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Diskursanalyse in der Praxis

Arbeitsschrittemodell einer wissenschaftsorientierten Diskursanalyse

Antihermeneutische ModelleDiskursanalytisches Modell

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
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Die zentrale • Aufgabe einer Diskursanalyse kann man darin sehen, die "genaue Untersuchung von Funktionsweisen und Bedingungen" (Winko 1996/82008, S.465) der in • diskursiven Praktiken geschaffenen • Diskursereignisse vorzunehmen und dabei im Sinne »Michel Foucaults (1926-1984) auch die soziale Praxis zu untersuchen, die diese Prozesse auszeichnen.

Dabei richtet sie ihr Augenmerk auf die positiven, d. h. wahrnehmbaren und feststellbaren Fakten. Statt diese auf ihre "Wahrheit" zu untersuchen und kritisch gegeneinander abzuwägen, trägt sie diese zusammen, um am Ende unter einer historischen Perspektive auch die • "Episteme der eigenen Kultur" • freizulegen (vgl. Rosa/Strecker/Kottmann 32018, S. 292).

Arbeitsschrittmodell einer wissenschaftsorientierten Diskursanalyse

Um eine Diskursanalyse durchzuführen, die das Ziel hat, • Episteme der Vergangenheit und Gegenwart als • mediale Wissensformationen freizulegen, kann man einer Abfolge von Arbeitsschritten folgen.

Diese stellt aber nur einen Vorschlag dar, zumal es ohnehin keinen "›Königsweg‹ der Diskursanalyse gibt" (Keller/Bosančić 2018, S.49). Er kann je nach Gegenstand und konkreten Zielen, die mit einer Diskursanalyse verfolgt werden, jederzeit abgeändert und angepasst werden kann. Dies gilt natürlich • im didaktischen Umfeld des Deutschunterrichts in besonderer Weise.

Im Anschluss an Keller/Bosančić (2018) und Pfeiffer (2023) lässt sich eine wissenschaftsorientierte Diskursanalyse im Rahmen einer Bachelor-Arbeit in einer Abfolge von vier verschiedenen Arbeitsschritten durchführen, die wir in modifizierter Form übernehmen und ausführlich kommentieren.

Auswahl des Themas als Diskursgegenstand und Erarbeitung bzw. Festlegung der Fragestellung

Bei diesem Arbeitsschritt geht es darum, eine Fragestellung für die Diskursanalyse zu erarbeiten und als deren Grundlage festzulegen, "deren Formulierung sich aus unterschiedlichen theoretischen Fragestellun-gen oder empirischen Forschungsinteressen ergeben kann." (Keller/Bosančić 2018, S.47)

Dabei können die nachfolgenden Fragen als Hilfen dienen?

  • Welches Thema, welche Diskurse oder diskursiven Konflikte sollen untersucht werden? Warum?

  • Im Hinblick auf welche Fragen bzw. Dimensionen soll dies geschehen ?Mit welcher konkreten Fragestellung?

Wie diese Fragen beantwortet werden, hängt natürlich von der jeweiligen Fachdisziplin bzw. dem diskursanalytischen Ansatz ab, der verfolgt  wird.

Am Ende sollten Thema und Fragestellung möglichst klar und verständlich formuliert sein, um als Bezugspunkt für sämtliche Operationen im Rahmen der angestrebten Diskursanalyse dienen zu können.

Sollte es sich aus bestimmten Gründen ergeben, dass diese Fragestellung im Zuge der konkreten Diskursanalyse nicht genau "passt", kann sie in einem rekursiv verlaufenden Arabeits- bzw. Schreibprozess, je nach Vorgaben, entsprechend modifiziert und die bisherigen Ergebnisse daran neu ausgerichtet werden. (vgl. Keller/Bosančić 2018, S.47)

So kann z. B. zu dem Thema Stereotype für Deutsche untersucht werden: Wie werden Stereotype des "normalen" Deutschen in Hollywood-Filmen dargestellt? (Fragestellung), oder z. B. das Thema Urlaub: Welche Vorstellungen über den "guten" Urlauber dominieren in unser Gesellschaft?

Eingrenzung des Aussagesystems und Beschreibung der Diskursebene

Bei diesem Arbeitsschritt geht es darum, die "mediale Wissensformation" (vgl. Dreesen/Kumiega/Spieß 2012 S.9) bzw. das umfassende Formations- bzw. • Aussagesystem, (des übergeordneten Diskurses), das durch die Fragestellung eingrenzt wird, zu reflektieren.

