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Bevölkerungsentwicklung

Überblick

Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) – Aspekte und Rahmenthemen – Einzelne sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte

 
GESCHICHTE
▪ Grundbegriffe der Geschichte ▪ Europäische Geschichte ▪ Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) ▪ Zeitalter der Renaissance (ca.1350-1450) ▪ Reformation und Glaubenskriege (1517-1648) ▪ Zeitalter der Entdeckungen (1415-1531) ▪ Absolutismus und Aufklärung (ca. 1650-1789) ▪ Beginn des bürgerlichen Zeitalters • Aspekte und Rahmenthemen ▪ Überblick ▪ Verschiedene Aspekte ▪ Rahmenthemen ▪ Einzelne sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte ▪ Überblick [ • Bevölkerungsentwicklung ► Überblick ◄ • Entwicklung bis zum 30-jährigen Krieg (1618-48) • Demographische Schrumpfungsphase im 17. Jahrhundert • Bevölkerungswachstum im 18. Jahrhundert • Einzelne Aspekte • Textauswahl • Bausteine • Fragen und Antworten (KI) ] • Landleben • Stadtleben • Familienleben • Frauenleben • Kinderleben • Leben der Alten • Berufsleben • Sexualleben • Leben des Adels ▪ Soldatenleben • Studentenleben • Klosterleben • Räuberleben • Mode und Kleidung ▪ Reisen ▪ Kranke und Gesunde ▪ Lesen  ▪ Deutsche Geschichte
 

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Die • Bevölkerungsentwicklung in der frühen Neuzeit war ein komplexes Zusammenspiel von wirtschaftlichen, sozialen, klimatischen und medizinischen Faktoren.

Angaben über die Bevölkerungsentwicklung beruhen für diese Zeit allesamt auf Schätzungen, die auf der Grundlage von Einzelzählungen, Steuer- oder Bürgerverzeichnissen hochgerechnet sind. (vgl. ebd., vgl. Möller 1994, S.66) Zudem kommt hinzu, dass die Zahlen sich oft auf unterschiedliche Gebiete beziehen. So gesehen, tut man wohl gut daran, zu betonen, dass Abweichungen von einem Viertel oder sogar mehr möglich sind.

Im gesamten Europa stieg die Bevölkerung von ca. 80 bis 85 Millionen um 1500 herum, auf über 100 bis 110 Millionen um 1600 und auf über 175 Millionen bis 1800 an (vgl. Vogler 2003, S.263, vgl.  Schorn-Schütte 2009, S.27) Das machte den Kontinent neben China und Indien zu den damals am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. (vgl. Schorn-Schütte 2009, S.27)


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Insgesamt war, wie auch das oben stehende Diagramm zeigt, die Bevölkerungsentwicklung in der Frühen Neuzeit (ca. 1350–1789) von starken Schwankungen geprägt.

Anders als in der Moderne verlief das Bevölkerungswachstum nicht kontinuierlich, sondern wurde immer wieder durch Kriege, Seuchen, Hungersnöte und wirtschaftliche Krisen unterbrochen. Gleichzeitig führten längere Friedensphasen, verbesserte landwirtschaftliche Erträge und eine sinkende Sterblichkeit im 18. Jahrhundert zu einem deutlichen Anstieg der Bevölkerung.

Die Bevölkerungsentwicklung in "Deutschland" könnte sich vom Spätmittelalter bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wie folgt entwickelt haben.

Spätmittelalter

12 bis 13 Mio.

um 1700

15 Mio.

um 1600

15 Mio.

um 1750

16-18 Mio.

um 1650

10 Mio.

 

 

(nach W. Buchholz, Raum und Bevölkerung in der Weltgeschichte, Bd. 3, Würzburg:
Ploetz-Verlag 1966, S.46)

In Deutschland in den Grenzen von 1871 könnten bei aller Vorsicht zu Beginn des 18. Jahrhunderts etwa 15 Millionen Menschen gelebt haben und damit immer noch etwa 2 Millionen weniger als die einer anderen als der obigen Schätzung zufolge 17 Millionen vor dem • Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). (vgl. Schmidt 2009, S.23)

Nach dem starken Bevölkerungsverlust infolge der Pestepidemien des 14. Jahrhunderts setzte im 15. und frühen 16. Jahrhundert zunächst eine Phase langsamen Wachstums ein. Verbesserte Ernten, eine relative politische Stabilisierung und die Ausweitung landwirtschaftlicher Nutzflächen ermöglichten vielerorts eine steigende Nahrungsmittelproduktion. Besonders in West- und Mitteleuropa nahm die Einwohnerzahl bis zum Ende des 16. Jahrhunderts deutlich zu.

Dieses Wachstum wurde jedoch im 17. Jahrhundert mehrfach unterbrochen. Eine entscheidende Rolle spielten dabei Kriege und Seuchen, aber auch andere Faktoren spielten dabei mit.

