»Michel Foucault
(1926-1984) hat keine dezidierte literaturwissenschaftliche
Diskursanalyse ausgearbeitet und seine Vorstellungen über die Literatur im
Laufe seines Lebens verändert. Ebenso wenig findet man in seinen
Werken "einen systematischen Aufweis der Funktion der Literatur " (Geisenhanslücke
2014, S.332, Kindle Edition)
Während er in seinem Frühwerk
davon ausging, dass die Literatur die Funktion eines
›Gegendiskurses‹ gegenüber dem dominierenden
Wissenschaftsdiskurs einnehme, indem sie Muster und
Wahrnehmungsschemata und kognitive Schemata in Frage stellte,
ändert er diese Position später.
Unter der Perspektive
gesellschaftlicher Zusammenhänge und herrschender
Machtstrukturen betrachtet, konnten seiner Auffassung nach nun auch literarische Texte
"Bestandteil von Herrschaftsdiskursen" (Winko
1996/82008, S.469) werden und damit teilhaben an
der • Ausübung von Macht.
Diskursanalytische Zugänge sehen daher im Anschluss an die spätere
Positionen Foucaults in Literatur "ein geregeltes,
aber auch regelndes Ordnungssystem". (Becker/Hummel/Sander
22018, S.234)
In der Gesamtheit der miteinander
vernetzten Diskurse (Interdiskursivität) stellt sie einerseits
eine besondere, historisch-spezifische ›diskursive Formation‹"
dar, einen "Spezialdiskurs mit eigenen Formationsregeln" (Gerhard/Link/Parr
32004, S.118). Zugleich greift sie
andererseits auch "in bes[onders] hohem Maße auf
diskursübergreifende Elemente zurück" (ebd.) Dies geschieht
auf zweierlei Weise.
-
Einerseits erweitert und vermehrt der
literarische Spezialdiskurs das
enzyklopädische Wissen und
erfüllt damit die Forderung,
Wissenselemente zu einem bestimmten Diskurs beizutragen (vgl.
Baasner
2005, S,137).
-
Andererseits verwendet sie ihr vielfältiges Datenmaterial in
einer Weise, "daß die Ambivalenzen und semantischen
Anschlußmöglichkeiten noch gesteigert werden und im Extremfall
die gesamte Struktur der Spezial- und Interdiskurse einer Kultur
ins Spiel gebracht wird." (ebd.)
Gewöhnlich arbeitet die literaturwissenschaftliche
Diskursanalyse jedoch vor allem besondere Spezialdiskurse als
Themen von Literatur heraus. (vgl.
ebd.)
Indem Texte bzw. "Textpassagen durch die Identifikation relevanter Diskurse
in einen erhellenden historischen Bezug gestellt werden und Verbindungen
aufgezeigt, die zwischen Figuren, Bildern oder Handlungselementen in einem
oder mehreren literarischen Texten und zeitgenössischen diskursiven
Einheiten bestehen" (Köppe/Winko
2008, S.104),
lässt sich "z. B. die Abhängigkeit der literarischen Texte von bestimmten
zeitgenössischen Diskursen belegen." (ebd.)
Dabei stellt
die Diskursanalyse Beziehungen zwischen literarischen Texten und
Texten aller Art einschließlich medialer Texte (Bilder, Videos,
Audiodokumente etc.) her, deren Bindglied im Allgemeinen in
einem gemeinsamen Thema, in einem bestimmten Denkansatz oder -muster
oder in einer Schreibtechnik gesehen wird. (vgl. Winko
1996/82008, S.473)
Zudem kommen
für die Diskursanalyse dabei nicht nur Texte in Frage, die zur gleichen Zeit entstanden
sind. So können auch die eigenen Bezugstheorien, also z. B. die
Diskurstheorie von Foucault, herangezogen werden und mit den
historischen Texten in Verbindung gebracht werden. Ebenso kann
in einer Art ›textualisierenden Geschichtsbetrachtung‹
Geschichte wie Literatur behandelt werden, wenn direkte Bezüge
zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Informationen
hergestellt werden. (vgl.
ebd., S.474f.)
Literarische Texte
sind,
ebenso wie
Gebrauchstexte,, diskursanalytisch gesehen, "»Knotenpunkte« im Netz
verschiedener Diskurse" (Köppe/Winko
(2008, S.102), die keine festen Grenzen haben und nicht auf eine
außertextliche Wirklichkeit verweisen, "sondern auf Sprache, mithin auf
andere Texte und Diskurse" (ebd.),
die allein den (intertextuellen) Kontext darstellen, den die
Diskursanalyse berücksichtigt. Literarische Texte haben in einem Diskurs
"nichts spezifisch Literarisches, sondern sind beliebige Texte, die sich
einem Thema widmen." (Baasner
2005, S.143)
Damit stellt
sich der diskursanalytische Ansatz antihermeneutisch auf, da er
sich gegen das hermeneutische Ziel positioniert, durch bestimmte
interpretative Operationen wie z. B. dem so genannten •
hermeneutischen
Zirkel und der •
"Horizontverschmelzung"
– beides Positionen, die heute gemeinhin als überholt
angesehen werden (vgl.
Graf
2015, S.191)
– zu einem adäquaten Textverständnis zu gelangen. (vgl.
Winko 1996/82008, S.471)
Auch das
herkömmliche
triadische Modell der literarischen Kommunikation mit den
Instanzen des Autors als Urheber des Textes, dem als Einheit
verstanden Text, der auf den Textproduzenten und seine
Entstehungsbedingungen verweist, sowie dem Leser als Adressaten,
der sich in einem fortschreitenden Dialog mit dem Text nach und
nach dessen Sinn aneignet, wird von der Diskursanalyse
suspendiert. Für sie ist der Autor kein autonomes
Schöpfersubjekt mehr, das dem Text mit seinen Intentionen einen
herauslesbaren Stempel aufdrückt. Schließlich, so die
Begründung, ist jede Aussage, die ein Sprecher macht, von
Diskursen und ihren Ordnungen abhängig, die in sprachlicher Form
schon vor dem vermeintlichen autonomen Schöpfungsakt eines
Autors existieren. Die oben schon erwähnten "Knotenpunkte im
Netz verschiedener Exkurse", die literarische Texte darstellen,
sind kontingent, was verkürzt gesagt bedeutet, dass auf keine
textexterne Realität und deren Objekte verweisen, sondern
lediglich auf andere Texte aller Art oder auf Diskurse. Und aus
diesem Grund kann sich ein Leser mit welchen Operationen auch
immer keinen verbindlichen Sinn, sondern "immer nur ihre eigene
Lesart konstruieren." (ebd.
1996/82008, S.472)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
20.03.2025