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Bausteine: Franz Kafka, Gibs auf

Kein "Musteraufsatz"

Analyse von Internetangeboten

 
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Bausteine 

Auf der Suche nach einem gelungenen Muster

Schülerinnen und Schüler, die Schreibaufgaben bewältigen sollen, gehen heute ins Internet und machen sich auf die Suche nach "Musteraufsätzen", die ihnen vorführen, wie ein gelungenes Schreibprodukt aussehen sollte.

Doch beileibe nicht alles, was sich als Musteraufsatz präsentiert, ist ein mustergültiges Beispiel. Das zu erkennen ist oft nicht einfach und deshalb gilt es, die nötigen Kompetenzen zu erwerben, die man dafür braucht, um Brauchbares von Unbrauchbarem, Falschem und Richtigem usw. zu unterscheiden.

Was bei der Analyse von schriftlichen Texten noch vergleichsweise leicht geht, weil man sich mit einem Text, der einem vor Augen liegt, auseinandersetzen kann, ist dies bei den unzähligen sogenannten Lernvideos im Internet nicht so ohne weiteres möglich, da das gesprochene Wort "flüchtig" ist.

Blick ins Internet: Ein Beispiel

Auf der Webseite schulwissen.de wird eine Interpretation der Parabel "Gibs auf" von Werner Stoll präsentiert, die alles andere als ein rundum gelungenes Beispiel einer Textinterpretation angesehen werden kann.

Die Internetgemeinde ist sich darüber allerdings nicht einig. Die Kommentare, die dazu abgegeben worden sind, schwanken zwischen Extremen:

  • "wunderbar...>>>gute Interpretation.."

  • "sehr gute interpretation nur die interpretation mt dem aufgeben versteh ich nicht ganz. aber das ist ja bei jedem individuell"

  • "schlechte interpretation"

  • "Super text ich freue mich das lesen zu dürfen !!!!! Ganz große KLasse das nenne ich eine gelungende Interpretation !!! Top ich bin autor und würde mich gerne mal mit ihnen treeffen und mit ihnen über ihren schreibstil sprechen"
    (Quelle: ebd.)

Warum ist das Beispiel keine gelungene Interpretation?

Es soll an dieser Stelle kein vollständiges "Gutachten" zu dem Schreibprodukt gegeben werden. Ein paar knapp kommentierte Auszüge aus dem Text sollen allerdings verdeutlichen, warum die Interpretation alles andere als gelungen ist.

Zugleich ist die Kommentierung mit dem Appell verbunden, Internetangebote dieser Art sehr kritisch zu betrachten und dafür auch in der Auseinandersetzung mit solchen Beispielen die nötige Medienkompetenz zu entwickeln, auf deren Grundlage man ein begründetes Urteil über die Qualität solcher "Musteraufsätze" fällen kann. Dazu gehört auch die Einsicht, dass es den Webseiten-Betreibern dabei oft mehr um ihre Werbeeinahmen geht, als um die Qualität ihres Angebots. Manchmal sogar machen sie dabei aus der "Not" von Schülerinnen und Schülern, noch eine Tugend, indem sie diese in ihren eigenen Schwächen bestärken.

Nehmen wir also den "Musteraufsatz" etwas genauer unter die Lupe

  • "Die Parabel ist einsträngig aufgebaut, wodurch sie allgemein zugänglich ist und der Fokus auf der Hauptfigur und deren Taten liegt. Durch den zusammenhängenden Text ohne Sprünge wird die Parabel lückenlos und leicht verständlich wiedergegeben. Die Parabel wird von einen Ich-Erzähler erzählt. Dies ermöglicht dem Leser, sich in die Handlungen und Gedanken der Person hineinzuversetzen. Der normalsprachliche Stil spricht viele Lesergruppen an."

    Kommentar:
    Die Beschreibung der Textstruktur als einsträngig macht allein schon wenig Sinn, die Behauptung, dass die doch zumindest merkwürdige Parabel deshalb "allgemein zugänglich" (was soll das im Übrigen heißen?) sei, ist, man verzeihe, einfach "Geschwafel".
    Der Satz und dessen Inhalt "Durch den zusammenhängenden Text ohne Sprünge wird die Parabel lückenlos und leicht verständlich wiedergegeben." geht vollständig daneben. Dass ein Text keine "Sprünge" hat, wirkt bestenfalls komisch, ist aber sowohl inhaltlich Unsinn, als auch zur Beschreibung der äußeren Gestalt des Textes (Sind vielleicht Absätze gemeint, die den als Fließtext daherkommenden Text gliedern könnten?) oder der Erzählstrukturen (Soll damit ausgedrückt werden, dass der Ich-Erzähler das Geschehen in chronologischer Reihenfolge linear ohne größere zeitlichen Aussparungen erzählt?)
    Was, um Himmels willen, soll eigentlich heißen, die Parabel sei "lückenlos"? Wer oder was "gibt" den Text dazu noch "verständlich" "wieder". - Kurzum: Alles inhaltlich und sprachlich falsche und in die Irre führende Formulierungen, die unterstreichen, dass der Verfasser des "Musteraufsatzes" von den Strukturen epischer Prosa so gut wie keine Ahnung hat.
    Die Bemerkung "Die Parabel wird von einem Ich-Erzähler erzählt." ist schlicht falsch: Der Ich-Erzähler erzählt keine Textsorte, sondern das Geschehen. Im Übrigen bleibt in diesem zur Schau gestellten Musteraufsatz, der wohl hauptsächlich dazu dient, Pop-up-Werbebanner zu öffnen, vollkommen unerwähnt, was den Text überhaupt zu einem Prototyp einer Parabel macht.