Besonders der • Der Dreißigjährige Krieg 1618-1648 führte in weiten Teilen Mitteleuropas, regional aber sehr unterschiedlich, zu erheblichen • Bevölkerungsverlusten. Kampfhandlungen, Plünderungen, Flucht, Hunger und Krankheiten ließen die Einwohnerzahlen vieler Regionen drastisch sinken, während andere vergleichsweise wenig betroffen waren. In einzelnen Gebieten des Alten Reichs (• Heiliges Römisches Reich) verlor die Bevölkerung bis zu einem Drittel oder sogar mehr ihrer Einwohner.

Neben den Kriegen beeinflussten Epidemien die Bevölkerungsentwicklung nachhaltig. Große »Pestwellen traten • bis ins frühe 18. Jahrhundert immer wieder auf und entvölkerten zum Teil ganze Landstriche. Hinzu kamen Krankheiten wie »Pocken, »Typhus, »Ruhr, »Malaria oder die »Masern, die viele tausend Menschen in den Tod rissen. Vor allem gegen die Pocken war kein Kraut gewachsen. Sie brachen bis zum Beginn des 1900 alle drei bis fünf Jahre massiv aus und rafften vor allem Kleinkinder hin. Noch 1804 erkrankten daran 800.000 Menschen, wovon 75.000 starben. (vgl. Demel 2005, S.81) oder Masern. Besonders Kinder waren von diesen Infektionskrankheiten betroffen.

Die Säuglings- und »Kindersterblichkeit war so außerordentlich hoch, dass in vielen Regionen, Schätzungen zufolge, etwa ein Drittel bis zur Hälfte aller Kinder das zehnte Lebensjahr nicht erreichte. Noch im 17. Jahrhundert hatte ein neugeborenes Kind, vor allem wegen der immens hohen »Kindersterblichkeit, gerade mal die (statistische) Aussicht auf 30 Lebensjahre, wenn nicht Kriege, Missernten, Naturkatastrophen und Seuchen seinem Leben schon vorher ein Ende setzten. (vgl. Bolte/Kappe/Schmid 1980, S.45ff.) Nach zwanzig Jahren, wenn die Kinder erwachsen wurden, waren jedenfalls im besten Fall noch die Hälfte eines Jahrgangs am Leben. Je nach Region und Epoche starben 30 bis 50 Prozent aller Kinder vor dem zehnten Lebensjahr, viele sogar bereits im ersten oder zweiten Lebensjahr.

Hoch fiel auch die Geburtenrate aus, da Familien zahlreiche Kinder benötigten, um den Fortbestand des Haushalts zu sichern. Die Anzahl der Kinder, die eine verheiratete Frau zur Welt brachte, variierte dabei stark von Region zu Region und war darüber hinaus abhängig von ihrem sozialem Stand, dem Heiratsalter und der Zeit, in der sie lebte. Wo das • Heiratsalter vergleichsweise niedrig war früh und beide Ehepartner das fortpflanzungsfähige Alter erreichten, waren sechs bis zehn Geburten keineswegs ungewöhnlich. Besonders • auf dem Land konnten auch Familien mit zehn oder mehr Kindern vorkommen. Allerdings erreichten längst nicht alle Kinder das Erwachsenenalter.

Die hohe Kinderzahl erklärt sich aus mehreren Faktoren. Es gab keine wirksamen Möglichkeiten der Geburtenkontrolle und das ▪ Sexualleben war streng reglementiert und normiert. Nur die  Ehe galt als der legitime Ort der Fortpflanzung, und Kinder stellten eine wichtige Arbeitskraft sowie die Altersversorgung der Eltern dar. Der Anteil alter Menschen über 55 Jahre betrug im 16. bis 18. Jahrhundert Schätzungen zufolge 5-10% der Gesamtbevölkerung (vgl. Schorn-Schütte 2009, S.263).

Aber auch der soziale Stand spielte eine wichtige Rolle. Bauernfamilien hatten häufig mehr Kinder als städtische Familien, weil Kinder früh in der Landwirtschaft mitarbeiten konnten. In Handwerkerfamilien war die Kinderzahl oft etwas geringer, da die Versorgung vieler Kinder in der Stadt kostspieliger war. Adelige Familien strebten ebenfalls mehrere Kinder an, allerdings stand hier die Sicherung der Erbfolge im Vordergrund. Aufgrund der hohen Mütter- und Kindersterblichkeit kam es zudem häufig zu zweiten oder dritten Ehen, wodurch, modern gesprochen, viele "Patchworkfamilien" mit Kindern aus verschiedenen Ehen entstanden.

