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Foucaults Verständnis von Wissen

Die archäologische Methode Foucaults

« Diskursanalytisches Modell Einzelne Begriffe und Konzepte (Foucault) Macht und Wissen

 
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Von der archäologischen zur genealogischen Perspektive

Was »Michel Foucault (1926-1984) genau unter • Wissen versteht, variiert in seinem Werk. In den 1960er Jahren besitzt die Kategorie des Wissens eine herausragende Bedeutung, was sich in seinen großen historischen Untersuchungen dieser Zeit niederschlägt. Zehn Jahre später, in den 1970er Jahren, interessieren ihn aber immer stärker die Beziehungen von Wissen und Macht, so dass seine bis dahin dominierende archäologische Perspektive von der so genannten • genealogischen Perspektive ergänzt und überlagert wird. (vgl. Kammler 2014, S.303) Wie die  archäologische Perspektive, mit der Foucault die • Episteme, d.h. die Wissensordnungen der Vergangenheit freilegen will, verfolgt auch die Genealogie der Macht, mit der sich Foucault in 1970er Jahren stärker befasst, das Ziel, die Kontingenz unserer gesellschaftlichen Ordnung sichtbar zu machen.

Grundsätzlich sieht Foucault in der Wissenschaftlichkeit keine Norm, an der sich Wissen bestimmen lässt, denn auch das Wissen der Wissenschaften wird historisch unter bestimmten Bedingungen konstruiert und weist die gleichen historischen Diskontinuitäten und Brüche auf, die jedes Wissen auszeichnet. Die Vorstellung, dass Wissen also ein überzeitliches von den Diskursen unabhängiges Dasein fristet, weist Foucault zurück. Aus diesem Grund "gab (es) für ihn keinen Rückzug auf gesicherte Grundannahmen und keine Basis-Theorien mehr, mit denen die Gesellschaftsanalyse bzw. die Wissenschaftsgeschichte operieren könnte, keine Theorie der Sprache oder gar »des« Menschen, die sich nicht einrücken ließe in die bodenlose Historizität aller Formen des Wissens." (Sarasin 2005/22006, S.73)

Ob etwas Wissen wird oder ist, lässt sich nach Foucault auch nicht ideologisch dadurch bestimmen, dass man von einem richtigen und einem falschen Bewusstsein ausgeht, zumal Ideologien, die dieses vertreten, selbst nur als diskursive Praktiken im Umfeld anderer zu betrachten sind. Worauf Foucault seinen Fokus richtet, ist wie "innerhalb von Diskursen, die an sich weder falsch noch wahr sind, Wahrheitswirkungen zustande kommen" (Foucault 2003/2017, Bd. III, S. 197, zit. n. (Kammler 2014, S.303) )

Stattdessen fragt er danach, welche Gründe es dafür gibt, dass bestimmte • Diskurse bzw. • ›diskursive Formationen‹ in der Geschichte ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verloren oder einen solchen Anspruch erworben haben, oder will ergründen, auch auf welche Weise sie diesen Anspruch geltend gemacht haben.

Dabei stellt er • Wissen (έπιστήμη, Episteme) und • Meinung (δοξα, doxa) nicht mehr wie »Platon (428/27-348/47 v. Chr.) einander gegenüber, sondern spricht von einer »Schwelle der Epistomologisierung.« (Balke 2014, S.248). 

Wissen i. w. S. wird dann an einem bestimmten Punkt zu • Episteme, worunter er "die Gesamtheit der Beziehungen innerhalb einer diskursiven Formation" versteht, "die dem wissenschaftlichen Wissen Raum geben." (ebd.)

An diesem Punkt angelangt, "(übt) ein bestimmtes • Aussagengebiet im Rahmen einer • diskursiven Praxis, »eine beherrschende Funktion (als Modell, als Kritik, als Verifikation) im Hinblick auf das Wissen aus (...)«." (ebd.)

Die archäologische Methode zur Analyse der Wissensordnungen (Episteme)

Die • Episteme (Singular- und Pluralform sind bei dem Femininum identisch) ist für Foucault "die Wissensordnung einer Epoche bzw. die implizite epochenspezifische Logik, die paradigmatisch bestimmt, wie Wissen generiert wird und auf welche Weise grundlegende Klassifikationsschemata, Wahrnehmungsformen und Wertmuster die Wissensproduktion einer Gesellschaft stillschweigend beeinflussen." (Rosa/Strecker/Kottmann 32018, S. 296 Kindle Edition)

Das Vorgehen, mit dem die Episteme analysiert und in ihren Beziehungen zueinander beschrieben werden können, bezeichnet Foucault als • "archäologisch" und hat es in seinem Werk »Archäologie des Wissens (1969) ausführlich beschrieben.

