand: der Status gesellschaftlichen Subjektseins der Niederländer; nunmehr sind sie wieder gesellschaftliches Objekt geworden, und zwar Objekt des Staates, dessen Amtsdiener den Krug zerbrach. [...] Waren die Niederländer zu Zeiten der Vorgeschichte gesellschaftliches Objekt von Fremdherrschaft und feudalem Gesellschaftszustand, so sind sie nach der Befreiung und zum Subjekt-Werden nunmehr unter modernen Bedingungen wieder zum gesellschaftlichen Objekt geworden, zum Objekt ihres ›eigenen‹ Staates. Der Vorgang der Wiederkehr des Alten läßt gleichwohl nicht auf eine zyklische Geschichtsauffassung schließen, denn die geschichtlichen Änderungen sind benannt: an die Stelle von Fremdherrschaft und Feudalzustand ist in der Moderne die Institution des Staates getreten. [...]

In seiner Eigenschaft als Staatsdiener hat Adam das Amt oder die öffentliche Funktion im Interesse privater, sexueller Wünsche nutzen wollen, um sich Eve gefügig zu machen. Damit ist für ihn, Adam, das Bett bereitet, und für sie, Eve, der zweite Sünden-Fall in einen neuen Stand der Erkenntnis eingeleitet. Denn ist eine Institution erst einmal fremd geworden, vor allem in ihrer Beliebigkeit nicht mit Sicherheit mehr bestimmbar, so ist es möglich, daß sie nicht zum Wohle, sondern auch zum Schaden des Einzelnen gereicht: der Einzelne ist ihr Objekt geworden. [...]

Die jungen Landessöhne reißen aus.‹ (Vs. 1310). Bei Eve gelingt die Täuschung als schockartige Überraschung, weil sie zwar schon vorher wußte, daß es neuerdings Haager Krämer gibt, aber nicht vermutete, daß die Regierung zum Heil der Haager Krämer handeln könne. Nun ist sie in einen veränderten Erkenntniszustand gefallen, hat sie begriffen, daß für sie und Ruprecht der Status des gesellschaftlichen Objektseins im Staate Holland gilt: ›Komm, folg. Es sind die letzten Abschiedsstunden, / Die die Regierung uns zum Weinen läßt‹ (Var. V. 2337f.). [...]

Walters Überzeugungsgulden faßt sinnbildlich im Antlitz des Spanierkönigs den bislang skizzierten Gehalt einer veränderten geschichtlichen Wahrheit, der Eve ins Bewußtsein rückt, Eve wird keineswegs überzeugt, daß die guten, alten Zeiten gesellschaftlichen Subjektseins wiederhergestellt seien, im Gegenteil sie erkennt, daß diese Zeiten unwiederbringlich vorbei sind, daß nunmehr endgültig ›modern times‹ im Staate Holland Einzug gehalten haben, indem das alte gesellschaftliche Objektseins unter veränderten Bedingungen zurückgekehrt ist. Die Gulden mit dem Antlitz des Spanierkönigs, die in Holland wieder Gültigkeit erlangt haben sollen, stehen dafür ein. Die Funktion, die vordem Fremdherrschaft und feudaler Gesellschaftszustand ausübten, ist nunmehr in gewandelter Gestalt übergegangen auf gesellschaftliche Institutionen. Unter den Bedingungen moderner Geschichte sorgen Institutionen dafür, daß die Niederländer (vielleicht mit Ausnahme der Bewohner Den Haags) zum gesellschaftlichen Objekt des Staates werden.

Zu dieser Erkenntnis wurde Eve im ersten Schritt vom Staatsdiener Adam und im endgültigen Schritt vom Staatsdiener Walter geführt. Seine Handlungsweise unterscheidet sich in ihrem Kern nicht von der vorherigen Handlungsweise Adams, er wiederholt mit selbstloser Absicht, was Adam zuvor aus Eigennutz tut. Nicht des einen Handeln, sondern erst beider Handeln zusammen, legt Zeugnis ab von den veränderten geschichtlichen Bedingungen. [...]

Nach der vorgetragenen Interpretation unterscheidet sich der Sinngehalt des Variants nicht unerheblich von dem der Zweitfassung: dort soll Eves Vertrauen in den Staat tatsächlich wiederhergestellt und schließlich die Versöhnung mit Ruprecht gefeiert werden, hier, im Variant soll ihr die veränderte geschichtliche Wahrheit ins Bewußstsein rücken, so daß sie sich nur resignativ der gebrechlichen Einrichtung der Welt, sprich: der Beliebigkeit der Moderne fügen kann. Diese Interpretation gewinne ich aus dem Text des Variants, den die Buchausgabe von 1811 bietet. [...]