Die Bevölkerungsentwicklung wurde außerdem von klimatischen Veränderungen beeinflusst, die auf einer engen Wechselwirkung zwischen Klima, Ernährung und demografischer Entwicklung beruhte. Während der so genannten "Kleinen Eiszeit“, die etwa vom 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert andauerte, führten kühlere Temperaturen, z. T. bedingt durch sieben kalte Sommer während der 1450er-Jahre, die vermutlich im Zusammenhang mit dem Ausbruch tropischer Vulkane standen, aber auch aufgrund anderer Klimaschwankungen zu häufigen Missernten, Versorgungskrisen und häufige Missernten immer wieder zu Versorgungskrisen und Hungersnöten in verschiedenen Teilen Europas. Die schlechten Ernten sorgten dabei zu einem eklatanten Anstieg der Getreidepreise, den die ärmeren Schichten nicht ausgleichen konnten. Mehr und mehr Menschen waren daher chronisch unterernährt und/oder litten dauerhaft Hunger, was sich auch auf ihre wachsende Anfälligkeit für Krankheiten aller Art auswirkte. Auch dies war ein wesentlicher Faktor für die geringere Lebenserwartung der Armen. Trotzdem: Wer erwachsen wurde, hatte, wenn er nicht als Mann im Krieg vorher umkam oder als Frau dem Kindbettfieber erlag, eine Lebenserwartung von 60 Jahren oder sogar mehr. (vgl. Demel 2005, S.82, vgl. Schmidt 2009, S.26)

In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts setzte in vielen Teilen Europas erneut ein nachhaltiges ▪ Bevölkerungswachstum ein, das eine ▪ Reihe von Ursachen hatte. Im Vergleich zu den vorangehenden Jahrhunderten hat man vom 18. Jahrhundert daher auch vom "Jahrhundert des Bevölkerungswachstums" gesprochen. Immerhin war in  Deutschland in den 1740er Jahren nach drei bis vier Generationen der Bevölkerungsstand von 1618 wieder erreicht. (vgl. Schmidt 2009, S.23)

Verbesserungen in der Landwirtschaft, etwa durch neue Anbaumethoden, Fruchtwechselwirtschaft oder den verstärkten Anbau von Kartoffeln und anderen Nutzpflanzen, erhöhten die Nahrungsmittelversorgung. Gleichzeitig • gingen große Pestepidemien zurück, auch wenn die anderen epidemisch wütenden Krankheiten weiterhin verbreitet blieben. Trotzdem sank die ▪ Sterblichkeit, auch die der Kinder, langsam. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg zwar nur geringfügig an, doch ▪ überlebten mehr Kinder das frühe Kindesalter als zuvor. Dadurch nahm die Gesamtbevölkerung Europas bis zum Ende des 18. Jahrhunderts deutlich zu.

Das Bevölkerungswachstum führte zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der dominierenden Agargesellschaft. In vielen Regionen reichte das vorhandene Ackerland nicht mehr aus, um alle Familien zu versorgen. Zahlreiche Bauernhöfe wurden unter mehreren Erben aufgeteilt, wodurch immer kleinere Besitzungen entstanden. Gleichzeitig wuchs die Zahl landloser Tagelöhner und Dienstboten. Viele Menschen wanderten in Städte aus oder suchten ihr Auskommen im Handwerk, verdingten sich als ▪ Söldner oder versuchten sich mit saisonaler  Wanderarbeit durchzuschlagen. Andere entschieden sich zur Auswanderung nach Nordamerika oder in andere europäische Kolonien. Die zunehmende Mobilität der Bevölkerung gehört daher zu den charakteristischen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts.

Auch für die • Entwicklung der Städte und das Leben der Menschen in ihnen hatte das Bevölkerungswachstum ein große Bedeutung. Zwar blieb Europa bis zum Ende der Frühen Neuzeit überwiegend ländlich geprägt, doch zahlreiche Residenz-, Handels- und Hafenstädte verzeichneten schon bemerkenswerte Einwohnerzuwächse. Das Wachstum beruhte dabei weniger auf einem Geburtenüberschuss als vielmehr auf der ständigen Zuwanderung aus dem Umland, die auch die den schlechten hygienischen Umständen geschuldete, vergleichsweise hohe urbane Sterblichkeit durch fortlaufende Migration ausglich. In den Städten war die Zahl angesichts der miserablen hygienischen Verhältnisse mit ihrem durch Latrinen verseuchten Trinkwasser meistens noch deutlich geringer. In Berlin gab es 1785 noch "Straßen, wo große Kloaken aufgetürmt liegen, faule Sümpfe in beständiger Gärung fließen und schädliches Ungeziefer sich generieret; selbst am königlichen Schloß sind Exkremente von Menschen und Tieren zu finden" (zit. in: Glatzer (Hg.) 1956, S.301 f., h: zit. n. Schilling 1994a, S.84)

Die Bevölkerungsentwicklung in der Frühen Neuzeit ist aber nicht nur durch das Zusammenspiel von Krisen, Katastrophen, klimatischen und wirtschaftlichen Veränderungen bestimmt, sondern auch von anderen • strukturelle Faktoren wie den Veränderungen beim • Heiratsalter und den Voraussetzungen für Eheschließung und Familiengründung sowie die Art und Weise, wie die • Partnerwahl vonstatten gegangen ist.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 14.08.2026

  
   Arbeitsanregungen:
  • Auf welcher Grundlage stehen die Schätzungen zur Bevölkerungsentwicklung in der frühen Neuzeit, und welche Unsicherheiten bestehen dabei?
 

 
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