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Heinrich von Kleist (1777-1811): Michael Kohlhaas

Explizite Charakterisierung durch den auktorialen Erzähler

Aspekte der Erzähltextanalyse

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Erzählende Texte Sprache und Stil Michael Kohlhaas [ Aspekte der Erzähltextanalyse Figurenkonstellation Explizite Charakterisierung durch den auktorialen Erzähler (Beginn der Novelle) ] Textauswahl ▪ Bausteine Links ins Internet  
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Auktoriale Erzählsituation
Überblick
Formulierungshilfen für die Textinterpretation
Techniken zur Figurencharakterisierung

Überblick
 ▪ Explizite Figurencharakterisierung
Implizite Figurencharakterisierung  

Am Beginn der Novelle ▪ "Michael Kohlhaas" von ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) nimmt der auktoriale Erzähler eine ▪ explizite Charakterisierung der Hauptfigur vor.

 

Explizit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das, was an Informationen über eine Figur gegeben wird, ausdrücklich dargelegt wird.

Das wiederum bedeutet nicht, dass sich der Sinn solcher Ausführungen nicht erst im Zuge der Interpretation erschließt. So können Handlungen einer Figur, die vom Erzähler mehr oder weniger kommentarlos erzählt werden, natürlich auch indirekt Wichtiges über den Charakter einer Figur aussagen. Die Figur wird also auf Grund bestimmter Handlungen indirekt charakterisiert, auch wenn die Technik der Figurencharakterisierung explizit ist.

Explizite Charakterisierung durch den Erzähler

  • Beschreibungen
    Auf Außensicht basierende Beschreibungen einer Figur; sie können mit oder ohne kommentierende Einmischungen gestaltet sein;

  • Beziehungen
    Darstellung von Beziehungen einer Figur zu anderen Figuren; Möglichkeit zu Korrespondenz oder Kontrast gegenüber anderen Figuren

  • Handlungen
    Darstellung von Handlungen einer Figur

  • Situationen
    Einordnung einer Figur in einen zeitlichen, räumlichen und kausalen oder finalen (Handlungs-)Zusammenhang einer "Story"  

  • Redeinhalte
    Figurencharakterisierung in Form des Redeberichts oder der indirekten Rede.

  • Gefühlsinhalte
    Figurencharakterisierung in Form einer pauschalen Wiedergabe von Gefühlen, Eindrücken und Wahrnehmungen einer Figur; keine Wiedergabe von Gedanken der Figur.

(vgl. Fricke/Zymner 1993, S. 153ff.)

Der Beginn der Novelle

"An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. - Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.

Er ritt einst, mit einer Koppel junger Pferde, wohlgenährt alle und glänzend, ins Ausland, und überschlug eben, wie er den Gewinst, den er auf den Märkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils, nach Art guter Wirte, auf neuen Gewinst, teils aber auch auf den Genuss der Gegenwart: als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen Ritterburg, auf sächsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er sonst auf diesem Wege nicht gefunden hatte. Er hielt, in einem Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still, und rief den Schlagwärter, der auch bald darauf, mit einem grämlichen Gesicht, aus dem Fenster sah. Der Rosshändler sagte, dass er ihm öffnen solle. Was gibt's hier Neues? fragte er, da der Zöllner, nach einer geraumen Zeit, aus dem Hause trat. Landesherrliches Privilegium, antwortete dieser, indem er aufschloss: dem Junker Wenzel von Tronka verliehen. - [...] "

Die auktorial explizite Charakterisierung in dem Textauszug

In äußerst knapper Form beschreibt der Erzähler im ersten Satz die Titelfigur mit ihrem Namen, Beruf und Herkunft. Danach wird der Handlungsort beschrieben und dann kommen die wirtschaftliche Lage und familiären Verhältnisse von Michael Kohlhaas zur Sprache. Damit wird die Handlung räumlich und zeitlich situiert.

Schließlich kommen bestimmte Charaktereigenschaften von Kohlhaas zur Sprache, die mit seinem Erziehungshandeln gegenüber seinen Kindern "in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue" weitgehend nüchtern, sachlich und ohne jede Kommentierung vom Erzähler vorgetragen werden. Man gewinnt als Leser, auch als Ergebnis der sprachlichen Gestaltung, den Eindruck, als habe sich der Erzähler hinter die Ereignisse, das Faktische, zurückgezogen.

An zwei Stellen jedoch verlässt der Erzähler seinen sachlich-nüchternen Stil und gibt sich mit seinen Kommentaren deutlich zu erkennen. Am Ende des ersten Satzes gibt er mit einer Apposition ("einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit") eine eindeutige Wertung an und nimmt damit eine Abwertung der Titelfigur vor.

Diese eher "en passant" (so ganz nebenbei) gemachte Bemerkung, entfaltet freilich eine besondere Wirkung, denn diese fast "unmotivierte Charakterisierung des Mannes" lässt besonders dadurch aufhorchen, weil sie "in ein Paradox gehüllt ist. " (Holz 1963, S.117ff.)

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 28.03.2024

 
 

 
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