Es bezeichnet "ein diskursanalytisches Verfahren, das", möglichst unter Ausschaltung eines Vorverständnisses, "die Grundlagen der Wissenssysteme einer Epoche zum Vorschein bringen soll." (Sich 2018, S.10) Diese Wissenssysteme bzw. Wissensordnungen fasst er mit dem Begriff der • Episteme, den er in seinem späteren Werk allerdings weitgehend in dem • Begriff des Diskurses aufgehen lässt. (vgl. Sarasin 2005/22006, S.97)

Umgesetzt in die • Praxis der Diskursanalyse soll die Archäologie "ermöglichen, die Episteme einer Epoche zu erschließen, also die Regeln, die das Denken, Sein und Tun der Menschen einer Kultur bestimmen" (Rosa/Strecker/Kottmann 32018, S. 292), damit am Ende in einer historischen Perspektive (historisches Apriori) "die kontingenten Voraussetzungen der eigenen Epoche" (ebd.) sichtbar werden, oder. Anders ausgedrückt, die es geht bei der Diskursanalyse darum, die "Episteme der eigenen Kultur freizulegen" (ebd.) und dabei "die Regeln, die das Denken, Sein und Tun der Menschen einer Kultur bestimmen" (ebd.) zu erschließen.

Eine "als Archäologie der Kultur durchgeführte Analyse" (ebd.) könnte also sichtbar werden lassen, welche kulturellen Einflüsse dafür sorgen, dass wir alles dafür tun, fit zu bleiben, uns im Internet präsentieren, den so genannten Müßiggang ablehnen und lieber täglich zur Arbeit gehen, eine Zweierbeziehung eingehen oder eine Familie gründen wollen. Zugleich könnte diese Analyse uns aber auch zeigen, dass es durchaus auch anders geht, wenn man anders denkt, als die Episteme des jeweiligen Diskurses vorgeben.

Die Diskursanalyse belässt es bei der Analyse und bei der Beschreibung der "Menge verstreuter Ereignisse" (Foucault 1973/1981, S.34), die sie "ausgräbt". Das hat auch zur Folge, dass sie diese • diskursiven Ereignisse, die aus den • diskursiven und • nichtdiskursiven Praktiken nachweislich entstehen, "nicht auf einen inhärenten Sinn befragt [... ], sondern allein aus ihren Beziehungen untereinander untersucht". (Rosa/Strecker/Kottmann 32018, S. 293)

Die Diskursanalyse sucht und gräbt, um im Bild zu bleiben, im Rahmen historischer Schnitte nach "positiven" Fakten", d. h. feststellbaren und/oder nachweisbaren Fakten. Sie trägt ihre Funde zusammen, die zu einem bestimmten • "Aussagesystem" (ebd., S. 292) (• diskursive Formation, Diskurs) gehören und gemeinsam, wie Foucault sagt, ein "Archiv" aus heterogenen Elementen bilden.

Analyse unter Ausschaltung des eigenen Vorverständnisses und "reine Beschreibung"?

Angestrebt ist dabei, dass die analysierende Person die Gegenstände der Analyse möglichst unter Ausschaltung eines Vorverständnisses zusammenträgt. Auch wenn dieser Anspruch sowohl • wahr- wie • kognitionspsychologisch wohl kaum einzulösen ist, und jede/r "aufgrund seiner kulturellen Prägung, ohne sich dessen bewusst zu sein" (ebd.), sein eigenes Vorverständnis "an seinen Gegenstand heranträgt" (ebd.), ist dieser Gedanke für die "archäologische Methode" Foucaults und die Diskursanalyse grundlegend.

Dahinter steht, unter kognitionspsychologischer Perspektive betrachtet, zunächst einmal die Forderung, dass Diskurse und die sie konstituierenden diskursiven Ereignisse nur in einem konsequenten • Bottom-up-Ansatz untersucht werden können. Insbesondere dürfen diesem keine Begriffe und Kategorien entgegenstehen, die bei der Top-down-Verabeitung von vornherein Ordnung in die schon oben genannte "Menge verstreuter Ereignisse" bringen, ihnen Ordnungssysteme überstülpen sollen, die den Blick verengen und Ereignisse, die nicht in diese Ordnung passen, ausschließen.

In seiner Archäologie des Wissens (1969) erwähnt Foucault dabei z. B. Begriffe und Kategorien, wie Tradition, Einfluss, Entwicklung und Evolution, Mentalität und "Geist", sowie im Bereich der Literatur Begriffe wie Buch, Werk oder auch Autor (Foucault 1973/1981, S.33-37) Diese Begriffe, die für viele andere stehen (z. B. auch Kontinuität in der Geschichte) und auf den ersten Blick eine hohe Evidenz besitzen, also eigentlich plausibel, offenkundig und einleuchtend erscheinen, gehören aber selbst zu dem historisch wandelbaren Diskurs. Sie sind, wenn man so will, als diskursive Praktiken wie andere auch Teil des Diskurses und werden in diesem erst konstruiert.

Natürlich ist sich auch Foucault bewusst, dass die "reine Beschreibung der diskursiven Ereignisse" (ebd., S. 41) ein schwieriges Unterfangen ist, wogegen er sich aber grundsätzlich stellt, ist, wenn solche Begriffe, Kategorien oder Schemata als quasi "natürlich" vorgegeben angesehen werden, die "von allein da sind" (ebd., S. 40). Wo sie zum Einsatz kommen, muss ihre soziale Konstruiertheit immer klar sein und auch definiert werden, "unter welchen Bedingungen und mit Blick auf welche Analysen bestimmte legitim sind". Zugleich müssen damit auch diejenigen bezeichnet werden, "die auf jeden Fall nicht mehr zugelassen werden können." (ebd.)

 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 22.03.2025

    
 

 
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