Kern der ▪
Katharsis-Lehre von »Aristoteles
(384-322 v. Chr.) ist die Auffassung, dass es sich dabei um "ein(en)
ganzheitlich verstandene(n) Reinigungsprozess" (Brauneck
2012, S.35) handelt, der sich kognitiv und psychisch
abspielt. Dabei stellt es für den Zuschauer "eine elementare Erfahrung"
dar, " ein komplexes (...), traumatisches, aber eben auch lustvoll
wahrgenommenes Ereignis", bei dem der Zuschauer zwar "die Leiden anderer
mit(erlebt) und (...) dadurch in (...) Affektlagen von Schrecken und
Schaudern (gerät)", aber "durch die Kunstform der Tragödie (...) werden
dies Affekte (jedoch) in ein lustvolles Erlebnis transformiert." (ebd.)
»Aristoteles
(384-322 v. Chr.)
sah im Gegensatz zu seinem Lehrer
Platon in Affekten nichts Negatives.
Platons Abwertung der Affekte
In »Platons
(428/427-348/347 v. Chr.) Denken, in seiner »Ideenlehre
ebenso wie in seiner »Staatsphilosophie,
hatten Affekte keinen Platz.
Seine Zwei-Welten-Theorie
wies der Vernunft die Schlüsselrolle zu, um die Idee des Guten
zu verwirklichen. Dabei ging er davon aus, dass sich eine Welt
unveränderlicher Ideen, die nur mit reiner Vernunft erkennbar
ist, und eine Welt des Vergänglichen, des gemeinhin Sichtbaren
und Wahrnehmbaren einander gegenüberstehen
Affekte konnten da nur im Wege stehen. Und da
Dichtung ohnehin nur Trugbilder erzeuge und daher auch nicht
ohne Wenn und Aber Wahrheit vermitteln und zur sittlichen
Vervollkommnung beitrage, sei sie auch als Ganzes verwerflich.
Er
unterstellte der Dichtung, dass sie sich "einzig an die niederen
Kräfte der Seele, an die Triebe und Leidenschaften (wende), (...)
unvernünftig handelnde, von Leidenschaften erfüllte Menschen dar(stelle)" und "den Leser oder Zuschauer (veranlasse), mit diesen
Menschen zu klagen und zu jammern und hierbei sogar Vergnügen zu
empfinden." (Fuhrmann
1994, S.157) Was Dichtung also am Ende bewirke sei nichts
anderes als die Zerstörung der Vernunft, ihr Geschäft Lug und Trug.
So ist die Liste seiner Argumente gegen Dichtung lang. Es könne
nicht angehen, dass man die Götter einander bekriegen lasse und die
Götter für menschliches Leid verantwortlich mache oder sie ganz
offensichtliche Täuschungen begehen lasse.
Und die Heroen
der Dichtung, die
nichts anderes zu tun hätten, als über den Tod Nahestehender zu
jammern und damit Verweichlichung förderten, seien selbst von
Affekten getrieben, "unbeherrscht, bestechlich, habgierig, aufsässig
und grausam" (ebd.,
S.158)
Und wenn, wie in der Dichtung häufig dargestellt, sogar
"Ungerechte oft glücklich, Gerechte hingegen glücklich seien" (ebd.)
dann stand für Platon nicht nur die Welt kopf, sondern dadurch wurde
die sittliche Ordnung der Gesellschaft zerstört. "Zugespitzt", so
betonen
Allkemper/Eke
(22006, S. 114), "wird dies zu der
Vorstellung, dass die Dichter lügen."
Auch Platons
Vorstellung von einem Idealstaat, oft einfach als
Philosophenrepublik bezeichnet, passte überhaupt nicht zu
triebhaften Affekten. Denn das ganze Gemeinwesen, von seiner
Einteilung in die drei Stände (Lehrstand an der Spitze, gefolgt vom
Wehrstand und dem Nährstand der "einfachen" Bürger, Handwerker und
Gewerbetreibenden) und die herausragende Stellung der »"Philosophenkönige"
und deren 50-jährige Ausbildung war ein Modell, das allein über
seine vernunftgemäße Einrichtung den bestmöglichen Staat
verwirklichen sollte.
