Die •
Bevölkerungsentwicklung in der frühen Neuzeit
war ein komplexes Zusammenspiel von wirtschaftlichen, sozialen,
klimatischen und medizinischen Faktoren.
Angaben über die Bevölkerungsentwicklung
beruhen für diese Zeit allesamt auf Schätzungen, die auf der Grundlage von
Einzelzählungen, Steuer- oder Bürgerverzeichnissen hochgerechnet sind. (vgl.
ebd., vgl.
Möller 1994,
S.66) Zudem kommt hinzu, dass die Zahlen sich oft auf unterschiedliche
Gebiete beziehen. So gesehen, tut man wohl gut daran, zu betonen, dass
Abweichungen von einem Viertel oder sogar mehr möglich sind.
Im gesamten Europa stieg die Bevölkerung von ca. 80 bis 85 Millionen um
1500 herum, auf über 100 bis 110 Millionen um 1600 und auf über 175
Millionen bis 1800 an (vgl.
Vogler 2003,
S.263, vgl.
Schorn-Schütte
2009, S.27) Das machte den Kontinent neben China und Indien zu den
damals am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. (vgl.
Schorn-Schütte
2009, S.27)

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Insgesamt war, wie auch
das oben stehende Diagramm zeigt, die Bevölkerungsentwicklung in der
Frühen Neuzeit (ca. 1350–1789) von starken Schwankungen geprägt.
Anders als in der
Moderne verlief das Bevölkerungswachstum nicht kontinuierlich, sondern
wurde immer wieder durch Kriege, Seuchen, Hungersnöte und
wirtschaftliche Krisen unterbrochen. Gleichzeitig führten längere
Friedensphasen, verbesserte landwirtschaftliche Erträge und eine
sinkende Sterblichkeit im 18. Jahrhundert zu einem deutlichen Anstieg
der Bevölkerung.
Die
Bevölkerungsentwicklung in "Deutschland" könnte sich vom Spätmittelalter bis zur Mitte
des 18. Jahrhunderts wie folgt entwickelt haben.
|
Spätmittelalter |
12 bis 13
Mio. |
um 1700 |
15 Mio. |
|
um 1600 |
15 Mio. |
um 1750 |
16-18 Mio. |
|
um 1650 |
10 Mio. |
|
|
(nach W. Buchholz, Raum und Bevölkerung in der
Weltgeschichte, Bd. 3, Würzburg:
Ploetz-Verlag 1966, S.46)
In Deutschland in den Grenzen von 1871 könnten bei aller Vorsicht zu
Beginn des 18. Jahrhunderts etwa 15 Millionen Menschen gelebt haben und
damit immer noch etwa 2 Millionen weniger als die einer anderen als der
obigen Schätzung zufolge 17 Millionen vor dem •
Dreißigjährigen Krieg
(1618-1648). (vgl.
Schmidt 2009,
S.23)
Nach dem starken
Bevölkerungsverlust infolge der Pestepidemien des 14. Jahrhunderts
setzte im 15. und frühen 16. Jahrhundert zunächst eine Phase langsamen
Wachstums ein. Verbesserte Ernten, eine relative politische
Stabilisierung und die Ausweitung landwirtschaftlicher Nutzflächen
ermöglichten vielerorts eine steigende Nahrungsmittelproduktion.
Besonders in West- und Mitteleuropa nahm die Einwohnerzahl bis zum Ende
des 16. Jahrhunderts deutlich zu.
Dieses Wachstum wurde
jedoch im 17. Jahrhundert mehrfach unterbrochen. Eine entscheidende
Rolle spielten dabei Kriege und Seuchen, aber auch andere Faktoren
spielten dabei mit.
Besonders der •
Der
Dreißigjährige Krieg 1618-1648
führte in weiten Teilen Mitteleuropas, regional aber sehr
unterschiedlich, zu erheblichen
•
Bevölkerungsverlusten. Kampfhandlungen, Plünderungen, Flucht, Hunger
und Krankheiten ließen die Einwohnerzahlen vieler Regionen drastisch
sinken, während andere vergleichsweise wenig betroffen waren. In
einzelnen Gebieten des Alten Reichs (•
Heiliges Römisches Reich) verlor die Bevölkerung bis zu einem
Drittel oder sogar mehr ihrer Einwohner.
Neben den Kriegen
beeinflussten Epidemien die Bevölkerungsentwicklung nachhaltig. Große »Pestwellen
traten •
bis
ins frühe 18. Jahrhundert immer wieder auf und entvölkerten zum Teil
ganze Landstriche. Hinzu kamen
Krankheiten wie »Pocken,
»Typhus,
»Ruhr,
»Malaria
oder die
»Masern,
die viele tausend Menschen in den Tod rissen. Vor allem gegen die Pocken war
kein Kraut gewachsen. Sie brachen bis zum Beginn des 1900 alle drei bis fünf Jahre massiv aus und
rafften vor allem Kleinkinder
hin. Noch 1804 erkrankten daran 800.000 Menschen, wovon 75.000
starben. (vgl.
