Um eine Diskursanalyse durchzuführen, die das Ziel hat, •
Episteme der
Vergangenheit und Gegenwart als •
mediale Wissensformationen freizulegen, kann man einer
Abfolge von Arbeitsschritten folgen.
Diese stellt aber nur einen
Vorschlag dar, zumal es ohnehin keinen "›Königsweg‹ der
Diskursanalyse gibt" (Keller/Bosančić
2018, S.49). Er kann je nach Gegenstand und konkreten Zielen, die
mit einer Diskursanalyse verfolgt werden, jederzeit
abgeändert und angepasst werden kann. Dies gilt natürlich • im didaktischen Umfeld des
Deutschunterrichts in besonderer Weise.
Im Anschluss an
Keller/Bosančić
(2018) und
Pfeiffer (2023)
lässt sich eine wissenschaftsorientierte Diskursanalyse im
Rahmen einer Bachelor-Arbeit in einer Abfolge von vier verschiedenen
Arbeitsschritten durchführen, die wir in modifizierter Form
übernehmen und ausführlich kommentieren.
Bei diesem
Arbeitsschritt geht es darum, eine Fragestellung für die
Diskursanalyse zu erarbeiten und als deren Grundlage
festzulegen, "deren Formulierung sich aus unterschiedlichen
theoretischen Fragestellun-gen oder empirischen
Forschungsinteressen ergeben kann." (Keller/Bosančić
2018, S.47)
Dabei können
die nachfolgenden Fragen als Hilfen dienen?
-
Welches Thema,
welche Diskurse oder diskursiven Konflikte sollen untersucht werden?
Warum?
-
Im Hinblick
auf welche Fragen bzw. Dimensionen soll dies geschehen ?Mit welcher
konkreten Fragestellung?
Wie diese
Fragen beantwortet werden, hängt natürlich von der jeweiligen
Fachdisziplin bzw. dem diskursanalytischen Ansatz ab, der
verfolgt wird.
Am Ende sollten
Thema und Fragestellung möglichst klar und verständlich
formuliert sein, um als Bezugspunkt für sämtliche Operationen im
Rahmen der angestrebten Diskursanalyse dienen zu können.
Sollte
es sich aus bestimmten Gründen ergeben, dass diese Fragestellung
im Zuge der konkreten Diskursanalyse nicht genau "passt", kann
sie in einem
rekursiv
verlaufenden
Arabeits- bzw.
Schreibprozess, je nach Vorgaben, entsprechend modifiziert
und die bisherigen Ergebnisse daran neu ausgerichtet werden.
(vgl.
Keller/Bosančić
2018, S.47)
So kann z. B.
zu dem Thema Stereotype für Deutsche untersucht werden:
Wie werden Stereotype des "normalen" Deutschen in
Hollywood-Filmen dargestellt? (Fragestellung), oder z. B. das
Thema Urlaub: Welche Vorstellungen über den "guten"
Urlauber dominieren in unser Gesellschaft?
Bei diesem
Arbeitsschritt geht es darum, die "mediale Wissensformation" (vgl. Dreesen/Kumiega/Spieß
2012 S.9) bzw. das umfassende Formations- bzw. •
Aussagesystem, (des
übergeordneten Diskurses), das durch die Fragestellung eingrenzt
wird, zu reflektieren.
Dazu wird
zunächst "mit einer Art Suchhypothese (begonnen), die sich
darauf richtet, dass sich bei verschiedenen Äußerungen, die
einzeln und raum-zeitlich verstreut in den unterschiedlichsten
Formen erscheinen können, ein typischer und sich wiederholender
Kern rekonstruieren lässt." (vgl.
Keller/Bosančić
2018, S.47f.). Diese Suchhypothese stellt dabei eine spezifische
Aussage bzw. ein Zusammenhang von Aussagen dar, mit dem sich
Diskurszusammenhang von heterogenen Elementen abgrenzen und
beschreiben lässt.
Sie soll
ermöglichen, dass z. B. eine bestimmte Ebene des Diskurses identifiziert und beschrieben
werden kann, die in Beziehungen zu dem übergeordneten Diskurs und zu
anderen untergeordneten Diskursen steht. Die Diskursebenen,
um die es hier geht, stellen gesellschaftliche Bereiche dar, in
denen der zu analysierende Diskurs beobachtet werden kann (z. B.
