teachSam- Arbeitsbereiche:
Arbeitstechniken - Deutsch - Geschichte - Politik - Pädagogik - PsychologieMedien - Methodik und Didaktik - Projekte - So navigiert man auf teachSam - So sucht man auf teachSam - teachSam braucht Werbung


deu.jpg (1524 Byte)

 

Hieronymus Dürer: Tychander (1668) - Textauswahl

Das 1. Capitel. »

Tychander reiset auf die Universität, wird daselbst schlecht bewillkommet


FAChbereich Deutsch
Glossar
Literatur Autorinnen und Autoren Literarische Gattungen Literaturgeschichte Didaktische und methodische Aspekte Überblick Literatur auf dem Weg in die Moderne Literaturepochen Überblick Epochenüberblick Literatur des Mittelalters (ca. 750-1500) Frühe Neuzeit, Renaissance und Humanismus (1300-1600   Barock (1600-1720) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Annäherungen: Spuren, Zeugnisse und Zugänge zu einer fremden Welt Historischer Hintergrund Wichtige Autoren Die Literaturreform von Martin Opitz Lyrik des Barock Barockdrama und Barocktheater Barockroman und  andere Erzähltexte Überblick Formen des Barockromans ÜberblickHöfisch-historischer RomanSchäferroman  ● Satirischer Roman Überblick Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch (1668) [ Hieronymus Dürer: Tychander (1668)  Überblick Textauswahl Bausteine ] Textauswahl BausteineLinks ins Internet ] Textauswahl BausteineLinks ins InternetLiterarische und nicht-literarische Zweckformen (Briefe, Lehrbücher, Predigten, Konversationsliteratur...)Textauswahl Bausteine ▪ Häufig gestellte Fragen (FAQs) Links ins Internet Aufklärung (1720-1785) Empfindsamkeit (1740-1780) Sturm und Dang (1760-1785) Weimarer Klassik (1786-1805) Jakobinismus (1789-1796) ▪ Romantik (1793-1835) Biedermeier (1820-1850) Das junge Deutschland und die politische Dichtung des Vormärz(1830-1850) Realismus (1850-1890) Naturalismus (1880 - 1910) Gegenströmungen zum Naturalismus (1890-1930) Expressionismus (1910-1925) Literatur der Weimarer Republik (1918-1933) Deutsche Exilliteratur (1933-1945) ▪ Literatur nach 1945 Literatur nach 1989 Literatur im 21. Jahrhundert Motive der Literatur Grundlagen der Textanalyse und Interpretation Literaturunterricht Schreibformen  Operatoren im Fach Deutsch
 

docx-Download - pdf-Download
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/duerer1742/0023
»google books, Ausgabe 1668

Sexualstrafrecht in der frühen Neuzeit
Ehebruch
Vorehelicher  und außerehelicher Geschlechtsverkehr

Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen
Die Entwicklung sozial konstruierter Scham in der frühen Neuzeit und im Barock

Studentenleben in der Barockzeit

In seinem Roman "Das Wandelbahre Glück/ in einer angenehmen und wahrhafften Liebes-  und Lebensgeschichte des verkehrten und wieder bekehrten Tychanders vorgestellet" von » Hieronymus Dürer (1641-1704). einem Hauslehrer und später lutherischen Pfarre und Superintendenten, aus dem Jahr 1668 erzählt der auktoriale Ich-Erzähler Tychander seine Lebensgeschichte. Der moralisierende Unterhaltungsroman war in seiner Zeit sehr erfolgreich und wurde mehrfach wieder aufgelegt.

