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Interpretationsansätze

Biografische Deutung

Franz Kafka Parabeln Gibs auf – Aspekte der Erzähltextanalyse

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur
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Moderne Parabel
Quickie: So interpretiert man eine moderne Parabel
Überblick
Allgemeine Merkmale

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Kafka als Erzähler
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Wissenschaftliche Interpretationsansätze und Lesarten
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Biografische Deutungen
Psychoanalytische Deutungen
Religiöse und existenzialistische Deutungen
Jüdische Deutungen

Sozialgeschichtliche Deutungen
Poststrukturalistische und dekonstruktivistische Deutungen

Textorientierte und rezeptionsbezogene Deutungen
Andere Deutungsansätze »
Halbschlafbilder und traumanaloges Dichten

Poetik der Reduktion von Sprache, Erzählhaltung und erzähltechnischen Mitteln
Innovative Erzählweise
Die Figuren Kafkas und ihr Störpotential
Kafkas Tierfiguren

Merkmale von Kafkas Parabeln 
Ausgewählte Zugänge zu Kafkas Parabeln im Literaturunterricht
Überblick
Kognitiv-analytische Zugänge
Überblick
Zugänge über die Person Franz Kafkas
Zugänge über das Schreiben Franz Kafkas
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Zugänge über das Thema
Zugänge über die Intertextualität
Handlungsorientierte Zugänge
Sonstige Zugänge

Überblick
• Fremdheitserfahrungen thematisieren

• KI: Welche literaturwissenschaftlichen Interpretationsansätze gibt es für Franz Kafkas Text "Gibs auf!"?

Der • biografische Deutungsansatz steht in der Literaturwissenschaft bei der Analyse und Interpretation der literarischen Werke Franz Kafka heutzutage nicht mehr so hoch im Kurs, wie er  früher einmal war. Aber auch wenn die • Kritik daran und insbesondere der Art und Weise, wie er praktiziert wurde und mit welchen Zielen, muss man ihm, wenn er als "Orientierungshilfe" und nicht als "Universalschlüssel" für das Verständnis der Werke Kafkas verstanden wird, weiterhin interessante Erkenntnisse abgewinnen (vgl. Engel 2010, S.420), ohne der Gefahr • "biographistische(r) Verkürzungen" (Nickel-Bacon 2014, S.95) zu erliegen.

Und auch im heutigen • Literaturunterricht gehört das Einbeziehen von Autorenwissen (Biografisches und autobiografisches Wissen) beim • Hinzuziehen von Kontexten verschiedener Art im Rahmen der • Analyse und Interpretation literarischer Texte zu den gängigen, meistens • kognitiv-analytischen Zugängen und • Methoden, um die Werke eines Autors bzw. einer Autorin zu erklären und zu deuten.

Klaustrophobie und dreifache Ghettoerfahrung

Nach »Heinz Politzer (1910-1978) (1978) legt ein • historisch-biographischer Ansatz, der aus • einer Kombination biografischer und gesellschaftlicher Codes (vgl. Engel 2010, S.414, 434f.) in der Erzählung beruht, zur Analyse von • Franz KafkasParabel •"Gibs auf" nahe, das erzählende Ich als jemanden zu verstehen. der "an jener akuten »Klaustrophobie von der Kafka fast während seines ganzen Lebens besessen war", leidet.

Die klaustrophobischen Ängste Franz Kafkas - die Angst also vor geschlossenen Räumen - resultierten dabei aus den Besonderheiten seiner sozialen Existenz in • Prag, wo er lebte. Dort habe er als deutscher Jude eine dreifache Ghettoerfahrung machen müssen, "in dem jüdischen zuerst, das seinerseits von aufsässigen Slawen umgeben war, um die als ein dritter Wall die Verwaltung der altösterreichischen Beamtenschaft gezogen war, die bis 1918 im Namen Habsburgs Prag regierte."  (Politzer 1978, S.27

Wie sein Protagonist in Gibs auf habe auch Kafka sich in Prag nicht sehr gut ausgekannt, obwohl sie seine Geburtstadt gewesen sei. Allerdings hätten ihm Sprachbarrieren zu schaffen gemacht.

Dazu sei noch gekommen, dass die Tatsache, dass er als Jude der österreichischen Oberschicht entfremdet geblieben sei, die in Prag nach den Vorstellungen der längst in die Jahre gekommenen Monarchie den Ton angab. (vgl. ebd.)

In diese gesellschaftliche Atmosphäre passt dementsprechend auch, was sich in "Gibs auf" ereignet. Denn in "dieser Sphäre erschütterter Autorität" werde der Schutzmann der Parabel zum "Sinnbild eines Staatswesens, das sich zwar in der äußeren Form seiner Ämter noch aufrechterhielt, in allem Wesentlichen aber außerstande war, dem einfachen Untertanen Auskunft, geschweige denn Schutz zu gewähren." (ebd., S.28)

Unter diesem Blickwinkel werde daher die Überraschung, die der Polizist auf die Frage des Mannes zeigt, als eine eine Art "Eingeständnis der Ausweglosigkeit von Österreichs politischem Schicksal" (ebd.) zu verstehen und seine Aufforderung aufzugeben, gleichsam als das Todesurteil für die überkommenen politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse.