Dazu wird zunächst "mit einer Art Suchhypothese (begonnen), die sich darauf richtet, dass sich bei verschiedenen Äußerungen, die einzeln und raum-zeitlich verstreut in den unterschiedlichsten Formen erscheinen können, ein typischer und sich wiederholender Kern rekonstruieren lässt." (vgl. Keller/Bosančić 2018, S.47f.). Diese Suchhypothese stellt dabei eine spezifische Aussage bzw. ein Zusammenhang von Aussagen dar, mit dem sich Diskurszusammenhang von heterogenen Elementen abgrenzen und beschreiben lässt.

Sie soll ermöglichen, dass z. B. eine bestimmte Ebene des Diskurses identifiziert und beschrieben werden kann, die in Beziehungen zu dem übergeordneten Diskurs und zu anderen untergeordneten Diskursen steht. Die Diskursebenen, um die es hier geht, stellen gesellschaftliche Bereiche dar, in denen der zu analysierende Diskurs beobachtet werden kann (z. B. Politik, Kultur oder Medien). Teilelemente solcher Ebenen lassen sich als Diskurssektoren bezeichnen.

Lautet die Fragestellung der Diskursanalyse wie im obigen Beispiel: Wie werden Stereotype des "normalen" Deutschen in Hollywood-Filmen dargestellt?, dann kann man die Fragestellung der Diskursebene Medien zuordnen, noch genauer: dem Diskurssektor Film.

Auswahl des Materials an diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken

Hier geht es letzten Endes um die Suche von Material für die geplante Diskursanalyse, d. h. das Suchen und Finden von • diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken, die den zu analysierenden Diskurs bestimmen.

Gesucht werden, ähnlich einem • Archäologen, der die Dinge, die er ausgräbt, einfach ohne Kontextbezug nimmt, wie sie sind, • "diskursive Ereignisse", die Aufschluss darüber geben, was und wie die Gesellschaft über das Thema denkt, spricht oder in Bezug auf das Thema handelt.

Dabei kommt es schon bei der Auswahl des "Materials" darauf an, und dies nicht nur bei historischen Diskursanalysen, die Spuren- bzw. Materialsuche möglichst • ohne den unreflektierten Einfluss des ansonsten prägenden eigenen Vorverständnisses vorzunehmen. Dieses sagt einem gewöhnlich, was "normalerweise" zu einem Diskurs wie diesem gehört. (vgl. Rosa/Strecker/Kottmann 32018, S. 292)

Wichtig ist bei der Suche, dem Auffinden und dem Zusammenstellen des "Material(s), das man in seiner ursprünglichen Neutralität zu behandeln hat" (Foucault 1973/1981, S.41), dass neben dem, was gemeinhin zu einem Thema gesagt wird, auch das, was nicht gesagt, ausgegrenzt und ausgeschlossen wird, zum "Material" eines solchen Diskurses gehört. Dabei kann auch die Medialität des Diskurses von besonderer Bedeutung sein.

In jedem Fall umfasst das "Material", um das es hier geht, mehr als die in sprachlicher Form auffindbaren • diskursiven Praktiken (z. B. Gesetzestexte, Verordnungen, Bücher, Texte i. e. S., Internetblogs,  Filme, Talk-Shows etc.). Dazu zählen auch andere "Gegenstände" als • nicht-diskursive Praktiken (z. B. technische, institutionelle, ökonomische oder politische Praktiken) bzw. als • Materialisierungen des Diskurses. Es können z. B. auch Daten zur Häufigkeit, zu Zeitpunkt oder Zeitverlauf und/oder zu verschiedenen Kombinationen ihres Vorkommens sein. (vgl. Winko 1996/82008, S.467)

Am Ende der Materialsuche steht die Entscheidung, welche der heterogenen Elemente, die zu dem Diskurs gehören, genauer analysiert und ihren Beziehungen beschrieben werden sollen. Am besten ist es dabei, sich auf möglichst nicht so komplexe • Aussagen zu konzentrieren. Diese können gegenüber dem • Aussagesystem, das sie zusammen mit anderen bilden, als Diskursfragmente bezeichnet werden. Das kann dann auch ein einzelner diskursiver Text oder auch ein Teil eines solchen sein, ein Filmausschnitt oder auch eine Detailansicht eines Denkmals. Mehrere Diskursfragmente zu einem  gleichen Thema können dabei  einen Diskursstrang in dem übergeordneten Aussage- bzw. Formationssystem des Diskurses, zu dem sie gehören, darstellen.

