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Fremdheitserfahrungen im Umgang mit Parabeln thematisieren
Die
Bedeutung von Fremdheitserfahrungen wird auch in den
▪
Bildungsstandards im
Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK
18.10.2012) (BISTA-AHR-D
2012) betont. Im
▪
Kompetenzbereich
▪
Sich mit literarischen
Texten auseinandersetzen wird der dafür
Bildungsstandard auf dem •
grundlegenden Niveau wie folgt formuliert:
"Die Schülerinnen und Schüler können die in literarischen Werken
enthaltenen Herausforderungen und Fremdheitserfahrungen kritisch zu
eigenen Wertvorstellungen, Welt- und Selbstkonzepten in Beziehung
setzen." (•
Lit-9)
Für
Born/Kämper-van den Boogaart (32019, S.93) ist dies ein
klarer Hinweis darauf, dass damit der im Literaturunterricht sonst im
Zuge eines • hermeneutischen
Ansatzes dominierenden Umgangsweise, bei der "der
Lektüreakzent auf eine forcierte •
Horizontverschmelzung (Gadamer) gesetzt und didaktisch auf
'Lebensweltnähe' hin analysiert wird", entgegengewirkt werden soll. Die
Bildungsstandards fordern nämlich explizit dazu auf,
"»Fremdheitserfahrungen« ernst zu nehmen und zur kritischen Interaktion
mit eigenen Konzepten zu nutzen."
(ebd.)
Die in den Bildungsstandards gewählte Formulierung geht davon aus, dass
bestimmte literarische Texte Erfahrungen mit dem Fremden darstellen.
Dies kann in unterschiedlichen Gattungen realisiert sein. So kann es z.
B. die Darstellung die eines Emigrantenschicksals in der Fremde sein wie
z. B. in
Colm
Toíbíns (geb. 1955)
Roman "Brooklyn" (2010) oder die Sicht »Heinrich
Heines (1797-1856) von seinem Pariser Exil auf die deutschen
Verhältnisse, die er 1848 in seinem satirischen »Versepos
»"Deutschland
Ein Wintermärchen" gestaltet hat. Es kann um »Fremdheitserfahrungen
in lyrischen Texten oder auch um Texte unterschiedlicher Gattungen
gehen, die die Fremdheitserfahrung des Individuums in einer bis an die
Ich-Dissoziation reichenden Auseinandersetzung mit der eigenen Identität
thematisieren wie z. B. im Werk der preisgekrönten österreichischen
Schriftstellerin »Christine
Lavant (1915-1933) Und selbst die Behandlung von Dialektlyrik im
Literaturunterricht lässt sich fachdidaktisch damit begründen, dass sie
"heimatzentrisch das Eigene zur Schau stellt", das allein schon
befremden kann, aber durchaus auch radikal Verstörendes – wie Gewalt
oder Tod aufgreifen kann. (vgl.
Pechtold 2020).
Die Liste ließe sich natürlich beträchtlich erweitern.
Bei der Beschäftigung mit den in solchen Texten gestalteten
Fremdheitserfahrungen geht es letzten Endes darum zu analysieren, was z.
B. einer Figur in einem erzählenden Text als fremd erscheint und wie sie
mit dem Fremden umgeht. Die dahinter stehenden Einstellungen und
Konzepte sollen dabei kritisch beleuchtet werden und in Bezug zu den
eigenen Vorstellungen und Umgangsweisen mit dem Fremden gesetzt werden.
Fremdheits- bzw. Fremderfahrungen sind zunächst einmal etwas, was zu unserem
Alltagsleben dazugehört und der Umgang mit dem Eigenen und Fremden
ist mit unserem Selbstkonzept verbunden und in unser soziales
Handeln eingebettet.
Fremderfahrungen
sind auch Gegenstände verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen,
die nur an ausgewählten Beispielen in einer sehr knappen Form
angesprochen werden. Zunächst einmal ist eine Fremdheitserfahrung
etwas, womit jeder Mensch in seiner •
Entwicklung,
die sich auf auf
•
"Eigen-" wie "Fremdgestaltung"
(Fend
2003, S.208) stützt, konfrontiert wird und damit Gegenstand
der Psychologie. Die Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremden ist
aber auch ein Gegenstand der Philosophie. Mit dem Eigenen und
Fremden im Kulturkontakt mit Menschen, die "fremden" Kulturen
angehören, befassen sich verschiedenen Sozial- und
Ethnowissenschaften.
