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Drei-Ebenen-Modell

Überneutrale Stilebene

Text und Stil

   
FAChbereich Deutsch
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Literatur und Stil
Überblick
Rhetorik und Stilistik in der Antike
Stilprinzipien

Ausdruckswerte
Rhetorische Stilmittel: Figuren und Tropen

Stilanalyse im Rahmen der schulischen Textinterpretation

Die überneutrale Stilebene soll etwas sprachlich Geäußertes im Vergleich zur neutralen Stilebene als "besonders", "wertvoll" darstellen. Sie wird auch als ▪ gehobene Stilschicht bezeichnet.


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Während die überneutrale Stilebene in früheren Zeiten in vielfältigen Kommunikationssituationen, vor allem von den Gebildeten, genutzt wurde, ist der soziale Raum für diese Stilebene und das oft überhöhte Pathos, das damit ausgedrückt wird, in der heutigen Gesellschaft schmaler geworden. Ob der Ausdruck von Pathos überhaupt noch akzeptiert wird oder nicht, hängt dabei neben etlichen Faktoren ab, auch vom Grad seiner Dichte und davon, ob Pathos indizierende Ausdrücke variiert und nicht ständig wiederholt werden.

Um Wörter bzw. Lexeme überneutral zu gestalten, werden sie häufig in rhetorische Stilfiguren integriert. Daneben gibt es aber auch eine ganze Reihe von Wörtern, die diesem stilistischen Bereich angehören und als solche in der Regel von den Mitgliedern der Sprachgemeinschaft auch identifiziert werden. Beispiele dafür sind u. a. ableben, entschlafen, dahinscheiden statt sterben, Odem statt Atem oder sich empfehlen statt fortgehen.

In ihrer Funktion, bestimmten sprachlichen Äußerungen, salopp mit einem bekannten Begriff aus der Filmbewertung gesagt, das Prädikat besonders wertvoll "umzuhängen" und sich damit von der neutralen Stilebene abzuheben, ist die überneutrale Stilebene heutzutage vor allem noch dort gefragt, wo feierliche Anlässe mit bestimmten Riten verbunden sind, um damit das Gesagte oder Geschriebene, allerdings mit klarer Affektkontrolle, zu emotionalisieren. Dies geschieht z. B. mit Texten wie Grußworten, Eröffnungsreden, besonders wichtigen bzw. feierlichen politischen Reden. Man findet die Stilebene aber auch oft in Präambeln von Verträgen etc. (vgl. Sandig 22006, S.295)

Daneben spielt die überneutrale Stilebene überall dort eine Rolle, wo sich Menschen im sozialen Raum positiv selbst darstellen möchten und dieses stilistische Mittel, in den meisten Fällen bewusst, zur ▪ positiven Selbstinszenierung und Selbststilisierung einsetzen.

Pathos als Ausdruck und Interaktionsmodalität

Im Bereich der überneutralen Stilebene bewegt sich der Ausdruck heutzutage auf einem schmalen Grat zwischen sozial gewünschter und oft sich in bestimmten Ritualen abspielender Feierlichkeit und in den meisten Fällen eher unerwünschtem Pathos.

Unter pragmatischem Aspekt betrachtet ist Pathos dabei eine "Interaktionsmodalität", die darauf zielt, mit dem oder den Kommunikationspartner(n) ein Einverständnis über die Deutung bestimmter Ereignisse, Sachverhalte u. ä. herzustellen oder schon bestehende Gemeinsamkeiten darüber zu festigen.

Pathetisches Sprechen und Schreiben, früher gern gepflegt als "Herrscher- und Gotteslob", als "Preis- und Festgesänge" (H. Ortner 1996, S.214) und als "Kultur des starken Wortes und des feierlichen Tons" (ebd., S.213) ist heute wohl nur noch in "Schwundformen" (ebd., S.214) zu finden.