Und das verlangte gerade auch von dem
so genannten Nährstand, der am ehesten Begehrlichkeiten folgte,
Mäßigung.
Kein Wunder also, dass Platon für Massenveranstaltungen,
wie die in den antiken Theatern mit ihren schauspielerischen und
musikalischen Darbietungen fragwürdige und schlechte Affekte
bedienten, ablehnte. Zudem hatte er für charakterlich fragwürdige oder
"schlechte"
Personen, die in den Dramen auftraten, wenig übrig. Daher wundert es
nicht, dass Platon vom Drama, aber
auch vom Epos, rigoros nichts wissen wollte. Wenn Dichtung, so seine Forderung, dann nur als
"gereinigte Zweckpoesie in der einfachen Form des Hymnus" (ebd.)
»Aristoteles
(384-322 v. Chr.) lehnte die Zwei-Welten-Lehre seines Lehrers
(»Ideenlehre)
ab und hielt sie für "eine absurde Verdoppelung der Wirklichkeit" (ebd.).
Im Gegensatz zu diesem sah er in einem Kunstwerk ein Abbild der
wahrnehmbaren Wirklichkeit, der auch die Idee eines Dinges
innewohnte.
Im Setting der
•
Tragödienrezeption beurteilte Aristoteles
die dabei auftretenden Affekte •
Schrecken und •
Jammer als mehr oder
weniger harmlose Vergnügen, zumal der Zuschauer das Theater nicht (aber
auch nach abgeschlossener Lektüre nicht) in diesen "künstlich"
evozierten Affektzuständen verließ, sondern gerade deren •
Reinigung
(Katharsis) als "lustvoll" erlebte.
Im Übrigen tat ja das nach den im ▪
Dramenwettstreit der Tragödien jeweils nach einer ▪
Tetralogie stets
aufgeführte burleske und befreiende ▪
Satyrspiel das Übrige, um
die Zuschauerinnen und Zuschauer im weiten Rund der großen
Freilichttheater wieder heiter gestimmt zu entlassen.
Ob und inwieweit Aristoteles der kathartische Wirkung auch über den
Prozess der Tragödienwirkung hinaus Wirksamkeit für die sittliche
Vervollkommnung des Menschen im Rahmen seiner ▪
eudaimonistischen Vorstellungen zugesprochen hat, ist nicht
eindeutig belegbar.
Aristoteles und der Wandel der Tragödie in hellenistischer Zeit
Zu den Lebzeiten von
»Aristoteles
(384-322 v. Chr.) hatten sich die Dramen und die Theateraufführungen im
Gegensatz zur klassischen Zeit schon deutlich gewandelt.
Mehr und
mehr waren die Stoffe und die ihnen zugrunde liegenden Mythen in der
»hellenistischen
Zeit "zu einem frei verfügbaren Stoff- und Motivfundus geworden"
(Brauneck
2012, S.36).
Zudem hatte sich das Interesse des Publikums von den
Leiden der tragischen Heroen, die das Thema der klassischen
Zeit gewesen waren (vgl.
ebd.,
S.47), ab- und den "Schicksale(n) von Alltagsmenschen" (vgl.
ebd.,
S.46) zugewendet.
Zugleich hatte es längst begonnen, die ehemals
mythischen Helden unter dieser neuen Perspektive wahrzunehmen. Die
neue Rezeptionsform der Tragödie ging einher mit der allgemeinen
Aufwertung der Schauspielkunst und der Bedeutung der Protagonisten,
deren Seelenleben und individuellen Konflikte sich in einem ebenso
individuellen Theatererleben des Zuschauers niederschlug. (vgl.
ebd.,
S.36)
Die klassische Funktionsbestimmung der
Tragödienvorführungen, deren kollektive Rezeption zur
Identitätsstiftung und zur Sicherung des gesellschaftlichen
Zusammenhalts in einer durch viele Kriege nach außen und interne
Konflikte fast immer bedroht war, beitragen sollte, war in der Theaterrealität, wie sie
Aristoteles erlebte, längst in den Hintergrund getreten.