Das 1. Capitel.
Tychander reiset auf die Universität, wird daselbst schlecht bewillkommet

"Nachdem ich meine Jünglings-Jahr erreichet, und nun gesonnen war, wiewohl mit noch nicht recht pflücken Federn, höher zu fliegen, absonderlich den verhaßte Schulzwang mit der Academischen Freyheit, einmahl zu vertauschen, erhielt ich doch, wider meiner Lehrer Rath, durch vielfältiges Anhalten der Mutter, welche gern bald einen Juncker aus mir haben wolte, daß mein Vater mich annoch Bart- und Federlos dahin sandte. Ich reisete fort, gelangte an, und grüssete so bald bey meiner Ankunfft die Studenten mit einem gewöhnlichen Pennal-Schmause1; wurde auch mit üblichen Willkommen, (Ohrfeigen und Nasenstüber meyne ich) von denen alten Pennälen gar höflich empfangen. Diese, weil sie gut Geld bey mir wusten, unterliessen nicht, mich zum öfftern zu beschmausen, wodurch sie denn meinen Beutel in kurzer Zeit seines Eingeweides ziemlich entledigten, und um viel Ducaten leichter machten. Ich verbrachte solches Probe-Jahr nach gewöhnlicher Pennal-Weise, in lauter wüstem Heydnischen Fastnachts-Leben: um das Studiren aber kümmerte ich mich nicht, denn ich hatte genug mit andern Possen zu thun. Daneben aber wurde des Buhlens keinesweges vergessen: Denn weil die Pennäle unverschämt waren, und fein gleich zugiengen, waren sie bey denen leichtfertigen Weibs-Personen desto angenehmer, und hatten einen viel freyern Zutritt und Paß bey ihnen, als einige andre. Wiewohl mir solches zween klägliche Fälle, die sich zu einer Zeit zutrugen, billig hätten erleiden sollen, wenn nicht der Satan meine Sinnen verblendet, und mein Hertze hätte verstockt gehabt.


Für größere Ansicht bitte an*klicken*tippen!

Es hatte einer meiner Landsleute, ein sonst Christlicher und sehr fleißiger Jüngling, seine Stube undTisch, bey einem Raths-Herren selbigen Orts. Dieser hatte ein junges Weib, welche gleich wie sie an Schönheit keiner in der ganzen Stadt wiche, also war ihr auch an Geilheit keine zu vergleichen. Selbige hatte auf Filomusen, so hiesse der Jüngling, eben ein solch Auge geworffen, wie »Potiphars Weib auf Joseph:  Ob er nun zwar Gottesfürchtig war, und eine Zeitlang.für ihr flohe, so unterliesse sie doch nicht durch vielfältige geile Geberden, und offtmalige unverschämte Entblössung, ihn solange zu reitzen, bis er sich endlich sich Fleisch und Blut überwältigen liesse, seinen Begierden den Zaum verhengte, und schändliche Thaten zum öfftern mit ihr begienge. Wie nun dieses unkeusche Weibsstücke sich an einem Buhler nicht genügen liesse, sondern derselben unterschiedliche, und zwar theils mit vielen Verehrungen unterhielte, also bekam sie auch letztlich die schöne Kranckheit, die bey solchen Huren nicht ungemein zu seyn pfleget, und machte selbige nachgehends alle ihre Buhler, sonderlich diesen unglückseligen Filomusen theilhafftig. Filomusus verwarlosete im Anfang dieses Übel selber, entweder aus Unverstand, daß er vermeynte, es hätte nicht viel zu bedeuten; oder aus Schamhafftigkeit, daß er es keinem Artzney-Verständigen offenbahren mochte, bis es zuletzt sein gantzes Geblüt ansteckte, und dermassen überhand nahme, daß keine Hülffe mehr verfangen wolte: Denn er muste sterben, und in blühender Jugend ein erbärmliches Ende nehmen.

Kläglich war zwar solcher Fall, daß dieser Jüngling ein eintziges Kind seiner sehr reichen Eltern, welchen sie zum Trost und Stab ihres Alters erzogen halten, durch Huren-Liebe jämmerlich umkommen muste! Kläglich, sage ich, war es, aber dennoch endich, zu verschmerzen, angesehen, er in wahrer Erkänntniß Reu und Leid über seiner Sünden, mit festem Glauben von der Welt abschiede: Ader viel elender fuhre mein damahliger Stuben-Gesell, welchen die Huren-Liebe gleich zur selbigen Zeit nicht nur um das zeitliche, sondern auch um das ewige Leben brachte, und plötzlich mit Ach und Weh zur Höllen stürzte!

