Das Drama • "Der
zerbrochne Krug"
▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) ist, wie
Wellbery
1997/2010, S.21) betont, ein Drama, "das so sehr die Bedingungen
der Gattung Komödie erfüllt, dass es sich als eine Reflexion auf das
Komische schlechthin verstehen lässt." Zudem entspreche auch
die übergreifende Handlung des Dramas "genau der
komischen Standardsequenz:
ein junges Paar, dessen Vermählung durch die festgefahrene
Unvernunft einer älteren Autoritätsfigur blockiert wird; das Spiel
komischer Verkehrungen, die das Hindernis schließlich beseitigt, vor
allem wenn ein
deus ex
machina (hier die Figur
Walters) die Dinge in die Hand
nimmt."
Dabei gehe Kleist in seiner Auseinandersetzung mit der •
Aufklärung
(1720-1785) in besonderer Art und Weise mit der
•
Gattungsgeschichte und -tradition der •
Komödie
um.
So habe die Gattung seit der Durchsetzung der so genannten ▪
Neuen Komödie in der griechischen Antike (320 - 260 v. Chr.)
zwischen zwei verschiedenen möglichen Schlüssen geschwankt:
"Entweder wird die Figur der
komischen Sperrung – die eigentlich komische Figur –
wie ein Sündenbock
vertrieben oder sie
wird in eine neue gesellschaftliche Ordnung reintegriert." (ebd.,
S.21f.)
Kleist zögere zwischen diesen beiden Lösungsvarianten. So fliehe der
Dorfrichter ▪
Adam zwar vor der Justiz unter
den Peitschenhieben seiner Perücke (, aber der Gerichtsrat Walter
lasse ihn dann doch ▪
mit der Begründung zurückholen, ▪ "Daß
er nicht Übel rettend ärger mache." (12.
Auftritt Variant,
V 2416).
Daher sei Kleist Dramenende auch "nicht der radikale Ausschluss" des
Sündenbocks, sondern seine "Inklusion [...] in der modernen
Gesellschaftsordnung."
Kleist verstehe es wie ▪
William Shakespeare (1564-1616) mit seiner Figur des
»John Falstaff "die volkstümlichen Quellen des Komischen mit
raffiniertester Kunst zu verbinden. Wie Falstaff vor ihm ist Adam
eine Figur des Appetitiven; seine Seele, so könnte man sagen, hat
unter seinem Gürtel ihren Sitz, im Bereich des Geschlechts und der
Verdauung. Und das Lachen, das sein strauchelndes Treiben im
Zuschauer auslöst, hat ebenfalls in der niederen Bauchregion seinen
Ort. Es ist eine körperliche Turbulenz." (ebd.,
S.22)
Mit dem ▪ Zerbrochnen Krug
habe sich Kleist von der moraldidaktischen Ausrichtung durch die ▪
aufklärerische Komödie im Sinne »Johann
Christoph Gottscheds (1700-1766s befreit. Dieser vertrat im
Rahmen seines Konzepts zur
•
Literarisierung der
Gattung mit der Komödie ein Erziehungsprogramm, das •
auf die bürgerliche Lebenswelt
zielt. Gezeigt werden sollten dabei Fehler als Torheiten des jeweiligen Protagonisten, der nicht als Charakter, sondern
• als Typ gestaltet ist. Das Ziel war die moralische Besserung des
Zuschauers.
Dabei richtete sich sein Feldzug vor allem gegen die zu seiner Zeit
durch das Land ziehenden •
Commedia
dell'Arte-Gruppen aus Italien, die vor allem von der
britischen Insel kommenden •
Wanderbühnen englischer Komödianten im 17. Jahrhundert, aber
auch etliche deutsche •
Wandertruppen des 17. und •
Wandertruppen des 18. Jahrhunderts. Diese überschritten mit
ihrer exzessiven Freizügigkeit nicht selten die
• Scham- und Peinlichkeitsschwellen der Zeit, die ansonsten mehr und mehr
körperliche Vorgänge verbargen (Bologne
2001, S.12) Ihr stark körperbetontes Spiel war voll von
effekthascherischer Mimik und Gestik, Handgreiflichkeiten und
Prügelszenen und ihre Rede gespickt mit Zoten, Wortverdrehungen,
unflätigen Flüchen und Beschimpfungen etc. (vgl.
Profitlich/Stucke (2007, S.310) Zentrale Bedeutung in ihrem
Spiel besaß eine Narrenfigur (vgl. auch •
Lustige Personen), die, vor allem bei den
englischen Komödianten, •
Pickelhäring genannt wurde, im Stegreifspiel der
»Commedia
dell'Arte-Gruppen »Arlecchino,
»Dottore
oder »Pantalone
hieß, in Frankreich als »Jean Potage
auftat und in Deutschland u. a. als »Hanswurst-Figur
mit einem oft vulgären Spiel das Publikum in den Städten und an
den Höfen der Fürsten unterhielt.
Wellbery
1997/2010, S.23) betont, Kleist habe im ▪
Zerbrochnen Krug den
"aufklärerischen Verbannungsspruch" des Hanswurst widerrufen, indem
er Adam mit seiner "Vorliebe
für bauchdehnende, phallische Würste (»Kuhkäse,
Schinken, Würste, Flaschen / Aus der Registratur geschafft!"«
V 194f.)" zu einer "späte(n)
Verkörperung des Hanswurst" (ebd.,
S.23) gemacht habe.
Allerdings bliebe diese "Reinkarnation der volksnahen komischen
Figur" bei Kleist eine "höchst zweideutige dramatische Tat" (ebd.),
da Adam ja am Ende des Stückes vertrieben werde. Damit inszeniere
der Autor letztlich die "aufklärerische Reinigung des Komischen". Er
hole mit Adam zwar den Hanswurst wieder auf die Bühne, "aber nur um
seine Expulsion dramatisch zu wiederholen. Mit dieser komplexen
Verdrehung nehme das Drama die eigene Gattungstradition in sich auf,
reflektiere sie und bringe sie "in die Zone des Tragischen".