"Fremdes begegnet
uns zunächst in Form einer Fremderfahrung, die dem Erkennen,
Verstehen und auch dem Anerkennen des Fremden vorausgeht. Dabei
handelt es sich um affektiv getönte Widerfahrnisse wie das Erstaunen
und Erschrecken, um Störungen, die den gewohnten Gang der Dinge
unterbrechen, um Anomalien, die von der Normalität abweichen.
Fremdes affiziert uns, bevor wir zustimmend oder ablehnend darauf
zugehen. Es gleicht einem Einfall, der unvermutet, auch ungelegen
kommt." (Waldenfels
2007, S.363)
Fremdheitserfahrungen und kognitive Dissonanzen reflektieren
Wenn hier von
Fremdheitserfahrungen gesprochen wird, dann geht es nicht um die
Konzepte des Fremden und die Fremderfahrungen, die in literarischen Texten
gestaltet sind, sondern um
Erfahrungen, die im Umgang mit literarischen Texten gemacht werden
können. Und doch lassen wir die Philosophie zunächst zu Wort kommen.
Der Philosoph »Bernhard
Waldenfels (geb. 1934), der sich immer wieder mit dem Fremden
und dem Eigenen befasst hat, hat nämlich sehr anschaulich
beschrieben, was man allgemein unter Fremdheitserfahrung verstehen
kann.
Viele Texte,
z. B. moderne Parabeln
oder auch Texte aus zeitlich fernen ▪
Literaturepochen wie z. B. dem ▪
Mittelalter oder dem ▪
Barock sowie Texte, die anderen Kulturkreisen entstammen, kommen vielen Leserinnen und Lesern
zunächst einmal unverständlich und fremd vor.
Ihre Lektüre
löst bei zahlreichen Leserinnen und Lesern eine »kognitive
Dissonanz aus. Darunter versteht man die Erfahrung, dass das, was man gelesen hat,
einfach nicht so kognitiv zu verarbeiten ist, wie man das gewohnt ist.
Vereinfacht ausgedrückt: Die Muster, mit denen wir etwas Gelesenem
Bedeutung bzw. Sinn zuschreiben, funktionieren einfach nicht.
Die Diskrepanz besteht dabei zwischen unseren gespeicherten
konzeptionellen Strukturen, mit denen wir an Texte herangehen, und
der in der jeweiligen
Textwelt
dargebotenen oder ausgedrückten Konzeptkonstellation, die
verhindert, dass wir eine Sinnkontinuität herstellen können.
Irgendwie erscheinen einem solche Texte "sinnlos". (vgl. (Vater
1992/32001, S.38)
Verhaltensoptionen beim Erfahren kognitiver Dissonanz beim Umgang mit
Texten
Kognitive
Dissonanzen haben oft erhebliche emotionale Auswirkungen. Sie machen "schlechte" Gefühle
wegen des eigenen Scheiterns bei der Sinnkonstruktion und beim Verstehen und
führen dementsprechend oft zur
Abwertung des Gelesenen und seines Autors bzw. seiner Autorin in
Bausch und Bogen.
Im Übrigen
kann die fehlende Bearbeitung von Fremdheitserfahrungen bei Schreibaufgaben zu ▪
Schreibschwierigkeiten und Schreibstörungen im
▪ Schreibprozess
führen, denen bei der Bewältigung von
Leistungsaufgaben im
Leistungsraum von den Schülerinnen und Schülern auch mit den
herkömmlichen ▪
Gegenstrategien
nicht so ohne Weiteres beizukommen
sein dürfte.
Wer die Spannung
nur vordergründig aushalten kann, den
dieser unangenehme motivationale Zustand hervorruft, lässt sich von
allem, was einem einen solchen Text unverständlich, fremd, unsinnig
oder sinnlos erscheinen lässt, aber nicht nicht beirren, sondern
biegt sich das Ganze so hin, dass es eben zur eigenen Sicht der
Dinge passt. Was sich dieser nicht fügt, wird kurzerhand ignoriert.
Auf der anderen Seite ist kognitive Dissonanz aber
auch eine Chance, wenn die mit ihr verbundenen Unlustgefühle
überwunden werden können (▪
volitionale und
▪
metakognitive Aspekt des Lesens). Dann kann sie
Ausgangspunkt
einer Spurensuche werden, die nach den Ursachen ihrer Entstehung bei
einem selbst und in Bezug auf den Text fragt.