Dieser ruchlose Mensch, der sein gantzes Leben in aller Gottlosigkeit verzehret, hieng an einer jungen wohlgestalten Schneider Frau. Die erste Kundschafft wurde in der Kirchen gemacht, welche leider! heute zu Tage öffters die Stellen der Kuppel-Häuser vertreten müssen: Die Unterhändler waren die Augen, mit welchen sie einander ihre Gemüths-Meynungen solange zu verstehen gaben, dis Asotus vermittelst eines Kleides, welches er bey ihrem Manne machen ließ, erstmahls Kundschafft im Hause erlangte, und nachgehends, so offt der Mann ausserhalb Hauses, dessen Person agirte. Daß trieben sie eine zeitlang gar heimlich, hernacher aber etwas freyer, also daß nicht allein das Gesind im Hause solches vermerckte, sondern die Nachbarn schöpfften auch Argwohn, so wohl daher, daß der Kerl so offt des Tages vorüber gieng, und so fleißig nach dem Fenster sähe, und da er sie gewahr wurde, so freundlich grüste; als auch wegen des vielfältigen Aus- und Eingehens. Es kam letztlich so weit, daß der Mann von seinen guten Sauff-Brüdern in der Zeche damit aufgezogen und vor einen Hahnrei gescholten ward. Wodurch der Mann sich erzürnte, und ihme vornahm, hierauf genaue Kundschafft zu legen. Der Winter begunte sich gleich anzumelden, und gebot an statt der grünen May-Bäume gut Brenn-Holtz in Vorrath zu schaffen, daher nahm der Schneider Ursach sich zu stellen, als ob er auf diß oder jenes  Dorff gehen wolte, um zu sehen, ob der Edelmann daselbst, der in seiner Schuld war, ihm wolte etliche Fuder Holtz zuführen lassen. Die Frau war dieses wohl zufrieden, und thate es dem Asotus alsbald zu wissen, damit er sich um selbige Zeit bey ihr einfinden, und weil der Mann nach Feuerholtz aus wäre, sie so lang erwärmen möchte. Es geschah, er kam, sie giengen zu Bett: Aber die Freude währte nicht lang: Denn der Mann, welcher inzwischen nicht gefeyert, hatte, sich des Abends unvermerckt wieder nach Hause gemacht, und in einen Winckel verborgen. Als er nun, was vorlieff, sähe, und seiner Hörner gar keinen Zweifel mehr trug, kunte er sich nicht so lange enthalten, bis sie beyde eingeschlaffen wären, sondern lieff mit seiner Wehr in grimmigen Zorn nach der Kammer zu, fand aber dieselbige verschlossen. Er säumte nicht lang, sondern hiebe mit dem Beil, welches er auf solchen Fall zu sich genommen, die Thür auf, und eilte dem Bette zu.


Für größere Ansicht bitte an*klicken*tippen!

Der Ehebrecher auch nicht faul. sprang geschwind im Hemde zum Bett heraus, unterlieff dem Schneider den Degen, faste ihn an, warff ihn zu Boden, riß ihm die Wehr aus der Hand, und nöthigte ihn einen Eyd zu schwören, daß er diese That weder an ihm, noch an der Frauen rächen, noch auch einigem Menschen offenbahren wolle. Er sähe sich überwunden, er muste es eingestehen. Aber als Asotus sich genugsam sicher zu sey vermeynte, weil der darzu des Schneiders Degen in der Hand hatte, ergriff der Schneider, so bald er auffkam, das Beil, welches nicht weit von ihm lag, und versetzte dem Ehebrecher einen solchen Wurff, dass ihm en Kopff mitten voneinander spaltete, welcher denn, so bald der Wurff geschehen, dem Schneider seinen eignen Degen durch der Leib jagte, womit sie beye niederfielen. Inzwischen hatte die Ehebrecherin die Thür ergriffen, und im Hemde Reisaus genommen, nach ihrer Mutter Behausung zu, ward aber unterwegens von der Wacht ergriffen, und mit solchem ungewöhnlichen Habit, daraus sie nichts gutes muthmasseten, ins Gefängniß gesetzet. Das Gesinde und die Nachbaren lieffen über solchen Tumult auch zu, und fanden beyde in ihrem Blut liegen. Sie wurden, so bald es lautbar war, durch die Gerichte aufgehoben, und weil sie noch beyde lebten, wurden Priester zu ihnen erfordert, aber Asotus hatte keine Sinnlichkeit mehr, also daß er kein einzig Zeichen seiner Bekehrung von sich geben kunte, sondern lag nur und sperrete die Augen auf, bis er wenig Stunden hernach seine unqlückhaffte Seele von sich schickte, und sein Leben beschloß, wie er bisher geführet hatte. Der Schneider lebte noch etliche Tage, da starb er auch, und das Weib wurde zuletzt mit dem Schwerdt gerichtet.

