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Didaktische und methodische Aspekte

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Vanitas-Lyrik (1600 - 1720)


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Fremdheitserfahrungen thematisieren

Wenn von ▪ Vanitas-Lyrik gesprochen wird, dann geht es um ein thematisches Feld ▪ barocker Lyrik, die zahlreiche Bezüge zu anderen Themen der weltlichen Lyrik des Barock besitzt.

Vanitas-Gedichte, das ist ihre thematische Klammer, variieren "in vielfältiger Gestalt den Grundgedanken der Vergänglichkeit allen Irdischen" (Mauser 1982, S.242), der aber auch in andere Genres der barocken Lyrik, wie z. B. in der ▪ Liebeslyrik immer wieder Eingang findet.

Der Begriff umfasst hier Gedichte, deren Hauptthema die Beschäftigung mit dem Thema der Vergänglichkeit irdischen Daseins ist, das sich im eschatologischen Daseinsbezug menschlichen Lebens niederschlägt, wie es sich die christliche Lehre vorstellt. Es sind Texte, die sich immer wieder um die Eitelkeit drehen, einem im Barock als Synonym für Vergänglichkeit (Vanitas) benutzten Begriff und den Menschen damit an seinen sicheren irdischen Tod (Memento mori) erinnern. Prototypisch für Vanitas-Gedichte in diesem engeren  Sinne sind ▪ Sonette von Andreas Gryphius (1616-1664) wie z. B. Es ist alles eitel, Menschliches Elende, ▪ Thränen in schwerer Krankheit (Anno 1640) etc.

Mit ihren heilsgeschichtlich-eschatologischen Bezügen etablieren sich in diesem literarischen Feld, weil ihre Werke im Vergleich zum geistlichen Lied "nicht mehr in einem kirchlichen Funktionszusammenhang" (Meid 2015, S.80) standen, sondern "sich als Sprech- und Leselyrik durch einen individuellen stilistischen und inhaltlichen Charakter" (ebd.) auszeichneten, der "sich an dem stilistischen und formalen Repertoire der weltlichen Kunstdichtung deutscher Sprache (orientierte)." (ebd.)

Die Vergänglichkeit ist ihr Hauptmotiv, ihr Ton ist ernst und oft düster, und damit grenzen sich diese Vanitas-Gedichte z. B. von den Werken der ▪ barocken Liebeslyrik ab, die ihr Hauptmotiv, die Liebe (und auch die Erotik), zwar auch immer wieder im Spannungsfeld von Memento mori (Gedenke des Todes) und Carpe diem (Nutze den Tag) positioniert, Vergänglichkeit aber dabei auf ihre eigene Weise, z. B. als Verlust von Schönheit thematisiert. Prototypisch dafür steht dafür ▪ Christian Hofmann von Hofmannswaldaus (1616-1679) Sonett Vergänglichkeit der Schönheit, welches das Feld der Vergänglichkeit auf eine ganz besondere Art und Weise "bespielt".

Wenn Vanitas-Gedichte hier als besondere Gruppe der barocken Lyrik aufgefasst werden, dann hat dies nicht zuletzt auch didaktische Gründe. Sie sollen Schülerinnen und Schülern helfen, sich im Bereich barocker Lyrik zu orientieren und Schemata zu ihrem Verständnis auszubilden.

Das ▪ Motiv der Vergänglichkeit (Vanitas) ist über die Literatur hinaus auch in der Bildenden Kunst äußerst populär. Es drückt z.B. den sogenannten »Vanitas-Stillleben ihren Stempel auf, die ein besonderes Sujet der im Barock sehr beliebten Stillleben überhaupt bilden.


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Über entsprechende Darstellungen können auch ▪ für den Literaturunterricht interessante Zugänge geschaffen werden. Allerdings sollte man sich dabei darum bemühen, auch solche Abbildungen zu rekontextualisieren, um vorschnellen Analogien zu heutigen "Endzeitstimmungen" entgegenzuwirken, mit denen die ▪ strukturelle Fremdheit auch solcher, mitunter sehr plakativer Darstellungen eingeebnet wird, ehe die Spurensuche nach ihrem Sinn überhaupt beginnt.

