Wissen, wie es
die »Wissenssoziologie
versteht, geht, so weit herrscht wohl in der Fachdisziplin
Einigkeit, von der These der "Sozialität
von Wissen und Erkennen" aus. Sie meint damit, dass "Wissen
und Erkenntnis (...) nicht nur ein individuelles Vorkommnis,
sondern ein soziales Ereignis (ist)" (Knoblauch
32014, S.14), Wissen also seinem Wesen nach
sozial ist. (vgl.
ebd., S.16) Dabei ist aus Sicht "der Wissenssoziologie
[...] alles Handeln grundsätzlich an Wissen gebunden " (ebd.,
S.356)
Die
These von der
Sozialität des Wissens bedeutet allerdings nicht, dass das
erkennende Subjekt, der Mensch als Individuum also, keine
Bedeutung für das Wissen und seine Produktion besitzt. "Wissen
setzt", so sieht es
Knoblauch
(32014, S.353), "Subjektivität voraus."
Allerdings dürfe man angesichts der Tatsache, dass Wissen
"deswegen wesentlich subjektiv" sei und "zur Konstitution der
Identität maßgeblich" beitrage, nicht den Schluss ziehen, dass
das menschliche Subjekt quasi eine Art »Wissensspeicher«
darstelle. Das subjektive Wissen müsse vielmehr von seiner
Funktion her betrachtet werden, die darin bestehe, das Subjekt
zu einer Identität zu machen.
Die
Wissenssoziologie, wie sie von »Hubert
Knoblauch (geb. 1957) und anderen in ihrer »hermeneutischen
Ausrichtung vertreten wird, schließt
Meinungen (δοξα, doxa) im oben dargestellten Sinne, die den
»common sense« darstellen, aus dem Wissen nicht aus. Und auch
zahlreiche andere Wissenssoziologen "rücken [...] die »Meinungen« in
den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit, ja manche gehen sogar
soweit, alles Wissen zur Meinung zu erklären." (ebd.,
S.16f.)
Wissen und
Meinung werden also nicht immer streng voneinander getrennt und
ihre Beziehungen zueinander werden kontrovers betrachtet.
So lässt sich
gegen die Gleichsetzung von Wissen und Meinung argumentieren,
dass man nur dann etwas wissen kann, wenn man sich eine Meinung
gebildet hat: "Der Satz ›Ich weiß, dass es regnet, aber ich bin
nicht der Meinung, dass es regnet.‹ wäre ein Selbstwiderspruch."
(vgl. »Wikipedia)
Unterstellt wird dabei, dass eine Meinung noch nicht hinreichend
für Wissen ist, denn falsches Wissen, so diese Auffassung gibt
es nicht, falsche Meinungen allerdings schon. Indem Wissen an
›Wahrheit‹ gekoppelt ist, kann eine Meinung nur dann als ›wahr‹
gelten, wenn ihr Anspruch auf ›Wahrheit‹ auch eingelöst bzw. »gerechtfertigt
werden kann.
Im Allgemeinen
aber lässt sich wohl sagen, dass die Wissenssoziologie das
Wissen nicht auf angeblich »wahres« Wissen reduziert.
Stattdessen fragt sie stets danach "wer denn welches Wissen für wahr
hält. Wahrheit also ist Geltung, und diese Geltung ist sozial
bestimmt." (ebd.,
S.17)
Wissen setzt
also, wissenssoziologisch betrachtet,
keinen
Wahrheitsbegriff voraus und orientiert sich nicht nur an der
Wissenschaft. Damit ist Wissen auch "keineswegs nur das, was in der
Schule gelehrt und gelernt wird" (ebd.,
S.353), sondern "Wissen ist all das, was wir von
anderen übernehmen: So bietet uns die Sprache, die ich spreche,
ebenso eine vorgefertigte Typologie von Dingen und Prozessen wie
die materielle Kultur, die ich handelnd verwende (die aus
Laubhütten oder Hochhäusern bestehen kann) oder wie die
eingespielten Kommunikationsformen (etwa die Art, die Akzente
und Dialekte, in denen meine »Zunge« eine Sprache spricht).
Beziehen wir verleiblichtes Wissen ein, dann erkennen wir auch,
dass selbst Emotionen (wie etwa der besagte Wutausbruch) auf
Wissen beruhen (was der Ausbruch bedeutet und wann er angemessen
ist) und aus Wissen bestehen (etwa wie er vollzogen wird). Zum
Wissen gehört natürlich auch der Umgang mit Objekten,
Materialien und Technologien, deren Sinn ja gerade in diesem
Umgang besteht (und als solcher von Kulturen zu Wissen
verfestigt wird" (ebd.)
Dass Wissen
nicht an Wahrheit gekoppelt ist, wird auch daran deutlich, dass
jemand, in seinen Handlungen einem wissenschaftlich als falsch
erwiesenen Wissen folgen (z. B. der Glaube, die Erde sei eine
Scheibe oder der Klimawandel sei nicht von Menschen gemacht ...) kann, auch wenn dies u. U. dramatische Folgen hat.
(ebd.)
In unserer
heutigen, »postindustriellen
Gesellschaft, die von vielen als •
Wissensgesellschaft
bezeichnet wird, weil das Wissen immer stärker zur Grundlage des
sozialen und ökonomischen sowie des medialen Zusammenlebens
wird, steht die »Wissensproduktion« unter einem ökonomischen
Vorzeichen, die Wissen zur Ware macht. Als soziales Wissen wird
es von Institutionen, die darauf spezialisiert sind, ebenso
produziert wie von der Ökonomie, vom Recht oder auch der
Politik. Sie sorgen auf ihre Weise dafür, dass was als
gerechtfertigtes Wissen anerkannt wird oder eben nicht. Dabei
spielen die Wissenschaften zwar immer noch die Rolle
zentraler Legitimationsinstanzen, allerdings nehmen in der
Wissensgesellschaft auch andere Bereiche, in denen Wissen
produziert wird, Einfluss auf die Wissenschaft. (vgl.
ebd.,
S.357f.)
Schließlich kann sich die Wissenssoziologie auch mit dem so
genannten
»verborgenen«, »selbstverständlichen« oder »verdeckten« Wissen
befassen. Dieses Wissen kann »in der Kultur« angelegt sein,
ist in der Sprache verankert und wird in der Tradition oder den
Institutionen verkörpert. (vgl.
ebd.,
S.18)