Allerdings ist es auch nicht verschwunden. So verpönt es auch sein mag, das Pathos überlebt in bestimmten Kontexten, sogar im Funktionalstil der Presse und in den elektronischen Medien. Und auch außerhalb davon hat das Pathos in bestimmten auch sozial eingegrenzten Bereichen immer noch Bedeutung und erscheint wie ein "Symptom besonderer Ausdrucksbedürfnisse"  in bestimmten Gruppensprachen (darunter auch die Jugendsprache) und Soziolekten (ebd., S.233)

Wer entsprechende pragmatische Texte sucht, wird also durchaus noch fündig, auch wenn die meisten Texte als Ganzes nicht mehr pathetisch sind und, wenn sie es oder bestimmte Textstellen sind, werden sie in der Regel kommentiert.

Pathos-kritische Texte gibt es dagegen sehr viele und ihre Verfasser zeigen gerne mit dem Zeigefinger darauf, um vor allem das "hohle", substanzlose Pathos anderer zu brandmarken.

Trotzdem Pathos verpönt zu sein scheint, wird es aber schon noch verwendet, auch wenn die entsprechenden Formulierungen so gut wie nie allein stehen. Wer mit "Pathos arbeitet", tut gut daran, über seine Verwendung zu sprechen. Am besten gibt man wohl, (metakommunikative) Begleitkommentare in Form von Eigenkommentaren ab, die zum Ausdruck bringen, dass man als der Sprecher*in oder Schreiber*in sehr wohl weiß, warum man pathetisch wird, aber im konkreten Fall auch nicht anders kann (z. B. Es mag pathetisch klingen, aber in diesem Fall ...; ... – verzeihen Sie den pathetischen Ton an dieser Stelle – ...; (vorauswarnend, salopp) Achtung Pathos!; (nachträglich) Ja, ja, das war natürlich pathetisch.; Ebenso gut können Ironiesignale verdeutlichen, dass man sich von hohlem Pathos fernhalten will. (vgl. ebd., S.215f.) Kommentarlos droht einem jedenfalls auch bei Verwendung pathetischer Schwundstufen u. U. als Verfechter*in eines aufgeblasenen, hochtrabenden, geschwollenen, theatralischen, pompösen, großspurigen, schwülstigen, bombastischen oder steilen Pathos (vgl. ebd., S.225f.) charakterisiert zu werden.

Pathos eignet sich nach H. Ortner (1996) besonders für eine überschaubare Menge von Themen wie Nation, Vaterland und Volk; Zukunft, kollektives Schicksal und Existenz, Freiheit, Brauchtum und Sitte, Solidarität, Zeitenwende, Revolution, weltgeschichtliche Zusammenhänge und historische Entwicklungen, persönliches Schicksal und Existenz, Kampf (Existenz als Kampf), besondere Lösungen und Transzendenz, Tod und Sterben, Mut, Fluch, Stolz, Wahrheit, Annahme oder Idealzustände des Daseins, besondere Taten und Ereignisse (vgl. ebd.,S.219-226)

Nicht alle diese Themen verlangen dabei wohl gleichermaßen stark nach einem metakommunikativen Eigenkommentar, aber manche darunter sind auch, je nach Kommunikationsbedingungen und dem Wandel der Zeit unterworfen, "offenbar hochgradig metakommunikativ kommentierungsbedürftig." (ebd., S.227)

Pathetisches Sprechen und Schreiben weist nach H. Ortner (1996) in Abgrenzung von der neutralen Stilebene ein Bündel von Merkmalen auf, dessen Ausführungen hier z. T. ergänzt werden:

  • Pathos ist stoff- bzw. themenbezogen. Dabei bewegen diese Stoffe von vornherein und werden nicht erst durch die pathetische Gestaltung zu "besonderen" Themen gemacht.

  • Pathos verknüpft Themen miteinander und arrangiert sie mit rhetorischen Mitteln wie der Amplifikation, Parallelismus, Anapher.