Nach Politzers Auffassung lässt Kafkas Parabel angesichts ihrer Offenheit durchaus auf eine solche Aussage bringen, wobei freilich zu berücksichtigen sei, dass der Autor selbst das Verhältnis von Mann und Schutzmann bewusst nicht weiter ausgeführt habe. (vgl. ebd.)

Verarbeitung einer angstbesetzten Situation im Zusammenhang mit Kafkas Auswanderungsplänen nach Palästina

Nach Peter-André Alt (2005/22008, S.638), der von einer • Dominanz des biografischen und individualpsycholgischen Codes ausgeht, nimmt Kafka in seiner Parabel, die er im Dezember 1922 auf der Grundlage seiner • Tagebuchnotiz vom 13. Februar 1914 verfasst, eine Konstellation vorweg, die er 1923 selbst erlebt. (vgl. Alt 2005/22008, S.638)

In diesem Jahr plant der schwerstkranke Kafka, nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Emigrationsbewegung, erneut eine Palästina-Reise. Sein erster Plan einer Palästina-Tour mit »Felice Bauer (1887-1960), die er • 1912 mit ihr verabredet und im darauf folgenden Jahr durchzuführen beabsichtigt hatte, war wegen der Einwände, die ihre Eltern dagegen erhoben hatten, gescheitert. Trotzdem hat Kafka, die mit Felice auch besprochene Idee, nach Palästina auszuwandern, wohl nie aus dem Kopf bekommen.

Auch seine Schwester »Ottla (1892-1943), die später wie ihre älteren Schwestern »Elli (1889-1942) und »Valli (1890-1942) von den Nationalsozialisten in einem »Vernichtungslager ermordet wird, hegt längere Zeit Pläne, nach Palästina auszuwandern.

Als 1923 Franz Kafkas Freund aus Grundschultagen, »Samuel Hugo Bergmann (1883-1975), der seit drei Jahren in Palästina lebt und dort die Hebräische Nationalbibliothek leitet, nach Prag kommt und Vorträge über die Aktivitäten des Palestine Foundation Fund (vgl. Prinz 2005/2024) S.332, kindle-Version) hält, ist Kafka unter den Zuhörern und trifft sich mit ihm und anderen. Kafka selbst hatte wohl schon seit längerem Sympathien für die zionistische Bewegung entwickelt, auch wenn er mal zu dieser mal zu jener Variante des Zionismus tendierte. (vgl. Gelber 2008, S.294) Jedenfalls kommt es jetzt zu einer Neuauflage seiner Palästina-Pläne.

Bergmann unterstützt diese und "bietet Kafka sogar an, dass er die erste Zeit in Palästina bei ihm wohnen kann und er ihn auch finanziell unterstützen will. Schon im Herbst könnte Kafka zusammen mit Bergmanns erster Frau, die noch in Prag wohnt, mit dem Schiff nach Palästina reisen." (ebd.) So nehmen im Frühling 1923 Kafkas Pläne, mit der in »chassidischer Tradition erzogenen und aus Polen stammenden Kinderhelferin »Dora Diamant (1898-1952) in das seit 1920 unter »britischer Mandatshoheit stehende Palästina auszuwandern, konkretere Gestalt an.

Allerdings muss Kafka schon im Frühsommer 1923 feststellen, dass Bergmann und seine Frau von dem großherzigen Angebot abrücken, weil sie fürchten, den Anforderungen, die sich aus der Pflegebedürftigkeit Kafkas für sie und ihre Familie in Jerusalem ergeben würden, nicht gewachsen zu sein.

Kafka erkennt aber auch selbst, "daß er für die Familie Bergmann in seiner kritischen körperlichen Verfassung ein unzumutbarer Gast wäre. Zudem bedeutete die Aussicht auf ein Leben im Kreis dreier kleiner Kinder für den lärmempfindlichen Kafka eine Qual, der er sich realiter nur ungern ausgesetzt hätte." (Alt 2005/22008, S.637)

Für Peter-André Alt (2005/22008, S.638) gestaltet Kafka in seiner • Parabel "Gibs auf!" "jene angstbesetzte Situation, die er sich ausmalt, nachdem er verstanden hat, daß er auf Bergmanns Unterstützung nicht hoffen kann." Er werde, so ahne er, zu spät an einem Bahnhof ankommen, von dem er nicht wisse, wo er sich genau befinde, und müsse dabei ohne Hilfe von Familienmitgliedern und Freunden auskommen. Diejenigen, die als Ratgeber in Frage kommen könnten, wendeten sich, so Alt weiter, "von dem, der verzweifelt sein Ziel sucht, mit einem Lachen ab, weil sie ihren eigenen Weg längst gefunden haben. In der düsteren Formel ›Gibs auf‹ offenbart sich der Angsttraum des Zurückgelassenen, für den Palästina nicht nur das gelobte, sondern auch das unerreichbare Land bleiben wird." (ebd.)

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

 
 

 
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