Literaturdidaktisch sollte daher gerade die Gestaltung des Vanitas-Motivs in der Bildenden Kunst nicht nur als plakativer Aufhänger verwendet werden. Angebrachter erscheint, auch solche Darstellungen am besten im Vergleich mit anderen Formen von Stillleben, die mit uns heute weitaus weniger plakativ, um nicht zu sagen "reißerisch" erscheinenden Bildelementen ähnliche christliche Botschaften vermittelt haben, von der "Auseinandersetzung zwischen dem Guten und Bösen" oder "zwischen Tod und Auferstehung" (van Lil 2007, S.470).

Vanitas und die neo-stoizistische Constantia

Die Rekontextualisierung der Vanitas-Gedichte kann auch den geistes- und sozialgeschichtlichen Kontext umfassen, indem die Vanitas-Idee verortet werden kann.

Insgesamt gesehen verbindet sich die Vanitas-Idee, wie sie im Barock ausgesprochen populär gewesen ist, mit der »stoiischen Grundtugend der Constantia, wie sie auf »Justus Lipsius (1547-1606) (Hauptwerk: De Constantia 1594, autorisierte Übersetzung ins Deutsche: Von der Bestendigkeit (Danzig 1599; Leipzig 1601) zurückgeht. Diese besteht im Kern darin, das auf einen einstürmende Schicksal zu erkennen, seine Unabänderlichkeit anzunehmen und sich ihm zu fügen. (vgl. Szyrocki 1979/1994, S.22) oder um es mit den originalen Worten des flämischen Philosophen zu sagen: "Wann man alles / was eine[m] Menschen zufelliger weise anstossen oder widerfahren mag / gutwilliglich vnnd ohne klagen erduldet.«(Justus Lipsius: Von der Bestendigkeit, S. 10v). "Die Menschen dieser Epoche", so Marian Szyrocki (1979/1994, S.23), "betrachten Zeit und Ewigkeit aus einer wissenden Distanz, und indem sie ihr endgültiges Ziel einzig im Jenseits sehen, fühlen sie sich imstande, dank ihrer Heilshoffnung allen Widerwärtigkeiten der Welt und damit auch der Vergänglichkeit zu trotzen."

Die neo-stoizistische Constantia und die Vanitas-Idee konnten so jedenfalls ganz allgemein demjenigen, der sie verstand und danach lebte, helfen, die Herausforderungen irdischen Lebens mit seinem eschatologischen Daseinsbezug zu bewältigen. Zugleich war die gesamte neo-stoizistische Lehre aber ein Instrument der ▪ Sozialdisziplinierung und trug, da sie die absolutistische Herrschaft befürwortete, zur Herstellung eines einheitlichen Untertanenverbandes bei, für den die die Vielzahl der tief in sein Alltagsleben eingreifenden und mit staatlicher Gewalt durchgesetzten ▪ sozialregulierenden und sozialdisziplinierenden Verordnungen und Gesetze, mit denen das neue Verhältnis von Untertan und Staat verankert wurden, als Ausdruck göttlicher Ordnung auf Erden nicht mehr in Frage gestellt werden sollten und konnten. Constantia und Vanitas-Idee waren im Kontext der neostoizistischen Lehre, die sich vehement gegen ein Widerstandsrecht gegenüber der absoluten staatlichen Gewalt positionierte, um es einmal in marxistischer Terminologie ausdrücken, "Opium des Volkes" und "Opium für das Volk".

Die Vanitas-Dichtung, die meistens etwas vorschnell, weil vordergründig plausibel, vor allem als Reflex auf die Verheerungen des Barockzeitalters, Dreißigjähriger Krieg, Hungersnöte und Seuchen gesehen wird, ist aber auch an jenen Orten und in jenen Teilen Europas populär, die von solchen Ereignissen verschont geblieben sind.

Sie ausschließlich als Ausdruck eines allgemeinen barocken Lebensgefühls zu betrachten, greift in jedem Fall zu kurz. Sie steht eben auch "in auffallender zeitlicher Parallelität zu einer glanzvollen, repräsentationsfreudigen, machtbewussten und herrschaftsbesessenen Entfaltung des Fürstenstaates." (Mauser 1982, S.242) So wie die Untertanen mit den Botschaften, die die Vanitas-Dichtung vermittelt, "von den christlichen Grundwahrheiten und der Notwendigkeit einer christlichen Lebensführung" (ebd.)  überzeugt werden sollen, macht sie auch den Fürsten auf "seinen Platz in der Heilsordnung" (ebd.) aufmerksam. So dient die Vanitas-Dichtung auch der ▪ Sozialdisziplinierung der Untertanengesellschaft bei der Entwicklung zum frühmodernen Staat, an der ihre gelehrten Verfasser Anteil hatten, weil sie die heilsgeschichtlichen Lehren des Christentums und dessen Moral verbreitet haben.