Geschichtlich gewendet. an die Stelle der verbürgenden Ordnung des Mythos ist in der Moderne die Ungewißheit des Beliebigen getreten. Jedenfalls sind die rationalistischen Rechtsprinzipien, die der Gerichtsrat Walter im Stück vertritt, solange das Ansehen der Institution nicht berührt ist, keineswegs einfach als die positiven und überlegenen Prinzipien anzusprechen, nach denen sich der Autor Kleist gesehnt habe. Unerträglich ist der Schlendrian des Dorfrichters Adam zwar auch, aber er mag immer noch erträglicher sein als das, was die Justiz der Zukunft den Niederlanden bescherte. Neuere Interpretationen, besonders die von Peter Michelsen und nachdrücklich die von Wolfgang Wittkowski, haben sich inzwischen kritisch mit der älteren Auffassung auseinandergesetzt, dem Gerichtsrat Walter komme die Funktion einer überlegenen, ja, wegen seines Namens, geradezu gottähnlichen Figur zu – so also ob sich der Name nur auf das Wort "Walter" und nicht ebenso auf das Wort ›Gewalt‹ bezöge.

(Quelle: Grathoff, Dirk (1983): Der Fall des Krugs. Zum geschichtlichen Gehalt von Kleists Lustspiel. In: Kleist-Jahrbuch 1981/82, Berlin 1983, S.290-313)

Kein neues Staatswesen, sondern Unrecht in gesteigerter Form

Mit seinem Interpretationsansatz hat sich Michael Mandelartz (2008/09, S.304) deutlich gegen Grathoffs Interpretation positioniert:

"Geschichte zu erzählen heißt, die Verbindungsglieder zwischen einem, allenfalls auch mehreren angenommenen Ursprüngen und der Gegenwart des Erzählers auf einleuchtende Weise darzustellen. Jede Gegenwart stellt daher ihre Vergangenheit in ein neues Licht, aber ebenso birgt der Ursprung die folgende Geschichte in sich. [...]

Im Falle von Kleists ›Zerbrochnem Krug‹ nun wurde der Ursprung in dem auf dem Krug dargestellten Ereignis gesucht, der Übergabe der Niederlande an den spanischen König Philipp II. im Jahre 1555. Dirk Grathoff hat die Szene zuerst als epochale Zäsur erkannt und ihren Bedeutungsgehalt bestimmt als Staatsgründung, die auf die ›Subjekt-Werdung‹ der Niederländer verweise [...] Dass der Krug nun zerbrochen wurde, und zwar von dem Staatsdiener Adam, deutet nach Grathoff auf eine neue geschichtliche Situation hin, auf den Anbruch einer neuen Epoche. Die Niederländer seien nun wiederum, zum zweiten Mal, zum ›gesellschaftlichen Objekt‹ geworden, aber nicht durch Fremdherrschaft, sondern durch den eigenen Staat. Als Thema im Hintergrund des Lustspiels wären demnach die Modernisierungsprozesse im Anschluss an die französische Revolution zu bestimmen, die die Herrschaft über die bürgerlichen ›Subjekte‹ mehr und mehr auf bürokratische Vorgänge verlagerten. Bis zur Gegenwart der Dramenhandlung haben »nunmehr endgültig ›modern times‹ im Staate Holland Einzug gehalten, indem das alte gesellschaftliche Objektsein unter veränderten Bedingungen zurückgekehrt ist.«

Grathoff zufolge wäre die Geschichte der Niederlande bis zum Prozess um den Krug eine Geschichte der Emanzipation von der Fremdherrschaft wie die der Amazonen in Kleists • ›Penthesilea‹. Während jedoch der Gründungsmythos der Amazonen vom Mord an den illegitimen Fremdherrschern erzählt, zeigt das Bild auf dem Krug keineswegs die Loslösung von der ›Fremdherrschaft‹ Spaniens, sondern einen Vertragsabschluss, der gerade die Kontinuität des Rechts verbürgen soll. Dafür spricht schon die Rede Adams vom • »zerscherbte[n] Pactum« (Vs. 675) [...]  Die Übergabe wird in einer Folge von Handlungen vollzogen, deren Legitimität durch die Anwesenheit aller beteiligten Parteien und der Öffentlichkeit sichergestellt wird. Karl V. löst zunächst die Generalstaaten von ihrem Eid und überträgt ihn auf seinen Sohn; Philipp kniet vor Karl V. nieder und empfängt den Segen; daraufhin nimmt er die Huldigung der Generalstaaten entgegen und leistet den Eid, der ihnen nicht nur ihre »Privilegien und Freiheiten«, sondern auch »Gewohnheiten, Herkommen, Gebräuche und Rechte« zusichert. [...] Die Übergabe bestätigt also die bestehende Rechtsordnung, indem sie sie an die veränderten politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zwischen den Niederlanden und Spanien anpasst.

