Da es gar nicht so einfach ist, »Michel Foucaults
(1926-1984) Diskursbegriff (bzw. seine mäandrierenden Diskursbegriffe)"
(Eggler
22023, S.34f.) auf einen Nenner zu bringen,
stellen wir hier zunächst die Darstellung voraus, die Marcel
Eggler in einer vergleichsweise
verständlichen Sprache dazu gibt.
Seiner Ansicht nach ist ein Diskurs für Foucault "ein
Geflecht von Aussagen zu einem Thema, die in einer Gesellschaft
zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt nach Maßgabe
bestimmter ›Ordnungsstrukturen‹ (Sarasin
2005: 99) gemacht werden. Diese Ordnungsstrukturen sind
eine Art Instanz, die – oft unsichtbar, implizit – vorgibt, auf
welche Art man in einer bestimmten Epoche in den Wissenschaften
und in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens über ›die
Dinge in der Welt‹ redet, reden kann und reden darf bzw.
nicht reden darf. Vor allem in brisanten oder tabuisierten
Kontexten setzt diese Instanz Grenzen; [... ] Dass man über ›die
Dinge‹ auf eine bestimmte Art und Weise redet und dass andere
Redensarten ›verboten‹ sind, hat eine gewisse Limitierung des
Sagbaren zur Folge, dient aber auch als Orientierung. Es gibt
eine Ordnung vor – eines von Foucaults Hauptwerken heißt denn
auch: ›Die Ordnung der Dinge‹ –, an die sich die in einer
bestimmten Epoche lebenden Zeitgenossen halten können oder auch
nicht. Die ›Ordnung der Dinge‹ kommt also diskursiv-historisch
zustande und ist damit eine flottierende, sich immer wieder
verändernde Größe, die man mit gleichsam archäologischem
Interesse untersuchen kann." (Eggler
22023, S.34f.)
"Der Begriff
›Diskurs‹ ist das zentrale Etikett", so
Parr
(2014, S.233), unter dem das Denken »Michel Foucaults
(1926-1984) Eingang
in fast das gesamte Wissenschaftsspektrum gefunden habe. Die
einen nähmen es als Etikett für einen bestimmten Ausschnitt aus
dem Arbeiten Foucaults, andere etikettierten damit sein gesamtes Denken und
Arbeiten.
Er selbst aber habe kein einheitliches, axiomatisches
Denkgebäude ›Diskurstheorie‹ entwickelt, Foucault hat den
Diskursbegriff jedoch keineswegs konstant verwendet, sondern
seinen Diskursbegriff im Laufe der Jahre immer wieder neu und
anders akzentuiert.
Wahrscheinlich hat Foucault, wie es bei vielen
Texten französischer Poststrukturalisten der Fall ist, absichtlich ein •"Projekt
der terminologischen Verunklarung" (Warnke
2008, S.38) verfolgt, das auch dazu führt, dass "der Versuch 'Diskurs' nach
Foucault zu definieren, (...) daher regelmäßig (scheitert)."
Dessen
ungeachtet wollen wir uns seinem Begriff so weit nähern, dass er für die
hier verfolgten Zwecke Konturen gewinnt.
Foucault selbst
hat sein Verständnis von Diskurs in einem kleineren Beitrag, der
in die Sammlung der »Dits et Ecrits (Gesagtes und
Geschriebenes) eingegangen ist, die sämtliche zu Lebzeiten
Foucaults publizierten Aufsätze, Interviews und kleineren
Beiträge enthält, einmal sehr pointiert, wie folgt ausgedrückt:
"Der Diskurs
ist die
Gesamtheit erzwungener oder erzwingender Bedeutungen, die die
gesellschaftlichen Verhältnisse durchziehen." (Foucault
2003/2015, Dit et Ecrits, Bd. III, S.164, zit. n.