Billig, sagte ich, hätte mich solches zweyfach-gedoppelte Unglück von meinem sündlichen Leben abmahnen, und zur Busse reihen sollen; Ich nahme auch solche klägliche Fälle Anfangs sehr zu Herhen, also daß ch GOtt meine Sünden abbate, und mir ernstlich vornahm, und hinführo ein christlich Leben zu führen. Aber als nur die erste Bestürtzung sich ein wenig geleget hatte, und die Furcht durch die Zeit verringert wurde, ließ ich mich (leider,) abermahl verführen, daß ichs wieder anfienge, wo ichs gelassen, und mir die betrügliche Hoffnung machte, daß, ob gleich solches Unglück jenen widerfahren wäre, so würde es doch eben mich nicht treffen, angesehen der gröste Hauffe es gleich also machte, und doch nur selten einmahl ein solcher Fall sich begäbe.«

(aus: »Hieronymus Dürer (1641-1704,"Das Wandelbahre Glück: in einer angenehmen und wahrhafften Liebes- und Lebens-Geschichte des verkehrten und wieder bekehrten Tychanders, vorgestellet", Braunschweig, S.7-12 - gemeinfrei

 

Worterklärungen:

1 Pennal-Schmause: Nach der Aufnahme in eine Universität mit ▪ Immatrikulation und ▪ Deposition galten die Neulinge an der Universität in ihren Landsmannschaften etwas mehr als ein Jahr lang als Pennäler, die noch nicht als vollständige Studenten von den älteren Studenten, den Schoristen, angesehen wurden; Pennäler mussten diesen auf vielfältige Weise zu Diensten sein, wurden schikaniert und immer wieder ausgenutzt, ehe sie per Absolution "freigesprochen" wurden und selbst Schoristen sein durften. Eine der üblichen Rituale war, die anderen Mitglieder der Landsmannschaft mit einem Essen (Pennalschmaus) freizuhalten, was ganz schön ins Geld gehen konnte,Dieses System wird auch als ▪ Pennalismus bezeichnet.

Sexualstrafrecht in der frühen Neuzeit
Ehebruch
Vorehelicher  und außerehelicher Geschlechtsverkehr

Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen
Die Entwicklung sozial konstruierter Scham in der frühen Neuzeit und im Barock

Studentenleben in der Barockzeit

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 19.02.2022

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Fassen Sie den Inhalt des Kapitels knapp zusammen.
  2. Was erlebt Tychander nach seiner Ankunft an der Universität?
  3. Wie beurteilt das erzählende, d. h. das sich erinnernde Ich, im Nachhinein das Verhalten des erlebenden, d. h. erinnerten Ichs, in der damaligen Situation?
 
 
 

 
ARBEITSTECHNIKEN und mehr
Arbeits- und ZeitmanagementKreative ArbeitstechnikenTeamarbeit ▪ Portfolio ● Arbeit mit Bildern  Arbeit mit Texten Arbeit mit Film und VideoMündliche KommunikationVisualisierenPräsentationArbeitstechniken für das Internet Sonstige digitale Arbeitstechniken 
 

   
  Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA)
Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von
externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de
-
CC-Lizenz