Der Freiheitskampf der Niederländer bezieht [...]  seine Legitimation keineswegs daraus, dass Philipp II. eine Fremdherrschaft begründet hätte; die Niederlande waren ihm rechtens und mit Zustimmung der niederländischen Stände übergeben worden. Legitim wird der Freiheitskampf, mit starken Einschränkungen, durch den Missbrauch der königlichen Macht nach der Übergabe, insbesondere durch die Einsetzung der Inquisition, deren Folgen »unnatürlich und schrecklich« waren. [...]

Der Prozess im und um den ›Zerbrochnen Krug‹ ist ein Prozess um die gerichtliche Anerkennung von Raubgut als Eigentum. Dass er überhaupt stattfindet, verdankt sich dem gemeinsamen Interesse aller Beteiligten, die Illegitimität des Staates, des Gerichts und des Eigentumstitels von Frau Marthe nicht in Zweifel zu ziehen, weil darin die Bedingung der Möglichkeit des allgemeinen Egoismus liegt. Der Prozess bildet den Höhe- und Umschlagspunkt der geschichtlichen Entwicklung zunehmender Korruption. Wir können also vorläufig festhalten, dass es im ›Zerbrochnen Krug‹ um den Endpunkt der Illegitimität eines ursprünglich usurpatorischen Staatswesens geht, in dem die Illegitimität sich selbst aufhebt: Mit dem Krug wird das Symbol der Legitimität zerstört durch eine korrupte Praxis, die die Legitimität real schon zuvor ausgehöhlt hatte. Die Korruption negiert sich selbst, denn eine korrupte Praxis ist nur unter der Voraussetzung der Idee des Rechts und ihrer symbolischen Darstellung möglich. Das Zerbrechen des Kruges ist Negation der Negation und eröffnet darin die Möglichkeit eines neuen Ursprungs und einer neuen Gesellschaft. Dass im ›Krug‹ aber kein neues Staatswesen gegründet wird, sondern das Unrecht in gesteigerter Form fortgesetzt wird, [...]  begründet seinen Charakter als Komödie. Denn erst die Steigerung des Unrechts ermöglicht die Zustimmung Eves und Ruprechts zum Staatswesen und damit den Ausblick auf die Hochzeit."

(Quelle: Mandelartz, Michael (2008/2009): Die korrupte Gesellschaft. Geschichte und Ökonomie in Kleists ›Zerbrochnem Krug‹. In: Kleist Jahrbuch 2008/2009, S.303-325-312, Auszüge)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 12.04.2026

      
   Arbeitsanregungen:
  1. Status der Niederländer (Subjekt vs. Objekt):
    Wie bewerten Grathoff und Mandelartz den geschichtlichen Ausgangspunkt der Niederländer? Inwiefern widerspricht Mandelartz der These Grathoffs, dass der Krug ursprünglich für einen Zustand der Freiheit und des "gesellschaftlichen Subjektseins" stand?

  2. Die Bedeutung des Bruchs:
    Während Grathoff das Zerbrechen des Kruges als "Anfechtung von innen" und Ende einer Epoche der Freiheit sieht, deutet Mandelartz diesen Akt als "Negation der Negation". Welchen unterschiedlichen Stellenwert messen beide Autoren dem Moment bei, in dem der Krug durch Richter Adam zerstört wird?

  3. Charakterisierung des Staates und der Moderne:
    Grathoff sieht in der Figur des Walters den Einzug der "modern times"“ und einer bürokratischen Kälte. Mandelartz hingegen spricht von einer "Steigerung des Unrechts" und einer "korrupten Gesellschaft". Worin unterscheidet sich ihre Kritik an der staatlichen Ordnung, die am Ende des Stücks etabliert wird?

  4. Interpretation der historischen Szene auf dem Krug:
    Grathoff interpretiert die Darstellung auf dem Krug (Übergabe der Niederlande 1555) als Gründungsmythos der Freiheit. Warum sieht Mandelartz in derselben Szene stattdessen einen Rechtsakt der Kontinuität und des "Pactums", der eher die Legitimität der bestehenden Ordnung absichert?

  5. Eves Erkenntnis und Entwicklung:
    Laut Grathoff gelangt Eve durch den Prozess zu einer schmerzhaften Erkenntnis über ihre Objektrolle im Staat. Wie lässt sich dazu im Gegensatz Mandelartz' Aussage verstehen, dass erst die "Steigerung des Unrechts" die Zustimmung Eves zum Staatswesen (und damit zur Hochzeit) ermöglicht?

  6. Gattung und Ende des Stücks (Komödie vs. Resignation):
    Grathoff betont die Resignation Eves im Variant-Kapitel und Kleists kritischen Blick auf eine desillusionierte Moderne. Mandelartz hingegen begründet den Charakter des Stücks als Komödie gerade durch die Fortsetzung des Unrechts. Inwiefern kommen beide zu einer völlig unterschiedlichen Bewertung des "Happy Ends"?

 
 
 

 
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