teachSam- Arbeitsbereiche:
Arbeitstechniken - Deutsch - Geschichte - Politik - Pädagogik - PsychologieMedien - Methodik und Didaktik - Projekte - So navigiert man auf teachSam - So sucht man auf teachSam - teachSam braucht Werbung


deu.jpg (1524 Byte)

 

Neutrale Erzählsituation

Überblick

»Franz K. Stanzel


FAChbereich Deutsch
Glossar
Literatur:▪ Autorinnen und Autoren Gattungen Erzählende Texte Überblick Lesen erzählender Texte (Inferenzbildung und Situationsmodelle) Strukturen von Erzähltexten Strukturwandel in der modernen Epik Strukturbegriffe der Erzähltextanalyse  Überblick Auswahl (Zusammenstellungen wichtiger Strukturbegriffe) Darstellungsebene und Ebene des Dargestellten WIE WIRD ERZÄHLT? (Zeitgestaltung, Perspektiven, Darbietungsformen ...) Überblick Modell der narrativen KommunikationZeitgestaltung Typologien des Erzählers Überblick Erzählsituationen (Stanzel) Überblick Tabellarische Übersicht ▪ Leitfragen zur Analyse Auktoriale Erzählsituation Personale Erzählsituation [Neutrale Erzählsituation Überblick ◄ ▪ Formulierungshilfen Textauswahl Bausteine ] Ich-Erzählsituation ▪ Typenkreis der Erzählsituationen Textauswahl Bausteine  Kriteriengeleitete Beschreibung von Erzählertypen (Dichotomien Perspektiven beim Erzählen ▪ Darstellung von Ereignissen Darstellung von Rede und mentalen VorgängenWissensvermittlung und InformationsvergabeErzählen über das Erzählen Zuverlässigkeit und Unzuverlässigkeit des ErzählensStilmerkmale der Erzählung Bausteine WAS WIRD ERZÄHLT? (Handlung, erzählte Welt, Figur, Raum) Bausteine Formen erzählender Texte Dramatische Texte Lyrische Texte Literarische Zweckformen  ▪ Literaturgeschichte Motive der Literatur Grundlagen der Textanalyse und Interpretation Literaturunterricht Schreibformen ▪ Analyse und Interpretation von Erzähltexten in der Schule Operatoren im Fach Deutsch
 

Neutrales Erzählen - gibt es oder gibt es nicht?

Die ▪ neutrale Erzählsituation stellt eine besondere Variante der ▪ personalen Erzählsituation dar. So hat es jedenfalls »Franz K. Stanzel (geb. 1924) in seiner frühen Ausarbeitung (Die typischen Erzählsituationen im Roman 1955) gesehen, die er später jedoch "ohne weitere Begründung" (Vogt 2014, S.52, Anmerk.7), vielleicht etwas  "voreilig" (ebd., S.90) aufgegeben hat. Zur begrifflichen Verwirrung über die neutrale Erzählsituation hat Stanzel also selbst erheblich beigetragen.

Von bestimmten Vertretern der neueren Erzähltheorie wird diese Vorstellung, aber auch andere ein quasi erzählerloses Erzählen unterstellende Konzepte ohnehin abgelehnt, weil Perspektive eine basale Grundeigenschaft allen Erzählens darstellt. (z. B. Schmid 2005, S.133).

Dennoch halten wir hier, schon allein aus didaktischen Gründen, daran fest, selbst wenn es analytische und erkenntnistheoretische Einwände gibt, die man nicht so eine Weiteres beiseite wischen kann. In der schulischen Interpretationspraxis jedenfalls hat sich die Beibehaltung der neutralen Erzählsituation, die ja auch auf besondere Weise in das ▪ Fokalisierungkonzept von Gerard Genette (2. Aufl. 1998, S.134ff.) mit der in sogenannten externen Fokalisierung wieder Eingang gefunden hat, durchaus als Hilfsmittel der Interpretation bewährt.