Diese Spurensuche kann "von einer erwarteten oder
logischen, geradlinigen Stimmigkeit wegführen und damit sowohl
Denkrichtungen auslösen als auch dazu anregen, das Denken selbst zu
hinterfragen." (Andringa
2008, S.330). Sich selbstbewusst auf die Reflexion des eigenen
Textverstehens und den Text, der seinen Sinn so gar nicht preisgeben
will, einzulassen, das ist ein spannendes wie auch äußerst
lohnenswertes "Abenteuer", das einem am Ende viel über sich selbst
und über den Text, an dem man sich "gerieben" hat, sagen kann.
Fremdes kann uns also "neugierig machen, es kann uns zu eigenen Erfindungen
anregen, es kann uns über uns selbst aufklären" (Waldenfels
62018, S.7)
Inhalt und Strukturen der Fremdheit des Textes
thematisieren
Die Spurensuche kann damit beginnen, sich damit zu
befassen, was und warum etwas den Text, mit dem man es zu tun hat,
so fremd erscheinen lässt.
Dazu gilt es Inhalte und Strukturen der Fremdheit
zu
thematisieren, die vom Text evoziert werden. (vgl.
Waldenfels 1998,
vgl.
Leskovec 2010.
S.240)
Nicht jede Fremdheitserfahrung, die man beim Lesen
von Texten macht, ist gleich. Deshalb macht es Sinn, drei
Dimensionen des Fremdheitsbegriffs voneinander zu unterscheiden, die
im Umgang mit literarischen Texten eine Rolle spielen:
alltägliche,
strukturelle und
radikale Fremdheit. (vgl.
ebd., S.240)

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Alltägliche Fremdheit erlebt man beim Lesen eines Textes, wenn man spürt,
dass man Wissenslücken hat, von denen man
aber zugleich weiß, wie man sie z.B. durch den Einsatz von Lexika oder mit
Hilfe des Internets schließen kann.
-
In einem literarischen Text
kann es dabei um Dinge gehen wie die Bedeutung und Lokalisierung geografischer Angaben, um
historische Bezüge und Fakten und um die Namen von Figuren u. ä. m., die
allesamt der innertextlichen, fiktionalen Welt angehören.
-
Zugleich werden
durch den Lernzuwachs über die dargebotene fiktionale Wirklichkeit auch neue
Bezüge möglich, die zu einer möglichen Rekontextualisierung des Textes in
seinen "ursprünglichen" Zeitbezügen bzw. Kontexten beitragen kann. (vgl.
Leskovec 2010,
S. 240)
Strukturelle Fremdheit gründet,
so Leskovec (2010,
S.241) im Anschluss an
Waldenfels
(1999, S.91), "auf der Scheidung in 'Heimwelt' und 'Fremdwelt'. Was
einem fremd erscheint, steht dabei "außerhalb der eigenen Ordnung" (ebd.
S.241). Und genau darin unterscheidet sie sich von der alltäglichen Fremdheit, die "innerhalb der eigenen
Wirklichkeitsordnung (verbleibt)" und deren "Lücken" so geschlossen werden
können, dass das Fremde in die eigenen
Schemata des
Denkens
und Fühlens
integriert werden können.
Was einem hingegen strukturell fremd ist, kann man sich nicht mit dem
Rückgriff auf gespeicherte "Wahrnehmungsgestalten und Handlungssituationen"
(Waldenfels
(1999, S.91, zit. n.
ebd.), auf
Schemata aller Art, anverwandeln
und damit ohne weiteres in seine vorhandenen Schemata einpassen.
Entsteht dieses Gefühl im Umgang mit
Literatur, so resultiert dort genauso wie in anderen Zusammenhängen,
Unsicherheit, weil die Sinnfindung erschwert ist.
-
Dazu kommt noch, dass
man das Gefühl struktureller Fremdheit oft gar nicht so
leicht artikulieren und dann darüber kommunizieren kann.
-
Statt diese Fremdheitserfahrung also zu thematisieren, geht man
den daraus resultierenden Irritationen und Blockaden lieber
dadurch aus dem Weg, dass man eine Abwehrhaltung einnimmt, die
von der totalen Ablehnung so "doofer" "schräger", ja "sinnloser"
Texte bis hin zu der vehementen Abwehr so "negativer" und
"irgendwie bedrückender" Geschichten reicht. Alles letztlich
nichts anderes als eine "kognitive
Distanzierung", weil wir Fremdheit dem zuschreiben, "was die
Erwartungen auf einen vertrauten Verlauf der Dinge enttäuscht." (Waldenfels 1999, S.91, zit. n.
ebd.)
