»Michel Foucault
(1926-1984) hat keine dezidierte literaturwissenschaftliche
Diskursanalyse ausgearbeitet und seine Vorstellungen über die Literatur im
Laufe seines Lebens verändert. Ebenso wenig findet man in seinen
Werken "einen systematischen Aufweis der Funktion der Literatur". (Geisenhanslücke
2014, S.332, Kindle Edition)
Sagen wir so: Nicht gerade gute Aussichten dafür, dass sich ausgerechnet die
Literaturwissenschaft und die Literaturdidaktik mit dem diskursanalytischen
Ansatz beschäftigen sollte.
Was man überhaupt unter literaturwissenschaftlich fundierten Diskursanalysen
versteht, kann sicher auf unterschiedliche Art und Weise beantwortet werden.
Mit Neumeyer
(2010, S. 185) kann man unter literarischen Diskursanalysen
Ansätze verstehen, "die Foucaults Verfahren der Diskursanalyse zur
Betrachtung von Literatur einsetzen und dadurch eine kulturwissenschaftliche
Erweiterung der Philologien vornehmen" (Neumeyer
2010, S. 185, zit. n.
Jäger/Jäger/Nothardt/Wamper
2024, S.37f.)
Literaturwissenschaftliche Diskursanalyse untersucht anders als die •
Historische Diskursanalyse
keine Einzeltexte (vgl.
Schößler 2006, S. 50), sondern richtet sich "»an
Wissenschaft wie Literatur umgreifenden Themenkomplexen« (Neumeyer
2010, S. 185) aus und analysiert dabei die literarischen
Diskurse zusammen mit wissenschaftlichen. (vgl.
Jäger/Jäger/Nothardt/Wamper
2024, S.37f.)
Allerdings darf man sich die Beziehung von
Literatur zu den diskursiven Strukturen anderer Wissensfelder nicht als bloß
passive Reaktion oder als Abbildung eines Paradigmenwechsels vorstellen.
(vgl. Schößler
2006, S. 49) Stattdessen kommt es darauf, sie in
ihrem Wechselspiel zu betrachten. (vgl.
Jäger/Jäger/Nothardt/Wamper
2024, S.37f.)
In seinem Frühwerk ging Foucault davon aus, dass die Literatur die Funktion
"eine(r) Art
Gegendiskurs" (Foucault/1966/1971/1974,
S.76) einnehme, dessen Aufgabe es sei, "den hermeneutischen
Vorrang der Bedeutungsfunktion der Sprache zu bestreiten".
Später allerdings
ändert er diese Position wieder. (Geisenhanslücke
2014, S.331, Kindle Edition).
Auch wenn Foucault keine literaturwissenschaftlich fundierte Diskursanalyse
entworfen hat, geht er doch "davon aus, dass Literatur das schreibende, aber
auch das lesende Subjekt in seiner eigenen Existenz beeinflusst. Zentral
hierbei ist der Prozess des durch Erfahrung vorangetriebenen Überschreitens
und Neusetzens von Grenzen." (Lorenz
2022, S.96, im Anschluss an
O’Leary 2008)
Aus Foucaults Verständnis von Literatur, Erfahrung und Überschreitung lasse
sich jedenfalls, so Lorenz, nicht ableiten, dass Literatur bei Foucault nur
eine rudimentäre Rolle spiele. Das Gegenteil sei der Fall: "Durch
Literatur überschreiten die Rezipierenden gesellschaftliche Regeln und
Wissen, wodurch jene vollzogene Grenzüberschreitung zu einer neuen
veränderten Perspektive auf das vorherrschende diskursive Wissen führt.
Literatur ist somit ein zentrales Element der diskursiven Praxis, das durch
die Verarbeitung und Verhandlung von dominanten historischen Strukturen,
aber auch durch die Möglichkeit eines sich befreienden und
neustrukturierenden Denkens auf die Diskursteilnehmenden einwirkt. Diese
Einwirkung von fiktionaler Literatur wiederum fließt bewusst oder unbewusst
in spätere Aussagenformationen ein und verändert den Aushandlungsprozess
diskursiven Wissens nachhaltig." (ebd.,
S.97f.)
Ähnlich wie der Ansatz der •
Dekonstruktion
ist der Gedanke Foucaults über den subversiven Gegendiskurs, eindeutig
antihermeneutisch
ausgerichtet, auch wenn nicht alle Aussagen, die er dazu
macht, eindeutig sind. So sagt er auf der einen Seite, die Literatur
erscheine »immer mehr
als das, was gedacht werden muß« (Foucault/1966/1971/1974,
S.77). Auf der anderen Seite aber betont er, dass die Literatur
»in keinem Fall ausgehend von einer Theorie der Bedeutung
gedacht werden kann« (ebd.,
77)." (vgl. Geisenhanslücke
2014, S.331, Kindle Edition)
Gegen die These vom Gegendiskurscharakter von Literatur wird
allerdings eingewendet, dass dies allenfalls "für bestimmte moderne literarische
Strömungen" gelten könne. Sie sei jedenfalls nicht
aufrecht zu erhalten, wenn man, so wie es der spätere Foucault
getan habe, Diskurse in ihrer Verflechtung mit diskursiven
Ordnungen betrachte. Genau hier setzt die
•
Interdiskurstheorie an. (vgl. Jäger/Jäger/Nothardt/Wamper
2024, S.35)
Literarische Texte
haben in einem Diskurs keinen Sonderstatus und können auch
keinen solchen beanspruchen, das sie
"nichts spezifisch Literarisches" darstellen, sondern "beliebige Texte
(sind) , die sich
einem Thema widmen." (Baasner
2005, S.143) Wenn "Literatur nicht mehr als ein privilegierter
Gegenstand gesehen (wird), sondern als ein von außen bestimmter
Diskurs, der mit anderen Diskursen auf das engste vernetzt ist",
wird sie auch demystifiziert und gewissermaßen von dem von ihr
beanspruchten Olymp gestoßen. (vgl.
Becker/Hummel/Sander 22018, S.236) Dessen ungeachtet lässt sich Literatur als •
Spezialdiskurs auffassen.
So hält
Lorenz
2022, S. 109)
"der vorherrschenden literaturwissenschaftlichen und
literatursoziologischen Forschungsmeinung", die davon ausgehe,
dass fiktionale
Literatur für Diskurse eine untergeordnete Rolle spielen
entgegen, dass sie sogar eine "zentrale Rolle" spiele. Er
begründet dies mit dem Argument, dass "sie einen Raum von Erfahrungen
und damit verbundener Möglichkeit individueller
Grenzüberschreitung bildet. Dieser Erlebnisraum ermöglicht es
nicht nur, gesellschaftliche Prozesse im fiktionalen Kontext
erfahrbar zu machen, sondern diese Prozesse auch zu durchdenken,
zu dekonstruieren und neu zu konzipieren. Fiktionale Literatur
macht also eine theoretische Perspektive zukünftiger und
aktueller Gesellschaften erfahrbar und führt somit dazu, dass
diese Erfahrung in die Positionierung der Diskursteilnehmenden
integriert wird." (Lorenz
2022, S. 109)