Was »Euripides
(480-406 v. Chr.), dessen Tragödien von einem "radikale(n)
Verzicht auf Idealisierung des Menschen" (Hose 2012,
S.181) gekennzeichnet waren, auf die Bühne brachte, folgte schon
einem modernen Menschenbild: Seine Protagonisten scheitern an
Widersprüchen, die sich aus ihrem gelebten Leben und seinen
Bedingungen ergeben und erleiden "nicht mehr ein durch
Determination und Götterfluch vorherbestimmtes Schicksal." (Brauneck
2012,
S.36)
Die Konflikte, in die seine Protagonisten geraten,
resultieren aus Schwächen und einem Versagen, nicht aber aus Hybris
oder einem prinzipiell vermeidbaren menschlichen Fehler (hamartía).
Und die Götter? Sie haben "prinzipiell dieselben Schwächen wie die
Menschen", die wie bei Sophokles nicht auf einen anthropologisch
konstanten und "festen Wesenskern" (Hose 2012,
S.181) festgelegt sind, sondern von den Umständen, aber auch dem
Zufall, bestimmt werden.
All dies und
andere Aspekte führen dazu, dass für Aristoteles die Tragödie
und ihr Spiel mit den Affekten, ohnehin, keinen,
jedenfalls nicht unmittelbaren
politisch-pädagogischen Zweck mehr besaß (vgl.
Brauneck
2012, S.36) und auch den Heroen "überhaupt keine religiöse
Bedeutung mehr zu(kam)" (Fuhrmann
1994, S.160).
Für Aristoteles
wie für viele Zeitgenossen waren die "poetischen Götter und
Heroen zu bloßen Namen" (ebd.) geschrumpft und "zu Symbolen
umgedeutet." (ebd.)
Und aus diesem Grunde nahm er die in der Tragödie aufgebotenen,
poetischen Götter, anders als sein Lehrer Platon, auch
theologisch "nicht mehr ernst" (ebd.).
Deutlicher konnte er sich wohl kaum, auch auf dem Gebiet der
Poetik von der "ontologisch begründeten Deklassierung der
Dichtung" (ebd.,
S.159) seines Lehrers Platon distanzieren.
Wie sich Aristoteles daher "das Verhältnis von »Entladung« und »sittlicher
Läuterung«" (ebd.)
im kathartischen Prozess vorgestellt hat, bleibt letztlich ungeklärt.
Ob die kathartische Reinigung des Affektes
Schrecken in der
Tragödie den Menschen, in Umkehrung der Befürchtungen seines Lehrers
»Platon
(428/427-348/347 v. Chr.) gerade von einem Übermaß an sozial
eingeübter sozialer Ansprechbarkeit befreien (Affektabfuhr), und den
Menschen vor der von Platon befürchteten "Gefühlsduselei"
bewahren sollte, wirkt daher zwar plausibel, ist aber längst
nicht sicher.
Und ebenso
unklar ist letzten Endes die Vorstellung, ob der •
Jammer durch die
• "Reinigung"
wieder in die konkrete "Normallage" zurückgeführt werden
kann,
die sich bei diesem Affekt stets in der Mitte zwischen
nötiger Überlebenstechnik und übertriebener Ängstlichkeit
einpendeln müsse.
Und ob sich Schrecken in
dem Sinne, wie ihn Aristoteles versteht, beim Zuschauer durch das Betrachten eines
Theaterstückes tatsächlich einstellt, scheint allerdings mehr als
fraglich. Denn dass der Zuschauer wirklich, und
zwar so persönlich-konkret von dem Tragödiengeschehen betroffen ist,
dass er beim Zusehen beginnt, sich zu fürchten, ist eher
unwahrscheinlich.
Es sei denn: Furcht wird, wie es später ▪
Lessing (1729-1781)
mit seiner ▪
Umdeutung der aristotelischen Tragödientheorie
tut, als Mitfurcht interpretiert, was dann automatisch ein Mitleiden mit
dem anderen einschließt.
Gert Egle. zuletzt bearbeitet am:
15.07.2025
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