  • Manche Sprechakte wie z. B. ETWAS BEKENNEN, SICH ZU ETWAS BEKENNEN, PROPHEZEIEN, BESCHWÖREN, pathetisch BEWERTEN (es ist tragisch ... ein Wink des Schicksals ...) lösen häufig Pathos aus.

  • Auf der Ebene der Satzbedeutung stehen Personifizierungen erster Stelle aber, neben anderem auch Aussagen, die eine allgemeine Gültigkeit beanspruchen.

  • Auf der Wortebene (Lexik) spielen die sogenannten "großen Worte" wie "Freiheit", "Zeitenwende", "Umbruch", "Aufbruch" etc. eine Rolle beim Ausdruck von Pathos, aber auch einzelne Metaphern, die zwar relativ rasch veralten, können einen solchen Ausdruck gestalten. (z. B. "Bomber der Nation" für den ehemaligen Rekordtorschützen der deutschen Männer-Fußballbundesliga »Gerd Müller (1945-2021))

  • Bestimmte Textsorten wie Aufrufe, Reden und besonders Lobreden (Laudationes) sind besonders "pathosverdächtig" ebd., S.231).

  • Bei der Verschriftlichung sind können Elemente der Schriftgestaltung und  des ▪ Schriftdesigns im Vergleich mit anderen eher pathetisch wirken.

  • Bei der mündlichen Kommunikation kann die Lautstärke und Intonation, aber auch andere Elemente der Körpersprache zu einem pathetischen Gesamtausdruck beitragen.

  • Zudem wird bestimmten Sprecher- bzw. Schreiberrollen wie z. B. Festredner*innen, Trauerredner*innen. Laudator*innen etc. in bestimmten Kommunikationssituationen ein gewisses Maß an pathetischem Ausdruck zugestanden. (vgl. hierzu auch: Sandig 22006, S.296)

In jedem Fall, so H. Ortner (1996, S.232), gelte: "Pathos ist nicht gleich Pathos." So gebe es innerhalb des pathetischen Stilausdrucks noch jede Menge ▪ Stilfärbungen als "modale Abschattungen" wie z. B. geschwollenes, hochgestochenes, gestelztes, trockenes, lyrisches oder leises Pathos.

Positive Selbstdarstellung als Stilisierung

Die überneutrale Stilebene wird, wenn ihre Elemente demonstrativ gekonnt eingesetzt werden, immer wieder zur positiven Selbstdarstellung benutzt. Wer sich "auf ihrem Parkett sicher bewegt", glaubt nicht selten, dass er damit seine Bildung und seinen sozialen Status unterstreichen kann.

Auch wenn der Stil heute kaum mehr in Reinform verwendet wird, soll die "gepflegte" und mit überneutralen Lexemen "gespickte" Sprache vor allem der sozialen Abgrenzung dienen.

Vom Wortschatz her gesehen, sind Lexeme wie z. B. vorzeiten, offenkundig, freilich oder derlei Äußerungen, vom Satzbau aus betrachtet, das Voranstellen eines umfangreichen dass-Satzes oder die Spitzenstellung einer Infinitivkonstruktion (z. B. Dies zu zeigen, ist die Aufgabe ...) sowie die Einleitung eines Satze mit einer durch Attribute erweiterten Adverbiale (z. B. In einem wie ein Blitz aus dem Himmel einschlagenden Anflug unbeherrschter und polemischer Angrifflust brachte er vor ...) Beispiele für den überneutralen Stil, deren Liste durch eine Vielzahl weiterer erweitert werden kann. Eine besondere Rolle spielt heutzutage dabei auch die korrekte Verwendung des Konjunktivs und dabei das Vermeiden von Konstruktionen des Konditional bei der Wiedergabe von Äußerungen anderer. Allerdings laufen Sprecher*innen, die die Elemente der überneutralen Stilebene in ihrer normalen Alltagskommunikation zu gehäuft verwenden, als "steif" und "affektiert" zu gelten. (vgl. Sandig 22006, S.298ff.)

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 09.01.2024

 
 

 
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