Ziegler 2019, S.101)
Dies bedeutet
zunächst einmal, dass "Diskurse (...) nicht die Welt ›draußen‹
ab(bilden), sondern (...) als Medium der Wissensbildung und der
Gegenstandskonstitution (wirken). Sie bestehen aus unzähligen –
aber nicht unendlich vielen – tatsächlich dokumentierten
Sprachereignissen bzw. Äußerungen." (Keller
2013, S.432)
In manchen Diskursanalysen
wird der Diskurs oder werden die Diskurse im Wesentlichen als sprachliches
Phänomen angesehen. Dieser Diskursbegriff unterscheidet sich
allerdings von dem von Foucault, der, unter anderem in »Archäologie
des Wissens, explizit betont,
dass Diskurse weit über sprachliche Phänomene hinausgehen. Sie
sind nämlich "multidimensional",
weil sie "aus einer Fülle von bedeutungs- und funktionstragenden
Elementen, die von Wörtern über Bilder, Raumformen bis zu
Handlungen"
Warnke (2008, S.43), sowie Institutionen reichen. Diskurse
stellen zwar "sprachförmige Ordnungsstrukturen" (Sarasin
2005/22006, S. 99) dar, "aber ihre Logik gehorcht
nicht den linguistischen Regeln der Sprache oder den
metaphorischen
und
metonymischen Assoziationslogiken der Signifikanten." (ebd.)
Wenn die Diskurse Zeichen benutzen, dann dient dies dazu,
"Ordnung zu stiften, um Grenzen des Sagbaren zu errichten und um
Objekte des Wissens [...] hervorzubringen." (ebd.,
S.98)
Sie sind für
ihn schon deshalb "mediale Wissensformationen" (Dreesen/Kumiega/Spieß
2012 S.9), da sie, "sobald wir sie als solche erkennen, bereits
medial vermittelt (sind)." (ebd.,
S.11) Die •
Medialiät der Diskurse
führt dazu, dass man bezogen auf die Sprache medial mündliche und medial
schriftliche Vermittlungsformen unterscheiden kann. Medialität kann sich aber auch
auf die Medien beziehen, die als technische Mittel zur Vermittlung von
Informationen dienen, oder auf die Akteure, die an Diskursen teilhaben.
(vgl.
Bucher/Duckwitz 2005)
Bezeichnet Diskurs
i. e. S. einen
Komplex von Aussagen, die zu
einem bestimmten Diskurs gehören, wird er als Diskurs neben
anderen bzw. im Kontext anderer betrachtet. Von dieser
Überlegung ausgehend bedeutet dies, dass verschiedene Diskurse
etwas, "was wir im Alltag vielleicht zunächst als einen einzigen
Gegenstand ansehen, als ganz unterschiedliche, dann eben
diskursive Gegenstände und Wahrheiten konstituieren können. So erscheint ein
literarischer Autor im juristischen Diskurs beispielsweise als
Urheber, im ästhetisch-literarischen dagegen als Schöpfer und im
ökonomischen als Produzent einer Ware (vgl.
Plumpe 1988)". (Parr 2014,
S.234)
Am
Beispiel des ›juristischen Diskurs des 19. Jahrhunderts‹ erläutert
Simone
Winko (1996/82008, S.464) die Zusammenhänge, die wir hier
an den Anfang stellen, um eine leitende Vorstellung davon zu
ermöglichen, worum es geht:
Dieser
Diskurs sei "zu bestimmen über seinen Gegenstand (das Recht, die
Rechtsprechung), über die Weise, in der dieser Gegenstand thematisiert
wird (zum Beispiel in einer bestimmten juristischen Terminologie und
Argumentationsform), und über seine Beziehungen zu anderen Diskursen der
Zeit, etwa zu psychologischen oder theologischen Diskursen."
Der Begriff des
Diskurses ist von Foucault in einer •
weiten und einer
• engeren Fassung verwendet worden.
Daneben existieren angesichts der Tatsache, dass
unterschiedlichste Disziplinen der Wissenschaft Anschluss an das
Denken Foucaults und namentlich seiner "Diskurstheorie" gesucht
und gefunden haben, auch jede Menge weiterer •
wissenschaftlicher Definitionen,
von denen nur eine kleine Auswahl hier Berücksichtigung finden
kann.
Diskurse sind
keine bloßen Äußerungen vorhandenen Wissens unter bestimmten
Rahmenbedingungen, sondern
erzeugen und strukturieren mit unterschiedlichen Praktiken die
Realität, zu der sie gehören, insofern besitzen sie eine
produktive Seite.
Diskurs- oder
Formationsregeln bestimmen darüber, welche •
Aussagen gemacht, mit
welchen Worten und Begriffen und in welcher Art und Weise sie
vorgebracht werden und legen fest, ob sie zu einem
bestimmten Diskurs zugelassen werden. Sie prägen damit unser
gesamtes Leben. Anders gesagt: "Indem sich in Diskursen Regeln
verfestigen, die das Sagbare, Denkbare und Machbare betreffen,
organisieren sie Wirklichkeit." (Landwehr
2018, S.5)
Entscheidend ist dabei
also nicht mehr der Mensch bzw. das •
Subjekt, das frei über das
entscheiden kann, was es wann wie oft und wie sagen will,
sondern die Formationssysteme und •
Machtbeziehungen, die eben nicht nur Diskurse
prägen, sondern auch unser inneres und äußeres Leben als
Subjekt.
