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Komik, Komisches und Komödie
»Henri-Louis
Bergson (1859-1941) war ein französischer Philosoph und
Nobelpreisträger für Literatur 1927. In seinem 1900 in Frankreich
erschienen Werk Le rire. Essai sur la signification du comique
(dt. Das Lachen, 1914) betont er die •
soziale Funktion des Lachens
in der Gruppendynamik, beim Entschärfen von Konflikten und dem Einüben
von Rollen. Komik wird von ihm als eine Art "sozialer Sanktion“ gegen
Abweichungen vom Gewohnten gedeutet. Bei seinen Überlegungen hat er sich
auch mit dem Komischen der • Karikaturen
befasst.
"Nun wird
man das Komische der Karikatur verstehen. So regelmäßig diese
Physiognomie auch ist, so harmonisch ihre Züge, so sanft ihre Bewegungen
sind, niemals ist das Gleichgewicht völlig erreicht.
Man wird immer einen
Tick angelegt finden, die Skizze einer möglichen Grimasse, eine
Mißbildung, die von der Natur vor andern begünstigt scheint.
Die Kunst des Karikaturisten besteht darin, diese oft kaum wahrnehmbare
Bewegung zu erfassen und sie durch Übertreibung den Augen aller sichtbar
zu machen. Er läßt seine Menschen Grimassen schneiden, wie sie es
selbst tun würden, wenn sie die angelegten Grimassen ganz ausführten. Er
sieht hinter der oberflächlichen Harmonie der Bildung die widerspenstige
Materie.
Er realisiert Disproportionen und Deformationen, die in der Natur als
Möglichkeiten dagewesen sein müssen, aber, unterdrückt durch eine
edlere Kraft, sich nicht ausprägen konnten. Seine Kunst, die etwas
Teuflisches hat, befreit den Dämon, den der Engel in Fesseln warf.
Zweifelsohne ist es eine Kunst, die übertreibt, und doch definiert man
sie sehr ungenügend, wenn man ihren Endzweck Übertreibung nennt,
denn es gibt Karikaturen, die es mit jedem Porträt an Ähnlichkeit
aufnehmen, Karikaturen, wo die Übertreibung kaum zu sehen ist, und
umgekehrt kann man maßlos übertreiben, ohne die Wirkung einer rechten
Karikatur zu erreichen.
Soll die Übertreibung komisch wirken, so darf sie nicht als das Ziel
erscheinen, sondern nur als Mittel, dessen sich der Zeichner bedient, um
uns die Verzerrungen sinnenfällig zu machen, die er in der Natur
angelegt sieht.
Die Verzerrung ist das Wichtige, sie interessiert uns. Und sie sucht
man in den unbeweglichen Teilen des Gesichts, in der Krümmung der Nase,
ja in der Form des Ohres. Die Form ist für uns immer eine latente
Bewegung. Der Karikaturist, der die Größe einer Nase ändert, aber ihr
Schema wahrt, sie etwa in dem Sinne verlängert, in dem schon vorher die
natürliche etwas zu lang war, läßt diese Nase in der Tat eine Grimasse
schneiden: von nun an scheint uns das Original selbst sich verlängert zu
haben und Grimassen zu schneiden. In diesem Sinne wird man sagen können,
daß die Natur selbst nicht selten mit Erfolg den Karikaturisten macht.
Mit der Bewegung, durch die sie an diesem Mund die Mundwinkel
aufgerissen, diesen Unterkiefer eingedrückt, diese Backe aufgeblasen
hat, scheint es ihr geglückt zu sein, ihre Grimasse ganz durchgesetzt zu
haben und der mildernden Aufsicht einer verständigen Macht entgangen zu
sein. Wir lachen dann über ein Gesicht, das sozusagen seine eigene
Karikatur ist."
(Quelle:
Henri Bergson, Das Lachen, Jena 1914, Erstes Kapitel: Vom Komischen im
allgemeinen / Komische Formen und komische Bewegungen / Umfang des
Komischen, online verfügbar:
Projekt Gutenberg)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
08.09.2025