Politik, Kultur oder Medien). Teilelemente solcher Ebenen lassen
sich als Diskurssektoren bezeichnen.
Lautet die
Fragestellung der Diskursanalyse wie im obigen Beispiel: Wie
werden Stereotype des "normalen" Deutschen in Hollywood-Filmen
dargestellt?, dann kann man die Fragestellung der
Diskursebene Medien zuordnen, noch genauer: dem
Diskurssektor Film.
Auswahl des Materials an diskursiven und nicht-diskursiven
Praktiken
Hier
geht es letzten Endes um die Suche von Material für die geplante
Diskursanalyse, d. h. das Suchen und Finden von •
diskursiven und
nicht-diskursiven Praktiken, die den zu analysierenden
Diskurs bestimmen.
Gesucht werden, ähnlich einem •
Archäologen,
der die Dinge, die er ausgräbt, einfach ohne Kontextbezug nimmt,
wie sie sind, • "diskursive Ereignisse",
die Aufschluss darüber geben, was und wie die Gesellschaft über
das Thema denkt, spricht oder in Bezug auf das Thema handelt.
Dabei kommt es schon bei der Auswahl des "Materials"
darauf an, und dies
nicht nur bei historischen Diskursanalysen, die
Spuren- bzw. Materialsuche möglichst •
ohne den unreflektierten Einfluss des ansonsten prägenden eigenen
Vorverständnisses vorzunehmen. Dieses sagt einem gewöhnlich, was
"normalerweise" zu einem
Diskurs wie diesem gehört. (vgl. Rosa/Strecker/Kottmann 32018, S. 292)
Wichtig ist bei
der Suche, dem Auffinden und dem Zusammenstellen des
"Material(s),
das man in seiner ursprünglichen Neutralität zu behandeln hat"
(Foucault 1973/1981,
S.41), dass neben dem, was
gemeinhin zu einem Thema gesagt wird, auch das, was nicht gesagt, ausgegrenzt und ausgeschlossen wird, zum "Material" eines
solchen Diskurses gehört. Dabei kann auch die
•
Medialität des Diskurses
von besonderer Bedeutung sein.
In jedem Fall
umfasst das "Material", um das es hier geht, mehr als die in
sprachlicher Form auffindbaren •
diskursiven Praktiken (z. B.
Gesetzestexte, Verordnungen, Bücher, Texte i. e. S.,
Internetblogs, Filme, Talk-Shows etc.). Dazu
zählen
auch andere "Gegenstände" als •
nicht-diskursive Praktiken (z. B. technische,
institutionelle, ökonomische oder politische Praktiken) bzw. als
• Materialisierungen des
Diskurses. Es können z.
B. auch
Daten zur Häufigkeit, zu Zeitpunkt oder Zeitverlauf
und/oder zu verschiedenen Kombinationen ihres Vorkommens sein.
(vgl. Winko
1996/82008, S.467)
Am Ende der
Materialsuche steht die Entscheidung, welche der heterogenen
Elemente, die zu dem Diskurs gehören, genauer analysiert und
ihren Beziehungen beschrieben werden sollen. Am besten ist es
dabei, sich auf möglichst nicht so komplexe •
Aussagen zu
konzentrieren. Diese können gegenüber dem •
Aussagesystem,
das sie zusammen mit anderen bilden, als
Diskursfragmente bezeichnet
werden. Das kann dann auch ein einzelner diskursiver Text oder
auch ein Teil
eines solchen sein, ein Filmausschnitt oder auch eine
Detailansicht eines Denkmals. Mehrere Diskursfragmente zu einem
gleichen Thema können dabei einen Diskursstrang
in dem übergeordneten Aussage- bzw. Formationssystem des
Diskurses, zu dem sie gehören, darstellen.