  • "Franz Kafka beschreibt die Straßen als `'rein' und 'leer' (Zeile 1)."

    Falsch: Der Ich-Erzähler (Autor ≠ Erzähler) beschreibt etwas. Es muss hier stets "Erzähler" und nicht "Autor" bzw. der "Name des Autors" heißen, da beide Begriffe etwas ganz anderes bedeuten. Der Autor ist nämlich der sprachliche Schöpfer des Gesamtwerkes, während der Erzähler im Allgemeinen eine vom Autor geschaffene Figur bzw. Instanz ist, die die eigentliche Geschichte aus ihrer Perspektive und dem davon abhängigen Wissen über das Ganze erzählte Geschehen erzählt. Kardinalfehler!
    Im Übrigen ist der Übergang zur eigentlichen Textanalyse mehr als "holprig". Während der Autor der Interpretation ansonsten bei Überleitungen schon mal gerne schwadroniert ( z. B. "Aufgrund der dargelegten Untersuchungsergebnisse gehe ich davon aus,..." oder "Die in der Gesamtinterpretation ermittelten Tatsachen und Aspekte bestätigen meine Deutungshypothese, ..." legt er einfach los, ohne die Ausgangssituation zu erfassen. (Tatsachen?)

  • "Der erste Satz der Parabel ist sehr kurz, wobei die Lage noch ruhig und entspannt ist. Der zweite Satz hingegen streckt sich über vier Zeilen. In diesem Satz verbreitet die Hauptperson Panik. Durch die Aneinanderreihung von vielen Sätzen im zweiten Satz wird die Orientierungslosigkeit der Person deutlich."

    Die sprachliche Analyse ist nicht nur oberflächlich, sondern auch völlig unbrauchbar. Der Autor verfügt auch hier über keine hinreichenden grammatikalischen Kenntnisse, mit denen er die "Sätze" bezeichnen und beschreiben könnte, noch hat er die geringste Ahnung von rhetorischen Mitteln. "In diesem Satz verbreitet die Hauptperson Panik." Klingt vielleicht "cool", ist aber inhaltlich weder belegt, noch ein angemessener Sprachstil. Auch der Gedanke, die überwiegend asyndetische Reihung von Hauptsätzen in einem Gesamtsatz, drücke Orientierungslosigkeit aus, hängt völlig in der Luft. Im Übrigen wird auch der Gedanke bei der Deutungshypothese, es handle sich im übertragenen Sinne um "um einen gescheiterten Neuanfang" nicht wirklich aufgegriffen.

  • "Aufgrund der dargelegten Untersuchungsergebnisse gehe ich davon aus, dass es sich hierbei um einen gescheiterten Neuanfang einer Person handelt."

    Seltsam eigentlich, dass bis zu diesem Punkt keinerlei "Untersuchungsergebnisse" aufgeführt worden sind, die eine solche Übertragung der Elemente des Bildbereichs in einen analogen Sachbereich nahelegen könnten. Ob der Ansatz, die Parabel als Geschichte eines gescheiterten Neuanfangs zu deuten, der Parabel selbst gerecht wird, soll nicht beurteilt werden, wenngleich die Lehre, die die Parabel vermitteln soll, das Ganze auf eine allgemeine Lebensweisheit einkocht, wenn der Autor am Ende betont, die Parabel zeige, "dass ohne eine gute Vorbereitung jeder Neuanfang scheitern muss." - "
    Ein Fazit nach den Mustern: "Aller Anfang ist schwer!" oder "Vertraue auf deine eigene Kraft!" oder "Wer an sich glaubt, kann alles erreichen." ist zwar möglich, das zeigt das Beispiel. Dennoch wird man das Gefühl nie los - und hier sind natürlich auch Kenntnisse über Franz Kafka als Person und seine Werke, insbesondere seine Kurzprosa nötig -, dass eine so "rundgemachte" Deutung dem Text und seinem Autor nicht wirklich gerecht wird, insbesondere wenn man sie auf der Folie einer Äußerung von Friedrich Beißner sieht, der betont, dass »Kafkas durchgehendes Thema, die misslingende Ankunft oder das verfehlte Ziel" sei, das "aus der Grunder-fahrung einer auswegslosen Einsamkeit (resultiert")
    (Friedrich Beißner, Kafka der Dichter 1983)

    Aber wohl gemerkt: Die Zweifel an dem Deutungsansatz sind nicht Grundlage der Beurteilung dieses in vielen Bereichen ganz und gar verunglückten "Musteraufsatzes"

    Trotzdem das Gesamtfazit: "Finger weg!" und "Ab in den Papierkorb!

    So wurde es auf der Webseite von schulwissen.de gepostet:

    Der Post wartet auf Freischaltung!!

  Bausteine

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.01.2019

   
 

 
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