Kritik an Staat und Gesellschaft, die man hinter der Mahnung über die Vergänglichkeit allen Daseins, aller Macht und Herrschaft, vermuten könnte, dürfte von ihren gelehrten christlichen Dichtern, die als ▪ Beamte ihre Existenz und ihren sozialen Status den Herrschenden verdankten, allenfalls hie und da anklingen, und wenn, dann nur an einem zügellosen Hofleben ohne die nötige Affektkontrolle oder im Kontext einer Klage über die zu geringe Achtung, die ihrem literarischen Schaffen entgegengebracht wurde.

Im Allgemeinen lenkte die Vanitas-Dichtung mit ihrer meditativen Komponente wohl eher von den gesellschaftlichen Verhältnissen ab und verwies "auf die »Eitelkeit« des Einzellebens" (ebd.) Nichtzuletzt war sie auch nur ein Genre im Bereich der weltlichen Lyrik.

Und als solches eignete es sich auch mit einer Kultivierung des "»Bekümmertseins«" dazu "die Eitelkeit der Welt die Missstände geringfügiger erscheinen zu lassen, als sie waren. Und die Gewohnheit, das Leiden nicht nur an das Heil zu binden, sondern Leiden und Not geradezu herbeizuwünschen, um dem Heil der Seele näherzukommen, hat die Abwehr vermeidbarer Not und Unterdrückung sicher nicht gefördert." (ebd.) Dass dieser Hang zum »Bekümmertsein" auch immer wieder zur Attitüde wurde, darf in einer auf repräsentative Selbstdarstellung ausgerichteten höfischen Gesellschaft, in deren Umfeld solche Texte verfasst und rezipiert wurden, angenommen werden. Dass das Vanitas-Motiv auch zur bürgerlichen Selbstdarstellung in den allseits beliebten Selbstbildnissen mit Stillleben gehörte, die sich gut betuchte Bürgerinnen und Bürger leisten konnten, wird immer wieder sichtbar, gehört aber nicht zwingend zu solchen Bildern.


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Schon Paul Stöcklein (1956) betonte, sollte man gerade auch die Vanitas-Dichtung im Kontext dreier Momente sehen:

Zunächst einmal stehe sie immer "in einem mehr oder minder deutlichen Zyklus-Zusammenhang" (ebd., S.77f.), in dem es nur ein Teil eines übergeordneten Ganzen darstelle. Dabei darf man wohl aus heutiger Sicht den Begriff des Zyklus-Zusammenhangs durchaus auch in einem weiteren Sinne verwenden. Vanitas-Texte sind Teil verschiedener Diskurse der Zeit. Sie nehmen z. B. ihren Platz im Kontext religiöser, theologischer und eschatologischer Fragen ein und stehen in Inhalt und Gestaltung in der Konkurrenz zur neulateinischen Gelehrtendichtung.

Desweiteren sei "solch ein Text meist nur das arme Relikt einer größeren geselligen »Aufführung«, ein uns gerettetes Stückchen Rollentext, von dem man wissen muss, in welchem Akt des geselligen Lebens er steht und in wessen Mund er gehört, auch, wie er etwa durch Musik erhöht oder überhaupt erst zu seinem ganzen Wesen vervollständigt wird." (ebd.)

Auch die weltliche Vanitas-Lyrik ist insofern "Gelegenheitsdichtung in einem Maße, wie es heute nicht leicht vorzustellen ist. Sie ist an alle wichtigeren Anlässe des öffentlichen wie privaten Lebens gebunden. An die Gelegenheit gebunden, wird sie in Auftrag gegeben und, bald schlechter, bald besser honoriert." (Herzog 1979, S.39ff.)

Wer heute mit ihr zu tun hat, darf durchaus auch sehen, dass sie, um es abwertend zu sagen, auch immer ▪ "Bildungshuberei" (Herzog 1979, S.39ff.) war, um sich in einer auf gegenseitige Überbietung ausgerichteten Lyrikproduktion zu präsentieren oder anders gesagt: "sie ist geübtes Handwerk, dekoratives, repräsentatives Hantieren mit oft konventionellen Bestandteilen. Sie ist spielerisch, ja oft schauspielerisch und marktschreierisch. Verfolgt man den 'Ursprung' eines Gedichts, so stößt man nicht auf ein 'Erlebnis' (bzw. ein solches ist nicht zu belegen), sondern auf ein literarisches Vorbild. Barocke Lyrik ist mit wenigen Ausnahmen unheilbar rhetorisch und man verfehlt ihr Wesen, wenn sich nur an die schlichten Gebildes des Kirchenliedes oder des Spruches hält." (Max Wehrli 1962, zit. n. Braak 1979, S.13f.)

