Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

deu.jpg (1524 Byte)

Filmanalyse

Strukturen der Filmsprache

Erschließung eines Sachtextes


Der Diskurs um die Besonderheit von Filmsprache findet heutzutage in verschiedenen Wissenschaften statt. Jan-Marie Peters (1962), dessen Ausführungen hier verkürzt wiedergegeben werden, hat sich dabei vor allem der filmischen Montagetechnik zugewandt. Die inhaltliche Erfassung und Erschließung dieses Sachtextes wird hier beispielhaft mit der erarbeiteten inhaltlichen Gliederung des Textes und der Visualisierung des Textes in Form eines Strukturbildes gezeigt. (Strukturbilder gestaltenArbeits- und Prüfungsaufgabe: Visualisieren Sie ...Visualisieren Sie den Text ...)
 
Jan-Marie Peters
Die Struktur der Filmsprache (1962)

Die ersten Streifen der Filmgeschichte haben noch keine eigentliche Filmsprache entwickelt. Solange ein Film nur aus einer Aufnahme besteht - die freilich einige Minuten andauern kann - , zeigt er noch keinen Sprachcharakter im eigentlichen Sinne, abgesehen von der […] Tatsache, dass die Vorführung dieser Aufnahme eine Mitteilung ist. Diese ersten Filme enthielten eine Menge von Mitteilungen, aber es waren noch keine Mitteilungen in Filmsprache. Die Filmbilder waren lediglich Abbildungen von Mitteilungen in anderen Medien. Die Hersteller der Filme beschränkten sich auf die Dokumentation von Äußerungen in auch außerhalb des Films verwendeten Sprachen. Wie das Morsesystem keine selbständige Sprache darstellt, sondern nur eine Codierung der Wortsprache, so ist auch eine auf Zelluloid fixierte Mitteilung in Wort- und Gebärdensprache immer noch Wort- oder Gebärden-, aber keine Filmsprache. Das gilt bis in die Gegenwart. In den meisten heutigen Filmen ist noch immer ein großer Teil der Mitteilungen des Filmregisseurs nicht in der Filmsprache formuliert. Monologe oder Dialoge, Kommentar, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und -bewegung, das Auftreten und Benehmen der Schauspieler, Kostüme, Dekor, Musik und allerlei Objekte mit konventionell-symbolischer Bedeutung sind neben der Filmsprache die Träger der Mitteilungen des Regisseurs.
Aber wenige Jahre nach der Erfindung des Films wird auch die Montage von ein oder mehr Aufnahmen erfunden - und damit beginnt die eigene Sprache des Films. Denn: sobald in der Zusammenfügung von zwei oder mehr Bildern etwas zum Ausdruck kommt, was in den einzelnen Bildern nicht enthalten ist, "spricht" der Filmregisseur (oder derjenige, der für die Montage verantwortlich ist) durch die Form der Bildkombination. Man beschränkte sich anfangs auf die allereinfachsten Formen filmischer "Satzbildung" wie die Aufeinander folge, die Ursache und Wirkung-, Subjekt-, Objekt-, Ganzes- und Teile-Relationen. Der Kontext musste jeweils entscheiden, von welcher Art die Beziehung zwischen den Bildinhalten war. Erst später - bei Griffith1 und den Regisseuren der russischen Avantgarde - entwickelte sich die Subtilität des filmischen "Satzbaues".
Vorläufig genügten die einfachen Montageverfahren für die Wiedergabe eines Geschehens, das sich nicht an einem festen Ort abspielte und das man nicht in einer Aufnahme festlegen konnte. Griffith und seine Nachfolger gehen einen Schritt weiter: denn sie wollen etwas erzählen. Im Gegensatz zur Wiedergabe oder Registratur eines Geschehens setzt eine Erzählung die Darstellung von Zusammenhängen voraus, über die das Geschehen selbst keine Auskunft gibt. In einer Erzählung müssen ferner die wichtigsten Stellen des Geschehens und die Ordnung der Teile betont werden. Die Abwechslung von Totalen mit Großaufnahmen, die "Découpage"2 einer Szene, um die darin wiedergegebene Handlung durch eine andere zu unterbrechen, und die Anwendung filmischer Interpunktionsmittel - wie die Überblendung - ergeben allmählich eine Reihe völlig neuer Formen filmischer Mitteilungen.