Die gute Nachricht: Wer im Umgang mit literarischen Texten häufiger
Erfahrungen mit struktureller Fremdheit macht, kann dies, sofern die nötige
Bereitschaft dafür vorhanden ist, durch Lernen und Umgewöhnung ändern.
(vgl. Waldenfels
(1999, S.92, zit. n.
ebd.)
Dazu gehört aber in jedem Fall, dass man die Tatsache, dass ein fiktionaler
Text strukturelle Fremdheit erzeugen kann (vgl.
Jahraus 2004, S.21), zunächst einmal akzeptiert, ohne die davon
ausgelösten Irritationen prinzipiell abzuwehren. Wer bereit ist, sich
intensiver mit dem Text selbst auseinanderzusetzen und ggf. zusätzliche
Informationen zum Text recherchiert und heranzieht, kann seine Spurensuche
am Ende vielleicht mit neuen, vertiefteren Erkenntnissen über den Text und
seine Bedeutung und positiven Gefühlen beenden. Aber auch die Spurensuche
braucht Frustrationstoleranz: Gerade ▪
moderne Parabeln verweigern sich
häufig allen Formen von Sinngebung und sorgen damit dafür, dass "sich strukturell Fremdes" aller möglichen Kontextualisierungsbemühungen zum Trotz "nur bedingt auflösen lässt." (Šlibar
2005, S.82, zit. n.
Leskovec (2010)
Radikale Fremdheit geht im Grunde genommen nicht nur über die
eigene, sondern über jegliche Ordnung hinaus.
Ihre Eigenart besteht, so
Leskovec (2010,
S. 242) darin, dass man sie bzw. den Umgang mit ihr nicht erlernen und sich
auch nicht daran gewöhnen kann: "sie verstört und verunsichert auch dadurch,
dass sie sich den bewährten Formen der Aneignung (auch dem 'normalen'
Sprechen) entzieht."
Das Gefühl radikaler Fremdheit kann sich dabei in
literarischen Texten auf unterschiedliche Art und Weise bemerkbar machen.
-
So
kann es vorkommen, dass ein Text ein Thema behandelt oder in
einem Text ein Motiv auftaucht, dass Grenzerfahrungen in den
Bereichen Sexualität, Halluzinationen jeder Art und jeden
Ursprungs, Tod oder sonstige über die eigene Vorstellungskraft
oder das eigene Erleben hinausgehende Inhalte und Stoffe in den
Handlungen der Figuren versinnbildlicht, die einem in einer
Weise fremd sind, dass man sie als radikale Fremdheit bezeichnen
kann. Dieses radikal Fremde ist für einen Leser nicht fassbar,
es bleibt letztendlich sogar nicht interpretierbar. Es ist
gewissermaßen "das Überschießende", wie es auch in
"individuellen wie kollektiven traumatischen Ereignissen,
ekstatischen oder spirituellen Erfahrungen, Krankheit, Wahnsinn,
Zufälligem, Phantastischem, Unheimlichem, Gewalt, Ereignissen
also, 'die uns mit dem Fremden als einem Außer-ordentlichen
konfrontieren.' (Waldenfels
1999, S.82)" (ebd.)
Gestalt annehmen kann.
-
Wenn man im radikal Fremden, das auch
ein Strukturelement bestimmter literarischer Texte
sein kann, das sieht, "was sich nicht paraphrasieren lässt, sich nicht mit den zur
Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln ausdrücken lässt" (ebd.),
dann stellt es eine Art "Überschuss" (ebd.)
dar, der mit seiner "Bedeutungswucherung" oder "Bedeutungsverknappung"
(Waldenfels
2006, S.30, zit. n.
ebd.)
die Sinnhorizonte seiner Leser durchaus sprengen kann.
Literarische Texte, die mit dem Konzept radikaler Fremdheit arbeiten,
etablieren mit ihrer Selbstbezüglichkeit ein in gewisser Hinsicht autonomes
Ordnungssystem, "in denen das Unsagbare zur Sprache kommt". Geschaffen wird
dadurch eine "Möglichkeitswelt", deren "schräger Blick auf die Welt" (Leskovec
(2010, S. 242.)
Ausdruck und Motor der Mehr- und Vieldeutigkeit solcher Texte ist, die sich
damit einer vereindeutigenden Sinnzuweisung entziehen können.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
21.08.2024
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