In diesem Zusammenhang darf eben nicht aus dem Blickfeld geraten, dass sich mit Rückendeckung der im Barock ausgeprägten Imitatio-Poetik die gelehrten Dichtern nach heutigen Vorstellungen geradezu ungeniert an althergebrachten Bildern und rhetorischen Strategien anderer, früherer und zeitgenössischer Quellen und Autoren bedienten. Sie griffen bei ihrer literarischen Produktion auf alle ihnen verfügbaren "poetischen Schatzkammern" (Szyrocki 1979/1994, S.41) zurück und "plünderten", was sie hergaben, um das Vorgefundene "im Rahmen bestehender Bedeutungszuordnungen zu variieren." (Mauser 1982, S.235)

Dichterische Originalität im modernen Sinne beanspruchten die Verfasser von Vanitas-Dichtung ebenso wenig wie den Ausdruck subjektiven Empfindens, denn der Wert und Qualität eines Gedichts bemisst sich in ihren Augen wie auch in den Augen ihres höfischen und gelehrten Publikums am "Grad der Fähigkeit, aus vorgegebenem Material mit größtem Kunstverstand und oft geradezu raffiniertem Geschick neue Gedichte zu kombinieren." (Braak 1979, S.12)

Und auch ein noch so vordergründig emotionales Thema, wie z. B. Einsamkeit (vgl. ▪ Gryphius, Einsamkeit) hat mit dem Erleben eines Individuums in einer solchen äußeren und inneren Situation nichts tun. Es soll, wenn ein Gedicht das Thema im Kontext der Vanitas-Idee präsentiert, ganz woanders hinführen. Vor allen Dingen musste es zu der öffentlichen Situation passen, für die es verfasst wurde und wo es rezipiert wurde: Öffentlich, das heißt, in der Regel im  "nicht inspirativ (...) sondern im Auftrage (gedichtet), ausgebreitet vor aller Augen, gerückt ins Wahrnehmbare und ins Repräsentative"  (ebd.)  und das bedeutet Einnahme einer "rhetorische(n) Grundhaltung" und Inszenierung der "theatralische(n) Gebärde des Barockzeitalters." (ebd.) (ähnlich auch u. a.: S.14)

Statt "Subjektivität oder Gefühlsorginalität" Jentzsch 1993, S.15) geht es um die Zurschaustellung von "Einfallsreichtum, Gedankenschärfe und Kunstfertigkeit" (ebd.) bei der Anwendung überlieferter Traditionen ( Imitatio-Poetik), die aus dem von den Humanisten sorgsam gepflegten Fundus topischer "Allgemeinpätze" in Bildsprache und Rhetorik möglichst virtuos, aber insgesamt eben nachahmend schöpfen sollte. (vgl. Willems 2012, Bd. I, S.208)

So ist der vielleicht zu sehr aus der damaligen Zeit fallende, Vorwurf der "Bildungshuberei" (Herzog 1979, S.39-52) jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, auch wenn diese nicht nur der Selbstdarstellung der Autoren diente, sondern auch den Erwartungen der Leser*innen und Hörer*innen in dem international vernetzten humanistischen Gelehrtenzirkel und und im vorwiegend höfischen Umfeld das lieferte, was die dort präsentierten Werke oft als ▪ Gelegenheitsdichtung zur öffentlichen Unterhaltung und Belehrung beitragen sollten.

Auch die Vanitas-Dichtung kann also nicht getrennt von ihrer öffentlichen Rezeption und Funktion verstanden werden.

Die Art jedenfalls, wie wir sie heute oft sehen, nämlich als Ausdruck eines barocken Lebensgefühls, ist Ausdruck einer die historische  Distanz nur vordergründig überbrückenden Sinngebung. Die ▪ bewusstseins- und mentalitätsgeschichtlichen Aspekte, unter denen barocke Literatur betrachtet werden kann, sollen dabei in ihrer, vor allem literaturdidaktischen, Bedeutung nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Angesichts der ▪ bei ihrer heutigen Rezeption auftretenden kognitiven Dissonanzen geht es schließlich auch im Literaturunterricht darum, Zugänge zu dieser einigermaßen ▪ fremdartigen Literatur (vgl. Niefanger 32012, S.1) zu ermöglichen.

