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An eine vortreffliche schöne und Tugend begabte Jungfraw (Nr. 131) - Gegen=Satz. An eine sehr häßliche Jungfraw (Nr. 132)

Text

Venus-Gärtlein (1656) - Textauswahl


FAChbereich Deutsch
Glossar
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Venus-gärtlein (1656)
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Petrarca und die Überbietungspoetik des Barock
Petrarkismus und barocke Liebesauffassung
▪ 
Petrarkismus, Manierismus und galanter Stil

 

An eine vortreffliche schöne vnd Tugend begabte Jungfraw

1.

Gelbe Haare, güldne Stricke, Tauben-Augen, Sonnenblicke, schönes Mündlein von Corallen, Zähnlein, die wie Perlen fallen.

2.

Lieblichs Zünglein in dem Sprachen, süsses Zörnen, süsses Lachen Schnee- und Lilgen weisse Wangen, die voll rohter Rosen hangen.

3.

Weisses Hälßlein, gleich den Schwanen, Aermlein, die mich recht gemahnen, wie ein Schne, der frisch gefallen, Brüstlein wie zween Zucker-Ballen.

4.

Lebens voller Alabaster, grosse Feindin aller Laster, frommer Hertzen schöner Spiegel, aller Freyheit güldner Zügel.

5.

Außbund aller schönen Jugend, auffenthaltung aller Tugend, Hoff=statt aller edlen Sitten, jhr habt mir mein Hertz bestritten.

 

Gegen=Satz
An eine sehr häßlicheJungfraw
In voriger Melodey

1.

Grawes Haar voll Läuß vnd Risse, Augen von Schablack1, von Flüsse, blawes Maul voll kleiner Knochen, halt verrost vnnd halb zerbrochen.

2.

Blatter=Zunge2, kranck zu sprachen, Affischs=zörnen3, Narren=lachen, Runtzel volle mager Wangen, die wie gelbe Blätter hangen.

3.

Halß=Haut gleich den Morianen4, Arme, die mich recht gemahnen, wie ein Kind ins Koth5 gefallen, Brüste wie zween Drucker=Ballen6 .

4.

Du bist so ein Alabaster7, als en wohlberegntes Pflaster, aller Ungestalt ein Spiegel, aller Schönen Steigebügel8.

5.

Schimpff der Jungfern vnd der Tugend, Unhuld aller lieben Tugend, Einöd aller plumpen Sitten, lästu dich zum freyen bitten.

(Quelle: Venus-Gärtlein. Ein Liederbuch des XVII: Jahrhunderts. Nach dem Drucke von 1656, herausgegeben von Max Freiherrn von Waldberg, Halle a. S.: Max Niemeyer 1890, S. 178-179 - pd - gemeinfrei,)

Worterklärungen

1 Schablack: Zum Restaurieren von alten Möbeln wird Schellack verwendet.   Lackharz bezeichnet, ist eine harzige Substanz, die aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus Kerria lacca (Pflanzenläuse, Familie Kerridae) nach ihrem Saugen an bestimmten Pflanzen gewonnen wird.