Pointiert
ausgedrückt, können wir "als einzelne Subjekte zwar unsere Meinungen
(äußern), aber wir können es nur in der Weise tun, wie es der
Funktion im herrschenden Diskurs entspricht. Wir können immer
nur das sagen, was sich innerhalb der Grenzen des
vorherrschenden Diskurses sagen lässt."(Ziegler
2019, S.26)
Das geht so weit
– und hier scheiden sich oft die Geister und auch Foucault ist
in seinem Spätwerk (Stichwort: •
Gouvernementalität davon abgerückt) – dass selbst die völlige
Meinungsfreiheit, die in modernen Demokratien
verfassungsmäßig garantiert ist, nach Foucault nicht mehr als eine Illusion darstellt.
Schließlich "erfolgt jeder
individuelle Diskursbeitrag", so Ziegler weiter, "nur innerhalb bestimmter
gesellschaftlich konstituierter Strukturen, wie der Grammatik
unserer Sprache, den Sitten und Gepflogenheiten unseres Landes,
dem politischen System, der gelernten Moral, der gängigen
Überzeugungen, der pädagogischen Erziehungsstile, der
vorherrschenden Ästhetik und somit all der Axiome, die wir
gerade für wahr halten – kurzum innerhalb der Struktur des
›konstituierenden Wissens‹ unserer Zeit."
(ebd., S.27f.) Hinzukommt, dass das jeweils vorhandene
Wissen den Anspruch auf absolute Wahrheit erheben kann. So gelte
eben nur das und das könne auch gar nicht anders sein, was in
einer bestimmten Zeit für wahr gehalten werde.
Foucault fasst Diskurse also weder als rein sprachliche Phänomene noch
einfach irgendwie in Aussagen gefasstes Wissen, sondern »als
Praktiken« (Foucault
1981, S.74) auf, die analysiert und beschrieben werden
können.
Für Foucault bedeutet dies zunächst einmal, dass neben sprachlichen auch
außersprachliche Phänomene (z.B. symbolische Ausdrucksformen und
gesellschaftliche Praktiken) bei der • Diskursanalyse berücksichtigt
werden. Auf Grundlage dieses
Begriffs von "Praxis", die mithin nicht nur
• diskursive,
sondern auch nicht-diskursive
Praktiken, umfasst, kann die Diskurs- und die • Dispositivanalyse
so miteinander verbunden werden, dass gesellschaftliche •
Machtstrukturen
und -strategien in den Fokus gerückt werden. (vgl. Gille
2012, S.170f.)
Die
Unterscheidung zwischen diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken
beruht im Sinne Foucaults letztlich auf der Differenzierung zwischen
Gesagtem und Ungesagtem (vgl.
Foucault
1978, S.119).
So gibt es diskursrelevante Gegenstände, die nicht in sprachlicher Form
ausdrücken, worauf es ihnen ankommt. Sie vertreten in materialisierter
Form "Wissensordnungen und Wahrheiten, die nicht mehr diskursiv
zirkulieren" (Hoffarth
2012, S.214). Damit sie wirken, müssen sie sich nicht mehr
in diskursiv sprachlicher Form zu Wort melden, d. h. was sie bedeuten,
muss also nicht mehr ausdrücklich gesagt werden. Das Ungesagte ist dann schon nicht-diskursiv in die
(materialen) Körper eingeschrieben bzw. ist in diesen "verkörpert".
Die
(wissenschaftliche) Diskursanalyse kann auf verschiedenen Ebenen
ansetzen und unterschiedliche Fragestellungen verfolgen, die
natürlich auch von den jeweiligen Fachdisziplinen abhängen, die
Diskursanalysen durchführen (z. B. Kommunikationswissenschaft,
Sozialwissenschaft, Medienwissenschaften, Linguistik,
Literaturwissenschaft).
Grundsätzlich
geht es mit Foucault aber stets darum, Diskurse nicht mehr "als Gesamtheiten von Zeichen (von bedeutungstragenden
Elementen, die auf Inhalte oder Repräsentationen verweisen),
sondern als Praktiken
zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen
sie sprechen." (Foucault
1981, S. 74)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
22.03.2025
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