Ursprünglich war der interdiskurstheoretische Analyseansatz,
so wie ihn »Jürgen
Link (geb. 1940) (1983,
1988)
damals verstanden hat, vor allem auf den interdiskursiven
Charakter von Literatur und damit mehr oder weniger klar
den •
literaturwissenschaftlichen Ansätzen der Diskursanalyse
zuzuordnen.
Heute hingegen hat sie ihr Forschungsgebiet, wie die
Arbeiten im Umfeld der seit 1982 erscheinenden Zeitschrift »KultuRRevolution
(»offizielle
Webseite) eindrucksvoll dokumentieren, auf
• sozialwissen-, kultur- und medienwissenschaftliche Fragen und Problemstellungen
erweitert und auch "Dispositive wie ›Vernunft‹, ›Sexualität‹
oder ›Normalität‹ (berücksichtigt), die soziale Gegenstände von
besonderer, tendenziell gesamtgesellschaftlicher Relevanz
konstituieren und dadurch charakterisiert sind, dass »jeweils
mehrere Spezialdiskurse mit mehreren nicht-diskursiven Praktiken
›vernetzt‹ sind« (Link/Link-Heer
1990, S.92), also eine besonders komplexe Form
interdiskursiver Konstellationen darstellen." (Parr
2014b, S.203)

"Die Interdiskurstheorie, die vor allem von Jürgen Link und
Ursula Link-Heer entwickelt wurde, versucht die spezifische
Funktion literarischer Diskurse und elementarliterarischer
Elemente in anderen Diskursen zu bestimmen und dabei
machtstützende wie auch subversive Effekte systematisch zu
untersuchen. Dabei gelingt es Link in seiner Forschungspraxis,
Foucaultsche Diskursanalyse und textnahe Analysen mithilfe
strukturalistischer Werkzeuge zu verbinden, ohne in
hermeneutische Interpretationen zurückzufallen." (Jäger/Jäger/Nothardt/Wamper
2024, S.35f.)
"Einen systematischen Aufweis der Funktion der Literatur
sucht man in seinem Werk jedoch vergeblich." (Geisenhanslücke
2014, S.332, Kindle Edition)
3.4.2 Interdiskurstheorie Die Interdiskurstheorie, die vor
allem von Jürgen Link und Ursula Link-Heer entwickelt wurde,
versucht die spezifische Funktion literarischer Diskurse und
elementarliterarischer Elemente in anderen Diskursen zu
bestimmen und dabei machtstützende wie auch subversive Effekte
systematisch zu untersuchen. Dabei gelingt es Link in seiner
Forschungspraxis, Foucaultsche Diskursanalyse und textnahe
Analysen mithilfe strukturalistischer Werkzeuge zu verbinden,
ohne in hermeneutische Interpretationen zurückzufallen. Da die
Interdiskursanalyse
Interdiskursanalyse für die KDA eine wichtige Bedeutung hat,
die nicht nur literarische Diskurse betrifft, stellen wir sie
weiter unten in Unterkapitel 3.5 vor und in 6.6. ihre Anwendung
auf literarische Diskurse.
Jäger, Siegfried; Jäger, Margarete; Nothardt, Benno; Wamper,
Regina. Kritische Diskursanalyse: Eine Einführung (p. 36). (Function).
Kindle Edition.
Jäger, Siegfried; Jäger, Margarete; Nothardt, Benno; Wamper,
Regina. Kritische Diskursanalyse: Eine Einführung (pp. 35-36). (Function).
Kindle Edition.
"Interdiskursanalyse
Einen gänzlich anderen Ansatz als den Klawitters, mit Foucaults
Literaturbegriff umzugehen, bildet die von Jürgen Link und
Ursula Link-Heer begründete Interdiskursanalyse, die Jürgen Link
nicht zu Unrecht als eine »besondere Spielart der
Diskursanalyse« (Link
2003, 189) bezeichnet hat (s. Kap. III.3.4). Ausgangspunkt
der Überlegungen von Link und Link-Heer ist Differenzierung des
Wissens in der Moderne in unterschiedliche Spezialdiskurse.
Unter dem Interdiskurs sind vor diesem Hintergrund »alle
Strukturen zu verstehen, die in hoch spezialistischen,
ausdifferenzierten Kulturen wie insbesondere den sog. modernen
Kulturen Interferenzen zwischen den Spezialdiskursen bzw.
Querschnittsformen über ihren Grenzen hinaus bilden« (ebd.,
197). Wenn Link und Link-Heer Literatur als Interdiskurs
bestimmen, brechen sie von vornherein mit den Versuchen einer
poetologischen Lesart der Diskursanalyse, wie sie
Geisenhanslüke, Wunderlich und Klawitter vorgelegt haben. Ihnen
geht es vielmehr darum, die spezifisch diskursiven Gesetze der
Literatur herauszuarbeiten. Literatur erscheint damit nicht mehr
als privilegierter Ort der Diskursanalyse, sondern als ein
Diskurs unter vielen anderen, wobei sich die Diskurse
grundsätzlich in einzelne Spezialdiskurse und vermittelnde
Interdiskurse unterscheiden lassen. Die Interdiskursanalyse
nimmt vor diesem Hintergrund die Schnittmenge zum Gegenstand,
die einzelne Spezialdiskurse aufweisen: »Wir schlagen vor, jede
historisch-spezifische ›diskursive Formation‹ im Sinne Foucaults
als ›Spezialdiskurs‹ zu bezeichnen und dann alle
interferierenden, koppelnden, integrierenden usw.