Bevor sich in der Montage, also im filmischen "Satzbau", eine größere Subtilität entwickelte, hat es schon viele Möglichkeiten gegeben, um den Ausdruck mittels der Bildkomposition zu verfeinern. Unter "Bildkomposition" verstehen wir hier die Anordnung aller Details innerhalb des vom Bildrahmen begrenzten Sichtbaren, also die Gruppierung von Menschen und Dingen in Ruhe oder Bewegung, die Verteilung von Licht und dunkel (und später von Farben), der Verlauf der Bewegungen der Objekte im Bilde, die Wirkung der waagrechten, senkrechten und in die Tiefe gehenden Linien und - später - das Verhältnis der visuellen zu den auditiven Bildkomponenten. Zur Bildkomposition gehört die Zeitdauer des Bildes, die Schärfe, Unschärfe oder Deformation des Sichtbaren durch das Objektiv, die Einrahmung des Sichtbaren durch spezielle "Masken" und die dadurch ermöglichte Spaltung des Bildes in zwei Bildhälften.
Es versteht sich, dass andere Künste den Filmregisseuren hierbei zunächst als Vorbild gedient haben. Gruppierung von Personen und Objekten im Bildraum zum Beispiel ist eine Mitteilungsweise, deren sich auch der Theaterregisseur und der naturalistische Maler bedienten und bedienen. Stellt man eine Person in den Vordergrund, eine andere in den Mittel- und eine dritte in den Hintergrund, so gibt man damit im Allgemeinen zu erkennen, dass die erste Person in dieser Szene eine besonders wichtige Rolle spielt.
Sicher ist die Bewegung von Menschen und Dingen im Bild das wichtigste bildkompositorische Mitteilungsmittel des Films, wenn es auch schwierig ist, mit Worten zu sagen, was der Sinn einer bestimmten Bewegung ist. Das Näher kommen eines Objekts kann drohend wirken, das Sichentfernen entspannend. Eine langsame Bewegung einer Person wird manchmal als erregend, manchmal als befreiend erfahren. Auch dieses Mittel ist nicht rein filmisch. Die Tanzkunst und das Theater haben die Sprache der Bewegung schon in frühesten Zeiten entwickelt. Das Filmbild jedoch kann Bewegungen auffallender und damit wirksamer machen. Im Grunde hat jede Bewegung einen Sinn; jede Bewegung "sagt" dem Zuschauer etwas. Aber es ist nicht leicht, diesen Sinn eindeutig zu interpretieren, denn die Sprache der Bewegung ist eine Gefühlssprache. Emotionelle Bedeutungen aber lassen sich immer nur schwer übersetzen in die logischen Kategorien der Wortsprache. Wir fühlen ihren Sinn, ohne ihm sprachlichen Ausdruck verleihen zu können.
Wer sich in der Filmsprache auskennt, weiß, dass alle diese Mitteilungsmöglichkeiten der Bildkomposition teilweise wieder vernachlässigt wurden, als der Tonfilm seinen Einzug hielt. Auch Töne können im Film selbständiges Kommunikationsmittel sein. Worte, Musik, Naturgeräusche haben ihren eigenen Sinn, woran die Tatsache, dass wir sie nicht in natura, sondern nur im Film hören, oft nichts ändert. Vor allem das gesprochene Wort spielte in der ersten Periode des Tonfilms eine beherrschende Rolle, und zwar auf Kosten der filmischen Mitteilungsmittel. Sobald der Regisseur eine echt filmische Mitteilungsweise anstrebt, muss er auch den Ton als bildkompositorischen Faktor einsetzen - und als nicht mehr. Zum Beispiel: entsprechende musikalische Untermalung einer Szene, in der ein Ehepaar im Gespräch gezeigt wird, kann dem Zuschauer deutlich machen, dass in den beiden Gesprächspartner etwas ganz anderes vorgeht, als sie es mit ihren Worten sagen.

(aus: Jan-Marie Peters (1962),  S.195 -204, gekürzt)

Inhaltliche Gliederung des Textes

 

1 GRIFFITH, DAVID WARK; 1875-1948; amerik. Regisseur; ca. 500 Filme; verwendet als einer der ersten Regisseure wechselnde Einstellungen innerhalb einer Szene, wechselt das Bildformat, verwendet Parallel-Montagen, sowie das Auf- und Abblenden; WERKE u.a.: Geburt einer Nation ( Film, 1915); Gebrochene Blüten (Film, 1919), Ist das Leben nicht wunderschön? (Film, 1924);
2 Découpage = Drehbuch

 

 

 
 


   Arbeitanregungen:
  1. Markieren Sie im nebenstehenden Text von Peters die Textstellen, die in die inhaltliche Gliederung eingegangen sind.
  2. Beurteilen Sie die Visualisierung des Textes.
     
     
  Center-Map ] Glossar Deutsch ] Kompetenzen ] Literatur ] Sprache ] Schreibformen ] Rhetorik ] Filmanalyse ] GFS ]  
     

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de

OER Global Logo von Jonathas Mello lizenziert unter Creative Commons Attribution Unported License