Bei der Fragestellung der Diskursanalyse wie im obigen Beispiel: Wie werden Stereotype des "normalen" Deutschen in Hollywood-Filmen dargestellt? könnten z. B. die ausgewählten Diskursfragmente in einer diachronen Analyse der in einem Zeitraum über mehrere Jahre in jedem Jahr erfolgreichste Hollywood-Film sein, in dem Deutschland bzw. Deutsche oder Deutsches  dargestellt oder irgendwie erwähnt werden.

Analyse und Beschreibung der diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken und ihrer Beziehungen

Bei dem abschließenden Arbeitsschritt werden das ausgewählte "Material", die zusammengetragenen • diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken analysiert und ihrer Beziehung zueinander analysiert. Ziel der Analyse ist es, dabei festzustellen, was in der Zeit, um die es geht, zu dem Thema "faktisch gesagt wurde und dann gleichsam zu stabilen Aussagemustern kristallisierte, die nach einiger Zeit wieder zerfallen".(Sarasin 2005, S.106).

Wichtig ist zu verstehen, worum es nicht geht: Es geht es nicht darum, die zusammengetragenen wahrnehmbaren und feststellbaren Fakten darauf zu überprüfen, ob sie "wahr" sind.  Solche Wahrheitsansprüche sollen nicht kritisch gegeneinander abgewogen und am Ende ein begründetes Wert- und/oder Sachurteil über sie gefällt werden. Ideologiekritik ist also (eigentlich) Sache der Diskursanalyse nicht.

Die "chaotisch im Raum" (Fink-Eitel 1989/42002, S.59) verstreuten, heterogenen Elemente bzw. "Fakten" sind als kontingente Aussagen zu verstehen, die in ihrer jeweiligen Materialität nur das sagen, was zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort gesagt werden darf und damit Teil einer "medialen Wissensformation" (vgl. Dreesen/Kumiega/Spieß 2012,  S.9) geworden sind.

Die Ergebnisse der Analyse sollten im Idealfall , • wie Foucault sagt, aber durchaus  dazu dienen, die "Gesamtheit erzwungener oder erzwingender Bedeutungen" zu erkennen, "die die gesellschaftlichen Verhältnisse" der Gegenwart "durchziehen".

Dazu werden die ausgewählten • diskursiven Praktiken und • nicht-diskursiven Praktiken, in dem "Material", das man gefunden und ausgewählt hat, zunächst einmal voneinander unterschieden, um sie am Ende in ihrer gegenseitigen Beziehung beschreiben zu können.

Dafür kommen alle deskriptiv bzw. strukturalistisch ausgerichteten Methoden in Frage, mit denen Strukturen von Texten i. w. S. und Medien aller Art in Bezug auf ihre Zusammensetzung und Funktion beschrieben werden können.

Im sozialwissenschaftlichen Umfeld zählen dazu z. B. sequenz- analytische Vorgehensweisen, die Methode der dokumentarischen Interpretation oder Verfahren kontrollierter Kategorienbildung. (Keller 2013, S.439), auf die hier nicht näher eingegangen werden kann.

Bei • diskursiven Praktiken (i. e. S. Texte, die in sprachlicher Form vorliegen) stehen einem dabei aber auch, wenn es eine stärker • sprachwissenschaftliche Analyse erforderlich macht, vielfältige Instrumente und Verfahren aus einem interdisziplinären Werkzeugkasten zur Verfügung, die zur • Textanalyse verwendet werden können. Dazu zählen z. B. • Methoden der Textzusammenfassung und der inhaltlichen Erschließung oder die Analyse, der  Art und Weise, wie • das Thema entfaltet wird.

Bei • nicht-diskursiven Praktiken wie z. B. gesellschaftlichen, technischen, institutionellen, ökonomischen oder politischen Praktiken und • Gegenständen, die • in materialisierter Form für "Wissensordnungen und Wahrheiten" stehen, "die nicht mehr diskursiv zirkulieren" (Hoffarth 2012, S.214), muss man von Fall zu Fall überlegen, welche Methoden zur Beschreibung dazu geeignet sind.