Neutrales Erzählen: Eine Geschichte vor der Optik einer Kamera

»Neutral« bedeutet in diesem Zusammenhang: vom Standpunkt (point of view) eines unsichtbar bleibenden Beobachters, der das Geschehen wie von der Optik einer Kamera aufgenommen aus betrachtet, ("Camera-eye", Friedmann 1955).

Die neutrale Erzählperspektive wirkt quasi erzählerlos und findet sich oft bei Texten mit einem sehr hohen Anteil szenischer Darstellung). (vgl. Bleissem u. a. 1996, S.74)

Abgrenzung von der auktorialen und der personalen Erzählsituation

In der Abgrenzung von der ▪ auktorialen und der ▪ personalen Erzählsituation lassen sich die besonderen Eigenarten der neutralen Erzählsituation erkennen.

Der neutrale Erzähler ist

Die ▪ personale Erzählperspektive vermittelt zwar in gewisser Weise auch den Eindruck eines erzählerlosen Erzählens (s. o.), weil die Welt der Erzählung nicht von einem persönlich konturierten und greifbaren Erzähler wie bei der ▪ auktorialen Erzählperspektive (s. o.) vermittelt wird. Was man aber spüren kann, ist, dass sich das Geschehen im Bewusstsein einer Figur (mitunter auch mehrerer Figuren) spiegelt, der Erzähler also die Wahrnehmungsperspektive (perzeptive Perspektive) einer Figur einnimmt und im Modus des Showing das Geschehen so erzählt, wie die Figur es die Figur erlebt.

Personale und neutrale Erzählsituation

Die neutrale Erzählsituation, die, wie gesagt, als eine Variante der personalen Erzählsituation angesehen werden kann, verzichtet im Allgemeinen auf Innensicht. Was erzählt wird, ist nicht an die Wahrnehmungsperspektive einer Figur oder wechselnder Figuren der Erzählung gebunden.

Was erzählt wird, erscheint, da sich der Erzähler im Unterschied zur auktorialen und personalen Erzählperspektive bis zur Unkenntlichkeit zurückzieht, wie "objektiv" von einer Kamera aufgenommen ("Camera-eye"-Position, Friedmann 1955). Insofern wirkt es in besonderem Maße wie ein quasi erzählerloses Erzählen, wenn der Erzähler quasi de-personalisiert wird und sich in verschiedenen Formen entpsychologisierter Bewusstseinsdarstellung manifestiert (vgl. Graevenitz 1982, S.96)

Dabei muss natürlich beachtet werden, dass auch die Wahl des Kamerastandorts und die Variabeln einer Kameraeinstellung gegenüber dem aufgezeichneten Geschehen prinzipiell nicht "neutral" sein können.

Die neutrale Erzählperspektive legt, davon abgesehen,  die Deutung des erzählten Geschehens ganz in die Hand des Lesers und zielt auf die unmittelbare Wirkung des ohne spürbare Lenkung dargebotenen Geschehens.

Erzählsituationen können sich auch innerhalb eines Textes ändern

Ein literarischer Text muss keineswegs das Erzählte nur aus einer Erzählerperspektive darbieten, auch wenn viele Texte das tun. In der modernen Literatur wird die Erzählperspektiven aber auch häufig innerhalb ein und desselben Textes geändert. Dies gilt in besonderer Weise bei der neutralen und der personalen Erzählsituation.

Daher lassen sich bestimmte Erzählperspektiven oft nicht unbedingt zur Charakterisierung eines gesamten Werkes oder auch nur eines größeren Abschnitts heranziehen, "sondern lediglich zur Klassifizierung kleinerer Erzähleinheiten" (Vogt 1990, S. 52)

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 19.12.2023

       
 

 
ARBEITSTECHNIKEN und mehr
Arbeits- und Zeitmanagement Kreative Arbeitstechniken Teamarbeit ▪ Portfolio ● Arbeit mit Bildern  Arbeit mit Texten Arbeit mit Film und VideoMündliche Kommunikation Visualisieren Präsentation Arbeitstechniken für das Internet Sonstige digitale Arbeitstechniken 

 
  Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA)
Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von
externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de
-
CC-Lizenz