Wenn die Betrachtung dabei stehen bleibt, mentalitätsgeschichtliche Aspekte wie die ▪ Bipolarität menschlichen Daseins im Barock angesichts eines allseits bedrohten Lebens auf der einen und einem unstillbaren Lebenshunger auf der anderen Seite zur Deutung heranzuziehen, bleiben wichtige andere Aspekte auf der Strecke, die sozial- und literaturgeschichtlich von Bedeutung sind.

Dabei geht es um die gesellschaftlichen Voraussetzungen und die ▪ Strategien, mit denen sich die neue volkssprachliche ▪ Kunstdichtung einen Platz im »literarischen Feld anspruchsvoller Literatur zwischen neulateinischer Gelehrtendichtung und rundum abgewerteter Popularliteratur (Volkspoesie) eroberte. Dabei war der Gradmesser von Erfolg nicht wie heute die Verbreitung bzw. die Verkaufszahlen (Bestseller) sind, sondern das erhöhnte Ansehen, das ihren Produkten durch maßgebliche Agenten und Institutionen des "Kulturbetriebs" zugeschrieben wird. "Höhenkammliteratur" wird eben zu allen Zeiten "gemacht" und sozial konstruiert.

Die drei Strategien sind der Anschluss an den Diskurs um das Aufholen eine nationalen Rückstandes, die entstehende "Allianz zwischen humanistischer Gelehrtenrepublik und frühmodernem Fürstenstaat" (Willems 2012, Bd. I, S.159) und das elitäre Ignorieren der weiter existierenden Popularliteratur gehören zur Rekontextualisierung der Vanitas-Dichtung dazu.

Gerade für die Literaturdidaktik ist es unerlässlich zu verstehen, dass sich die historische Distanz zu den fremdartigen barocken Texten und Denkweisen (Niefanger 32012, S.1) im Allgemeinen und den Texten, die das Thema der Vergänglichkeit thematisieren im Besonderen, nicht durch vorschnelle, im Kern doch wieder erlebnisorientierte Analogien von Lebensgefühlen überwinden lässt.

Dafür und als Weg zu einem einem vertiefteren Verständnis der Texte muss sichtbar werden, dass es sich bei Literaturproduktion und -rezeption in der ▪ Literaturepoche des ▪ Barock um "ein durch und durch konventionalisiertes, gesellschaftliches Geschehen" (Binneberg 2009, S.121) in der Öffentlichkeit handelte, dem dann Wert zugeschrieben wurde, wenn es die Wünsche des Publikums erfüllte und damit zur Existenzsicherung der von ihren meist adeligen Gönnern abhängigen Literaturproduzenten dadurch beitrug, dass sie diesen in der Konkurrenz mit anderen die nötige Aufmerksamkeit und Anerkennung einbrachte. Sie transportierte das, was gewünscht und erwartet wurde.

Bleibt natürlich die in der Literaturdidaktik immer wieder einmal zur Sprache gekommene Frage, welchen Sinn es macht, sich mit barocker Lyrik dieser Art zu befassen, wenn genau die Zugänge, die sich immer wieder als für die Anschlusskommunikation über Literatur besonders fruchtbar erweisen (Barock als die "letzte Party" vor dem Weltuntergang und vor der bevorstehenden Klimakatastrophe etc.), hier in gewisser Weise relativiert werden.

Wenn es aber darum geht, an die Erfahrungen »kognitiver Dissonanz, die Schülerinnen und Schüler im ▪ Umgang mit barocken Texten und Themen erleben, zu überwinden, müssen sie lernen sich auf das Fremdartige einzulassen, ohne schnell Motivation und volitionale Bereitschaft dazu zu verlieren, wenn dies nicht so einfach zu bewerkstelligen ist.

Dazu sollten die ▪ Fremdheitserfahrungen thematisiert werden, die von Schülerinnen gemacht werden und zur "Spurensuche" genutzt werden, um zu einem vertieften Textverständnis zu gelangen. Dabei muss auch reflektiert werden, welche Form von Fremdheitserfahrung die Grundlage der kognitiven Dissonanz darstellt.

Fremdheitserfahrungen thematisieren

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 26.01.2022

   
 

 
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