Quer-Beziehungen zwischen mehreren Spezialdiskursen
›interdiskursiv‹ zu nennen« (Link/Link-Heer
1990, 92). Die Interdiskursanalyse kann damit zwar auf
wichtige Anregungen Foucaults zurückgreifen. Dennoch ist sie als
eine ganz eigenständige Leistung zu werten, die über das von
Foucault selbst zu Literatur und Diskurs Gesagte bewusst
hinausgeht. " (Geisenhanslücke
2014, S.335, Kindle Edition)
"Es sind insbesondere zwei Aspekte, mit deren Hilfe Link und
Link-Heer den Frage-Horizont der Interdiskursanalyse bestimmen.
Zum einen untersucht die Interdiskursanalyse in generativer
Absicht »die Entstehung literarischer Texte aus einem je
historisch-spezifischen diskursintegrativen Spiel«. Darüber
hinaus geht es ihr um »die je besondere Subjektivierung des
Integral-Wissens« (ebd., 95), das den literarischen Diskurs in
subjektiv applizierbare Vorgaben verwandle. Die beiden
Fragerichtungen der Interdiskursanalyse sind zugleich
miteinander vermittelt. Die erste besteht in der genealogischen
Betrachtung der Entstehung der Genealogie der Literatur aus
einem diskursiven Kräftefeld heraus, das es in seiner
historischen Besonderheit zu rekonstruieren gilt (s. Kap.
IV.14). In dem Maße, in dem Literatur als eine Form des
Interdiskurses, also als ein Zusammenspiel verschiedener
Spezialdiskurse verstanden wird, nähert sich die
Interdiskursanalyse dem historischen Phänomen der Literatur
daher zunächst von außen auf einer beschreibenden Ebene. Als
dezidiert externe Betrachtung literarischer Texte kann die
Interdiskursanalyse darin unmittelbar an Foucault anknüpfen: »Um
zu erfahren, was Literatur ist, würde ich nicht ihre internen
Strukturen studieren wollen. Ich wollte lieber die Bewegung
verstehen, den kleinen Vorgang, durch den ein
nicht-literarischer Diskurs, ein vernachlässigter, so rasch
vergessen wie ausgesprochen, in das literarische Feld eintritt«
(F 1990, 233), sagt Foucault in einem Interview aus dem Jahre
1975, das zugleich eine Selbstkorrektur seiner frühen
Überlegungen zur Literatur vollzieht. Die Interdiskursanalyse
erschöpft sich aber nicht in der deskriptiven Bestimmung von
Literatur aus dem diskursintegrativen Spiel. Sie begreift die
Funktion moderner Literatur zugleich als eine Subjektivierung
des Wissens, das die einzelnen Spezialdiskurse bereithalten. Im
Unterschied zu intertextuellen Ansätzen, denen es meist um
Interferenzphänomene zwischen rein literarischen Diskursformen
geht, verknüpft die Interdiskursanalyse im Blick auf die
Mechanismen der Diskursspezialisierung und der
Diskursintegration in der Moderne demnach die beiden Momente von
Wissen und Macht, die Foucaults eigene Analysen leiten.
Literatur ist eine bestimmte Form der Verknüpfung von Wissen aus
anderen Diskursen, ihre besondere Funktion, die sie zugleich von
anderen Spezialdiskursen signifikant unterscheidet, besteht in
der Transformation des Wissens in »subjektiv applizierbare
Vorgaben« (Link-Heer
1998, 133). Literatur erscheint damit zugleich als eine Form
der Macht, die Diskurse auf den Menschen ausüben. In der Nähe
zur Kultursoziologie etabliert sich die Interdiskursanalyse als
eine kritische Analyse literarischer Texte, die sich ihrem
Gegenstand gegen- über bewusst äußerlich verhält und die
Literatur von jener Unschuld befreit, die sie beim frühen
Foucault als Ausdruck des reinen Seins der Sprache noch zu
verkörpern schien. Nicht mehr allein als subversiver
Gegendiskurs zur Ordnung des Wissens erscheint die Literatur im
Licht der Interdiskursanalyse, sondern in Übereinstimmung mit
Foucaults späten Überlegungen zur Funktion des literarischen
Diskurses als integrative Kraft innerhalb diskursiver
Formationen, an denen sie teil hat. Die Interdiskursanalyse
bricht mit den romantisierenden Vorgaben einer Ontologie der
Literatur, die Foucaults frühe Überlegungen noch gekennzeichnet
hatten, zugunsten einer nüchternen Analyse der Literatur als
einer spezifischen diskursiven Konstellation, deren Regeln durch
externe Beobachtung beschrieben werden können. Im Unterschied zu
den letztlich scheiternden Versuchen, aus Foucaults eigenen
Analysen zur Literatur eine Theorie des literarischen Diskurses
zu entwickeln, erreicht die Interdiskursanalyse mit ihrem
Vorgehen ein weitaus größeres Maß an wissenschaftlicher
Objektivität. "
- (Geisenhanslücke
2014, S.335f,, Kindle Edition)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
20.03.2025