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Literaturgeschichtlicher Kontext

Gattungszuordnung

Heinrich von Kleist (1777-1811)Dramatische TexteDer zerbrochne Krug

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick   Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund [ Literaturgeschichtlicher Kontext Überblick Gattungszuordnung
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Das Drama • "Der zerbrochne Krug" ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) ist, wie Wellbery 1997/2010, S.21) betont, ein Drama, "das so sehr die Bedingungen der Gattung Komödie erfüllt, dass es sich als eine Reflexion auf das Komische schlechthin verstehen lässt."  Zudem entspreche auch die übergreifende Handlung des Dramas "genau der komischen Standardsequenz: ein junges Paar, dessen Vermählung durch die festgefahrene Unvernunft einer älteren Autoritätsfigur blockiert wird; das Spiel komischer Verkehrungen, die das Hindernis schließlich beseitigt, vor allem wenn ein deus ex machina (hier die Figur Walters) die Dinge in die Hand nimmt."

Dabei gehe Kleist in seiner Auseinandersetzung mit der • Aufklärung (1720-1785)  in besonderer Art und Weise mit der  • Gattungsgeschichte und -tradition der • Komödie um.

So habe die Gattung seit der Durchsetzung der so genannten ▪ Neuen Komödie in der griechischen Antike (320 - 260 v. Chr.) zwischen zwei verschiedenen möglichen Schlüssen geschwankt: "Entweder wird die Figur der komischen Sperrung – die eigentlich komische Figur – wie ein Sündenbock vertrieben oder sie wird in eine neue gesellschaftliche Ordnung reintegriert." (ebd., S.21f.)

Kleist zögere zwischen diesen beiden Lösungsvarianten. So fliehe der Dorfrichter ▪ Adam zwar vor der Justiz unter den Peitschenhieben seiner Perücke (, aber der Gerichtsrat Walter lasse ihn dann doch ▪ mit der Begründung zurückholen, ▪ "Daß er nicht Übel rettend ärger mache." (12. Auftritt Variant, V 2416). Daher sei Kleist Dramenende auch "nicht der radikale Ausschluss" des Sündenbocks, sondern seine "Inklusion [...] in der modernen Gesellschaftsordnung."

Kleist verstehe es wie ▪ William Shakespeare (1564-1616) mit seiner Figur des »John Falstaff "die volkstümlichen Quellen des Komischen mit raffiniertester Kunst zu verbinden. Wie Falstaff vor ihm ist Adam eine Figur des Appetitiven; seine Seele, so könnte man sagen, hat unter seinem Gürtel ihren Sitz, im Bereich des Geschlechts und der Verdauung. Und das Lachen, das sein strauchelndes Treiben im Zuschauer auslöst, hat ebenfalls in der niederen Bauchregion seinen Ort. Es ist eine körperliche Turbulenz." (ebd., S.22)

Mit dem Zerbrochnen Krug habe sich Kleist von der moraldidaktischen Ausrichtung durch die ▪ aufklärerische Komödie im Sinne »Johann Christoph Gottscheds (1700-1766s befreit. Dieser vertrat im Rahmen seines Konzepts zur Literarisierung der Gattung mit der Komödie ein Erziehungsprogramm, das • auf die bürgerliche Lebenswelt zielt. Gezeigt werden sollten dabei Fehler als Torheiten des jeweiligen Protagonisten, der nicht als Charakter, sondern • als Typ gestaltet ist. Das Ziel war die moralische Besserung des Zuschauers.

Dabei richtete sich sein Feldzug vor allem gegen die zu seiner Zeit durch das Land ziehenden • Commedia dell'Arte-Gruppen aus Italien, die vor allem von der britischen Insel kommenden • Wanderbühnen englischer Komödianten im 17. Jahrhundert, aber auch etliche deutsche • Wandertruppen des 17. und • Wandertruppen des 18. Jahrhunderts. Diese überschritten mit ihrer exzessiven Freizügigkeit nicht selten die • Scham- und Peinlichkeitsschwellen der Zeit, die ansonsten mehr und mehr körperliche Vorgänge verbargen (Bologne 2001, S.12) Ihr stark körperbetontes Spiel war voll von effekthascherischer Mimik und Gestik, Handgreiflichkeiten und Prügelszenen und ihre Rede gespickt mit Zoten, Wortverdrehungen, unflätigen Flüchen und Beschimpfungen etc. (vgl. Profitlich/Stucke (2007, S.310) Zentrale Bedeutung in ihrem Spiel besaß eine Narrenfigur (vgl. auch • Lustige Personen), die, vor allem bei den englischen Komödianten, • Pickelhäring genannt wurde, im Stegreifspiel der »Commedia dell'Arte-Gruppen »Arlecchino, »Dottore oder »Pantalone hieß, in Frankreich als »Jean Potage auftat und in Deutschland u. a. als »Hanswurst-Figur mit einem oft vulgären Spiel das Publikum in den Städten und an den Höfen der Fürsten unterhielt.

Wellbery 1997/2010, S.23) betont, Kleist habe im Zerbrochnen Krug den "aufklärerischen Verbannungsspruch" des Hanswurst widerrufen, indem er Adam mit seiner "Vorliebe für bauchdehnende, phallische WürsteKuhkäse, Schinken, Würste, Flaschen / Aus der Registratur geschafft!V 194f.)" zu einer "späte(n) Verkörperung des Hanswurst" (ebd., S.23) gemacht habe.

Allerdings bliebe diese "Reinkarnation der volksnahen komischen Figur" bei Kleist eine "höchst zweideutige dramatische Tat" (ebd.), da Adam ja am Ende des Stückes vertrieben werde. Damit inszeniere der Autor letztlich die "aufklärerische Reinigung des Komischen". Er hole mit Adam zwar den Hanswurst wieder auf die Bühne, "aber nur um seine Expulsion dramatisch zu wiederholen. Mit dieser komplexen Verdrehung nehme das Drama die eigene Gattungstradition in sich auf, reflektiere sie und bringe sie "in die Zone des Tragischen".

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 13.05.2026

 
 

 
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