Bei der
Fragestellung der Diskursanalyse wie im obigen Beispiel: Wie
werden Stereotype des "normalen" Deutschen in Hollywood-Filmen
dargestellt? könnten z. B. die ausgewählten Diskursfragmente
in einer diachronen Analyse der in einem Zeitraum über mehrere
Jahre in jedem Jahr erfolgreichste Hollywood-Film sein, in dem
Deutschland bzw. Deutsche oder Deutsches dargestellt oder
irgendwie erwähnt werden.
Bei dem abschließenden Arbeitsschritt werden das ausgewählte
"Material", die zusammengetragenen •
diskursiven und
nicht-diskursiven Praktiken analysiert und ihrer Beziehung
zueinander analysiert. Ziel der Analyse ist es, dabei
festzustellen, was in der
Zeit, um die es geht, zu dem Thema "faktisch gesagt wurde und
dann gleichsam zu stabilen Aussagemustern kristallisierte, die
nach einiger Zeit wieder zerfallen".(Sarasin
2005, S.106).
Wichtig ist zu verstehen, worum es nicht geht: Es geht es nicht darum, die
zusammengetragenen wahrnehmbaren und feststellbaren Fakten
darauf zu überprüfen, ob sie "wahr" sind. Solche
Wahrheitsansprüche sollen nicht kritisch gegeneinander abgewogen und am Ende
ein begründetes
Wert-
und/oder
Sachurteil über sie gefällt werden. Ideologiekritik ist also
(eigentlich) Sache der Diskursanalyse nicht.
Die "chaotisch im Raum" (Fink-Eitel
1989/42002, S.59) verstreuten, heterogenen
Elemente bzw. "Fakten" sind als
kontingente
Aussagen zu verstehen, die in ihrer jeweiligen Materialität nur
das sagen, was zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten
Ort gesagt werden darf und damit Teil einer "medialen
Wissensformation" (vgl. Dreesen/Kumiega/Spieß
2012, S.9) geworden sind.
Die Ergebnisse der Analyse sollten im
Idealfall , •
wie Foucault sagt, aber durchaus dazu dienen, die "Gesamtheit erzwungener
oder erzwingender Bedeutungen" zu erkennen, "die
die gesellschaftlichen Verhältnisse" der Gegenwart "durchziehen".
Dazu werden die ausgewählten •
diskursiven
Praktiken und •
nicht-diskursiven Praktiken, in dem "Material", das man gefunden und ausgewählt
hat, zunächst einmal voneinander unterschieden, um sie am Ende
in ihrer gegenseitigen Beziehung beschreiben zu können.
Dafür kommen alle deskriptiv bzw. strukturalistisch
ausgerichteten Methoden in Frage, mit denen Strukturen von
Texten i. w. S. und Medien aller Art in Bezug auf ihre
Zusammensetzung und Funktion beschrieben werden können.
Im sozialwissenschaftlichen Umfeld zählen dazu z. B.
sequenz-
analytische Vorgehensweisen, die
Methode
der dokumentarischen Interpretation oder
Verfahren
kontrollierter Kategorienbildung. (Keller
2013, S.439), auf die hier nicht näher eingegangen werden
kann.
Bei
• diskursiven
Praktiken (i. e. S. Texte, die in sprachlicher Form
vorliegen) stehen einem dabei aber auch, wenn es eine stärker •
sprachwissenschaftliche Analyse erforderlich macht, vielfältige Instrumente und Verfahren aus einem
interdisziplinären Werkzeugkasten zur Verfügung, die zur •
Textanalyse
verwendet werden können. Dazu zählen z. B. •
Methoden der Textzusammenfassung und der inhaltlichen
Erschließung oder die Analyse, der Art und Weise, wie •
das
Thema entfaltet wird.
Bei •
nicht-diskursiven Praktiken wie z. B. gesellschaftlichen,
technischen, institutionellen, ökonomischen oder politischen
Praktiken und • Gegenständen,
die •
in materialisierter
Form für "Wissensordnungen und Wahrheiten" stehen, "die nicht mehr diskursiv
zirkulieren" (Hoffarth
2012, S.214), muss man von Fall zu Fall überlegen, welche
Methoden zur Beschreibung dazu geeignet sind.
