Nach
»Heinz Politzer
(1910-1978)
(1978) legt ein • historisch-biographischer Ansatz,
der aus • einer
Kombination biografischer und gesellschaftlicher Codes (vgl.
Engel 2010,
S.414, 434f.)
in der Erzählung beruht, zur Analyse von • Franz
Kafkas • Parabel
•"Gibs auf" nahe,
das erzählende Ich als jemanden zu verstehen. der "an jener
akuten »Klaustrophobie von der Kafka fast während seines ganzen Lebens
besessen war", leidet.
Die klaustrophobischen Ängste Franz Kafkas - die Angst also
vor geschlossenen Räumen - resultierten dabei aus den Besonderheiten seiner
sozialen Existenz in • Prag, wo er lebte. Dort habe er als deutscher Jude eine
dreifache Ghettoerfahrung machen müssen, "in dem jüdischen zuerst, das
seinerseits von aufsässigen Slawen umgeben war, um die als ein dritter Wall
die Verwaltung der altösterreichischen Beamtenschaft gezogen war, die bis
1918 im Namen Habsburgs Prag regierte."
(Politzer 1978, S.27
Wie sein Protagonist in
Gibs auf habe auch Kafka sich in Prag nicht sehr gut
ausgekannt, obwohl sie seine Geburtstadt gewesen sei. Allerdings
hätten ihm Sprachbarrieren zu schaffen gemacht.
Dazu sei noch gekommen, dass die Tatsache, dass er
als Jude der österreichischen Oberschicht entfremdet geblieben sei, die in
Prag nach den Vorstellungen der längst in die Jahre gekommenen Monarchie den
Ton angab. (vgl.
ebd.)
In diese gesellschaftliche Atmosphäre passt dementsprechend auch,
was sich in "Gibs auf" ereignet. Denn in "dieser Sphäre erschütterter
Autorität" werde der Schutzmann der Parabel zum "Sinnbild eines
Staatswesens, das sich zwar in der äußeren Form seiner Ämter noch
aufrechterhielt, in allem Wesentlichen aber außerstande war, dem einfachen
Untertanen Auskunft, geschweige denn Schutz zu gewähren." (ebd.,
S.28)
Unter diesem
Blickwinkel werde daher die Überraschung, die der Polizist auf die Frage des Mannes
zeigt, als eine eine Art "Eingeständnis der Ausweglosigkeit von Österreichs
politischem Schicksal" (ebd.) zu verstehen und seine Aufforderung aufzugeben, gleichsam
als das
Todesurteil für die überkommenen politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse.
Nach Politzers Auffassung
lässt Kafkas Parabel angesichts ihrer Offenheit durchaus
auf eine solche Aussage bringen, wobei freilich zu berücksichtigen sei, dass
der Autor selbst das Verhältnis von Mann und Schutzmann bewusst
nicht weiter ausgeführt habe. (vgl.
ebd.)
Nach Peter-André
Alt
(2005/22008, S.638), der von einer •
Dominanz des biografischen und
individualpsycholgischen Codes ausgeht, nimmt Kafka in seiner
Parabel, die er im Dezember 1922 auf der Grundlage seiner •
Tagebuchnotiz vom 13. Februar 1914
verfasst, eine Konstellation vorweg, die er 1923 selbst erlebt. (vgl.
Alt
2005/22008, S.638)
In diesem Jahr plant der schwerstkranke Kafka, nicht zuletzt aufgrund der
wachsenden Emigrationsbewegung, erneut eine Palästina-Reise. Sein erster
Plan einer Palästina-Tour mit »Felice
Bauer (1887-1960), die er • 1912
mit ihr verabredet und im darauf folgenden Jahr durchzuführen
beabsichtigt hatte, war wegen der Einwände, die ihre Eltern dagegen erhoben
hatten, gescheitert. Trotzdem hat Kafka, die mit Felice auch
besprochene Idee, nach Palästina auszuwandern, wohl nie aus dem Kopf
bekommen.
Auch seine Schwester »Ottla (1892-1943),
die später wie ihre älteren Schwestern »Elli
(1889-1942) und »Valli
(1890-1942) von den Nationalsozialisten in einem
»Vernichtungslager ermordet wird, hegt längere Zeit Pläne, nach
Palästina auszuwandern.
Als 1923 Franz Kafkas Freund aus Grundschultagen, »Samuel Hugo Bergmann
(1883-1975), der
seit drei Jahren in Palästina lebt und dort die Hebräische
Nationalbibliothek leitet, nach Prag kommt und Vorträge über die
Aktivitäten des Palestine Foundation Fund (vgl.
Prinz
2005/2024) S.332, kindle-Version) hält, ist Kafka unter den Zuhörern
und trifft sich mit ihm und anderen. Kafka selbst hatte wohl schon seit
längerem Sympathien für die zionistische Bewegung
entwickelt, auch wenn
er mal zu dieser mal zu jener Variante des Zionismus tendierte. (vgl.
Gelber 2008,
S.294) Jedenfalls kommt es jetzt zu einer Neuauflage seiner
Palästina-Pläne.
Bergmann unterstützt diese und "bietet Kafka sogar an, dass er die erste
Zeit in Palästina bei ihm wohnen kann und er ihn auch finanziell
unterstützen will. Schon im Herbst könnte Kafka zusammen mit Bergmanns
erster Frau, die noch in Prag wohnt, mit dem Schiff nach Palästina
reisen." (ebd.)
So nehmen im Frühling 1923 Kafkas Pläne, mit der in »chassidischer
Tradition erzogenen und aus Polen stammenden Kinderhelferin »Dora
Diamant (1898-1952) in das seit 1920 unter »britischer
Mandatshoheit stehende Palästina auszuwandern, konkretere Gestalt
an.
Allerdings muss Kafka schon im Frühsommer 1923 feststellen, dass
Bergmann und seine Frau von dem großherzigen Angebot abrücken, weil sie
fürchten, den Anforderungen, die sich aus der Pflegebedürftigkeit Kafkas
für sie und ihre Familie in Jerusalem ergeben würden, nicht gewachsen zu
sein.
Kafka erkennt aber auch selbst, "daß er für die Familie Bergmann in
seiner kritischen körperlichen Verfassung ein unzumutbarer Gast wäre.
Zudem bedeutete die Aussicht auf ein Leben im Kreis dreier kleiner
Kinder für den lärmempfindlichen Kafka eine Qual, der er sich realiter
nur ungern ausgesetzt hätte." (Alt
2005/22008, S.637)
Für Peter-André
Alt
(2005/22008, S.638) gestaltet Kafka
in seiner • Parabel • "Gibs
auf!" "jene angstbesetzte Situation, die er sich ausmalt, nachdem er
verstanden hat, daß er auf Bergmanns Unterstützung nicht hoffen kann."
Er werde, so ahne er, zu spät an einem Bahnhof ankommen, von dem er
nicht wisse, wo er sich genau befinde, und müsse dabei ohne Hilfe von
Familienmitgliedern und Freunden auskommen. Diejenigen, die als Ratgeber
in Frage kommen könnten, wendeten sich, so Alt weiter, "von dem, der
verzweifelt sein Ziel sucht, mit einem Lachen ab, weil sie ihren eigenen
Weg längst gefunden haben. In der düsteren Formel ›Gibs auf‹ offenbart
sich der Angsttraum des Zurückgelassenen, für den Palästina nicht nur
das gelobte, sondern auch das unerreichbare Land bleiben wird." (ebd.)