Um die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichsten Dokumenten auszuloten, gibt es verschiedene Methoden, die hier nicht im einzelnen expliziert werden können. Dazu zählen z. B. die Analyse von »Deutungsmustern, die als Schemata zur Deutung von Sinn- und Handlungszusammenhängen herangezogen werden, das Konzept der Phänomenstruktur "als der diskursiv hergestellten und dann spezifisch ausgeführten Dimensionalisierung von Eigenschaften eines Phänomens)", das Konzept der narrativen Strukturen und story lines, "welche heterogene Deutungselemente zu spezifischen erzählbaren Geschichten zusammenführen, oder auch der Blick auf Klassifikationen, welche gesellschaftliche Wissensfelder und Handlungsbereiche spezifisch organisieren." (Keller/Bosančić 2018, S.49)

In keinem Fall soll es, auch im Fall einer • literaturwissenschaftlich ausgerichteten Diskursanalyse darum gehen, quasi über die Hintertüre "durch Einbettung in einen geeigneten Kontext »die Bedeutung« eines Textes interpretativ zu erschließen." (Köppe/Winko 2008, S.104)

Worauf es allerdings ankommt, ist zu verstehen, dass Diskurse komplexe Systeme von Aussagen, Praktiken und Machtverhältnissen darstellen, die unser Wissen und Verständnis von der Welt formen. Sie stellen ein strukturiertes System von Aussagen dar, das Wissen produziert und bestimmt, was in einer bestimmten Epoche oder in einem bestimmten Bereich als "wahr" oder "sagbar" gilt.

Dabei sind Diskurse eng an • "Machtstrukturen" gekoppelt, die sich mit ihnen zu so genannten • Dispositiven verbinden. Diese umfassen eine große Zahl an höchst heterogenen Elementen, wie Diskurse, Institutionen, wissenschaftlichen Aussagen und philosophischen Lehrsätze, die die strategische Funktion haben, Machtstrukturen zu errichten, zu festigen, zu hinterfragen und ggf. zu verändern. (vgl. Gille 2012, S.169). Oder anders ausgedrückt: die in bestimmten Bereichen festlegen, was als wahr, gültig oder relevant anzusehen. Dazu schaffen sie Kategorien, durch die wir uns und die Welt um uns herum betrachten und verstehen. Zugleich grenzen sie bestimmte Themen aus, engen unsere Perspektiven auf die Welt ein und legen uns darauf, fest wie wir zu leben haben, wenn wir zu den "Normalen" in unserer Gesellschaft zählen wollen.

Die Beschreibung der diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken, die der Auswahl von Diskursfragmenten im konkreten Fall als Material dienen, soll am Ende verdeutlichen, was wie wann und wo unter dem Einfluss von • Machtwirkungen über das Thema tatsächlich gesagt worden ist und was eben nicht. Dabei können auch vorherrschende • Dispositive zur Sprache kommen, wie z. B. das Dispositiv des "hässlichen" Deutschen in Hollywood-Filmen, das oben als Beispiel für die Diskursanalyse dargestellt worden ist.

Auch wenn die "bei Foucault verhandelte Sache (...) »Macht« (heißt)" (Fink-Eitel 1989/42002, S.7) muss eine Diskursanalyse, bei einer didaktischen Diskursanalyse im Unterricht ohnehin, nicht zwingend, sofern sie sich nicht nicht "lupenrein" an Foucaults Konzept und und Machtbegriff orientieren will, daran festhalten. So lassen sich unserer Auffassung nach auch Fragen, nach der Entstehung, den gesellschaftlichen Kräften und der von ihnen in den diskursiven Praktiken zum Ausdruck kommenden Ideologien durchaus in einer Diskursanalyse zum Ausdruck bringen, wenn sie diese nicht dominieren und als solche markiert sind.

Und auch Fragen, inwieweit man selbst von einem bestimmten Diskurs geprägt ist, kann den Ansatz der »Subjektivierung aufgreifen, ohne den für Foucaults Denken grundlegenden Zusammenhang von • Wissen, Macht und • Subjekt dieser Reflexion zugrunde zu legen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 20.03.2025

    
 

 
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