2 Blatter-Zunge: Zunge, die von den Pocken entststellt ist; Pocken sind  eine für den Menschen äußerst gefährliche und lebensbedrohliche, sehr ansteckende Infektionskrankheit, die von Pockenviren (Orthopox variolae) verursacht wird; das für die Erkrankung typische und namensgebende Hautbläschen wird als Pocke oder Blatter bezeichnet; typischer Krankheitsverlauf: "Nach einer anfänglichen Fieber-phase, der eine Inkubationszeit von durchschnittlich zwölf Tagen vorausgeht, zeigen sich kleine bis linsengroße rötliche Flecken, die sich vom Kopf ausgehend über den ganzen Körper ausbreiten. Diese entwickeln sich im Verlauf weniger Tage zu Knötchen (Papeln) und dann zu perlmutterartig glänzenden Bläschen (Vesikeln). Die zunächst mit klarer, eiweißhaltiger Flüssigkeit (Lymphe) gefüllten Blattern beginnen um den achten Krankheitstag herum zu vereitern." (Jütte (2013): Krankheit und Gesundheit in der Frühen Neuzeit, Kindle-Version); wenn die Krankheit besonders schwer und meistens tödlich verläuft (variola haemorrhagica), kommt es zu heftigen Blutungen, die auf der Haut als blauschwarze Flecken in Erscheinung treten (volkstümliche Bezeichnung: »Schwarze Blattern«); Erkrankte starben dabei meistens binnen einer Woche; bei der häufigsten Form der Pocken (variola major) lag die Sterblichkeit, als es noch keine Immunisierung durch eine Schutzimpfung gab, bei 20 bis 40 Prozent; Pocken galten jahrhundertelang neben der Pest als die Hauptgeißel der Menschheit, weil die Sterblichkeitsrate ziemlich hoch war und die Krankheit insbesondere unter Kindern wütete; wer die Krankheit überlebte, war oft für das ganze Leben entstellt. Der englische Geschichtsschreiber Thomas Macaulay (1800–1859) liefert eine dramatische Schilderung dieser Seuche: »Die Pocken waren immer da, füllten die Kirchhöfe mit Leichen, peinigten den Verschonten mit ständiger Angst, hinterließen an dem mit dem Leben Davongekommenen die scheußlichen Spuren ihrer Macht, verwandelten den Säugling in einen Wechselbalg, vor dem die eigene Mutter zurückprallte und ließen die Wangen der Verlobten dem Bräutigam zur Abscheu werden.« (zit. n. Jütte 2013, ebd.); es waren neben den für jeden sichtbaren Spätfolgen vor allem der schnell eintretende Tod, den die Menschen früher besonders fürchteten;  das einzige wirksame Mittel gegen die Pocken ist bis heute die »Pockenimpfung; Menschen, die in der Frühen Neuzeit ein wegen einer früheren Pockenerkrankung von zum Teil kraterförmigen Narben (= sog. "Blattersteppen") entstelltes Gesicht hatten, gab es viele, und die anderen Menschen bekamen sie oft zu sehen; wer ein pockennarbiges Gesicht hatte, besaß sowohl als Frau als auch als Mann geringere Heiratschancen; verringerte übrigens nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern die Heiratschancen;  im Übrigen wütete die Krankheit unter allen Bevölkerungsschichten.

3 Affischs=zörnen: affisch = affenartrig, läppisch; zörnen = mürrisch, beleidigt sein

4 Morianen: Moriane =  von Mohr (= Menschen mit schwarzer bzw. dunkler Hautfarbe); im 16. Jahrhundert in Gelehrtenkreisen verwendete Weiterbildung des Wortes Mohr

5 Koth: h. wohl im Sinne von: Dreck, Modder


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6 Drucker-Ballen: »Druckerballen sind mit glattem Leder überzogene Ballen, mit welchem die Drucker die aufgestrichene Farben auf die Formen, besonders beim Buch- und Kupferdruck, bringen;

7 Alabaster: »Alabaster: ist eine sehr häufig vorkommende, mikrokristalline Varietät des Minerals Gips, je nach Fundort weiß, hellgelb, rötlich, braun oder grau; besitzt optisch eine gewisse Ähnlichkeit mit Marmor, fühlt sich aber als schlechter Wärmeleiter im Gegensatz zu diesem warm an; außerdem ist er im Unterschied zu Marmor nur bedingt wetterfest, zersetzt sich also witterungsbedingt schnell und wird dann unansehnlich; in der Bildhauerei ausschließlich für Innenraumobjekte genutzt.

8 Steigebügel: »Steigbügel (Reiten) die Fußstütze für einen Reiter, die in Höhe der Füße seitlich vom Reittier (z. B. einem Pferd) herabhängt; als Rolle (»Steigbügelhalter), Bezeichnung für eine Person, die einem anderen die Steigbügel festhält, um es diesem zu erleichtern, in den Sattel zu kommen. heute in der Politik häufig abwerten verwendet für Politiker, die selbst eine geringere Rolle spielen, aber der als Gegner angesehenen Partei helfen, an die Macht zu kommen;

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 24.03.2022

 
   Arbeitsanregungen:

Vergleichen Sie die beiden Gedichte sprachlich und inhaltlich miteinander.

  • Zeigen Sie dabei die petrarkistischen und antipetrarkistischen Elemente der Darstellung auf.
  • Worin unterscheiden sich die dargestellten Merkmale des petrarkistischen Schönheits- und des antipetrarkistischen Hässlichkeitslobes?
 
 
 

 
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