Demel 2005,
S.81) oder Masern. Besonders Kinder waren von diesen
Infektionskrankheiten betroffen.
Die Säuglings- und »Kindersterblichkeit
war so außerordentlich hoch, dass in vielen Regionen, Schätzungen
zufolge, etwa ein Drittel bis zur Hälfte aller Kinder das zehnte
Lebensjahr nicht erreichte. Noch im 17. Jahrhundert hatte ein
neugeborenes Kind,
vor allem wegen der immens hohen »Kindersterblichkeit, gerade mal die
(statistische) Aussicht auf 30 Lebensjahre, wenn nicht Kriege,
Missernten, Naturkatastrophen und Seuchen seinem Leben schon vorher ein
Ende setzten. (vgl.
Bolte/Kappe/Schmid 1980,
S.45ff.)
Nach zwanzig Jahren, wenn die Kinder erwachsen wurden, waren
jedenfalls im besten Fall noch die Hälfte eines Jahrgangs am Leben.
Je nach Region und Epoche starben 30 bis 50 Prozent aller Kinder vor dem
zehnten Lebensjahr, viele sogar bereits im ersten oder zweiten
Lebensjahr.
Hoch fiel auch die
Geburtenrate aus, da Familien zahlreiche
Kinder benötigten, um den Fortbestand des Haushalts zu sichern. Die
Anzahl der Kinder, die eine verheiratete Frau zur Welt brachte,
variierte dabei stark von Region zu Region und war darüber hinaus
abhängig von ihrem sozialem Stand, dem Heiratsalter und der Zeit, in der
sie lebte. Wo das •
Heiratsalter vergleichsweise niedrig war früh und beide Ehepartner
das fortpflanzungsfähige Alter erreichten, waren sechs bis zehn Geburten
keineswegs ungewöhnlich. Besonders •
auf dem Land
konnten auch Familien mit zehn oder mehr Kindern vorkommen.
Allerdings erreichten längst nicht alle Kinder das Erwachsenenalter.
Die hohe Kinderzahl
erklärt sich aus mehreren Faktoren. Es gab keine wirksamen Möglichkeiten
der Geburtenkontrolle und das ▪
Sexualleben
war streng reglementiert und normiert. Nur die Ehe galt
als der legitime Ort der Fortpflanzung, und Kinder stellten eine
wichtige Arbeitskraft sowie die Altersversorgung der Eltern dar. Der
Anteil alter Menschen über 55 Jahre betrug im 16. bis 18.
Jahrhundert Schätzungen zufolge 5-10% der Gesamtbevölkerung (vgl.
Schorn-Schütte
2009, S.263).
Aber auch der
soziale Stand spielte eine wichtige
Rolle. Bauernfamilien hatten häufig mehr Kinder als städtische Familien,
weil Kinder früh in der Landwirtschaft mitarbeiten konnten. In
Handwerkerfamilien war die Kinderzahl oft etwas geringer, da die
Versorgung vieler Kinder in der Stadt kostspieliger war. Adelige
Familien strebten ebenfalls mehrere Kinder an, allerdings stand hier die
Sicherung der Erbfolge im Vordergrund. Aufgrund der hohen Mütter- und
Kindersterblichkeit kam es zudem häufig zu zweiten oder dritten Ehen,
wodurch, modern gesprochen, viele "Patchworkfamilien" mit Kindern aus
verschiedenen Ehen entstanden.
Die
Bevölkerungsentwicklung wurde außerdem von
klimatischen Veränderungen
beeinflusst, die auf einer engen Wechselwirkung zwischen Klima,
Ernährung und demografischer Entwicklung beruhte. Während der so
genannten "Kleinen
Eiszeit“, die etwa vom 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert andauerte,
führten kühlere Temperaturen, z. T. bedingt durch sieben kalte Sommer
während der 1450er-Jahre, die vermutlich im Zusammenhang mit dem
Ausbruch tropischer Vulkane standen, aber auch aufgrund anderer
Klimaschwankungen zu häufigen Missernten, Versorgungskrisen und häufige
Missernten immer wieder zu Versorgungskrisen und Hungersnöten in
verschiedenen Teilen Europas. Die schlechten Ernten sorgten dabei zu
einem eklatanten Anstieg der Getreidepreise, den die ärmeren Schichten
nicht ausgleichen konnten. Mehr und mehr Menschen waren daher chronisch
unterernährt und/oder litten dauerhaft Hunger, was sich auch auf ihre
wachsende Anfälligkeit für Krankheiten aller Art auswirkte. Auch dies
war ein wesentlicher Faktor für die geringere Lebenserwartung der Armen.