Um die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichsten Dokumenten
auszuloten, gibt es verschiedene Methoden, die hier nicht im
einzelnen expliziert werden können. Dazu zählen z. B. die
Analyse von »Deutungsmustern,
die als Schemata zur Deutung von Sinn- und
Handlungszusammenhängen herangezogen werden, das
Konzept der
Phänomenstruktur "als der diskursiv hergestellten und dann
spezifisch ausgeführten Dimensionalisierung von Eigenschaften
eines Phänomens)", das
Konzept der narrativen Strukturen und story lines, "welche
heterogene Deutungselemente zu spezifischen erzählbaren
Geschichten zusammenführen, oder auch der Blick auf
Klassifikationen, welche
gesellschaftliche Wissensfelder und Handlungsbereiche spezifisch
organisieren." (Keller/Bosančić
2018, S.49)
In keinem Fall
soll es, auch im Fall einer •
literaturwissenschaftlich ausgerichteten Diskursanalyse
darum gehen, quasi über die Hintertüre "durch Einbettung in einen geeigneten
Kontext »die Bedeutung« eines Textes interpretativ zu erschließen." (Köppe/Winko
2008, S.104)
Worauf es
allerdings ankommt, ist zu verstehen, dass Diskurse komplexe Systeme von
Aussagen, Praktiken und Machtverhältnissen darstellen, die unser Wissen und
Verständnis von der Welt formen. Sie stellen ein strukturiertes
System von Aussagen dar, das Wissen produziert und bestimmt, was
in einer bestimmten Epoche oder in einem bestimmten Bereich als
"wahr" oder "sagbar" gilt.
Dabei sind
Diskurse eng an • "Machtstrukturen"
gekoppelt, die sich mit ihnen zu so genannten •
Dispositiven verbinden. Diese
umfassen eine große Zahl an höchst heterogenen Elementen, wie
Diskurse, Institutionen, wissenschaftlichen Aussagen und
philosophischen Lehrsätze, die die strategische Funktion haben,
Machtstrukturen zu errichten, zu festigen, zu hinterfragen und
ggf. zu verändern. (vgl. Gille
2012, S.169). Oder anders ausgedrückt: die in bestimmten
Bereichen festlegen, was als wahr, gültig oder relevant
anzusehen. Dazu schaffen sie Kategorien, durch die wir uns und
die Welt um uns herum betrachten und verstehen. Zugleich grenzen
sie bestimmte Themen aus, engen unsere Perspektiven auf die Welt
ein und legen uns darauf, fest wie wir zu leben haben, wenn wir
zu den "Normalen" in unserer Gesellschaft zählen wollen.
Die Beschreibung der diskursiven und nicht-diskursiven
Praktiken, die der Auswahl von
Diskursfragmenten im konkreten Fall als Material dienen,
soll am Ende verdeutlichen, was wie wann und wo unter dem
Einfluss von • Machtwirkungen über das Thema tatsächlich gesagt
worden ist und was eben nicht. Dabei können auch vorherrschende
• Dispositive zur Sprache
kommen, wie z. B. das Dispositiv des "hässlichen" Deutschen
in Hollywood-Filmen, das oben als Beispiel für die
Diskursanalyse dargestellt worden ist.
Auch wenn die "bei Foucault verhandelte Sache (...) »Macht«
(heißt)" (Fink-Eitel
1989/42002, S.7) muss eine Diskursanalyse, bei
einer didaktischen Diskursanalyse im Unterricht ohnehin, nicht
zwingend, sofern sie sich nicht nicht "lupenrein" an Foucaults
Konzept und und Machtbegriff orientieren will, daran festhalten.
So lassen sich unserer Auffassung nach auch Fragen, nach der
Entstehung, den gesellschaftlichen Kräften und der von ihnen in
den diskursiven Praktiken zum Ausdruck kommenden Ideologien
durchaus in einer Diskursanalyse zum Ausdruck bringen, wenn sie
diese nicht dominieren und als solche markiert sind.
Und auch Fragen, inwieweit man selbst von einem bestimmten
Diskurs geprägt ist, kann den Ansatz der »Subjektivierung
aufgreifen, ohne den für Foucaults Denken grundlegenden
Zusammenhang von • Wissen, Macht
und • Subjekt dieser Reflexion
zugrunde zu legen.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
20.03.2025