Trotzdem: Wer erwachsen wurde, hatte, wenn er nicht als Mann im Krieg
vorher umkam oder als Frau dem Kindbettfieber erlag, eine
Lebenserwartung von 60 Jahren oder sogar mehr. (vgl.
Demel 2005,
S.82, vgl. Schmidt 2009, S.26)
In den ersten
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts setzte in vielen Teilen Europas erneut
ein nachhaltiges ▪
Bevölkerungswachstum ein, das eine ▪
Reihe von Ursachen hatte. Im Vergleich zu den vorangehenden
Jahrhunderten hat man vom 18. Jahrhundert daher auch vom "Jahrhundert
des Bevölkerungswachstums" gesprochen. Immerhin war in Deutschland
in den 1740er Jahren nach drei bis vier Generationen der
Bevölkerungsstand von 1618 wieder erreicht. (vgl. Schmidt 2009,
S.23)
Verbesserungen in
der Landwirtschaft, etwa durch neue Anbaumethoden,
Fruchtwechselwirtschaft oder den verstärkten Anbau von Kartoffeln und
anderen Nutzpflanzen, erhöhten die Nahrungsmittelversorgung.
Gleichzeitig • gingen große
Pestepidemien zurück, auch wenn die anderen
epidemisch wütenden
Krankheiten weiterhin verbreitet blieben. Trotzdem sank die ▪
Sterblichkeit,
auch die der Kinder, langsam. Die durchschnittliche Lebenserwartung
stieg zwar nur geringfügig an, doch ▪
überlebten mehr Kinder das frühe Kindesalter als zuvor. Dadurch nahm
die Gesamtbevölkerung Europas bis zum Ende des 18. Jahrhunderts deutlich
zu.
Das
Bevölkerungswachstum führte zu tiefgreifenden gesellschaftlichen
Veränderungen der dominierenden Agargesellschaft. In vielen Regionen reichte das vorhandene Ackerland nicht
mehr aus, um alle Familien zu versorgen. Zahlreiche Bauernhöfe wurden
unter mehreren Erben aufgeteilt, wodurch immer kleinere Besitzungen
entstanden. Gleichzeitig wuchs die Zahl landloser Tagelöhner und
Dienstboten. Viele Menschen wanderten in Städte aus oder suchten ihr
Auskommen im Handwerk, verdingten sich als ▪
Söldner
oder versuchten sich mit saisonaler Wanderarbeit durchzuschlagen.
Andere entschieden sich zur Auswanderung nach Nordamerika oder in andere
europäische Kolonien. Die zunehmende Mobilität der Bevölkerung gehört
daher zu den charakteristischen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts.
Auch für die •
Entwicklung
der Städte und das Leben der Menschen in ihnen hatte das
Bevölkerungswachstum ein große Bedeutung. Zwar blieb Europa bis zum Ende
der Frühen Neuzeit überwiegend ländlich geprägt, doch zahlreiche
Residenz-, Handels- und Hafenstädte verzeichneten schon bemerkenswerte
Einwohnerzuwächse. Das Wachstum beruhte dabei weniger auf einem
Geburtenüberschuss als vielmehr auf der ständigen Zuwanderung aus dem
Umland, die auch die den schlechten hygienischen Umständen geschuldete,
vergleichsweise hohe urbane Sterblichkeit durch fortlaufende Migration
ausglich. In
den Städten war die Zahl angesichts der miserablen hygienischen
Verhältnisse mit ihrem durch Latrinen verseuchten Trinkwasser meistens
noch deutlich geringer. In Berlin gab es 1785 noch "Straßen, wo große
Kloaken aufgetürmt liegen, faule Sümpfe in beständiger Gärung fließen
und schädliches Ungeziefer sich generieret; selbst am königlichen Schloß
sind Exkremente von Menschen und Tieren zu finden" (zit. in:
Glatzer (Hg.)
1956, S.301 f., h: zit. n.
Schilling 1994a,
S.84)
Die
Bevölkerungsentwicklung in der Frühen Neuzeit ist aber nicht nur durch
das Zusammenspiel von Krisen, Katastrophen, klimatischen und
wirtschaftlichen Veränderungen bestimmt, sondern auch von anderen • strukturelle Faktoren
wie den Veränderungen beim •
Heiratsalter und den Voraussetzungen für Eheschließung und Familiengründung
sowie die Art und Weise, wie die •
Partnerwahl
vonstatten gegangen ist.